Laos

Damian und seine Reise zu den Philippinen

Ein Nachtrag

Wie bereits im Fließtext vergangener Monate erwähnt, trafen wir auf den, soeben in der Überschrift Erwähnten, nur das eine Mal und das mehr beiläufig, als Damian, den wir, und auch das wurde an anderer Stelle bereits beschrieben, auf unser Altersniveau schätzen, zusammen mit seinem Reisepartner, der hätte sein Vater sein können, in Istanbul ohne notwendiges Antragsformular vor der usbekischen Botschaft. Damian der eine ihm ans Herz verwachsene Philippinin zu Weihnachten überraschen will, sitzt mit seinem „looks like his father“ auf der Bank, den er über ein Internetportal zu seinem Vorhaben inspiriert hatte und der ihm nun seine Weisheiten über Rad und Reise Tag für Tag zum gut gemeinten Rat gibt. Es muss bereits zu diesem Zeitpunkt die Kette zwischen den Beiden knirschen, denn alle weiteren Details und Abenteuer der kurzen Bekanntschaft erfahren wir in der Folge über Bart und Monika, die den polnischen Blog, seitens Damians deutlich besser verstehen, oder später aus deren erster Hand erzählen, weshalb die Geschichte vor nicht allzu langer Zeit, in Luang Prabang zu so viel Lachtränen und Erschöpfung führte.

So war bereits in Maschad im Nordosten des Irans, als wir das polnische Päärchen zum zweiten Mal trafen zu vernehmen, dass sich Damian und der ältere Herr getrennt hatten, kurz nachdem beide gemeinsam Istanbul verließen. Zu viele Diskussionen und zu viel Alkohol waren zumindest zwei Gründe, die die Entscheidung ebneten. Scheinbar konnte der herausragende Erfahrungsschatz des Alten, ihn nicht von dessen ausgiebigen Blick in jegliches alkoholisches Getränk abhalten und verzögerte so zudem ein zügiges, koordiniertes, einvernehmliches Vorankommen. So ging die Reise für Damian alleine weiter, mehr oder weniger zielstrebig und kontrolliert. Bart fütterte ihn mit Infos über Visaanträge und geeigneten Taktiken beim Managen mehrerer Visa gleichzeitig, doch es half nichts, der Gute flog letztlich nach China, um der zentralasiatischen „Fix-date-Tortur“ zu entrinnen. Was ihn circa eine Woche vor Bart und Monika katapultierte, die ihn zwischen Südchina und Nordlaos in greifbarer Nähe vermuteten, da sein „GPS-Spot“-System einmal täglich seinen Aufenthaltsort auf seinem Blog hochläd, um so die Wegstrecke zu archivieren.

Was geschah? Es kam eins zum anderen, als Damian eines Tages in Laos nur knappe 30 Kilometer vor dem polnischen Päärchen seinen letzten Spot setzte, radelten die Zielstrebigen und Organisierten die Lücke in den frühen Morgenstunden zu und fingen an der Stelle, wo sie Damian vermuteten an, laut und voller Energie nach ihm zu rufen. Es muss ihn doch gewundert haben, denn wie lässt es sich sonst erklären, dass er vorsichtig an das an der Straße stehende Gebüsch herantrat, die seinen Namen Rufenden versteckt abschätzte und dann mit einem lauten Sprung „Halo“ (pol. Hallo) die Beiden, die sich für den Moment erschrocken ansahen zu begrüßen. Wie üblich vergeht der Tag mit Geschichten, Erzählungen und endet für alle drei Polen, wie uns erzählt wird nicht unüblich, mit mehreren Flaschen Schnaps, das an ein weiterfahren nicht zu denken ist. Scheinbar driften die alkoholisierten Gedanken so stark ab, dass zu vermuten ist, dass ein Teil des Konsumverhaltens womöglich auf der Reise angeeignet wurde, da nach zwei geleerten Flaschen, Damian kurz verschwindet und mit zwei neuen laotischen Flaschen zurückkehrt. Die Nacht endet für alle in einer Katastrophe, in der ein reißend wilder Bach unter Gefahr des eigenen Lebens gequert wird, wilde Schlachten gerungen werden und sich das Equipment dreier Radtrunkenen in der Umgebung verteilt. Bedenklich wird es immer dann, wenn am nächsten Morgen, der vergangene Abend nicht in allen Einzelheiten wiedergegeben werden kann, der reißende Bach sich als mickriger Bewässerungszulauf für einen kleinen Acker und die Unterhose sich als einem fremd entpuppt. Halb nackt und über die Situation nachvollziehbar verwundert, suchen alle ihr Hab und Gut im Umkreis von hundert Metern zusammen. Verluste gibt es nur auf Seiten Damians, der Besteck, Handy und einen gesunden Fußknöchel misst. Das Päärchen ist mit ein paar Schrammen und blauen Flecken davon gekommen. Damian der sein Handy im 15cm tiefen Schlamm auf Standby und einen anderen Löffel im Dreck findet, kann nur per Anhalter, den Monika organisiert, weiter nach Süden reisen. Knöchel und Kopf sind knüppeldick.

So endet der uns bekannte Teil, einer Reise zu den Philippinen. Wir sind gespannt wie es weitergeht, wenn wir Bart und Monika in Siem Reap kommende Woche erneut und vermutlich das letzte Mal treffen und sie von Damians Reise berichten. 🙂

Vientiane – Ban Nongchan (Grenze) (01. – 11.01.16)

In der kleinen Hauptstadt geht das Leben an diesem Tag seinen gewohnten Lauf. Nur Jene, die bis weit in den Morgen das neue Jahr befeiert haben, lassen ihren Laden geschlossen oder starten mit der Arbeit am späteren Vormittag. Während der Marktplatz seine Frischwarengeschäfte bereits wieder einstellt und die Marktdamen aus den umliegenden Ortschaften anderen Aufgaben nachgehen. Durch die trockene Hitze auf schnurgerader Straße des flachen Umlandkessels zieht es uns zurück an den Tha Ngon. In den kleinen Dörfern sitzt die Jugend zusammen im Schatten und begrüßt mit einem ausgiebigen Picknick und Musik das frische Jahr. An vereinzelten Stellen ist das Nachbeben der gestrigen Fete noch zu vernehmen und offensichtlich. Zwei Damen begegnen uns lachend, von links nach rechts schwankend, sich gegenseitig stützend, um uns mit an den mit „Beer Lao“ befüllten Tisch zu lotsen. Wir lehnen dankend ab und schauen ihnen nach, wie sie langsam zu ihrer Gesellschaft abdriften. Die Fähre am Ende der Straße bringt uns auf das gegenüberliegende Flussufer, an dem wir etwas später, unterhalb eines Tempels, auf einer Weide mit mächtig imposanten Bäumen unser Zelt stellen, beim Abendessen dem Fährbetrieb zuschauen und der Musik des Fährmeisters, dessen Haus weit auf der anderen Seite steht, lauschen. Der erste Januar scheint ein gutes Geschäft für den guten Mann zu sein. Denn bis spät in die Nacht knattert kontinuierlich der laute Außenborder über das Gewässer hin und her. Gut zu wissen, dass unsere Oropax nach acht Monaten zumindest die oberen Schallspitzen abfangen, auch wenn sich das Modellieren in den Gehörkanal hinein zunehmend schwierig gestaltet.

Die Ration Schlaf ist ausreichend, es geht weiter entlang des Flusses. Über Acker und Weideland, durch Dörfer, in denen auf alten Webstühlen, Laotinnen farbenfroher, sehr feiner Handarbeit nachgehen. Vorbei an bunten buddhistischen Tempelanlagen, goldene Buddhas die über Baumwipfel entspannt Richtung Osten meditieren, bis zur Nationalstraße, die parallel zum Mekong das Vorankommen auf Asphalt deutlich beschleunigt. An einem Abzweig hinunter zum Wat Phonsane Tempel nutzen wir die Gelegenheit die Gebetsstätte zu besichtigen und auf dem Parkgelände davor zu bleiben. Zur Dämmerung sehen wir ein, dass es in Südostasien womöglich keinen Abend geben wird, an dem nicht aus zumindest einer der vier Himmelsrichtungen laute Musik für die regionale Nachbarschaft exportiert wird.

Auf einer überdachten Plattform wachen wir am kommenden Morgen auf, um gleich zu spüren, dass es mich wieder erwischt hat. Irgendetwas mit dem System Darm lahmt. Bis nachmittags geht es mir elendig komisch. Mühsam bringen wir es zwanzig Kilometer weiter zum nächsten Ort am Mekong, zum nächsten Tempel, wo es dem Magen-Darm plötzlich deutlich besser geht. Im Tempelgarten holen wir uns die Genehmigung bei einem zügig rauchenden, gefährlich tätowierten Mönch auf dem Rasen, der gleichzeitig Weide- und Spielplatz ist, zwischen Tempel und Mekong mit unserem Zeug zu rasten. Nach und nach verteilt sich das Equipment im Gras, das Zelt nimmt Form und Gestalt an und die kleinen Knirpse aus dem Dorf rufen uns laut lachend die laotischen Wörter für die verschiedenen Küchenutensilien zu, die wir aus den Taschen ziehen und auf unserem Stück Plastik aus der Türkei verteilen. Artig wiederholen wir in miserabler Aussprache die Wörter für: Teller, Reisdampfkorb, Essstäbchen, Banane und Topf, dann ziehe ich die Frisbee aus der Tasche und nach zahlreichen Probewürfen kann ich den giggelnden Haufen sich selbst überlassen.

 

Beim Abendessen gesellt sich ein schätzungsweise 11 Jahre junger Mönch, ruhig mit zurückhaltender Neugier, in orangenem Gewand zu uns. Schüchtern und etwas verlegen weicht er lächelnd unseren Blicken aus, hingegen mit offenem Blick, läd er uns zu ihm und den beiden anderen einzigen Mönchen des Tempels ein, sobald wir unser Abendessen beendet haben. Gerne nehmen wir das Angebot an, tief zufrieden lässt er uns zurück, bis ihn der Mondschatten der Bäume umhüllt.

Wirklich erklären können wir es uns nicht, doch beide sind wir etwas benommen, ein Stück Spiritualität, der herzlich junge, offene, erfahrene Blick, das wohle Gefühl der Zufriedenheit, das noch in der Luft steht, eine berührende Art und Bekanntschaft, starke Harmonie, konzentriert auf den Augenblick? Unser beider Blick geht zu den Sternen, die über Allen funkeln. Dann folgen wir gespannt der Einladung. Im Kies vor der Treppe zur überdachten Außenterrasse knirschen unsere Schritte und mit zwinkernder Geste werden wir hinaufgebeten. Der Boden ist gefliest und mit Teppich und Kissen versehen. Drei Türen führen zu den Privaträumen der Mönche, aus dem aus einem, lautes Schnarchen zu vernehmen ist. Buddha, Räucherkerzen, ein massiver eiserner Gong steht am Geländer und im Fernsehapparat läuft eine Tierdoku aus Schweden. Interessiert fragen wir, ob der Gong von ihm geschlagen wird. Kichernd zeigt er auf die Tür des Schnarchers und dann auf die große Uhr, dass wir uns noch etwas gedulden müssen, währenddessen er in verschiedenen Ablagen etwas zu suchen scheint. Nach erfolglosen Minuten taucht der tätowierte Mönch auf, der ohne zu suchen direkt den Schnarcher aus dem Schlaf hämmert und ebenfalls schmunzelnd nach der Fernbedienung verlangt. Kurze Zeit später sitzen wir mit den drei Geistlichen auf dem Teppich, naschen Süßigkeiten, verfolgen die Tierdoku, die nun mit Ton zu verstehen ist, was gleichzeitig das Ziel der Suche war. Der Gong schallert durch das Dorf und hinüber zum Fluss, dann switched das Programm auf den nächsten World Fight im Taiboxing. Auch wir schmunzeln mit, als die Zuschauer in Orange, bei den harten Schlägen, die einer der Kämpfer einsteckt, sich wegducken oder sich das Auge verkneifen.

Der Kasten wird mit dem Gong der letzten Runde geschlossen. Ein weiteres Packet Else Biskuits wird geöffnet und der tätowierte Mönch zückt sein Smartphone, um den Google – Translator herunterzuladen. Alle sind gespannt! Der Abend endet mit einigen Details der Radreise, einem neuen Facebook Like und der Geschichte des Tätowierten, circa 45-jährigen Mönches, der erst seit drei Jahren dem Orden beigetreten ist. Eine gute Nacht wünschend, steigen wir die Treppe mit einem großen Else Snack Packet und dankendem Winken hinunter zum Zelt.

Der dritte und letzte Tag entlang des breiten Stroms ist unglaublich heiß. In Paksan, einer größeren Ortschaft mit stationerem Markt, füllen wir unsere Essenstaschen und knuspern in Öl frittierte Bananen und Süßkartoffeln. Gleich danach ist Zeit für Mittagspause am Tempel, der etwas außerhalb gelegen, Ruhe, Schatten und eine leichte Luftbewegung verspricht. Mit der Hoffnung, erneut am Ufer der erfrischenden Grenzlinie zwischen Laos und Thailand zu nächtigen, wagen wir uns in die Nachmittagssonne und sind nicht überrascht, als auch an diesem Abend der buddhistische Garten ausgezeichneten Schlafkomfort verspricht. Zwei ältere Mönche pflegen hier ihren Glauben und einer von ihnen den Garten, den er, als wir ihn um Erlaubnis fragen, mit einer Gruppe Kinder um einen Papajabaum erweitert. Dusche, Toilette, direkter Zugang zum Ufer, wo gleich zusammen mit den Kids, die noch zuvor das neue Bäumchen gießen, ein Bad genommen wird. Als es Zeit wird die immer noch glühenden Körper im Inneren des Zelts auf die gut isolierenden Schlafmatten zu legen, setzt nicht unweit der Karaokeabend ein. Das Ende ist mit unserer Erfahrung jedoch entspannt vorauszusehen. Nicht aber der zeternde Mann der die ganze Nacht lautstark seinen Unmut zum Tempel hinüberruft, bis gegen 04:00 Uhr auch dem Gärtnermönch die Sache zu bunt wird und er beschwichtigend im Namen vieler um Ruhe bittet. Leider mit mäßigem Erfolg!

Das Frühstück, das ärgerlicherweise, über Nacht lebendig, Teil eines Ameisennests geworden war, fällt mit Kaffee und Bisquits sehr reduziert aus. So recht will der Tag nicht mit uns ins Reine kommen. Als Leonie bemerkt das der Hund, der uns gegen das Zelt gebrunst hat, gleichwohl eine Sandale auf dem riesigen Gelände versteckt hält, ist klar, heute verlassen wir den Mekong um ihn an anderer Stelle, in Kambodscha erneut zu sichten. Ein Schweiß-, Staubdreckgemisch sammelt sich erst an Armen, an Händen, bis es die Handinnenflächen und Lenkergriffe klebrig verbindet. Wir sind gut am saften und schütten eifrig warmes Plastikwasser in uns hinein, bis am Abzweig nach Osten die Melone und fließend Wasser den Refresher setzen. Der jedoch nur punktuell von Dauer ist, da erneut die Straße über hügeliges Gelände auf ein 800m hohes Plateau steigt. Zweimal halten wir am Bach, der im Tal Erfrischung verspricht. Beim zweiten Mal steht Zelt und Ausrüstung unweit der Straße an der ich heute eine Jogginghose finde, die verstaubt und verklebt im Strom gewaschen und mir in naher Zukunft einen dankbaren Dienst leisten wird. Es ist der letzte Abend, an dem ich mich mit meiner Verdauung auseinandersetze, bis der breiig flüssige Abgang mein seit drei Tagen bestehendes unwohl, mattes Gefühl beendet.

Am nächsten Tag treffen wir auf Jacque (65), der mit Rad und zwei Satteltaschen bepackt und einer offensichtlichen Vorfreude dem Norden Laos entgegenradelt. Entspannt und gemütlich macht er so achzig bis hundert Kilometer pro Tag. Er hat Spaß am Radfahren und wir mit ihm, wenn er uns erzählt, dass er so jedes Jahr vier bis fünf Monate auf dem Sattel sitzt.

Mit etwas Glück können wir mit zwei langsamen LKWs an den nächsten Kletterpassagen liften und genießen bejubelt von einer südkoreanischen Reisegruppe die herrliche Aussicht über die Felsformationen, die nun hinter uns liegen. Unerwartet weit vorangekommen, fällt die Entscheidung die kühle Quelle als Ausklang des Tages anzufahren, die irgendwo vor uns in der Ebene liegen soll. Auch zwei Mopeds mit vier Franzosen sind auf der Suche nach dem Spot, die wir sicher zum Ziel bringen, das unerwartet weit vor uns lag. Erfrischend und ansprechend ist der fast eisklare Naturteich, in dem wir, unter den Blicken französischer Zuschauer und laotischen Rangern baden und klatsch nass wieder aufs Rad steigen, da hier campieren verboten ist. Dann eben an einem anderen ruhigen Ort, was diesen Abend tatsächlich gelingt.

Das etwas wärmere Nass, des kleine Flusses, nach einem halben Tag radeln, als Markteinkäufe und eine längere Passage Staubpiste der massiveren Art hinter uns liegen, lassen uns aufatmen und den Sand aus den Haaren, Klamotten und Augenwinkeln schütteln. Die Pause im Schatten dehnt sich bis in den Abend und erweitert sich in den Morgen des nächsten Tages.

Staubig strampeln wir weiter, doch schon bald löst lehmiger festgepresster Boden diesen ab, der nach dem Hügelzenit in Asphalt übergeht. Eine gelungene Aufwertung. Sausend mit fröstelnder Gänsehaut, wenn der Fahrtwind das schweißgetränkte nasskalte, auf seine Art erfrischende Shirt in den heißen Nacken wirft, schießen wir durch die Ebene einer bizarren Seelandschaft. Die Gewässer zu allen Seiten sind gespickt mit toten Bäumen, die wie ein Wald schwarzer, nackter, in die Sonne ragender Gerippe den Blick von der Straße gattern. Die Sonne rückt an den höchsten Punkt des Tages, während wir bereits im Schatten unter einer Stelzenhütte dem Flimmern über dem Asphalt entgegenblinzeln und hächelnd an der Flasche hängen. Gut verpackt in Hemd, Hut und Handschuhe stellen wir uns am Nachmittag der Sonne und der Brise angenehmen Gegenwinds, nicht auszuhalten wenn der nun auch noch von hinten kommen würde und hitzigen Stillstand bedeuten würde. So wird der Gegenwind zum Freund und der Weg nach Nakay ein erträgliches Auf und Ab entlang des Ufers. An der Weggabelung am Ende der Ortschaft befindet sich die geschlossene Touristinfo und etwas weiter rechts ein überdachtes, schattenspendendes Dach. Hier fällt die Entscheidung die Möglichkeit einer Abkürzung, voraussichtliches Qualitätsniveau unbekannt, gemeinsamen Schätzungen zur Folge erwarten wir eine ähnliche Oberflächenbeschaffenheit wie einst in Nordlaos, aber ohne die Menge an Höhenmeter, Gesamtdistanz sind zudem nur 42km und davon erträgliche 13km auf vermutlich etwas schrofferem Gelände, auf gut Glück, wahrzunehmen. Wir biegen nach links ab, füllen unsere Wasservorräte für den Abend und bringen uns in der Nähe einer Siedlung, mäßig geschützt zwischen Zäunen, mit unserem zu Hause und dem Reisbedampfer in Position, um bei Sonnenaufgang entspannt in den Tag zu starten.

Bereits am gestrigen Abend waren wir auf guter Schotterpiste noch 6km weit hinter den Stadtrand gekommen. Heute am Dorfausgang wird der Schotter zunehmend sandiger und der einheimische Mopedverkehr in die gleiche, sowie in die Gegenrichtung stets weniger, bis er nach der letzten Ortschaft, die auch nicht mehr auf unseren Karten verzeichnet ist, vollends abebbt. Voller Spannungserwartung hüpfen und jucksen die Drahtesel dem Ufer des Sees mit Gefühl und Erfahrung entgegen. Der Weg wird zur ausgewaschenen Piste, dann zum Pfad, dann liegt er vor uns der See ohne erkennbar passierbaren Pfad oder Passiermittel. Erst kippt die Stimmung auf: „Och Nöö!“ dann erkunden wir die Wasserkante und lauschen konzentriert auf den See, den gerade ein Boot in entfernter Sichtweite befährt. Winkend, rufend, setzt es Pfiffe und doch knattert der Kahn durch die toten Baumstäbchen aus dem Blickfeld. Puh! Die Augenbrauen werfen über die Stirn Falten, dann sinkt der Kopf Richtung Brust.

Weit aus der Ferne bringt der Wind kaum hörbar, kleine Stücke einer großen Party, vielleicht drei, vier Kilometer oder etwas weiter entfernt von uns, über den ca. 300m breiten und damit schmalsten Abschnitt des Wassers hinüber. Am Ufer liegt totes Holz, aber kein lebendiger kleiner Kahn, was uns zurück auf die Karte blicken lässt, was zwei Optionen vertretbar für den angebrochenen Tag zur „Diskussion“ stellt. Wer glaubt wir würden 30km auf abartiger Strecke zurückfahren, was einem Bullenritt gleich kommt, den die/den ReiterIn konzentriert an den Hörnern geklammert lässt, während das Tier unaufhörlich durch Stock, Löcher und Steine vorwärts bricht, um später in all dem Frust, Nackenschmerzen und die Doppelverlustrechnung an Zeit und Strecke hinzunehmen, der/die weiß die Hunsrücker nicht einzuschätzen. „Stur“ wie die Ochsen reden wir uns ein, dass es womöglich einen Weg um einen der verzweigten Seearme entlang des dicht bewaldeten Ufers geben muss. Wir sind schließlich nicht die ersten Sturen in Laos und zudem liegt diese Vermutung nahe, da wir uns am Ende des langgezogenen Sees befinden und zweitens auf der anderen Seite Wasserbüffel grasend auf dem Festland auftauchen. Die Argumente greifen und wir machen uns auf eine zweistündige Suche mal mit Fahrrad, weil fahrbar, mal zu Fuß, um Aufwand und Energieverlust bei eventuellen Kletterpassagen mit Rad über umliegende Bäume vorzukalkulieren. Kleine Pfade gibt es zu Hauf um den Überblick zu behalten läuft das GPS heiß, immer weiter schlagen wir die Bogen, doch der See scheint entgegen der Karteninfos in keinster Weise ein Ende zu nehmen. Als wir entmutigt an der Stelle des Wassererstkontakts unser spätes Mittagsessen mit Blick auf die Büffel kauen, die Aktion/Idee der „Gewässer-Umfahrung“ gescheitert ist, steigt der Frust und die Sturheit uns – bin ich mal ehrlich – mir zu Kopf! Als zum zweiten Mal der Knatterkahn das Wasser in der Ferne auf seinem Rückweg bricht, setzen wir ein letztes mal 120% Energie frei. Springen, kreischen kurz vor Stimmverlust „Sabaai Dee“, schicken höllisch laute Pfiffe hinüber, doch der laotische Zweitakt-Außenborder leistet hervorragende Arbeit, Schallbarriere für herumfliegende Nebengeräusche inklusive. Tolle Wurst!

15:23Uhr, die dritte, letzte Option kommt zur Sprache. Ohne scherzende Mimik, versuche ich die 300m lange Wasserquerung klar und spontan durchdacht zu erläutern und zu verteidigen. 15:45Uhr drücken wir schwimmend das erste verzurrte Packet Radtaschen auf den mit Luft gefüllten Packsäcken über den gammelig duftenden Teich, durch Bäume und Geäst in Richtung Wasserbüffel. Packete mit Radtaschen sind das eine. Fahrräder, die nicht auf Tauchgang gehen sollen, das andere. Insgesamt schwimmt das Equipment fünf Mal hin und wir neun Mal hin und her, bis alles auf der anderen, sicheren Seite ist und die Büffel mit ihrem Hüter auf der für uns zurückliegenden Seite essen. Diese hatten uns während eines Radtransportes interessiert, ebenfalls schwimmend passiert. In unserem Erfolgsrausch lassen wir die Chance aus den Büffelwächter nach dem vor uns liegenden Weg zu fragen. Doch wer soll es uns verübeln, ist ja sonst keiner hier. Die neun Kilometer, die bis zur nächsten Ortschaft vor uns liegen, so guter Dinge sind wir, dürften großzügig geschätzt in 2 Stunden hinter uns liegen. Dann wären wir gegen 19:30Uhr bei später Dämmerung am Kochen.

Ehrlich gesagt, der Weg und das Vorankommen hatte dann rein nichts mit unserer Vorstellung zu tun. Die 100m Landzunge waren konzentriert fahrbar und ja, als Weg erkennbar, dann hätten wir besser die Räder an Ort und Stelle stehen lassen, aus einer Hinterradtasche Schnittschutzhose und Jacke anlegen sollen, die frisch geschärfte ein Meter lange, im Radrahmen integrierte Machete zur Hand nehmen und den Pfad vor uns von Mäusepfädchen auf Radweg verbreitern sollen. Das hätte uns zerschürfte Beine, knieabwärts bis zum Fußrücken, zerrissene Shirts, ein Kilogramm Spinnengewebe und vermutlich eine Stunde Äste knicken und Palmwedel umbrechen erspart. Aber dem war nicht. Es wäre auch nicht wirklich von belangen gewesen, denn gleichzeitig hätten wir eine 3,6PS starke, qualitativ hochwertige Kettensäge mit 1,5m langem Schwert benötigt und Treibstoff weit mehr, als die 1250ml die wir für unseren kleinen Spritkocher dabei haben, um die 37 querliegenden Bäume aus dem Weg zu schneiden, die wir ohne das genannte Equipment samt den Rädern und Gepäck übertragen oder unterrobben mussten. Zudem mehrere Tonnen Baumaterial, welches bevorzugt im Gebirgsstraßenbau benötigt wird um nicht vorhandene Wegabschnitte im Steilhang neu zu befestigen oder einfach und das hatten wir schlicht vermasselt, Energienahrung und 3 Liter mehr an Trinkwasser. Denn als wir nach 5 1/2 Stunden, erbärmlich erschöpft gerundete 4,6km weiter, auf einem der ultra seltenen Wegpassagen, die breit und lang genug waren um ein Zelt aufzustellen die Isomatten aufblasen, fallen wir mit staubtrockenem Mund und kuhrauer Zunge ins Schlafkoma um irgendwie den zerstörten schweißig stinkend und aufgeschürften Körper zu reaktivieren. In der Ferne ist zumindest ein etwas größeres Stück der Festmusik benommen zu registrieren, dann wird alles schwarz und still, nur der Wald lebt weiter, so fühlt es sich zumindest an.

Das Gute, am nächsten Morgen wachen wir beide auf! Es ist aber keine Überraschung, dass uns jeder Muskel deutlich mitteilt, ihn heute nicht zu benutzen. Gleichzeitig suchten wir nach Wasser, das wir in der Portion zweier Schnapsgläser für den heutigen Tag und die letzten 3,5km aufgehoben haben. Als Zelt und Matten verpackt sind genießen wir Tropfen um Tropfen und schlucken dabei eifrig Luft um das Gefühl einer ganzen Flasche kühlem benetzendem Nass zu illusionieren. Dann schieben wir die Räder unter Schmerzen in die nächste Wand grünen Urwaldes, die nicht preisgibt ob der Weg links, rechts oder mittig weiterverläuft. Der nächste Baum liegt bereits quer, 3,6km bis zum Ausgangsort der Festmusik, realistische 5-6 Stunden in unserer Verfassung! Immer noch geht es bergauf, dass wir oft gemeinsam eines der Räder schieben müssen. Ich denke zurück an den Dschungeltunnel und den Lichtkegel der Stirnlampe der vergangenen Nacht und bin froh die alte Jogginghose vom Straßenrand tragen zu können, die ich vor Tagen gefunden hatte. Etwas Beinschutz ist besser als kein Beinschutz, definitiv!

Im Gefälle zeigt der Pfad, der in seiner ganzen Länge sicherlich vor Jahrzehnten genutzt wurde, dass er auch ein ausgewaschenes, trockenes Sturzbachbett sein kann. Die Räder nun vor dem Sturz in die Tiefe sichernd, krakseln wir mit beiden Händen an den Bremsgriffen, das Fahrrad am äußersten linken oberen Rand behutsam vorwärtsrollend, während beide Füße im wüsten Gestrüpp am äußersten rechten Rand nach Halt suchen, langsam der Musik entgegen. Richtig lästig wird es immer dann, wenn sich wieder eine Schlinge aus dem grünen Bewuchs um Pedal, Kurbel oder eine andere ungeeignete Stelle wickelt und das Rad im Abwärtsdrang abrupt und unkontrolliert zum Halten bringt. Zwei Stunden und knapp zwei Kilometer weiter, fällt der Blick auf das erste Zeichen, das hier vor nicht zu langer Zeit Fußgängerbetrieb stattgefunden haben muss. Die frische Plastiktüte ist zwar nicht das Zeichen unserer Wahl, doch in der weltweiten Population deutlich häufiger, flächendeckender und vor allem vor dem Menschen anzutreffen, der aber nicht weit sein kann. Also Mut!

Vor uns der Erste Baum den wir umfahren können und Sägespäne aus dem letzten Jahr. Tatsächlich, der Pfad hat zwar trotzdem paar energieraubende Ecken, doch im Ganzen wächst er in die Breite und darf auf den letzten 800m zerfahrene Lehmpiste genannt werden. Überglücklich treffen wir an der Abzweigung auf einen Dorfladen, an dem zehn Bananen und eine Melone in unseren Besitz und anschließend den Magen übergehen. Eine Wasserpumpe kann nach einiger Zeit den Brand löschen und gleichzeitig Körper wie Kleidung waschen. Die Erleichterung ist groß, stur wie wir waren, würden wir das Gleiche nur mit geeigneter Ausrüstung empfehlen, welche zumindest in unseren Radtaschen nicht zu finden war. Erschöpft lecken wir unsere Wunden und nach einem kurzen Regenschauer verlassen wir den Urwald über Schotterwege, die uns genau wie den mit zehn Lautsprechern beladenen Klein-LKW und die gähnende Hochzeitsgesellschaft auf die asphaltierte Nationalstraße Nr.12 zurückbringen.

Die Geschwindigkeit auf der kerzengeraden Straße ist atemberaubend. Aus den Häusern der durchfahrenen Dörfer hechtet den Rädern das Echo der „Sabaai Dee“ rufenden Kinder hinterher, langsam trocknen die saftenden Schürfwunden entlang der Schienbeinkante und am Nachmittag erreichen wir Ban Nongchan, die letzte Ortschaft vor der vietnamesischen Grenze. Ausgehungert und erneut duftender Magnet für viele Mücken, tanken wir neue Kraft in einem Straßenlokal, vor dem der Besitzer einen geschossenen Flughund mit einem großen Bunsenbrenner enthaart. Besichtigen den Markt und lassen uns im Schatten der Bäume, etwas außerhalb der Ortschaft mit einer großen aufpeppel Pep-sie-Falsche nieder. Mit reichlich Proviant, Karamelkeksen, frittiertem Teig, Kokosnussmilch und Schoko-Doppelkeksen, sitzen wir für die letzten Anstiege zur Grenze auf und verlassen um die Mittagszeit, das Land der herzlich und lachend grüßenden Menschen

Luang Prabang – Vientiane (18.12.15 – 01.01.16)

Erklärtes Ziel, über die neue Route weiter im Westen, ist Vang Vieng. Mit besonderen Bekanntschaften, Erfahrungen und neuen Freunden in Gedanken ist es nicht überraschend und auch nur halb so anstrengend, trotz der Talstraße, steil auf und ab zu cruisen. Der Rückenwind lässt uns erstaunlich schnell vorankommen und an der Abzweigung, kurz bevor es zum einzigen Pass auf der Strecke ein letztes Mal auf 1876m steigt, tanken wir Wasser und campen auf einem Schotterparkplatz. Durch Buschwerk und hohes Gras sind wir vertretbar blickgeschützt. Später am Abend müssen ebenfalls zwei Jungs auf Velos den Ort als zeltgerecht empfunden haben, denn als wir am Morgen die ersten zwei Kurven in den Tag starten, winken sie uns beim Bepacken der Räder durch Buschwerk zu. Der komplette Tag besteht aus: super steil, hoch hinein in den kühlen Nebel schieben. Perfekt denn so sparen wir Sonnencreme und unnötige Serpentinen! Oben in der Sonne warten dann auch schon Céline & Origan, die gerade ihren Holzofen-Kocher starten und in diesem Moment ihre Zweisamkeit aufgeben müssen. Zusammen wundern wir uns über die Menge an Kalorien, die wieder auf der Strecke geblieben sind, es wird geplauscht und Leckereien genascht. Die Wasservorräte zwingen Leonie und mich am Nachmittag in das Zwischental hinunter zu rollen, wo wir beim Wasser tanken auf Tamara (25) aus Australien treffen, die mit uns den Zeltplatz teilt. Laos ist FernradlerInnen- und Kurzzeitradtourenparadies, so entsteht zumindest der Eindruck, als wir die entgegenkommen RadlerInnen nicht mehr an zwei Händen abzählen können. Das bestätigen auch Origan & Céline, die die Nacht mit einem belgischen Rad-Päärchen, am Spot an dem wir sie zurückgelassen hatten, verbrachten.

Über den Pass geht es dann zu viert, zum zweiten Mal seit dem kurzen Abschnitt im Nordiran, hinunter in die breite Ebene des Nam Kay der uns bis an den Zubringer, der uns zurück auf die Nationalstraße führt, begleitet. Es ist heiß, die Sonne brennt. Auf einem Markt schlürfen wir Nudelsuppe und rasten zugleich im Schatten, bevor das gemeinsame Lager am Flussufer weiter südlich, bezogen wird. Es ist der pure Genuss mit den Beiden: Ideen, Gespräche, Essen, es sind so viele Gemeinsamkeiten, die wir teilen.

Als wir am Mittag des nächsten Tages in Vang Vieng die Organic Farm ansteuern, machen die vielen „Halligalli-TukTuks“ derart Eindruck, das wir 100m entfernt, die trunkenen, krebsrot gebrannten, mit Bier und Strohhut bestückten, jungen aber auch gleichaltrigen europäischen und südkoreanischen Menschen, von einer Suppenküche, der wir die Zeit vor Ort treu bleiben, auf uns wirken lassen. Karrenweise werden sie am Ufer mit ihren Tubes (LKW Schläuchen) abgeladen und sich selbst in der Strömung überlassen. Laut mit schallerndem Techno erreichen wir die Organic Farm, deren Nachbarschaft aus einer Stranddiscotek besteht. Tief atmen wir ein… und wieder aus, schließen für den Moment die Augen und denken darüber nach, wie es wohl wäre jetzt den Eimer Schnaps mit den gut gelaunten Menschen in der Nachbarschaft zu teilen. Als der Schlüssel die Tür zu den Bamboobungalos des Mulberry-House, weit entfernt von der guten Laune öffnet, sind wir froh uns dagegen entschieden zu haben.

Die Tage vom 22. bis 26.12.2015, werden mit sehr guten Freunden zu Heiligabend in großer Runde, mit Käse, Wein und Schokolade aus Frankreich, den Cécile, eine gute Freundin von Clément und Matthieu, aus Grenoble mitgebracht hat, ein hochwertiger, genussvoller, echter Laktoshype.

Fast täglich radeln wir zum Markt und lassen es uns zum Frühstück und Abendessen so richtig gut gehen. Als wir den Ort verlassen, der auch auf Grund des regnerischen Wetters deutlich ruhiger war, da Strandclub und Bar geschlossen hatten, sind die französischen Jungs zusammen mit Cécile, bereits verabschiedet und auf dem Weg nach Vientiane. Auch unser Weg trennt sich von Céline und Origan Cannelle (franz. Oregano und Zimt). Ende Januar fliegen die beiden, mit heftig schlechtem Gewissen, nach Kuba, dass sich auf Grund des gelockerten Handels- und Einfuhrembargos seitens der USA und einem sich möglichen Politikwechsel, in den nächsten Jahren zumindest verändern wird. Das Paar ist auf der Suche nach Ideen, nach Mechanismen der Veränderung im Kleinen wie im Globalen. Wer weiß, vielleicht entsteht in Zukunft eine Tondoku der Beiden über ihre Reise. Wir denken an Euch wenn sich das Fortbewegungsmittel verändert.

Drei Tage nach Vientiane, die Hauptstadt des Landes. Eine Nacht schlafen wir auf dem Hügel einer Weide, dann am Flussufer des Nam Ngum, der dem gleichnamigen Reservoir entspringt und später in den Mekong mündet. Die Nacht bevor wir die Stadt erreichen baden wir am See östlich von Tha Ngon, während die Fischer ihre Netze werfen und die Muschel- und Schneckensammler ihre Körbe füllen. Es vergeht kein Abend, an dem nicht in der Ferne laotische Musik über den Wind zum Zelt hinüberweht, mal deutlich, mal verhalten wahrnehmbar. laotische Musik

Vientiane ist beschaulich, im Vergleich zu Chinas Megacitys. Es ist noch Vormittag als wir im Konsulat unsere Visaverlängerung in die Wege leiten und anschließend den Weg von Sebastian aus Dresden kreuzen, den wir bereits in Osh und Kasghar mit Elisa getroffen hatten. Sie verfolgen stets unseren Blog und hatten bereits Bedenken, dass wir unsere Reise abgebrochen hätten, da so lange keine aktuellen News zu lesen waren. Leonie nickt Elli im Einvernehmen zu, dann trifft mich ein vorwurfsvoller Blick! Zack abgewehrt! So einfach geht‘s dann doch nicht, ich setz mich hin und hau in die Tasten.

Gelandet sind wir in einer günstigen Absteige, mit zentralem Basiscomfort. Die Betreiber, alle samt aus Bangladesch, bieten indisches Essen und Bier zum Einkaufspreis, was uns die ein oder den anderen Alkoholiker beschert, der nachts lautstark mit dem Inventar des Zimmers ins Gespräch kommt und, wir können es kaum fassen, die Kubareisenden, die zu Mittag über das indische Essen in Vientiane stolpern und natürlich uns bekannt sind. Elli und Seb berichten, dass wir die besten Kandidaten und krummen Vögel leider verpasst hätten, wir sind nicht traurig drum. Beide legen uns das kleine gut strukturierte Informationszentrum COPE, nicht weit vom Marktplatz ans Herz, das uns mit seinen bewegenden Porträts tief beeindruckt und uns mehrfach die Tränen in die Augen drückt. Das Land musste zur Zeit des Vietnamkrieges unfreiwillig als Entladerampe für nicht abgeworfene amerikanische Streubomben herhalten. Viele der wie Spielzeug aussehenden Sprengsätze liegen nach wie vor auf laotischem Boden, zerfetzen Familien bei unfreiwilligem Kontakt, machen das Land für unabsehbare Zeit unbrauchbar und verhindern in diesen Regionen Lebensperspektiven.

Pro Einwohner warf die USA in den 70er Jahren eine Tonne Bomben auf Laos ab, das heute immer noch zu den ärmsten Ländern der Welt gehört und seitens der USA keinen Cent Entschädigung erhalten hat, da es am Krieg nicht aktiv beteiligt war.

Einen ausführlicheren Artikel gibt es zur Zeit in der National Geographic.

Aufgewühlt und bewegt müssen wir uns erst mal hinsetzen und sind mit den Gedanken bei den Menschen der vielen aktuellen Kriege dieser Welt, die oft mit Waffen aus unserer Heimat geführt werden und nie die Lösung eines Konflikts sein können.

Das neue Jahr steht vor der Tür und ein neuer Blogeintrag geht online. Mit Krumbeere, Tomaten und einer Kanne Öl findet das Kochequipment einen sicheren Platz an der Promenade des Mekong und als das Öl sprudelt und aus Krumbeersticks langsam goldene Pommes spezial werden, rücken wir und die letzten Minuten näher. Während einige Stunden später, Freiburger Freunde auf den Kypfelsen schnaufen, unsere Familien in der Schreinerei mit Syrern das Tanzbein steppen oder im Fidele beisammensitzen und für all unsere Lieben zu Hause, wo auch immer es gerade ist, der erste Januar anbricht.

Mohan/Botan – Luang Prabang (08. – 18.12.)

 

Es regnet nochmals einen guten Schutt Wasser auf uns runter als wir die laotische Grenzstation anfahren, die sich im Vergleich zur riesigen chinesischen Abfertigungshalle mit diversen Schaltern und noch mehr Kameras, auf das notwendigste beschränkt. Zwei Schalter, eine Straße mit Schranke und einem Vermerk, dass das Formular für Visa on arrival, auf der Fensterbank liegt. Das Rückgeld wird uns improvisiert in laotischer und thailändischer Währung zurückgegeben. Ein einzelner Dollar war glaube ich auch dabei. Ein Zollformular gibt es scheinbar keines, obwohl Tags später eine Zollstation auf dem Weg liegt. Mit nass schwammigem Gefühl auf dem Sattel geht es weiter, nicht weil das Radhosenpolster sich so anfühlt, nee! Der seit Wochen marode hintere Mantel ist an einer Stelle an der Flanke gerissen und der Schlauch drückt sich ins Freie. „Bis Laos!“, hab ich mir immer gedacht, „soll er es noch machen!“ Jetzt ist er fürs erste platt. Mit sechzig Pumphieben rollt er dann doch noch mit sorgenvollem Blick in den nächsten Ort, wo wir in einem trockenen Hotel unterkommen. Die noch nassen Räder werden im Innenhof als erste geduscht, bevor der rote Lehm, mit der aus dem Wolkenloch luckenden Sonne feste erstarrt. Dann die Taschen und Schmutzüberzieher reinigen und erst jetzt brausen auch wir den Dreck vom ausgekühlten Körper. Auf dem Bett ruhend machen sich die Blicke vertraut mit dem laotischen Kip. Nach ungläubigem Gefühl ist die innere Ruhe und ein Stück Vertrauen dahin, sind wir doch tatsächlich beim Wechseln der guten Frau auf den Leim gegangen und haben rund 20$ bei dem Geschäft liegen lassen. Danke für die ärgerlichen und lehrreichen Stunden, die sich an diesem Abend kopfschüttelnd bis zum ins Bett gehen ziehen. 1000 Kip sind eben keine 10000 Kip auch wenn sich beide Scheine zum Verwechseln ähnlich sehen. Das Frustessen der Mantou, die für morgen gedacht waren, beruhigt an dieser Stelle ein wenig.

Als der Mantel am nächsten Tag weiter seine Kilometer macht, steckt in ihm an der verletzten Stelle, eine vierlagige Plane, die den Schlauch am Blick ins Freie hindert. „Bis Luang Prabang!“, ist das nächste erklärte Ziel. Über die haupte Verkehrsader geht es durch das nördliche Laos. Einfache Bambus- und Bretterhütten beide auf Pfosten, je nach Bauart zwischen 0,5 bis 2,5 Meter über dem Grund. Wohnraum meist nicht größer als 3 auf 3 Meter, oft mit integriertem Lädchen. Eine Leiter oder Treppe führt dann zur Hauseingangstür. Die kleinen Dörfer an der Straße sind so anders als noch vor zwei Tagen. Es wuselt an Kindern in jeder Ecke. Kleine, ganz Kleine, die von Kleinen getragen werden, Jugendliche, Eltern und Großeltern, wieder ist die Straße Spielplatz und Arbeitsplatz zu gleich. Das Bild wirkt auf uns nachdenklich, wenn wir uns vor Augen führen, mit wie wenig die Familien hier leben. Doch ausnahmslos alle lachen von innen heraus in den Tag und rufen mit einer Freude „Sabaidi!“ und lächeln dann mit strahlenden Augen, denn so werden wir an jeder Kurve gegrüßt. Ein klasse Empfang und tolles Gefühl nach zwei Monaten verschüchterter Chinesen. Typisches Bild sind nun mit Handarbeit aufgebrachte bunte Stickereien, auf knöchellangen Wickelröcken. Ein aus Bambus geflochtener Korb, der mit Naturalien gefüllt, stets von Frauen auf dem Rücken getragen wird, wenn dort nicht ein Kind im Tragetuch sitzt. Dazu ein Garten- oder Buschwerkzeug. Die Dörfer sind offen, ohne Grundstücksgrenzen, geköchelt oder gekocht wird im Freien, weshalb es vor jeder Hütte glutscht und rauchig duftet. Erneut fasziniert die Gemeinschaft die buddhistisch geprägt und an der öffentlichen Wasch-, Dusch- und Wasserstelle ein lebhaftes Treiben vereint. Kultur die so viel ehrlicher ganz ohne Beton auskommt. Die Einheimischen sind auf Rollern und kleinen Mopeds zu Hause, wenn sie wie wir die Straße nutzen. Privatautos sehen wir hier keine, Ackermaschinen sind bereits purer Luxus, auch wenn diese in die Jahre gekommen sind.

Am Nachmittag nähern wir uns den 10- bis 12% -igen Steigungen laotischer Straßenbauer, sanfte Anstiege sind verzichtbarer Luxus! Das hatten wir noch zuvor im Radreiseführer gelesen. Den ersten Pass, es ist bereits dunkel, erreichen wir entkräftet mit zitternden Beinen. „Nur noch Nordlaos“ sagt eine innere Stimme, dann liegen die Berge erst einmal hinter uns. Leonie’s Blick zeichnet das selbe Verlangen. Der weite Blick von unserem Zelt, das neben einem kleinen Bambusverschlag den weit und breit einzigen fast ebenen Platz gefunden hat, entschädigt die Qualen. Dicht gebuckelte, steile bewachsene Hänge so weit das Auge reicht, dann ist das letzte blasse Rot am Horizont verschwunden und nur die Scheinwerfer der LKW’s, die sich ebenfalls mühevoll aus dem Tal hinaufschrauben, bilden eine leuchtende Linie durch die Nacht.

Geschafft! Mit 1200m sind wir diesen Morgen über dem Nebel, der sich gewöhnlich bis vormittags in den Tälern hält und dann von einem hitzigen Tagesverlauf abgelöst wird. Über den Pass ziehen dichte Nebelschwaden, die dann hinunter ins Tal rutschen und sich ins Nebelmeer ergießen. Fantastisch wenn dann beim Frühstücken die Sonne scheint und sich alles im Fluss des Nebels bewegt. Mit laotischer Musik aus ihrem Handy, spaziert eine Frau mit Korb und Feldmesser den Pfad an uns vorbei zum nächsten Acker, dann setzen auch wir uns in Bewegung und tauchen ab ins kühle Tal Richtung Oudomxay..

Es sind die Kinder, deren Verantwortung, wenn sie Säuglinge tragen oder Buschmesser so groß wie ihr halber Körper gekonnt einsetzen, wir mit respektvollem Lächeln begegnen. Alle spielen und doch sind sie früh eingebunden in Vertrauensaufgaben und Alltägliches.

In der Kleinstadt Oudomxay finden wir zufällig die Touristeninformation in der wir Seiko, eine freundliche und sehr hilfsbereite Japanerin kennenlernen, die für ein Jahr den japanischen Bundesfreiwilligendienst in der Wachstumsbranche Tourismus leistet. Kompetent gibt sie die Wettervorhersage der nächsten Tage durch und navigiert uns auf der Karte zum Marktplatz, zum chinesischen Supermarkt und einem kleinen Laden in dem wir unsere letzten Mantou kaufen! Wir sind von den Socken. Wir versprechen, falls wir uns für die kleine Nebenstraße nach Ban Lathan entscheiden, die Optionen der Weiterreise über den Mekong weiterzuleiten und den Weg für RadfahrerInnen zu bewerten. Sie lacht, winkt und ist gespannt.

Hinter dem Stadtkern, an einem geschlossenen Laden, auf einer Bank sitzt Luis mit seinem Rucksack. Etwas tapsig mit seinen großen Füßen, die in qualmenden Wanderstiefeln stecken und den großen Händen, die er durch seine Rasterlocken prangt, versucht er per Anhalter in den Süden zu gelangen, ohne zu wissen, wo er sich gerade befindet. Wir helfen aus und wünschen einander eine gute Reise. Es dauert nicht lange, als uns in einer Kurve der nächste Reisende auf der Straße entgegenkommt. Ronan (25) und Fahrrad aus Frankreich, in Bangkok gestartet um nicht im europäischen Winter radeln zu müssen, der sonst seine Saisonarbeit in den Alpen als Tourguide wäre. Obwohl wir uns in entgegengesetzter Richtung treffen, haben wir Luang Prabang als gemeinsames Ziel. Bündig erklären wir die Option der Nebenstraße die uns, Luftlinie 60km weiter südlich, an den Mekong bringen sollte, um dort die Fähre, von der wir nur vermuten das es sie geben muss, zum Zielort zu besteigen. Französisches Interesse ist geweckt und als wir zu dritt an der Abzweigung stehen, deckt sich Ronan mit Nudelrationen ein und die staubig festlehmige Piste deckt sich mit unserer Einschätzung von Nebenstraßen. Das Trio rumpelt los und an einem überdachten Unterstand ca. eine Stunde und acht Kilometer weiter organisieren wir unser Lager, damit die Zelte am frühen Morgen nicht vom Feucht des Nebels durchtränkt sind. Bis in den späten Abend sind Radreiseerfahrungen, Lebensphilosophie und das Abendessen guter Unterhaltungswert.

Insgesamt trennen uns 115 km bis nach Ban Lathan, dem letzten Ort auf dieser Piste. Parallel zum Flusslauf geht es vom Frühstück nach Muang Na, 42km entfernt, in der Tendenz bergab! Doch das Auf und Ab lassen uns nur das Klettern der dachsteilen Anstiege spüren. Die kleinen Dörfer sind so lebendig und wenn wir an einer Schule vorbeifahren, kreischen alle aufgeregt „Sabaidi!“, drehen sich im Kreis oder springen vor Freude in die Luft. Es sei denn, die Mädchen sind mit dem Fangen und Werfen eines Balles beschäftigt oder die Jungs mit einem Spiel, bei dem mit der Schnur einer Art Angel oder Peitsche, ein faustgroßer Holzkreisel umwickelt wird, den Spieler A mit einer geschickten Bewegung in der Luft, kreiselnd auf dem Boden plaziert und Spieler B mit seinem Kreisel-Peitschenset, aus beachtlicher Entfernung, versucht abzuschießen, in dem er den Holzkreisel wie ein Geschoss auf den Kreisel von Spieler A schleudert. Staunend zeigen wir wie beeindruckt wir von diesem Spiel sind. Je weiter der Tag, desto entlegener wird der Eindruck der Siedlungen. Ein Sammel-LKW passiert uns, sonst nur geflickte Mopeds und Fußgänger. Es wird angebaut was zum Leben gebraucht wird: Reis, Süßkartoffeln, vereinzelt Tomaten, Mais, Ananas, Kürbis, Tabak, Bananen, Eier und Fleisch, meist in vitaler Gestalt wie Kuh, Wasserbüffel, Federvieh oder Schwein, das ohne Barriere in großen Radien unterwegs ist. Für alles andere gibt es den kleinen Dorfladen oder den Markt in Muang Na, der am späten Nachmittag, als wir die Ortschaft erreichen, jedoch wie ausgestorben vor uns liegt. Die Marktfrauen die noch die Stellung halten, versichern uns, dass es morgen mehr Auswahl an frischen Waren geben wird. Wir sind beruhigt. Sie zeigt dann noch auf die Uhr und hebt vier Finger, alles klar denken wir, Marktbetrieb scheinbar nur vormittags.

Auf der Suche nach einem Zeltplatz in nicht allzu weiter Entfernung, laden wir auf der Wiese von Sung (24), der am Ortsrand einen Laden für SIM-Karten, neues Guthaben und Internet unterhält. Er spielt gerne Fußball pflegt seinen eigenen Garten, neben seinem prächtigen Haus und spricht eine Hand voll englischer Wörter. Den Rest erledigt der Google Translator via WiFi. Bis seine Freundin Kib (24) auftaucht, die zwei Hände voll englischer Wörter spricht und stolz ihre Überlegenheit ihrem Sung zulächelt. Es ist ein gemeinschaftlicher herzlicher Abend, fast wie WG-Leben, als wir frisch geduscht, zusammen beim Abendessen sitzen, Beer Lao trinken und frittierte Algenblätter knuspern.

Es dämmert noch nicht, als Sung am Morgen mit seinem Roller hinunter zum Marktplatz knattert und kurze Zeit später zurückkommt. Als wir uns nach gemeinsamem Frühstück verabschieden, ist es 09:30 Uhr, nicht weil ich jetzt doch den Hinterradmantel wechseln musste, sondern weil Sonntag ist und selbst Ronan den Tag entspannt beginnt.

Nur noch hinunter zum Markt, einkaufen und… der Markt! Wir können es kaum fassen, das gleiche Bild wie am gestrigen Tag. Jetzt dämmert es auch uns! Vier Finger hießen: Markt um 04:00 Uhr vor der Dämmerung, denn danach haben die Leute auch noch anderes zu tun! Wir nehmen, was wir verwerten können. 3kg Reis, welkenden Blumenkohl, wo auch immer der herkommt, Kokosnussmilch und naja…

Die Erfahrung ist so eindringlich, das wir in Laos stets um 05:30 Uhr aufstehen, sollte ein Marktbesuch auf dem Tagesprogramm stehen. Auch sonst passen wir uns mehr und mehr dem Nacht-, Tagrhythmus der Einheimischen an, der feste mit der Sonne verbunden ist und um 20:00 das Ende des Tages beschreibt. Ausgenommen Karaokeabende mit reichlich BeerLao und Hochzeiten, was Karaoke nicht ausschließt, eher mehr denn sonst voraussetzt, enden mit gewaltigen PA-Anlagen, die kilometerweit zu hören sind, spätestens nach 23:00 Uhr, denn dann greift die gesetzliche Sperrstunde auf die wir uns meistens verlassen können.

Der späte Start in den Tag beschert uns Strahlungsintensität satt und erneut wahnsinnige Steigungsgrade die selbst bergab, kaum sicher fahrbar, geschweige denn Spaß machen. Die Bremsen glühen und ist der tiefste Punkt der Senke erreicht, spiegelt sich die Steigung ganz einfach ins Gegenteil. Jeder schaltet wohl wissend hinunter in den ersten Gang, um zumindest einen gewissen Anteil der Rampe mit rotierender Kraft zu erradeln, dann wird geschoben. Immer wieder sagen wir uns, wir haben solches Glück das es zuvor und währenddessen nicht regnet. Nach Querung einer Bambusbrücke, die nur für Zweiräder passierbar ist, besorgen wir Eier und an der Straße im Schatten köchelt kurze Zeit später das türkische Menemem, während Ronan im Tal seine Suppe löffelt. Wir erreichen nach 36km Tagesstrecke unser Ausdauerlimit und zelten völlig erschöpft vor der Einfahrt einer Rotkreuzstation mitten im Dorf, um früh am nächsten Morgen die Chance auf dem kleinen Marktplatz einzukaufen nicht ungenutzt zu lassen. Mit den Vorbereitungen für das Abendessen, gesellen sich immer mehr Zuschauer um uns und als der Kocher mit einer steilen Flamme startet, rückt das dreißigköpfige Publikum einen halben Schritt vor, um bei den köchelnden Töpfen nichts zu verpassen. Als all die Zutaten im Topf gelandet sind, wird zwei Meter entfernt auf das Zitronengras aufmerksam gemacht, welches den Geschmack vorzüglich abrundet. Bon appetit et bon nuit avec laotischer musique! 🙂

Bei den ersten Weckrufen des männlichen Federviehs, ist der Markt leer. Wie tags zuvor und auch als wir das Dorf verlassen, hat sich am Markttreiben nichts geändert. Den Mekong und uns trennen 35 km, einen Pass von 1145m Höhe und Passagen, die in 3,5km um 500 Höhenmeter steigen. Selbst der Begriff „Radwandern“ ist hier nicht mehr zutreffend. Meist müssen wir zu zweit ein einzelnes Rad schieben, um dann die Wegstrecke ein zweites und drittes Mal mit brennenden Beinen und Lungen zu bewältigen. In einem steilen Tal brechen an diesem Tag die einzigen Fremden auf kraftvollen, 3km im Voraus laut wahrnehmbaren, Vollmotocross-Maschinen an uns vorbei! Unsere Blicke treffen einander, keiner versteht den anderen, dann hört man sie noch für knapp zwei Minuten. Ein Nachmittagsausflug, ist eben keine Dreitagestour. Hinter dem Pass schmeckt das Blumenkohlgemüse dreimal so gut wie gestern. Jetzt nur noch bergab nach Ban Lathan, 20 km wir hätten es wissen müssen! Die Piste hat noch einige Überraschungen, wie knietiefer Schlamm, die Metamorphose zur Wanderwegsbreite, tiefe Spurrinnen durchziehen den Weg, was Balancevermögen und vorausschauendes Denken erfordert und kein entspanntes, spürbares hinabrollen. Als wir am Ziel ankommen sind wir alle zusammen deutlich gezeichnet und zusätzlich durch die Hitze schweißgebügelt. 17:00Uhr geschafft!

An der Abzweigung, die hinunter zum Fähranleger führt, treffen wir auf Boathang (25), die als Lehrerin arbeitet und unter anderem Englisch unterrichtet. Sie löst unsere Fragen in Bezug auf die Fährabfahrtszeiten und ob wir die schweren Knollen, die wir unterwegs aufgelesen haben und für wahre Delikatessen halten, wirklich essen können. Die Knollen wandern an Ort und Stelle in die Tonne! Sie lacht, zuckt die Achseln und winkt uns mit offenherzigen Augen zu sich nach Hause. Sie ist eine quirlige Frau und Mutter, schnell entsteht beiderseitiges Vertrauen und plötzlich sind wir ihre Gäste für eine Nacht. Kartoffeln und Knobi sind uns geblieben, gemeinsam brutzeln wir in der Küche auf offenem Feuer im Wok und essen gemeinsam zu Abend mit laotischem Whiskey zum Nachtisch. Die noch junge Familie wohnt mit den Großeltern, Boathang‘s Mutter und Vater zusammen unter einem Dach, ihre Geschwister wohnen in der Hauptstadt Vientiane und sind mit dem Studium beschäftigt. Nach dem Worldfight im Taiboxing, den Baothang‘s Mann Ole mit Spannung erwartet hat, gehen wir zu Bett. Es ist so faszinierend und etwas ganz Besonderes Gast sein zu dürfen und einzutauchen in die Kultur von Freunden.

Es ist gerade am Dämmern, da ist Boathang bereits das Frühstück am richten. Anschließend geht die Familie zusammen zur Morgenzeremonie des buddhistischen Tempels, um gemeinsam mit den Bewohnern der umliegenden Straßen, den Mönchen aus ihren Krügen zu spenden. Als sie zurückkommen serviert sie auf einem riesigen Tablett laotische Spezialitäten: Kürbissuppe in Kokosnussmilch, Algenpaste aus dem Mekong, Markklößchensuppe, Hühnchen, Spiegelei, scharfe Chillisauce und Gemüse. Dazu gibt es Klebereis, den sie am frühen Morgen im Bambuskorb unter Dampf gegart hatte. Wir sind zu tiefst gerührt, mehrmals und eindringlich wiederholt Boathang das wir in ein, zwei aber spätestens drei Jahren wiederkommen sollen. Mit ehrlicher Liebe drücken wir sie und ihren kleinen Toto im Tragetuch und wünschen uns, dass es wahr wird. Am Ticketschalter, der aus einer mobilen Garnitur Stuhl und Tischchen, im Sand steht, erhalten wir am Ufer unsere Fahrkarten für die Weiterreise nach Luang Prabang.

Pünktlich um acht, es ist so weit, ein letztes Mal drücken und bedanken wir uns bei Boathang, dann steigen wir mit Rad und Sack über eine Holzblanke an Bord.

Der zwanzig Meter lange und circa zwei Meter schmale, überdachte Kahn, dreht sich in die Strömung, der Motor setzt ein und die Bugwelle klettert an den Flanken empor. Es herrscht gute Stimmung auf den Holzbänken, die entlang der Bootswände angebracht sind. In der Mitte stehen Waren wie Reis, Gemüse, Bananen und andere Einkäufe der Mitreisenden. Ganz vorne sitzen auf einer Plattform ältere Damen im Schneidersitz auf einem Teppich, ganz hinten beim lauten Schiffsmotor sitzen wir. Ab und zu hält die Fähre an Sandbänken oder provisorischen Anlegern. Die Aus- und Zusteigenden werden meist erwartet, wie bspw. Schüler, die über den Fluss zur Schule fahren. Speedboote, kleine Flitzer, mit Platz für drei bis max. sechs Personen, rauschen an uns vorbei und die ersten Touristenboote mit bequemen Sesseln werden gesichtet. Ein Zeichen, dass es nicht mehr allzu weit sein kann.

11:00 Uhr und drei Radreisende stehen an der Promenade zu Luang Prabang und staunen über massiven Autoverkehr, bunte Tuktuk’s und die nicht enden wollende Zahl an Gästehäusern. Alles was es vorher nicht gab, gibt es hier und was es gab, findet sich nur noch selten.

Nach den Eindrücken der Mitantragsstellerin im vietnamesischen Konsulat, in dem auch wir unser Visum beantragen und dem Feeling im Bambooresort, in dem Bart und Monika als Freiwillige gegen Kost und Logie „Sunset Boat Tour’s“ anpreisen und bewerben, herrscht stille Einigkeit über eine Phase der Akklimatisierung vor Ort. Um den Prozess zu beschleunigen, kontaktieren wir Tao, den Radlerfreund von Hui, dem Radladenbesitzer aus Kunming, ob er sich vorstellen kann, uns für maximal drei Nächte aufzunehmen, wobei uns die Option einer Dusche und ein Platz zum Zelten völlig ausreichen würden. Über „Weechat“ (das chinesische What’s App) wechseln wir kurz die Eckpunkte, die Sache geht klar! Er wird uns am kommenden Vormittag abholen. Hui, was ein Glück! -Dank sei Hui und Tao!

Der Nachmittag geht dahin mit Equipmentpflege und dem beziehen des Nachtlagers, bevor gemeinsam der Nachtbazar und das städtische Flair mit Ronan beschnuppert wird. Als die polnischen Radreisenden, die wir im iranischen Maschad das letzte Mal vor der turkmenischen Querung, gedrückt hatten, die Treppe vom steilen Botsanleger „Sunsettours“ hinaufsteigen, sind sie ganz baff! Beide strahlen im Licht der Laternen über beide Wangen, beim Abendessen schmerzen nach den vielen Geschichten, die Lach- und Bauchmuskeln, bei so viel Zeit die zwischen all der Strecke liegt. Die Geschichte von Damian einem polnischen Radfahrer, den wir einst an der usbekischen Botschaft in Istanbul mit seinem älteren Mitfahrer getroffen hatten, den Bart und Monika durch Zufall im laotischen Hinterland im Buschwerk laut rufend aufspürten, wird von Beiden so lebhaft beschrieben, das wir juchzend den Tisch vor uns mit Lachtränen fluten und uns nicht mehr halten können. Zu fünft radeln wir zurück ins Resort und planen für morgen: Pfannenkuchenfrühstück mit Obstsalat, während Bananashake und Kaffee den Abend ausklingen lassen und nach und nach jeder/jede zu Bett geht.

Laotisch stehen Leonie und ich um 06:15 Uhr auf dem Markt! Zum ersten Mal rechtzeitig! Die regionalen Händlerinnen sitzen mit Stirnlampe, Geldschürze und einer handvoll Plastiktüten vor ihren Waren, die mal mehr, mal weniger gut gehandelt den Besitzer wechseln. Ein munteres Treiben, verwinkelte Gänge, lachende Blicke bei unseren Versuchen Mango oder Ananas zu handeln, wenn gleich neben uns, Frauen riesige Tüten mit Obst und Gemüse zu den Mopeds tragen und maximal beladen vom Hof manövrieren. Wir sind am Üben! Der Anfang ist bereits gemacht. Mit allen Zutaten und im Bananenblatt eingewickeltem Klebereis mit Bananenscheiben, Zucker und Kokosnussraspeln, die auf den Verzehr warten, kehren wir zurück. Besonderes Highlight ist das 1kg schwere Schokocremeglas von Monika, das nun doch vor Weihnachten auf dampfenden Eierkuchen zur Anwendung kommt. Kuchen für Kuchen geht von der Pfanne und als es dem Ende zugeht, steht für Bart und Monika in Zukunft ebenfalls Pfannkuchen auf dem Speiseplan.

Mit perfektem Timing verabschieden wir uns von Ronan, dem wir eine Reise voller neuer, guter Erfahrungen wünschen. Dann satteln wir auf und folgen Tao und seinem Motoscooterfahrer in die Stadt zu einem Verwandten, der uns in seinem Gästehaus aufnehmen wird. Angekommen, stellt er uns seinem Neffen vor, der geschätzte zweiundzwanzig ist und mehr als Hobby ein günstiges Hostel unterhält. Wir sind überglücklich an einem Ort zu sein, der einfach und zweckmäßig ist! Mehr ein Ort für Langzeiturlauber, nicht für Familien die hier 12 Tage ihren Jahresurlaub genießen wollen, was bei der Besichtigung der Bausubstanz und dem Inventar schnell offensichtlich wird.

Auf dem Balkon der den Blick über den Innenhof frei gibt, sitzt Gerd. Er sitzt dort nicht einfach auf zwei ineinander gestapelten Stühlen um zu sitzen, vor ihm steht ein Kunststofftisch vollgepackt und zersprengt mit Vielerlei und Allerlei Kleinstteilen, die mehr den Eindruck erwecken, der Gute sei etwas zerstreut und sammele mal hier mal dort, um dann den nächsten Schluck aus der Bierflasche zu nehmen, die ohne System mit der Kaffeetasse, dem Aschenbecher und der Zigarettenschachtel im vermeintlichen Chaos zu finden sind. Auf dem Boden in greifbarer Nähe steht ein billiger Werkzeugkoffer, so wie man ihn im Discounter finden würde. Doch der gekrümmte, etwas zerzauste, so wie man mit Haaren die länger als kurz sind, zerzaust sein kann, weißgrau stoppelbartige Mann, ist so vertieft und konzentriert auf das kleine Stück etwas, welches er unablässig über eine Schleifscheibe zieht, dass es eine sinnigere Erklärung für den ersten Eindruck geben muss. Einander beobachtend, ohne das ein Gespräch zustande kommt, kann ich nach ein paar Minuten den Versuch wagen, das Schweigen zu brechen.

„Ob die Ringe, die halbfertig auf dem Balkongeländer liegen, Auftragsarbeiten sind oder der eigenen Beschäftigung dienen“, frage ich. „Das werden zunächst einmal Ausstellungsstücke“, lässt er sich nicht ablenken. “ Zum Präsentieren im eigenen Laden?“, hacke ich nach, „Naja, erst einmal für die Studenten“, vernehme ich knapp. „Dann unterrichtest du Design an einer Universität?“, „Nee Universität kann man das nicht nennen, ich bin ja nur Goldschmied.“ „Wo unterrichtest du, dass du hier in Laos auf dem Balkon sitzt?“, „Ist das ein Gespräch?“, frage ich mich innerlich. „Nicht weit von hier, in Kunming“. Verrückt, Antworten mit denen ich einfach nicht rechne, die der gute Mann aber auch nicht bereit ist aus freien Stücken zu erläutern. „Erhält man denn Material, Steine und Werkzeug in China?“ Wieder führt die Frage zu keiner Gesprächserweiterung, „Ne, das muss man schon vor Ort kaufen, in China auf alle Fälle nicht.“ Ein Hirnfunke lässt mich an Idar-Oberstein denke, also frage ich: „und wann warst du das letzte Mal in Idar-Oberstein?“ Die Frage öffnet die Tür zur gepflegten Unterhaltung. Die Augen des Mannes öffnen sich zum ersten Mal in meine Richtung, in ihnen liegt interessierte Überraschung, mit solch einer Frage hatte er nicht gerechnet. Gerd ist leidenschaftlicher Goldschmied. Mit der Liebe zu klassischer Musik, hatte er bereits Schmuck- und Juweliergeschäfte in Dali, Kunming und an der Promenade zu Luang Prabang, direkt am Mekongufer, bevor er sich diesen Sommer, auf Grund von Bauarbeiten zum Umziehen gezwungen sah und hier auf dem Balkon seinen Platz fand. Auf Grund des chinesischen Umfelds und seiner akzentfreien Sprachfähigkeit in Mandarin, kann er sich mit der Lokalität arrangieren. Einzig der ihm ausgehende kolumbianische Kaffee und die Verlängerung seines Arbeitsvisums zwingen ihn, in absehbarer Zeit, vom Balkon in die Provinz Yunnan zurück. Bohnengetränk und Bier, scheinen ihm in den vier Tagen, die wir letztlich im Hostel bleiben, als Grundversorgung auszureichen. Wenn er bei Sonnenaufgang am Werktisch Platz nimmt und zur Dämmerung sein Tagwerk beendet. Da sind die Pfannkuchen, die unser Basisfrühstück sind, eine willkommene Abwechslung und Ergänzung zum Kaffee. Gerne bieten wir die nach Bananen duftenden Kuchen dem fleißigen Handwerker an, wenn er so hochelegant Leonie beim Herd danach fragt. „Wäre es vermessen, wenn ich fragen würde, mir einen zweiten der vorzüglich schmeckenden Pfannkuchen zu nehmen?“ wiederholt Leonie schmunzelnd, als sie sich zu uns an den Tisch setzt, an dem auch Bart und Monika sitzen.

Die gute Stimmung findet an diesem Tag zusammen mit Gerd und Tao, der uns in sein Restaurant zum Essen eingeladen hat ihren Höhepunkt. Taos’s Frau bereitet extrem schmackhafte Erdnüsse, Spinatkohlsuppe mit schwarzen Hühnerkrallen und anderen knorpligen Stücken Fleisch, dazu heiß anfrittierten Schweinsohren die in Sojachillisauce gedippt werden und Reis. Perfekt! Alles nachgeholt, für das wir in China sonst interessiert einen Bogen geschlagen hatten. Ununterbrochen, wird Loabeer gereicht, was zügig getrunken und von Gerd, der voll in seinem Element ist, links und rechts vom Tischnachbarn geleert wird. Wir geben Acht, dass unser Sprachlevel koordinierbar bleibt, um uns später in aller Freundschaft bei Tao und seiner hübschen Frau herzlich zu bedanken.

Die Tage fliegen dahin, seid Chengdu liegen mit den tibetischen Provinzen und dem nördlichen Laos etwa 75.000 bergauf Höhenmeter hinter uns. Auch ein Grund, warum wir an einem der Abende, mit Sunset-Boattours über den Mekong tuckern und uns von Bart zwei starke Mochito bringen lassen. Der Sonnenuntergang findet zwar hinter dicken Wolken statt, die sich bereits bei der Rückfahrt kräftig entleeren, doch für uns ist es ohnehin spannender die gestylten und nach einer Überdosis Parfüm riechenden Päärchen aus „westlicher Welt“ zu beobachten. Auch Celine, Origan und die zwei französischen Jungs erreichen im gleichen Regenschutt mit einem der Slowboats von Pakbeng das rettende und wie sie uns am Tag drauf erzählen, überflutete Ufer. Die Wortdichte ist groß, wieder ist so viel seit Puer geschehen, doch Celine und Origan ist anzusehen, dass sie Ruhe und Zeit für sich brauchen, um erst einmal zu gesunden und zu Kräften zu kommen.

Der Plan für Weihnachten wird nochmals besprochen und der Organic Farm in Vang Vieng zugesichert, dann geht es ohne Origan, auf den Nachtbazar und zum bereits ausgiebig getesteten Buffet.

Am letzten Abend verabschieden wir uns von Tao und seiner Frau, die uns abermals zum Abendessen einladen und wünschen ihnen viel Erfolg, mehr Zeit und gutes Gelingen mit der Umgestaltung ihres Geschäftes in ein Bambusrestaurant, für das Tao die letzten Wochen meist mit dem Fahrrad in den Wald zum Bambus schlagen gefahren war. Zur Mittagszeit des nächsten Tages schaffen wir es auf die Räder, nachdem plötzlich wichtige Reparaturen und Wartungsarbeiten, die ich natürlich vorher hätte erledigen können, notdürftig unter genervten Blicken von Leonie ihre provisorische Vollendung finden. Wir sagen vielen Dank, all den HobbyHostel involvierten und hören wie sich in unserem Rücken der Lautstärkenpegel zwischen laoticher und klassischer Musik, wie üblich um diese Stunde, gegenseitig zu überschallen versuchen, wobei stets Gerd mit seinem kleinen Aktivlautsprecher gegenüber der kraftvollen laotischen Anlage, die drei Meter entfernt in der Rezeption steht, den Kürzeren zieht. Dann ist es Zeit auch für ihn den Platz zu verlassen, um eine Flasche Bier oder den Mittagssnack um die Ecke zu besorgen, um nach seiner Rückkehr erneut die 7te Sonate von Hendel rauf und runter zu hören.