Tadschikistan

Murghab – kirgisische Grenze (27.09. – 01.10.)

 

Genussbilder und ein wenig Text!

 

Vier Tage und drei Nächte bleiben uns auf der Hochebene, die deutlich anstrengender werden als wir uns es vorstellen. Es warten drei Pässe, mächtiger Seitenwind, Nächte mit -15°C, aufgeplatzte brennende Finger und harte, schmerzende Wellblechpisten, die dem Nacken alles abverlangen auf uns. Nicht immer ist der Spaßfaktor auf hohem Level, Landschaft, die Kräfte der Natur und die karge Besiedelung lassen uns spüren, dass es hier kein einfaches Leben ist. Karakulsee, Akbaitalpass (4655m) = weißes Pferd, Pamirpanorama und die letzten Meter zum Grenzpass, lassen die Anstrengungen vergessen und uns mit geilem Gefühl Tadschikistan „Lebe wohl“ sagen.

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Murghab - Osh Höhenprofil

Murghab – Osh
Höhenprofil

Khorough – Murghab (16. – 27.09.)

Der Bazar vor Ort ist die letzte variantenreiche Versorgungsquelle bis ins 10 Tage entfernte Murghab, wieder wird das Rad zum schwer manövrierbaren Schlachtschiff und am Morgen des 16.09.2015 nehmen wir Kurs auf, zur südlichsten Spitze Tadschikistans. Zwei lange Tage auf den Rädern und am Ende duftet die Küche nach frischem… Zwiebelkuchen, eine Attraktion der kulinarischen Art für alle Nichthunsrücker vor Ort. Hmmm und ne Flasche Bier. Der Bazar in Ishkashim hält was er verspricht. In kleinen Kaschemmen rotten Möhren und Kartoffeln vor sich hin. Zwiebeln gibt es reichlich Paprika ist aus. Der Stretch von Ishkashim nach Langar ist landschaftlich grandios. Der Blick auf den mit Schnee bedeckten Hindukusch, die spektakulären 6000er Berge mit ihren zackig, steilen Hängen und links von uns Karl Marx (6723m) & Engels (6507m) lenken von den Wellblechpisten ab. In den Dörfern wird das Getreide knieend, mit Handsensen geschnitten, zum Trocknen zu Ehren zusammengebunden und anschließend mit 2er, 3er oder bei Bedarf, mit 6er Ochsengespannen „gedroschen“, besser zerstampft. Bis Murghab sind wir nun mit den frisch Verheirateten unterwegs, was wir sehr genießen. Die täglichen Unterhaltungen, das gemeinsame Kochen, Reisegeschwindigkeit zwischen 25-45km/Tag und die sagenhafte Atmosphäre kommt uns sehr entgegen. An einer heißen Quelle, die geschützt im Flussbett zum Aufheizen einlädt, spenden wir den Vormittag bei Red Hot Chili Peppers und quellen die trockene Haut im angenehmen Nass, während draußen der Wind mit Druck durch das Tal weht. Gerade sind wir im Begriff zu gehen, da springt die Tür auf und Tom der Belgier saust quasselnd, in Erwartung Sarah und Scott anzutreffen in die heiße Quelle. Er hatte vor Tagen gehört das Australier vor ihm pedalieren, seit dem rumpelt er ohne nennenswerten Halt ca. 100km/Tag durch das Wakan. Das er nicht Sarah und Scott antrifft spielt für ihn plötzlich keine Rolle mehr. Nackend gibt er uns zu verstehen, dass wir doch weiterfahren sollen, er wird uns in Kürze einholen. Mit dem Wind geht’s weiter über staubig, steiniges, schlotterndes Buckelruckelwellblech. Innerhalb windgeschützter Steinmäuerchen in wärmender Sonne picknicken wir und werden sogleich von Tom beglückt. Von zu Hause ist der junge Bursche losgefahren, 3€ Tagesbudget, für eine Unterkunft, das ist eine seiner Herausforderungen, hat er noch nie gezahlt. Er blüht auf in der Runde, erzählt von Grenzerfahrungen, Erschöpfung, dass er sich den Pamir in weniger als 20 Tagen gibt und mit ein paar Keksen, Marmelade und einem Packen Nudeln bis nach Murghab radeln will. Innerlich denken die Zuhörer alle das Gleiche! Im letzten Ort vor Langar, der den letzten Laden markiert, raten wir Tom sich etwas mehr Puffer an Proviant einzupacken, aus einem Nudelpacken werden zwei und seine Keksreserven werden um 250g aufgefüllt. Über sechs Serpentinen steigt die Straße hinter Langar in 8km über 700 Höhenmeter. Das Ganze mit Gepäck, schwierig zu klettern, bringen wir es meist schiebend auf die erste Kuppe in einem bewohnten Gebiet, in dem wir die Zelte stellen und für Tom’s Verhältnisse extrem aufwendig anfangen zu schnippeln und zu Kochen. Tom benutzt seinen Kocher diesen Abend zu ersten Mal, selbst der Sprit in der Flasche ist noch aus Belgien, bis jetzt hat er sich immer einladen lassen, oder Kekse gegessen! Innerlich… Ihr könnt‘s euch denken Die Nudeln sind schnell gekocht, (das Wasser-Nudel-Verhältnis muss allerdings bei den Mitreisenden erfragt werden) und verspeist, da ändert sich plötzlich der Farbzustand und die Verfassung des Guten. Erst vornehme, dann ungesunde Blässe mit halbseitigem Wahrnehmungsverlust, grenzerfahren lässt er uns teilhaben an den Einzelheiten der persönlichen Verfassung ohne auf Tipps und Radschläge zu hören sich langsam hinzulegen. Er strauchelt dann zu Boden und beschließt nach 15min den Schlafsack im Zelt aufzusuchen. Gut möglich, dass das Essen auf der Hochzeit aus vergangener Nacht für einen Keksmagen nicht das richtige war. Wir bieten noch unsere Hilfe aus der Apotheke an, doch Ruhe und Schlaf ist aus unserer Erfahrung erst einmal das Beste. Zum Nachtisch gibt es Milchreis mit frisch gekochtem Apfelmus. Zimt und Zucker rieselt aus den Fingerspitzen auf das seltene Dessert, da hören wir einen hektischen Reisverschluss sich öffnen und sogleich schießt eine druckvolle Fontaine mit allem was dazugehört auf den staubigen Eingangsbereich direkt zwischen Fahrrad und Zelthering! Gefolgt von würgenden Sätzen aus Wort- und Essensbrocken, ergibt sich folgende Einwegkonversation: Oorrhg! I’m feeling so good! I was waiting for it! So nice that I was fast enough to open my tent, Oorrhg! I never was womitting so much in my life, it’s so good! Etwas erschrocken und abwartend sitzt der Reisbrei vor uns. Tom begibt sich wieder in die Horizontale und wir etwas perplex, genießen unseren Nachtisch während wir womöglich das Gleiche denken: Eine Nudelpackung unverwertet weniger und Beratungsresistenz zum falschen Augenblick.

Am nächsten Morgen sieht es um Tom miserabel aus. Zusammen kämpfen wir uns durch den Tag und beenden diesen, 25km später, während die Sonne langsam untergeht und es empfindlich kalt wird. Glücklicherweise hält ein einheimischer Jeep an der Zeltstätte, dem es an Luft im Reifen fehlt und den Gebrauch der Fahrradpumpe im Tausch gegen 3 Fladen Brot eintauscht. Schwein gehabt! für Tom, der das Brot gut gebrauchen kann. Im Abendrot winkt uns der Hindukusch ein letztes Mal in voller Pracht zu, dann schnürt die Gruppe die Schlafsackmützen und jeder/jede kuschelt sich ins Zelt. Pauls Filterskala scheint des Nachts rapide abzustürzen, was den unangenehmen Kontrollverlust um 04:30 und den frühen Aufbruch der Beiden erklärt.

Wir finden die Beiden bei trocknender Wäsche an einem kleinen Bachlauf, wohlauf und bereits wieder scherzend bei Kohletabletten und Frühstück. Tom scheint die fehlende Bereitschaft unser gut kalkuliertes Essen aus Khorough zu teilen und seine wenigen verbleibenden Mahlzeiten zu spüren. Er verlässt uns mit der Idee, den vor uns liegenden Pass heute zu queren. Er wird das Glück haben, auf Clément und Matthieu zu treffen, die ihrerseits gewillt sind, ihren weit gefahrenen Proviant zu teilen. Doch selbst hier hinterlässt er einen bleibenden Eindruck.

Zu viert radeln wir in zwei Tagen über den besagten Pass (4344m) und hinunter Richtung M41, auf der wir für drei Kilometer das Gefühl von Asphalt feiern. Mit der Vorstellung über eine kleine Extra-Schleife an einer versteckten heißen Quelle mit den letzten Essensrationen zu chillen rattern wir über Schottertracks weiter bergab, bis der Hinterreifen bei Felgenbodenkontakt platzt! Kurz darauf schlagen wir die Zelte auf. Die GPS-Daten für den hidden Spot stammen von Eric und Charlotte die wir später in Kashgar treffen, die die Daten durch Zufall von Claude Marnthaler erhalten haben, den sie ihrerseits nach dem zufälligen Besuch in Frankreich im Pamir in der Nähe der Shirgin Hotspring ein zweites Mal treffen und den Tipp seit zwei Wochen in Umlauf bringen. Der Ort der Ruhe und des heißen Wassers ist wunderschön! Nahe eines Bachlaufs den man nach spätestens 20min aufsuchen muss, da einem sonst die Hitze durch den Kopf steigt, begegnet uns ein Yak und zur Enttäuschung für Paul keine Grashüpfer zum Angeln. Schnell verkraftet, genießen wir die Ruhe und das plätschernde Rauschen des Bachlaufs, bis wir die Wooden-Box unterhalb des Plateaus am nächsten Tag verlassen.

Alichur, der nächste Ort mit kleinem Laden an der M41, ist knappe 35km entfernt. Es geht auf und ab steile Kletterpassagen, dachsteile Abfahrten durch atemberaubendes Gelände das Bachquerungen und einen sagenhaften Blick auf Marx und Engels miteinschließt. Es ist 16:30 als wir über eine Steinpiste den etwas leblosen Ort erreichen und beschließen den drückenden Rückenwind und den Asphalt Richtung Murghab zu nutzen. Die Nacht ist kalt und windig, doch als wir am nächsten Abend in Murghab in Eralis Guesthouse ankommen und die heiße Dusche auf uns hinunterplatscht, ist alles heile Welt.

Die Essenstaschen sind bereits prall gefüllt, für den Streckenabschnitt Murghab – Sari Tash, welches in Kirgistan liegt, die Stimmung im Essensraum ist spassig und familiär zusammen mit unseren Mitreisenden, einem Powerpaar aus Polen und einem dänischen Päärchen.

Als wir nach einem Tag Pause Murghab verlassen, verlassen wir gleichzeitig Paul und Leiset, die auf dem Bazar ihre Vorräte auffüllen müssen, nicht denkend, dass wir sie erst in Osh wiedersehen.

Quai’la-Khumb – Khorough (08. – 15.09.)

Afghanistan! Während der Fahrradtourismus auf teils asphaltierter, teils Schotterstraße entlang des Flusslaufs auf tadschikischer Seite mit massivem Frachtverkehr rollt und staunt, sind auf der gegenüberliegenden Seite kleinste Wirtschaftswege, Eselspfade und Fußwege die gängige Infrastruktur. Kleine aus Lehmziegeln gebaute Dörfer mit teils bunten Holzfassaden über abgesetzte Ebenen, viel Grün an Stellen an denen Bergbäche das Wasser von weit her über die steilen Hänge bringen, Felder, Weiden, Mäuerchen, keine Elektrizität, eine Handvoll Mopeds und ein Auto pro Dorf.

100% Handarbeit! Die Afghanen sind stets greifbar aber doch so fern! Wie die Tadschiken leben sie auf einem kleinen Streifen zwischen Panj und mächtigen Bergen in felsiger, schottriger, staubig braun-beiger Landschaft in kleinen Oasen. Die Route nach Khorough ist deutlich belebter als die Tage zuvor, es passieren in regelmäßigen Abständen kleine Sammeltaxis, LKWs und hin und wieder Radfahrer aus der Gegenrichtung. Im Schatten neben zwei rastenden Kühen, sitzen Katrin und Christian die beiden sind von zu Hause losgefahren, mit dem Fernziel Singapur. Am Ende des Tages zelten wir zusammen auf einer kleinen Wiese einer Familie, mit dem Paar aus Zürich, Didier und Kyla.

Am nächsten Morgen liegt das schweizer Zelt gesundheitlich am Boden, Blitzinfekt nach gestrigem Fleischsuppensnack. Wir lassen die Regenerierenden zurück und sehen uns erst in Osh zum Abendessen wieder. Mit frisch gefiltertem Wasser (pro Flasche 4min) ist der Abstand zu den leichten Amerikanern erst zum Mittagessen in sichtbarer Nähe. Zeitgleich sprengen die afghanischen Straßenarbeiter die verbindenden Straßenabschnitte in die Felsklippen und meißeln die Feinarbeiten heraus. Es wird heftig gewunken! Was so viel bedeutet wie gleich knallt’s! Die Kurbel rotiert und schneller als erwartet schließt sich die Lücke zum gemeinsamen Lunch. Etwas Schatten macht‘s möglich und danach Mittagsschläfchen. Die Beiden sind unersättlich nach 20min geht’s weiter. Der Abend wird „unerwartet“ unangenehm staubig. Acht Meter entfernt der Straße rollen die schweren chinesischen und tadschikischen Trucks an den Zelten vorbei, die am nächsten Morgen dick gepudert den Dreck elektrisch festhalten.

Ist es der Stau, die anstrengenden Tage oder das Essen der Familie vom gestrigen Abend? Wer weiß das schon. Leonie fühlt sich am Morgen nicht gut, wir radeln bis in den Mittag unter schattenspendende Wahlnussbäume, lunchen die Reste von gestern und müssen Kyla und Didier ziehen lassen. Wir bringen uns nach 1 1/2 Stunden zurück auf die Piste, kommen in erbärmlichem Zustand jedoch keine 10km weit und sind gezwungen hinter einem Dorf zwischen Bäumen, Sträuchern und Terrassenfeldern unser Zelt zu stellen, was die letzten Kräfte saugt. Danach fallen die mit Bakterien oder Viren befallenen Systeme ins Bett! Vorher, zur Sicherheit nochmal PooPoo machen! – Empfiehlt sich! Der Tag drauf ist nicht besser, wir bewegen Zelt, Räder, Equipment und dröhnende Schädel mit großer Mühe 30 Meter in den Schatten und fallen abermals für 8 Stunden in tiefen Schlaf. Stehen ist dermaßen anstrengend, das selbst der Toilettengang zur energetischen Herausforderung wird, von der Geräuschkulisse, die die Konsistenz von sich gibt einmal abgesehen. Kohletabletten werden ausgepackt und konsumiert, denn die Angst wächst, dass unser Toilettenpapier und das Humenhydrosystem ausläuft. Die Anwohner merken, dass es uns nicht gut geht. Auf gebrochenem russisch (brechen mussten wir nicht!) kann ich Kartoffeln, Zwiebeln und Karotten für eine Gemüsesuppe organisieren, genau das richtige.

Die zweite Nacht bringt den ersten Schub an Erholung, dösend startet der Tag und gegen Vormittag passieren uns Paul und Leiset, die sich für eine Stunde in gesundem Abstand zu uns gesellen. Den Beiden geht es erstklassig, etwas wundern wir uns, wo sie die Südeuropäer gelassen haben. Dann beginnt die Geschichte: Als sich die 10er Gruppe des Morgens auflöste um individuelle Tempen zu radeln, kommen Paul, Leiset, Tiphaine und Marco gemütliche 40km weit. Am zweiten Tag erreichen alle zusammen den Fuß des Passes, sie entschließen an einem etwas tiefer und abseits der Straße gelegenen Platz zu zelten, doch als sie den steinigen, sehr schmalen Pfad hinunterklettern, verliert Marco bepackt mit Radtaschen erst das Gleichgewicht, dann Bodenkontakt um einige Meter später unkontrolliert den Kontakt wieder aufzunehmen. Rumbsss! Die Beiden erzählen von Blut am Kopf, einem kurzfristig bewusstlosen Körper, Hektik, Panik, dem Spot GPS-Tracker und einer kontrolliert agierenden Leiset, die im nächsten Ort einen Transport ins 30km entfernte Militärlazarett organisiert und Paul der Marco’s Haare an der klaffenden Kopfwunde vorsichtig entfernt und versucht zu klammern. Alles nochmal gut gegangen! Die Beiden seien wohl auf und vermutlich auf dem Weg zurück nach Dushanbe. Uns geht es im Vergleich direkt besser! Gleichzeitig denken wir an die Beiden und müssen tief ausatmen – Uffff! Was eine glückliche Katastrophe.

Den Pass haben Paul und Leiset am nächsten Tag in ihrem Rhythmus passiert. Gerne würden wir mit ihnen weiterfahren, doch wir sind erst am Nachmittag fähig unser Zeug zu packen und schließen eine per Anhalter Fahrt nicht aus. Es passt alles zusammen. Als die Räder auf der Straße stehen rumpelt aus dem Dorf ein leerer Truck aus China an. Leonie hält den Fahrer an zu halten. Ni Hao, die Räder werden mit einem groben Seil vertaut, dann setzt der Fahrer die Eisenstange an dem Seilspanner, der seitlichen Rehling an und die Räder quetschen sich zusammen! AU! Schnell die PET-Flaschen als Puffer zwischen die Rahmen platzieren, die Freude über den Hitchhike schwindet innerlich. Nach drei Kilometer heftiger Schlaglochpiste, die mir jedes Mal Bauchhiebe setzten, wenn ich an das Velo denke stoppen wir die Aktion und die Räder stehen wieder auf der Straße. Kurz bevor wir an einem Dorfbrunnen halten, hält ein Jeep vor uns! Wie aus dem Nichts springen Marco und Tiphaine aus dem Offroader, die Überraschung steigt bis in die Haarspitzen, glücklich das Beide agil und nur leicht lediert auf uns zukommen, drücken wir uns und verabreden uns in Khorough. Die Piste wird besser, bleibt für 20km erträglich und lässt uns hinter Roshun im stockdunkeln, nach einem Checkpoint mit sternhagelvollen Militärs, hinter einem großen Stein campen.

Der Tag nach Khorough, sechzig Kilometer entfernt, wird zur Belastbarkeitsprobe. Zuckerbonbons retten uns auf den Bazar in Khorough und über eine 15% Rampe erreichen wir das favorisierte „Pamir Lodge“ Hostel in dem Paul und Leiset bereits auf uns warten. Die Filterskala (0-10), die nichts anderes als das persönliche Befinden auf der Toilette und somit ein breites Stück Allgemeinbefinden angibt ist stets wichtiges Kommunikationsmedium. Wir laufen bei 3-4 auf der Skala ein, was uns mitleidsvolle Blicke beschert und uns müde lächeln lässt. Wir sind da! Bereit zum rasten, was wir drei Nächte ausgiebig tun. Auftanken, mit heißer Dusche, Internet, Frühstückskaffee, Pfannkuchen, italienischem Risotto und anderen Gesundmachern!

Das Hostel ist Treffpunkt für Radreisende, Backpacker Offroadvehikel und Hitchhikende. Alle unterwegs mit persönlichen Geschichten, unterschiedlichsten Blicken auf das Reisen und die Idee dahinter. Die RadfahrerInnen sind stark vertreten: Eine 3er Gruppe aus der Slowakei, Solo Holländer Luc, Solo Franzose Philip mit Akkordeon, Cément und Matthieu aus Grenoble, Leiset und Paul, wir und rehabilitierende Südeuropäer im Stadtzentrum. Die Gruppe wächst für einen Abend um Johann aus Schweden, der zwei Tagesetappen weiter südlich in Ishkashim als Work-away-ler in Hanis Guesthouse für einen Monat arbeitet. Groß gewachsen und trinkfest, was vor allem Paul gut gefällt, erzählt er von der Lokation und als das Wort „Ofen“ fällt, sind wir in Gedanken bereits Pflaumenkuchen und Zimtschnecken am Backen.

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Dushanbke - Khorog Höhenprofil

Dushanbke – Khorog
Höhenprofil

Dushanbe – Qal’ai – Khumb (03. – 07.09.)

Der Pamir-Blockeintrag: Aus dem Dreitageszug, durch das weite China herausgeschrieben aus dem Etagenbett „Upperclass hardsleeper“:

Schwer bepackt verlassen wir die Stadt zur Mittagszeit, tanken an der letzten Petrolstation ein letztes Mal Pressluft um mit sanftem Gefälle über grandiosen Asphalt zu summen. Freude und Neugier liegt im Wind vor uns. Es sind knappe 130km über die M41, bis zur Weggabelung der A372 an der wir uns mit Marco & Tiphaine verabredet haben. Vorbei an Ständen, Gärten, kleineren Dörfern, überall im Tal wird geerntet. Die Familien arbeiten gemeinsam auf den Feldern und gleichzeitig am Verkaufsstand. Sie winken, lachen und rufen meist laut „Adkuda?“, wenn wieder einmal Radfahrer anhalten oder sie passieren. Nach ca. 20km kurz bevor wir den tiefsten Punkt im Tal erreichen und als nächstes den Fluss queren, erkennen wir Paul (vermutlich 29) und Leiset (27), die Australier. Die mit ihren Tourenrädern im Schotter neben der Straße stehen und die neu erworbene Karte aus Vero’s zu Hause studieren. Ein knuffiges frisch verheiratetes Päärchen mit viel Humor, pragmatischen Ideen und der Liebe für’s Limit, was im Wesentlichen die „ausgewogene glutenfreie Küche“, für Paul den C2-Konsum und für Leiset den O2-Kosum anbelangt. Nach gemeinsamem Mittagessen radeln wir in die ersten Hügel, an denen das Gewicht der Räder zur unangenehmen Realität wird. Es wird für das Abendessen noch eine Melone und ein Butternutkürbis aufgeladen, denn so ganz können wir uns nicht von den Kochabenden in Dushanbe trennen. Lightweighttouring sieht anders aus und fühlt sich vermutlich auch anders an. Auf einem Hügel, mit Blick auf die Felder und Höfe die hinter uns liegen werden bei Sonnenuntergang, Zelte gestellt und gemütlich im Gras Nudeln mit Kürbissauce gekocht.

Gut erholt starten wir in den nächsten Tag mit der Idee, den Treffpunkt an der Weggabelung gegen Abend zu erreichen. Es wird am Ende ein langer Tag werden. Noch am Vormittag wächst die Gruppe um das amerikanische Radduo Kyla & Didier, die mit weniger als der Hälfte des Gepäcks unterwegs sind, vergleicht man dieses mit unserem! Beide sind im Mai in Portugal gestartet und mit nur sieben Ruhetagen Nonstopp nach Dushanbe gedüst. Die Visa-deadlines machen es möglich! Auch auf dem Pamir sind beide mit 60km/Tag stramm unterwegs. Dafür packen sie bei jeder Rast ihre bequemen Sessel aus, was uns immer wieder staunen und die Beiden schmunzelnd relaxen lässt. Es wird gemeinsam viel gelacht, Kochideen werden ausgetauscht und gerastet. Es dämmert bereits als wir in Roghun einem im Hang und Steilhang gelegenen Dorf nach Lebensmitteln fragen. Die Qualitätsschotterpisten haben uns da bereits lange verlassen, der Gedanke die Gabelung an der M41 heute zu erreichen ebenfalls. Etwas schüchtern fragen wir noch zweimal nach Zeltplätzen im Garten der Einheimischen, fahren dann jedoch weiter und finden im Dunkeln einen für die späte Stunde sehr attraktiven Platz unter Bäumen mit schummrigem Blick auf den im Tal fließenden Fluss und das fahl beleuchtete Dorf gegenüber des Seitentals.

Es ist bereits kurz vor Mittag als alle den Polizeicheckpoint an der Gabelung passieren, von Tiphaine & Marco ist nichts zu sehen! Die „Straße“ wird abermals beträchtlich schlechter, 250km sind es von hier bis Khorough, hoffentlich halten die Taschen, das Rad und der Gepäckträger das aus?! Plötzlich, die Gruppe ist noch keinen Kilometer von der Abzweigung entfernt, dröhnt eine Hupe laut und wild über den Schotter. Die Gruppe ist komplett: Acht RadfahrerInnen, international, in einer Altersspanne von 22 bis 29 Jahren, bepackte Paare auf dem Weg nach Kirgistan. Witzig, alle sind sich auf dem Weg mindestens einmal begegnet! Der Spaßfaktor steigt bis zum Limit, die Australier nutzen pragmatisch den Schatten zum Mittagessen und vier Kilometer weiter ein Wasserbecken um Klamotten und Geruch zu schrubben, die Amerikaner genießen die Gruppenatmosphäre und das entschleunigte Radeln, der europäische Süden unterhält die Runde mit Fragen zum Lightweighttouring und der Philosophie italiänischer Tourenräder, die südwestlich geprägten Hunsrücker gehen auf, in einem großen Kreis von Freunden und köstlichen Charakteren, die uns so sehr an unsere Freunde aus der Heimat erinnern. Am Ende des Tages erreichen wir eine Tagesdistanz von 32km, welche einen zukünftigen amerikanischen Tag, auf 92km heftiger Rumpelstrecke wachsen lässt! Als vier Zelte auf großer Ebene stehen, die Wasserträger aus dem Dorf zurückkommen und im großen Kreis Gemüse geschnippelt wird, trifft ein weiteres Paar Joachim (50) & Ulrike (49) aus Hamburg auf dem Campground ein. Beide bestens ausgestattet, auf Idworx Offroler Rädern unterwegs, das zukünftige Traumrad unseres Italieners! So ganz von alleine wollen sie sich nicht in die Gruppe drängen, zumal eines der Räder, so lässt es aus der Ferne an, unangenehme Geräusche aus dem Bereich des Tretlagers von sich gibt. Nach ersten Fern- und Fremddiagnosen erweitert sich der Abendessenkreis um zwei Joghurt mit Müsliesser.

Paul zeigt sich im direkten Sinne von seiner direkten Seite und startet die Konversation mit den Wörtern die ihm aus dem Deutschlandaufenthalt in Erinnerung geblieben sind und ihm als passend von den Lippen gehen. „Ah from Hamburg! Fischköpp!“ Die Mienen der Beiden wackeln ein wenig. What’s your destination? (Wo soll‘s hingehen?) „Nach Parkistan! Über den Karakumhighway, gerade sieht es aber mehr danach aus als endet unsere Reise hier, unsere Fahrräder sind kaputt!“, antwortet Ulrike. Joachim rollt ein wenig die Augen und legt die Stirn in Falten. „Where is your stove man?“ schießt Paul hinterher, etwas verwirrt das er diesen nicht röcheln hört. „Abends essen wir Müsli“ entgegnet Ulrike. Die Beliebtheitsskala vergibt heute Abend keine Noten. Langsam nehmen wir die Töpfe vom Feuer und fangen ebenfalls an zu essen. Es duftet und es wird ruhiger um das Essen. Hmm! Jeder/Jede hmmt! Es ist Neumond, die Milchstraße ist hoch frequentiert und es entstehen vor dem ins Bett gehen, Bilder der leuchtenden Zeltstadt an einem wunderschönen Abend.

Am kommenden morgen löst sich die Gruppe auf! Es entsteht folgende Reihenfolge: Hamburg, USA, SSW-Hunsrück, AUS & Südeuropäer. Zum gemeinsamen Mittag, holen wir Kyla und Didier am Checkpoint vor Tavildara ein. Die Jungs vom Checkpoint reichen Brot und Plov, so wird aus dem spärlichen Einkauf im Dorfladen ein ansehnliches Essen für vier. Die Hoffnung, die anderen gleich um die Ecke biegen zu sehen, bleibt unerfüllt. Individuelles Tempo bringt uns an diesem Tag 58km weit. Am Ortsausgang von Kala-i-Hussain bekommen wir am Hoftor einen Brotfladen von 1m Durchmesser und eine handvoll Äpfel gereicht, paar Meter weiter sehen wir zwei Gestalten springend winken, als wir näher kommen sind Kyla und Didier bereits am Kochen, Joachim und Ulrike sind eifrig am Zeltplatz suchen. Der Abend geht früh in kleiner Runde zu Ende, vor uns liegt der erste Pass auf 3252m Höhe. Mit reichlich Müsli im Bauch geht es am Morgen Richtung Anstieg. Die ersten zwei Kilometer sind schweres steiles Gelände, die leichten Räder aus den Staaten klettern im stetigen Tempo den Berg empor, die Hunsrücker haben da bereits bedenken, ob sie den Pass überhaupt am Nachmittag erreichen können. Glücklicherweise ändert sich Qualität und Neigungswinkel zum angenehmen Schwitzen und so erreichen wir kurz nach 13:00 den Scheitelpunkt mit Kyla und Didier, dicht gefolgt von Christian und Katrin aus der Schweiz, die ebenfalls ToutTerrain radeln. Kurzer Lunch, Kälte, Magen und Kopfschmerzen meinerseits wehren den Appetit erfolgreich ab, dann geht es durch eine schroffe Schlucht hinunter ins enge Tal. Die Bremsen glühen die Augen tränen und die Räder müssen zielsicher mit voller Konzentration über die miserable Abfahrt gesteuert werden. In Qal’ai Khumb trifft die Straße zum ersten Mal auf den Grenzfluss Panj, der Tadschikistan und Afghanistan für ca. 300km entlang der Südgrenze im Wakanvalley trennt. In der Kleinstadt trifft zudem die südliche Route von Dushanbe ein, die der Schwerlastverkehr bevorzugt. Die erschöpften Radler checken im Gästehaus, nach Querung der Brücke, rechts am Fluss gelegen ein. Wir fragen mehrfach ob das Abendessen und Frühstück üppig ausfällt, da alle ziemlich ausgebrannt sind, doch als nach einer Suppenschüssel nichts Gehaltvolles nachkommt, klären wir mit der Küche den Energiebedarf der weit über der Suppe liegt. Gesättigt gehen wir zu Bett mit Gedanken an den Rest der Gruppe, die wir einen Tag hinter uns vermuten.

Dushanbe – (28.08. – 03.09.)

Spät erreichen wir die Tore der Stadt, vereinbarter Treffpunkt: Amerikanische Botschaft und dann bei Nacht durch die leuchtende City, vorbei an blinkenden Hotels, über die Brücke, die Dushanbinka (Fluss), entlang der Ostachse weiter der Hauptstraße und dann in die kleinen Gassen zu Familie Nazuloev, die im BMW sitzend, durch den Feierabendverkehr lotsen. Durch einen schmalen Häuserspalt schieben wir, die vier Radler das Equipment vor das Hoftor. Im großen Innenhof werden wir, wie überall herzlich empfangen, wir gehören dazu! Das macht ein sehr warmes familiäres Gefühl. Wir erzählen von den letzten Wochen, lauschen den Geschichten von Marco & Tiphaine, der Zufälle von Begegnungen, bis wir über Erzählungen ebenfalls im Innenhof ankommen und sich der Fokus auf Land, Leute und Gastgeber zentriert, die exzellentes Englisch sprechen. Vergnügt und entspannt geht der erste von insgesamt drei Abenden zu Ende.

Es ist Samstag, als wir am nächsten Morgen, erholt und frisch wie selten erwachen. Nach köstlichem Frühstück, mit Obst, Trauben, Schokolade, kleinen Pralinen, Käse und duftendem Chai, starten wir als Gruppe im Auto in den bepackten Tag. Erfolgreich sind wir heute nur beim Exchange von 200$ in tadschikische Somoni. Das GBAO-Permit, welches dem Reisenden, die Fahrt über den Parmir – Highway gestattet, kann auf Grund des nicht anwesenden Stemplers nicht ausgestellt werden. Eine qualitative Regenjacke für Marco, ist auch nach 2 Stunden in keinem der vielen Sportläden auffindbar und die Straße nach Norden in die Berge mit vermutlich grandioser Aussicht ist mit Autos verstopft. Zurück! Genießen wir einen entspannten Nachmittag, während wir interessiert der Zubereitung von Plov für das Abendessen auf der Outdoorküche folgen und parallel der Brotofen mit frischen Teigfladen bespikt wird. Aus allen Ecken duftet es und frisches Brot auf trockenem Stroh ein wunderschönes Bild hinter dem eine Menge Frauenpower steckt!

Sonntag ist Ruhetag, außer das Marco sein Hinterrad perfektionistisch reinigt und die Philosophie der Schalteinstellung studiert, passiert für die Jungs nicht viel. Anders Leonie und Tiphaine, beide besorgen Reiseproviant auf dem Bazar und kommen mit prallen Taschen zurück. Den Abend verbringen wir mehr oder weniger im Zentrum der Stadt im türkischen Kaffee! Bei WLAN und heißer Schokolade. Die zumindest Tiphaines Vater übel bekommt, aber auch wirklich nicht besonders gut schmeckt! Es ist spät als wir zurück am anderen Ende der Stadt ankommen. Abendessen steht bereits in der Mitte der ausgebreiteten Teppiche im Innenhof bereit! Wir werden verwöhnt und sind stets begeistert über das leckere Essen. Montag! GBAO-Permit! Das wird eine einfache Sache! Dachten wir, doch als Ardasher nach zäher Verhandlung zurückkehrt, müssen wir die Bearbeitungszeit von einem Tag hinnehmen! Auch ich fange an, an meinem Fahrrad zu basteln, oder besser den Adapter für die Lenkertasche zu modifizieren, Besorgungslisten zu schreiben und am Nachmittag die drei Kinder der Familie mit Jonglage zu unterhalten. Bis Parvinas Schwester einen Kontakt anruft und das Permit plötzlich doch nachmittags, Dank interner Kontakte, in unseren Händen flattert! Ein letztes Mal Mittagessen in großem familiären Kreis, ein traditionelles Gebet: in Gedanken an Vergangenes, gemeinsame Momente und die Reise die vor uns liegt, welches die Großmutter in offene Hände spricht und am Ende über Stirn und Gesicht streicht, was alle ihr gleich tun um das Gesprochene aufzunehmen. Die Räder sind gepackt. Wir haben so viel bekommen und genießen dürfen! Wir geben Freude und Liebe zurück: Es wird sich gedrückt, bedankt, gegrinst und gehupt als wir den Hof verlassen. Marco & Tiphaine Richtung Osten in die Berge, wo Tiphaines Eltern warten, wir in den Norden der Stadt zu Vero, einer französischen Gastgeberin, die seit Jahren nicht Nein zu Radreisen sagen kann 😉

Mit dem Einkauf entlang des Weges, klopfen wir nachmittags am nächsten Tor in Dushanbe und hoffen auf Einlass. Der Sicherheitsdienst entriegelt die Tür und als wir im Garten vor der Veranda stehen, genießen wir den Schatten und das französische Flair welches der Ort spontan ausstrahlt. Wir nehmen Platz und es dauert nicht lange und es klopft ein weiteres Mal an der Tür. Diesmal schwemmt eine Gruppe von sieben Radlern in den Garten. Zwei australische Paare, eines aus den Staaten und Radu aus Rumänien, welcher zu diesem Zeitpunkt der Einzige ist, der aus dem Pamir kommt und nicht auf dem Weg aufs Plateau ist. Es treffen eine Stunde später zwei Japaner ein und auf der Wiese poppt Zelt um Zelt, wie Pilze aus dem Boden. Als Vero gegen 18:00 ihr eigenes zu Hause betritt, staunt sie nicht schlecht über den Andrang in Küche und Garten. Sie nimmt es extrem gelassen, Sie stellt sich der Runde vor und steckt kurz die Regeln für zu Hause sein. Drei Tage rasten wir abermals, diesmal in der größten Fernradlergruppe der wir bis jetzt angehörten, denn einen Tag später treffen zwei Engländer und ein weiterer Amerikaner mit italienischer Freundin ein. Wir lachen gemeinsam über iranische Geschichten, kleine und große Abenteuer und genießen die Stimmung und ein großes Abendessen nach dem anderen. Tagsüber bleibt Zeit den Gepäckträgerschutz zu erneuern, auf dem Bazar Trockenfrüchte zu kaufen und dann erreicht uns am Abend nach vielem Bangen, Hoffen, diversen Post-ID Anfragen und kleinen Horrorszenarien unser Luftfrachtpacket von zu Hause, mit frischem Rohloff – Öl! Neuen Faltreifen und brandneuen Bremsbelägen die das Hauptproblem für den Verlauf der Reise gewesen wären. Am 03. September verlassen wir mit einem dankenden Gästebucheintrag den entspannten und sehr informativen Spot.