Debar – Vlore (25. – 31.10.)

Nach mehr als eineinhalb Jahren sind wir wieder da!

Ein reiches Land, das einst das erste und einzige atheistische Land der Welt unter der fatalen Herrschaft der Kommunisten war hat sich seine besondere Atmosphäre auf dem Balkan bewahrt. Rückblickend kommt es der Atmosphäre Zentralasiens mit der Gastfreundschaft und der Mentalität seiner überwiegend muslimischen Bewohnern greifbar nahe. Doch steht die religiöse Vielfalt, wenn auch nur durch kleine Minderheiten vertreten im Vordergrund und die einfachen Leute leben eine sehr angenehme Offenheit im Wandel der Jahre, seit sich das Land seinen Nachbarn und Gästen öffnet. Gleich sind die Menschen unverwechselbar, mit vertrauten Anblicken, wenn sie lachen oder beim Vorbeispazieren winken.

Über den nördlichsten Grenzübergang, den sich Mazedonien und Albanien teilen, führt uns die Straße erst auf uns bekanntem Gelände, dann über den Fluss „Drini Zi“ der nach Norden in die Berge fließt und kurz darauf klettern wir bereits über neues schottriges Terrain über die steilen Pisten Albaniens in Richtung dem südlich gelegenen Librazhd. Bei Wolkenbändern und flackerndem Sonnenlicht, das immer wieder durch die Himmelslücken aufblitzt, liegen Mazedonien und seine erhabensten Berggipfel beeindruckend in Sichtweite. Einsam und ruhig zieht der sanfte Wind die Nacht heran und in den Tälern glühen die Dörfer und Siedlungen, die wir am Tag zuvor durchfahren hatten.

Die Infrastruktur Albaniens hält ihrem Versprechen stand. Die Verbindungsstraße ist in Teilen ein laotisches Bauprojekt, kurz vor der Erneuerung mit dem Fahrrad jedoch keine laxe Nummer. Steil! Mal Schotter, mal ramponierter Asphalt, erst auf der Abfahrt ins Tal an den Fluss Shkumbini wartet die Straße mit Spitzenbelag auf. Mit dem erstklassigen Rückenwind durch das leicht abfallende Tal brausen wir Richtung Westen. Labinot fushë ein kleines Dorf, welches durch seine flussüberspannende Brücke auffällt, soll heutiges Etappenziel sein. Doch weder auf der gegenüberliegenden Seite noch am Dorfrand findet sich ein geeigneter Stellplatz, weshalb wir kurz ein Weiterfahren beratschlagen, durch Amarildo und seinen Schulfreund jedoch gastfreundschaftlich davon abgehalten werden. Amarildo läd uns zu sich und seiner Familie nach Hause ein. Ganz selbstverständlich mit achtzehn Jahren sieht er die Chance mit uns englisch zu sprechen, denn seine Geschwister sind in London am Arbeiten, doch besuchen sie ihn, wird nur albanisch gesprochen. Das nervt ihn und in der Schule gibt es nur theoriebasierten Unterricht. Zusammen schieben wir die Räder über die Brücke, die ein wohlhabender Albaner vor Jahrzehnten in Auftrag gab, um Natur und Land auf der gegenüberliegenden Seite zu erschließen. Dann öffnet sich das Tor zu Haus und Garten, auf welches Amarildo über den Fluss zuvor gezeigt hatte. Die Olivenbäume sind reich an Frucht, die Granatäpfel wiegen wie kleine Lampions an den zarten Ästen, gleich daneben reifen Clementinen und Orangen. Er stellt uns seiner Mutter, seinem Papa und der mit den Augen funkelnden Großmutter vor, die uns herzlich begrüßen und keinerlei Scheu zu haben scheinen. Kurz fallen im Gespräch viele Länder, als Amarildo seinen Eltern erzählt wo wir herkommen, dann zeigt er uns den Garten und all die vielen Obstbäume die kurz vor der Ernte stehen. Am Abend gibt es ein vorzügliches hausgemachtes Abendessen aus in der Pfanne erhitztem Frischkäse mit Chilli, frischem Brot, Oliven, eingelegten Paprikas, Butter Wurst, Joghurt und Feigenmarmelade zum Nachtisch. Im Sommer sei das Haus voll mit Familie, Kindern und Verwandten, doch im Herbst da sind es nur die Bäume und Sträucher im Garten lacht der Papa. Liebevoll und ganz nah ist sich die Familie untereinander, besonders die älteste Dame scheint mit ihrem pfiffigen Blick und der spritzigen Gangart, mit Amarildo und er mit ihr, viel Spaß zu haben.

Am nächsten Morgen sind wir früh auf den Beinen, eine ganze Woche hätten wir bleiben sollen, sagen die Frauen, dann hätten sie uns gezeigt wie sie den Käse, Joghurt oder die Butter machen, die nun vorverpackt in unsere Taschen wandert, zusammen mit all dem Obst das Amarildo noch in Eile vor Schulbeginn pflückt. Mit besonders glücklichen Naturalien winken wir den beseelten Mamas zum Abschied, Esat, ist bereits mit dem Auto zum Markt und Amarildo der uns tief beeindruckt hat verabschiedet uns an der Weggabelung zur Schule mit einer festen Umarmung. „Komm uns besuchen“, sagen wir im ganz oft. Er zuckt lässig die Schultern, dann sagt er: „Ja vielleicht“ und schlendert zur Schule.

Mit der gleichen Unterstützung an Wind wie am Tag zuvor schiebt es uns nach Westen. Nach einem üppigen Frühstück in Elbasan ist die Route nach Vlora einer Hafenstadt im Süden gesetzt, die Kulturlandschaft ändert sich in ein mediterranes Flair und ständig wechselt es zwischen Asphalt-, Schotter- und Steinpistenbelag, während wir dem Tal nach Kuçovë folgen. Landwirtschaft das bedeutet hier kleine Betriebe die nur selten Mitarbeiter beschäftigen, das Landschaftsbild wirkt deshalb so wild chaotisch, doch zur selben Zeit ruht alles in sich, wenn die Menschen auf den Äckern zu Gange sind und die ganze Palette an Hoftieren durch die Wiesen spazieren.

Am Abend hat uns Albanien mit seinen verrückten Straßen erneut in die Berge katapultiert. Schon geht die Sonne hinter dem gewaltigen Kamm vor uns unter und mit knochenharten Beinen werden die Fahrräder im Olivenhain geparkt. Es dauert nicht lange und ein Nachbar, der uns zuvor den Wassersack gefüllt hatte, bringt vier dicke Scheiben frisches Brot, dazu Käse und Tomaten! Lachend verschwindet er wieder! Kurz danach hört man uns schmatzen.

Oft denken wir, uns kann nichts mehr wirklich überraschen, doch gleich zwei Mal am kommenden Tag trifft uns dieser Zustand. Erst spendiert uns eine Familie 1 1/2 Liter frisches Olivenöl, als wir interessiert an einer Presse anhalten, die an der Straße liegt und aus der geschäftiges Treiben zu vernehmen ist. Denn gerade wird wieder ein Kunde gewechselt und zuvor müssen die Behälter gereinigt werden. Dann befürchten wir später am Tag, dass wir die ausgewaschene Straße, die vor uns liegt nicht einmal schiebend bewältigen können, so flussbettartig liegt die Lehmskulptur, die eine Straße ist vor uns.

An diesem Tag kommen wir tatsächlich nicht all zu weit. Weshalb Leonie schnell die Schnautze voll hat von weiteren Bergen, Schotterrampen und aus ihrer Sicht unnötiger Quälerei, die unverrückbar vor uns liegt. Denn mit vergleichbaren Etappen wie es die heutige war sind wir bis nach Vlora, welches sechzig Kilometer entfernt liegt noch drei Tage unterwegs. Doch wie immer sind dies nur zu präsente Momentaufnahmen und schon am Abend ist die Stimmung entspannter und mit dem Blick in Richtung Küste sind wir überzeugt, dass es nicht in dieser Art weiter strapaziös werden wird.  Wir liegen richtig! Es sind zwar noch einige Zacken auf dem Höhenprofil die vor uns liegen, doch am folgenden Abend ist gar ausreichend Energie zur Verfügung, um mit den Rädern auf die Gipfel mit grandiosem Weitblick über Vloras Küste zu radeln. Geschafft! Wohl wissend am Ziel zu sein genießen wir die letzte Nacht in Albanien über den Dächern der Hafenstadt, bevor wir am nächsten Tag zu unserer aller Freude mit Lotta der finnischen Radfahrerin, die wir einst im Iran getroffen hatten zusammen die Fähre nach Brindisi nehmen. Albanien bleibt eines der schönsten Länder auf dem Balkan auch wenn es an der Küste an Scharm etwas eingebüßt hat, finden sich noch die kleinen Märkte, die einfachen Bäckereien und die ungezwungene Gastfreundschaft wie auf dem Lande. Klein und Reich, es wird wieder eine Reise hier her gehen!

 

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