Irkeschtam (Grenze) – Kashgar (12.10. – 18.10.)

Militär, Polizei, Grenzbeamte und viel mehr Reisende warten, erwarten oder erraten besser gesagt den bürokratischen Ablauf, die eine Reisegruppe wird hier plaziert, die nächste dort zum Warten geparkt, hier wird der Pass kassiert, dort die Unterhaltung unterbunden und in Mitten des Kulturwandels steht der Nachtbus aus Osh aus dem plötzlich Katrin und Christian aussteigen. Die beiden Schweizer aus der Nähe von Zürich, die wir auf dem Weg nach Khorough verloren hatten, in Osh aber wiedergetroffen hatten. Die zwei, so scheint es sind bereits einen Schritt weiter. Fahrräder und Gepäck stehen gut sortiert im Bereich der Verladungsabfertigung, von dort wird es dann mit dem Taxi nach Wuqia weitergehen. Wer jetzt denk: „Ah die Schweizer, erst mit dem Shuttelbus zur Grenze und dann gleich mit dem Taxi weiter!“, der irrt. Alle Touristen, selbst die kirgisischen Grenzgänger müssen das ca. 160km lange Stück bis nach Wuqia mit dem Sammeltaxi überbrücken. Grund hierfür ist, dass die tatsächlichen Einreise- und Immigrationsbüros erst in der benannten Stadt die Pässe und Visa einscannen, wonach die Einreise korrekt abgeschlossen ist. Vorher ist es dem Reisenden nicht erlaubt, sich frei auf chinesischem Boden zu bewegen. Lukrative Sache für die Taxifahrer, die eigens den Preis mit den Neuankömmlingen aushandeln. Da kann die Preisvorstellung schon einmal weit auseinander gehen. Zu Viert zahlen wir nach Verhandlung später 600 Yuan was etwa 100$ entspricht.

Selbst wir irrten uns gewaltig mit Katrins und Christians Weiterreise an diesem Punkt und selbst die Beiden irrten auf andere Art, an einer anderen Stelle, denn als sie mit dem Bus die Grenze passierten und nach langer Zeit die Pässe auf das chinesischen Visa kontrolliert wurden, stellte sich heraus, dass nicht ein Irrtum vorlag sondern die Visa um zwei Tage ihre Gültigkeit verloren hatten. Den Beiden war nur ganz leicht schweizerische Selbstkontrolle, falls es so etwas überhaupt gibt, anzumerken. Wüsste ich einen kraftvollen Schweizer Fluch, er würde hier gut Platz finden, aber selbst wir konnten es kaum begreifen, vielleicht lief auch noch alles im Schema Aktion-Reaktion. Uns vier schlugen die Herzen bis zum Hals, immer wenn wir/ich mich hineinversetze, stehe ich mit der Unterkante Unterlippe in der Jauche! Leonie wiederholt am Tag und den danach mehrfach, sie könne in dieser Situation nicht innehalten, Heulen, Schreien oder etwas in Stücke zerlegen! Das wäre das mindeste, die beiden Grenobler nicken dann meist einverständlich. Stark beeindruckt und in vollem Mitgefühl für die Beiden, das wir nur unpassend zum Ausdruck hätten bringen können, winken wir den Beiden im Rücken zu, als sie zurück nach Irkeštam rollen.

Das Pickup-Taxi brummt über die Autobahn, die, so schein es nur für Taxis und Schwerlastverkehr gebaut wurde, Richtung bürokratische Erfassung. Braun-beige Berge, Täler die durch das Braun seitlich verwindend schwinden und gen Himmel rennen, mal eine kleine Siedlung, dann ein Checkpoint, wieder sandfarbene Landschaft mit spärlichem Bewuchs. Tankstellen die Kasernen ähneln, wir tanken. Besser: Wir müssen das Auto vor der Tankstelle verlassen und der Fahrer tankt, er setzt zurück, passiert die Sicherheitsschranke, alle wieder rein, weiter geht‘s! Plötzlich wird die Straße breiter, wir rollen auf eine Art Terminal zu und sind da. Im Inneren des Hangers: Offizielle, viele Schalter und Sicherheitsschranken. Eine größere Gruppe wartet auf Abfertigung, Kameras an jeder Ecke und jedem Winkel, alle mit Wärmesensoren und alle vollautomatisch, sodass sie, ist man einmal aufgefallen (markiert), den Blick nicht mehr von einem nehmen. Auffällig ist die große Liste der Verbote und verbotenen Gegenstände! Was nahezu all unseren Proviant miteinschließt. Clément und Matthieu werden mit all ihren Wurst- und Käsevorräten nervös und beschließen diesen Teil des Proviants schnellst möglich mit dem Brot aus Irkeštam zu retten! Indem es die Scanner im Magen passiert. Auch wir nehmen unser Mittagessen zur Brust und siehe da, auch die anderen Reisenden erst schmunzelnd, dann über Flyer realisierend, freunden sich mit dieser Variante der Rettung an. Da sitzen plötzlich mehr Leute mit ihrem Essen, als Leute die auf schnelles Vorankommen hoffen, denn je nach Ausmaß der Vorräte und Trainingsstand der Verwertung, braucht es eben Zeit 400g Käse, 1kg Currykichererbsen, zwei Brote, drei Würste, 100g Butter und Dreierlei aufzunehmen. Wir beschließen das frische Gemüse in den Taschen auf Risiko und geflunkerter Unwissenheit mit einer großen Masse an anderen Radtaschen durchzumogeln, sodass es dem Scanner schwindlig wird! Zack! Guter Trick alles in der Tasche, Stempel im Pass, der Rest im Magen und nix wirklich verschwendet.

Von hier nach Kashgar, durch das Land der Uriguren. Die ersten Bögelchen, die ersten Tritte und Schritte, so viel Kontrast in Gedanken an das, was hinter uns liegt. Entzückt und staunend passieren wir einen Schulhof, auf dem riesige Schülergruppen, an den Knöcheln zusammengebunden im Takt zur gepusteten Trillerpfeife des Lehrers, den Hof zu queren versuchen. Wir schmunzeln über den kalkulierten Spaßfaktor und cruisen durch die Stadt ins Freie der Felder und Plantagen, Richtung spärlich detaillierten Karteninformationen unseres Kartenmaterials. Es gäbe die Möglichkeit, über den Highway zu gähnen, doch nach so viel Highspeedtransport, entscheiden wir uns für die unbefestigten Wege und dürfen sogleich den ersten Fluss, der glücklicherweise wenig Wasser führt, queren.

Am darauf folgenden Tag, knistern und rattern wir gemeinsam über Schotterpisten durch ein weites breites Tal. Es wird wärmer, fast heiß als wir nach 30km wieder Asphalt berühren. Sogleich im kleinen Ort am Checkpoint werden wir angehalten. Reisepässe! Visa! Die Pässe wechseln verschiedene Hände, keiner der Leute ist sich sicher wo der Namen, die Passnummer oder das Geburtsjahr steht. Hier ist Mann nur chinesische Charakter gewohnt. Nach Diskussion geht es weiter, mit dem Wissen das im nächst größeren Ort wieder eine Kontrolle auf uns wartet. Am Ortseingang eskortiert uns die Polizei ins Zentrum zum Revier, auf dem wir registriert werden und nahezu jeder Polizist die Pässe die Räder und unsere Namen checkt. Nach 30 Minuten dürfen wir den Innenhof der Polizeistation wieder verlassen. Der Magen meldet Hunger, bei dem Versuch an einem kleinen Imbiss an der nächsten Ecke zu stoppen, drängt uns jedoch die Polizei, die in zivil folgt, die Stadt in Richtung Kashgar zu verlassen. Verdutzt wird weitergestrampelt und nach der nächsten Kreuzung, die nach Kashgar abbiegt gelingt es einen Platz zum Mittagessen zu finden, den wir genießen. Gut gestärkt sitzen wir auf und erreichen nach eineinhalb Stunden Highspeedasphalt die von hier 36km entfernte Stadt. Im Stadtzentrum stürze ich noch kurz mit eingerastetem Klickpedal in den Bürgersteig, gleich beim Bazar um die Ecke, dass die einheimischen Fußgänger, beherzt lachen, danach checken wir sicher im Hostel der Oldtown ein. Nach witziger Verhandlung beziehen wir das Mehrbettzimmer für 5 Nächte, bis der Zug uns nach Chengdu bringen wird.

Im Hostel selbst herrscht quirlige Stimmung, die Schweizer aus Bern, das deutsche Päärchen aus Dresden, beide sind Tags zuvor angekommen, ein wenig stellt sich das TES Feeling ein, als Céline und Origan für zwei Nächte das Zimmer mit uns teilen, da ihr Couchsurfer sie gegen Neuankömmlinge eintauscht. Der Innenhof und die überbalkonten Terrassen laden zum Frühstücken und geselligem Miteinander ein. War Osh ein Ort an dem viele Reisende aus Europa zusammentrafen, so sind sie hier deutlich geringer in ihrer Zahl im Vergleich zu den „einheimischen Reisenden“.

„Monkey“ ein Chinese aus dem Osten der Volksrepublik, der hier Ferien als freiwilliger Helfer leistet, findet regen Gefallen an uns Radreisenden. An einem Abend kaufe ich zusammen mit ihm für ein Nudelgericht mit Öl auf dem Bazar und im Nudelladen der Stadt ein. Spektakulär wird gebrutzelt und lecker schmeckt‘s! Besten Dank an den Koch. Mit den Tagen wächst die Radszene mit Ro und Zy, aus Changsha die gerade von Lhasa kommen und mit Fred, der als Schwede perfektes chinesisch spricht.

Der Nachtbazar packt uns mit all seinen neuen, verrückten Variationen an Snacks, überall brodelt, brutzelt, köchelt, dampft oder raucht es aus Töpfen, Pfannen, rußigen Kesseln oder wabernden Grills. Vorwiegend Fleisch, alles was als Fleisch oder Tier identifizierbar ist oder war, wird angepriesen. Hautlappen, Darmschläuche, Schweinerüssel, Hühnerkrallen, Ochsenschwanz, Hoden und Ochsenhuf, seien einmal die Dinge die direkt ins Auge springe. Drüben fliegen und knallen die Nudeln, kleine vegetarische Bissen sind die Ausnahme, aber geschmacklich delikat! Aber nicht nur der Nachtbazar dampft, jede kleine Snackbar auf der Straße bläßt den Qualm mit starken Ventilatoren gen Himmel und hüllt die Nacht in ein ganz eigenes kashgarisches Flair.

Nachdem die Räder, nach sorgfältigem Verpacken, für den Transport bereitstehen und der Herr vom Bahnservice unsere Verpackung nicht so recht akzeptieren will, bedarf es kleiner Änderungen, einem extra Packet und hier und da ein paar Gramm Nerven. Dann verlassen sie uns im Transporter Richtung Chengdu. Zu Fuß durch die Stadt, seit Monaten kein Rad zu Verfügung, auf dem Hauptbazar der Stadt decken wir uns für die Zugfahrt ein und staunen auf dem Rückweg durch die verwinkelten Gassen der alten Stadt in der Stadt, die abgekapselt ohne jegliche Verbindung im Zentrum ein Eigenleben brühtet.

Mit dem Bus Nr. 86 nehmen wir Fahrt zum Bahnhof auf. Nervös ob unser Gepäck mit Messer, Schere, Werkzeug, Bremsflüssigkeit und anderen speziellen Dingen den Bahnhof, der einem westlichen Flughafen gleicht, passieren wird. Schere und Gaskartusche schaffen es nicht, wir sind froh den Rest behalten zu dürfen. Es wartet jeder und alles auf den Zug. Drei Tage werden einen großen Abstand zwischen heute und Chengdu bringen, zu viert sind wir gespannt und warten.

  2 comments for “Irkeschtam (Grenze) – Kashgar (12.10. – 18.10.)

  1. 17. November 2015 at 13:14

    Hallo ihr zwei!

    Es ist uns eine Ehre, in eurem Blog erwähnt zu werden, auch wenn nicht gerade unsere Glanzleistung beschrieben wird… 🙂
    Mittlerweile sind auch wir in China eingereist und schicken euch liebe Grüsse aus Chengdu!

    Kathrin & Christian

    • Philleo
      17. November 2015 at 13:40

      Das freut uns zu hören!
      So hattet ihr wenigstens noch Zeit das schöne Kirgisistan zu erkunden!
      Chengdu ist super! Wo geht es von dort aus hin?

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