Ada Bojana – Pogradec (14. – 19.05.)

Als wir die Grenze von Montenegro passieren, warten hinter ihr die ersten Gipsys. Eine erkennbare albanische Grenzstation erwarten wir vergebens. Von Astrid, Jude und Bruce haben wir den Tipp des Green Garden Hostel`s in Skhoder, das wir gezielt anfahren. Das Flair auf der Straße ändert sich, je tiefer wir ins Landesinnere radeln und als wir die Stadt an den zwei Flüssen erreichen geht auf der Straße die Post ab. Drei Straßen in beide Richtungen gefüllt mit Autobussen, Reisebussen, kleinen, großen Lastwagen, neben Eselkarren, selbstgebauten Lastenmopeds, Rollern, Vespern, Motorrädern, Radfahrern, dicken alten Mercedes, Traktoren, Fußgängern und Baumaschinen. Alle ohne System in Richtung innerer Stadtkreisel, die einzige Regel ist die Autohupe und Mut zur Lücke im dichten Gewusel aus Allem und Jedem. Hunde und Katzen, ich vergas, es entsteht der Eindruck von Stress und Chaos, doch jeder findet seinen Weg in den unmöglich erscheinenden Lücken. Uns gefällt das bunte Durcheinander und ohne uns im Hostel angemeldet zu haben checken wir nach fünf Minuten warten bei Mikel auf der Veranda für zwei Nächte ein. Die Idee für ein Hostel hatte er schon vor drei Jahren, vor drei Wochen hat er das Hostel eröffnet, auf der Einweihungsfete hat ihm dann ein Bekannter den Tipp der Warmshower Plattform gegeben, seit dem kommen täglich Radreisende im grünen Garten unter. Eine halbe Stunde später sitzt Amelie auf der Treppe. Ebenfalls mit dem Rad nach Osten unterwegs und Zufall, auch Physiotherapeutin. Wir kochen gemeinsam, es ist unsere erste Nacht in einem Hostel, welches in den Startlöchern steht, denn Struktur ist keine in Sicht. Ideen gibt es reichlich, die Umsetzung stockt, denn auch ein junger Hund wartet dringend auf Erziehung und Regeln. Am nächsten Tag werden wir von Mikel eingeladen, die Stadt zu besichtigen, er erzählt viel über die historische Stadt Shkoder, über das alte Sommerhaus des kommunistischen Präsidenten am Seeufer. Mittags essen wir typisch albanisch und fahren am Nachmittag in die Berge an einen Gebirgsbach um in der Hitze ein Bad zu nehmen. Vielen Dank! Für so viel Gastfreundschaft, urbane und naturelle Highlights! Gegen späten Nachmittag füllt sich das Hostel mit weiteren drei Radreisenden und fünf Backpackern. Als die Hunde des Nachts ihre lärmenden Auseinandersetzungen beilegen, fängt der erste Hahn zu krähen an. Um 11:00 Uhr starten fünf bepackte Räder: zwei Spanier (Omar und Sergio), eine Französin (Amélie) und unsere entspannten Beine Richtung Tirana. Die Gruppe trennt sich auf halber Strecke, Leonie und ich fahren Richtung Osten in die Berge, drei Reisende steuern gen Tirana. Alle sind wir mehr oder weniger Richtung Istanbul unterwegs. Wir drücken uns und vertrauen darauf, dass wir uns Wiedersehen.

Die Berge Albaniens sind grandios, die Menschen unglaublich freundlich und die Autofahrer die respektvollsten auf dem Balkan! Es ist bereits später Nachmittag, die Straße ist im Begriff sich den Weg ins Tal zu schlängeln, als wir am Rande eines Feldes mit einem Bilderbuch „Point it“ erklärend nach einem Stück Wiese fragen um ein Zelt aufzubauen. Der erste Versuch endet sitzend im frisch gewendeten Heu, während Esat raucht und uns alle Objekte im umfangreichen Bilderbuch auf Albanisch benennt. Nach einer Weile gesellen sich seine Frau Xhevrijio, Soila und ihre Mutter Fatmira zu uns. Die Familien und Verwandten, soweit wir die Zusammenhänge richtig deuten, wohnen auf einer kleinen Anhöhe oberhalb der Landstraße. Die Arbeit auf den kleinen Höfen ist zu tiefst bodenständig, alles ist Hand in Hand organisiert und bis auf wenige Ausnahmen wird alles zum Leben notwendige selbst produziert, zubereitet und verwertet. Nahe einem geschlossenem Kreislauf ohne Auto mit Esel, Pferd und Hühnern. Wir sollen unser Zelt nicht auspacken wir sollen duschen und im Wohnzimmer schlafen, abends gibt es Kraftbrühe mit Fleisch und selbst gebackenem Brot. Nach und nach lernen wir das Umfeld kennen und werden bekannt gemacht mit dem inneren Kreis der Familie. Indrit der Sohn von Esat´s Bruder spricht am Abend doch ein little english und hilft uns die wichtigsten Fragen zu kläre, das auch die letzten Hemmungen fallen. Leonie findet sich dann prompt in den Armen von Xhevrijio wieder mit Küsschen und mütterlicher Wärme. Der Abschied wird zelebriert mit extrem gutem Kaffee.

Die Räder rumpeln hinunter auf die Landstraße, ein letztes Mal winken wir Esat der rauchend im Heu neben Pferd und Zugschlitten steht. Mittags wird uns die Hitze in den Schatten zwingen, mich interessieren die Pisten abseits der Landstraße, vor allem weil wir mehrfach gewarnt wurden wie schlecht die Qualität dieser Straßen sein soll. Während Leonie im Schatten Beine und Nacken lockert und relaxed, suche ich Rad 🙂 bei Einheimischen, um das Vorhaben der Nebenpisten ins Gespräch zu bringen. Nach hitziger Diskussion wagen wir den Versuch. An einer Haarnadelkurve kurz hinter Klos führt die Asphaltstraße leicht abfallend nach rechts über den Bach um dann gnadenlos 7 km mit 14% gen Gipfel zu klettern, um dann ohne Vorwarnung in übelster Schotterpiste weiter Richtung Gebirge zu führen. Körperlich stoßen wir für den heutigen Tag an unsere Grenzen. Ich muss einsehen, dass es bei einem Versuch bleiben wird, wir drehen die Räder ins Gefälle und rumpeln ein zweites Mal an diesem Tag Richtung Landstraße. Wortlos steigt diese an der Stelle an der wir sie verließen in 8km auf das gleiche Niveau. Der Tag bleibt uns auf seine persönliche Art in Erinnerung kurz vor dem Pass der den Weg ins nächste hochgelegene Tal freigibt übernachten wir erschöpft bei angenehmer Frische, etwas abseits der Straße und spüren zum ersten Mal seit fünf Wochen wie schön sich Regen anfühlt.

Mit Wind von vorne verlassen wir für etwa sechzig Kilometer Albanien um über mazedonisches Gebiet Richtung Pogradec in Albanien zu brausen, beim Wiedereintritt an der albanischen Grenze, nach einem knackigen Anstieg, fahren in Gegenrichtung drei deutsche Jungs an uns vorbei, sie sind in Eile, bis Orchid sind es noch vierzig Kilometer zu kurbeln. Zufällig erzählen sie, das auch sie Amelie, Omar und Sergio getroffen haben, welche ein Stück hinter ihnen in gleicher Richtung unterwegs seien. „Gute Reise!“ wünschen wir uns, nicht wissend die drei Heitzer in Thessaloniki wiederzusehen. Auf der Abfahrt erwarten wir jeden Moment die Fünfergruppe wieder aufleben zu lassen. Spätestens in Pogrodec! Wir verpassen uns an der einzigen Kreuzung um ca. eine Stunde und sind im Chill Out Hostel die einzigen Gäste von Mat aus Schweden. Der sich sehr gut um uns sorgt und uns ein super leckeres Frühstück bereitet. Mit umgerechnet 3,50€ werden wir am Abend zuvor noch satt und können uns am nächsten Morgen ausreichend mit Proviant für unsere Bergetappe eindecken. Gegen den Uhrzeiger am Ufer des Ohridsee verlassen wir Albanien, das uns tief berührt und beeindruckt hat. Wir werden sicher wiederkommen!

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