Bazargan – Salman Sharh (11.07. – 20.07.)

Es ist 11:00 Uhr, wie besprochen passiert uns in diesem Augenblick die iranische Bergsteigergruppe inklusive Keivan, die auf dem Heimweg sind. Gemeinsam erreichen wir den Checkpoint, müssen unsere türkischen Ausreisestempel, samt des iranischen Visa vorweisen, dann ein weiterer Schalter hinter einem Gittertor, welches wir mit zwei Lieferwagen und einem deutschen Endurofahrer passieren. Nach der Aufregung eines Schusswaffenfundes im Handschuhfach des kurdischen Transporters, rammt uns der Beamte den Einreisestempel mit Wucht in den Pass! Glücklich auf iranischem Boden zu stehen, geht es voller Freude hinunter ins Tal, wo uns Keivan die ersten Dollar zu einem guten Kurs wechselt, wir in alle Ecken des Landes eingeladen werden und 15km später bei Familie Soleimany im Wohnzimmer willkommen geheißen werden. Die Familie hat Spaß mit uns, Sara (17) spricht exzellentes Englisch, Mama (Parvane) und Papa (Ismail) können dem Englischen gut folgen. Es gibt eine Fülle von Snacks, kalte Getränke, zwischendurch Chai und eine Menge zu erzählen und zu fragen. Abends geht es mit dem Auto durch Mako, auf der Suche nach einem radfahrtauglichen „Kittel“, der im besten Fall aus Baumwolle sein sollte. Keine Chance! Durch enge, steile Gassen manövriert uns Keivan zum historischen Spot unterhalb eines gigantischen Felsüberhangs, der die im Tal liegende Stadt zu überspannen scheint! Keivan kommt oft hier her, sei es zum Klettern, Picknicken, oder um eine Möglichkeit zu finden, wie er in die Felshöhle ca. 48m oberhalb von ihm gelangen könnte, in der er eine große Menge Gold vermutet. Über schummrig beleuchtete Straßen, auf denen die Iraner ganz eigene Regeln haben geht es mit Schwung zum Abendessen. Im Innenhof auf der Terrasse, die mit Teppichen ausgelegt ist, isst die Familie mit uns auf dem Boden sitzend. Kimiya, Keivans älteste Schwester arbeitet als Lehrerin ihr Mann hat eine Waschanlage für große Trucks. Wir fühlen uns wie zu Hause, der Abend, die Menschen, das Essen! Köstlich! Am nächsten Morgen verabschieden wir uns mit zwei fossilen Steinen im Gepäck, mit geeignetem Oberteil von Sara und der von Parvane geflickten Radhose. In Mako’s Downtown organisiert uns Keivan eine Irancell SIM-Card, Kuchen und leckere Fladen, dann drücken wir ihn zum letzten Mal und versprechen ihm gut auf unsere Steine aufzupassen. Ring Ring! Khodahafez!

Der zweite Tag im Iran, wir beide können es noch immer kaum glauben. Weit hinter Mako, als die Straße an Gefälle verliert ist es 38°C, Mittag und in einer Baumplantage rasten, schwitzen und hecheln wir durch den Nachmittag, träumen von dem Gefühl des Frierens und schieben uns eine Aprikose nach der anderen zwischen die Backen 🙂 Gerade ist Hochsaison, selten haben wir so leckeres Obst genascht. Am Abend mit Wasserreserven von einem Restaurant an der Straße, an der wir zum ersten Mal einen Chai bezahlen mussten, finden wir in hügeliger Steppe einen ruhigen Zeltplatz und entscheiden am nächsten Morgen um sechs Uhr aufzustehen, um uns nicht wieder, wie an diesem Tag zu sehr zu toasten.

Heutige Tagesetappe ist Marand. Der Tag besteht ab frühem Vormittag im Wesentlichen darin, den Kopf mit einem getränkten Tuch zu kühlen und ausreichend Wasser zur Verfügung zu haben. Es geht schnell voran, vorbei an Aprikosen-, Kirchbaum- und Melonenplantagen. Über Straßen die nicht zum Rasten einladen, da weit und breit kein Schatten auszumachen ist. Einzig eine überdachte Bushaltestelle lässt uns mit den Kids aus dem gegenüberliegenden Dorf eine kurze Pause einlegen, in der einer der Jungs unsere Flaschen auffüllt. Noch einmal stoppen wir im Schatten einer Garage in der Obst gelagert wird, die wir dann mit reichlich Aprikosen und Kirchen verlassen, die uns einer der Jungs in die Taschen füllt, dann erreichen wir Marand. Es ist Nachmittag, heißer als gestern, und 116km liegen hinter uns. In Marand kommt uns Akbar bereits auf dem Fahrrad entgegen, drahtig sportlich, empfängt er seit Jahren Fernradreisende auf dem Weg der Seidenstraße. Er trägt ein T-shirt mit der Aufschrift: Warm Shower/a platform for hosting travellers by bike. In seinem Laden der in kleinem Umfang aber gezielt alle Grundprodukte abdeckt, herrscht quirliger Betrieb. Wir sind Radreisende 617 und 618, seit Akbar Radreisende empfängt. Die Marander Bürger wissen, hier gibt‘s immer was zu erzählen und Neues zu sehen und einen Fladen und etwas von Diesem und Jenem kann man immer gebrauchen. Beate wird sich bestimmt an die Atmosphäre erinnern! Ich bin mir sicher 😉 Die Bilder von euch Beiden und der größeren Gruppe hatten wir schnell gefunden! Im Laden sollen wir uns nehmen, was wir brauchen, der erste Griff geht zu kühlem Saft und Fladen. Kauend und klebend vor Schweiß fährt unser System gerade auf Ruhemodus als ein kleiner, lauter, hektischer und extrem schnell englisch sprechender Mann uns seine Idee aufdrängt ihn durch die Stadt zu begleiten, um einen Überblick zu bekommen. Unser „Jaein!“ wird als „Ja!“ interpretiert und es folgt eine 2 1/2 stündige One-Man-Show in der wir mehr das Gefühl haben, das wir all seinen Freunden in der Stadt präsentiert werden und er sie stets dazu drängt ein paar Sätze auf englisch zu sprechen. Wortdichte und Schrittdichte sind gleich, wir marschieren mit müden Beinen hinterher, zum Ende zeigt er uns diverse Fotos von ihm und Reisenden, die vermutlich das gleiche durchleben mussten, auch ein Selfi mit uns, geht klar! Dann geht‘s zurück, zwei Ecken vor Akbas Supermarkt fragt er uns, was uns der Guidetrip wert sei, erschöpft und verblüfft, gestehen wir das wir kein Geld dabei haben und uns die Frage komisch kommt. Auf der Stelle bedankt er sich und muss plötzlich gehen, da sein Geschäft wartet. Zerstört lassen wir uns in Akbas Laden auf die Stühle plumsen und trinken den restlichen Saft.

Kurze Zeit später taucht ein Doktor der Forstwissenschaften im Laden auf, der mit uns über Freiburg ins Gespräch kommt, da er 2011 einen Kollegen am Freiburger Institut besuchte, er läd uns ein für uns am Abend in der kleinen Hütte von Mohammedreza auf den Bergen außerhalb der Stadt zu kochen. Wir packen unsere Sachen und fahren mit Mohammedreza, der mit seinem Auto auf uns wartet 30 Minuten Richtung Osten, auf einen Hügel mit wunderbarem Blick auf die Stadt und ins Umland. Der Weg zum „Cottage“ ist im letzten Streckenabschnitt nur im Rückwärtsgang über einen steilen Stich zu bewältigen. Das bestätigen später auch Akbar, der Doc und ein weiterer Freund, die gegen 23:00 Uhr, zu unserer Überraschung erst die Zutaten für das Abendessen anfangen vorzubereiten und sich in heller Freude über den speziellen Ritt durch die Berge immer wieder grölend ablenken lassen. Gegen 23:30 erhält Akbar zusätzlich die Meldung, von drei weiteren Radlern, die in der Dunkelheit auf dem Weg zu ihm sind! Unser Hunger übersteigt an irgendeiner Stelle den Zenit, sodass wir gegen 00:30 kaum in der Lage sind wirklich ausreichend zu essen. Der Tag war letztlich kalorisch nur mangelhaft durchdacht. Zum Glück hatten wir die 2kg Aprikosen, Kirchen und vier kleine Fladenbrote mitgenommen. Sonst hätte die entspannte Atmosphäre deutlich mehr gelitten. Zurück in Marand treffen wir am Morgen in Akbars Laden Bard und Sebastian, die nächtlichen Radler. Da es schon nach 10:00 Uhr ist verabreden wir uns auf dem Freecamping in Tabriz, um uns dort in Ruhe austauschen zu können.

75km, davon die ersten 10km bergauf, so die Ansage aus Marand. Drei Stunden, wenn man auf Druck fährt, Vier bis fünf wenn man chillt. Wir erreichen Tabriz und den Camping, der wirklich schön ist abends um kurz vor sieben. Froh einen Platz zu haben, an dem man für sich sein kann. Mit Dusche, Toilette und Stromanschluss erholen wir uns von massivem Verkehrsaufkommen, speziell 20km vor der Stadt und einem hitzigen Tag mit dunklen schweren Abgaswolken, immer dann, wenn ein alter Truck zwei Radler mit Gangwechsel überholt! Im Stehen rückwärts auf den Rücken ins Gras fallen lassen! Der Rasen auf dem Camping ist so dick wie eine Matratze, außergewöhnlich kräftig und abfedernd, wir versinken in der Wiese als wir über Halmspitzen Monika und Bard (aus Polen) mit Sebastian (aus Rumänien) die Räder über die Wiese schieben sehen. Sebastian ist minimalistisch unterwegs und hat sich nach ca. 2 Monaten von einigen Sachen bereits getrennt, Monika & Bard sind bis in die letzte Ritze ausgestattet und sind auf derselben Route wie die Weltradlenker unterwegs. Zu fünft teilen wir für den Abend das private Gefühl, die beiden Jungs organisieren die Reparatur des Gepäckträgers, Leonie und ich kaufen für das Abendessen ein, mit tatkräftiger Unterstützung eines Kunden, den wir im Radladen treffen, der uns auf eigenem Rad zum nächsten Gemüseladen, zum Allerleiladen und zum MTN Irancell Store bringt. Denn die aus Mako stammende SIM-Card scheint seitens des Netzanbieters nicht entsperrt worden zu sein. Nach andauernden Erklärungsversuchen, gesellt sich aus dem Frisörsalon nebenan ein älterer Mann zum Geschehen dazu. Er klärt die wesentlichen Problempunkte, die Dame von MTN versichert, das die SIM-Card morgen bereit steht! Wir fragen nach einem Internetpaket spontan werden wir vom selben Herrn der gut Deutsch und noch besser Englisch spricht eingeladen und erfahren von ihm das er in Tabriz Inhaber einer Schokoladenfabrik ist (mmmhhh…Schoki). Wir bedanken uns herzlich, geben ihm unsere Travel Business Card mit kurzer Beschreibung, dann setzt er sich zurück auf den Stuhl des Coiffeur und wir zurück auf die weiche Wiese auf der fünf Reisende zusammen zu Abend essen.

Spätestens beim Frühstück merken wir, wir sind deutlich weniger durchplant als Bard & Monika, dass wir nur eine begrenzte Aufenthaltsdauer von zunächst 30 Tagen haben spüren wir noch nicht. Die Beiden allerdings haben einen richtigen Zeitplan wissen genau, dass sie heute den Zug nach Teheran nehmen, dort die Visa für Turkmenistan und China beantragen und während der Bearbeitungszeit die Räder bei ihrem Host stehen lassen um mit dem Bus nach Isfahan und Yazd zu fahren. Der Vormittag plätschert dahin, wieder MTN Store, diesmal checken wir nicht wie wir das Internet in Gang bekommen, dann Wechselstube und schließlich Bazar. Spontan entscheiden wir uns mit Sebastian einen Bus in das 180km entfernte Miyaneh zu nehmen um die Mittagshitze zu überbrücken und das Dröhnen der Trucks zu skippen und im Abend ein Stück in die Berge Richtung Kaspisches Meer zu fahren. Als wir dort aussteigen, ähnelt das Gefühl einer Trockensauna. Den Temperaturkontrast noch nicht überwunden, beladen wir die Räder und werden bereits zeitgleich von dem ersten Passanten gefragt, aus welchem Land wir kommen, wir antworten bereitwillig, dann startet er seine Questionattak. Eine Liste an persönlichen Fragen, die er und die Dazugesellten eine nach der anderen abhaken. Als ich die Dummheit begehe, auf die Frage, ob ich an Gott glaube, mit nein zu antworten, habe ich den Salat! Sein englisch wird bissiger und er fängt an mir richtig auf die Pelle zu rücken. Mit Mühe und Not können wir uns aus der Situation winden, satteln die Räder, kaufen um die nächste Ecke ein und verlassen diesen hitzigen Ort der Diskussion. Wir biegen links ab, verlassen die Hauptroute nach Teheran und folgen dem Tal ins Gebirge. Langsam beruhige ich mich wieder und mache ebenfalls ein Häckchen hinter den Patzer. Der Fluss im Tal führt trotz der extrem trockenen Hitze Wasser, was auch den Anbau von Gemüse, Obst und Reis erklärt. Einen Schlafplatz finden wir unter Bäumen in einer Obstwiese, es gilt schnell zu sein, Abendessen vorbereiten, Zelt stellen. Wenn es dämmert sind wir uns sicher werden wir eine Massivattak, diesmal von Moskitos erleben! Sebastian ist da entspannter, unser Plan scheitert im Moment als uns zwei Bauern erblicken, kurz abklären wer wir sind und von wo wir kommen! Dann sollen wir ihnen auf das Feld in Blickrichtung folgen. Leonie bleibt zurück in der Hoffnung den Plan zu retten, Sebastian und ich kommen nach einer Stunde mit ca. 8kg Gurken und paar scharfen Paprika zurück. Kurz noch verweilen die Beiden in sich ruhenden Iraner in unserem Kreis, als wir ihr Angebot ablehnen zu ihnen nach Hause zu kommen, schwärmen die ersten Wolken aus Moskito über uns und die Beiden treten den Heimweg an. Die Nacht ist vergleichbar mit Erzurum nur ohne nasses Handtuch. Mit dampfendem Essen simulieren wir den ersten Dahl-Saunaaufguss des Abends im Innenzelt und killen gleichzeitig in allen Ecken die Stecher! Gleich neben uns liegt Sebastian im winddurchlässigen Zelt und erklärt sich einverstanden, um 05:30 des nächsten morgens aufzustehen.

Mit dem bepacktem Rad auf der Straße, den rechten Fuß auf dem Pedal, mit Blick auf die Uhr 07:05, nie waren wir so früh auch dem Rad. Zu dritt starten wir in den ersten Passanstieg, 15% steil, 18km lang, erst Asphalt, dann Schlaglochpiste, dann Dirtroad. Nach 5km rasten wir an einem Brunnen, füllen Wasser auf und verfolgen interessiert die anderen Reisenden die mit Traktor, Moped, Familienkutsche oder kleinen Trucks diese extrem schlechte Straße befahren. Um 11:00 Uhr sind wir oben! 7kg Gurken und eine halbe Melone inklusive. Leonie und ich müssen etwas essen, Sebastian möchte heute ans Meer fahren, weshalb wir uns von ihm verabschieden. Am Freitag den 24.07. sollte er in Teheran sein, da er am Morgen drauf einen Flug nach Katmandu reserviert hat. Nach sechs Gurken mit Salz und Wassermelone geht es bergab und gleich wieder bergauf. Noch ist es leicht bewölkt und nicht so brüllend heiß. An der Straße läd uns eine Familie zum Picknicken ein, Wassermelone während die Sonne richtig einheizt. Als wir in Givi ankommen, sind wir beide ausreichend erledigt, wir werden das Gefühl nicht los, das wir einen Umweg gefahren sind. Mit Gemüse, Sojahack und einer vollen Flasche Sprit, die eine eigene Geschichte hat, geht es weitere quälende 8km durch steiles Gelände. Unterwegs ist Leonie am Ende ihrer Kräfte und Willenskraft, ein paar Tränen werden verdrückt, dann geht es mit böser Miene weiter, natürlich bin ich schuld an erneuten bergauf Passagen und der viel zu anstrengenden Tagesetappe. Beim Abendessen ist wieder gute Stimmung und frisch geduscht ist doch alles halb so schlimm.

In Khalkhal kaufen wir für den uns bevorstehenden letzten Anstieg ein und werden am Ortsausgang zum zweiten Mal im Iran nach unseren Pässen, sogar nach den Originalen gefragt! Nach 10km, beendet der dichte Nebel die heutige Etappe. Zum Glück werden wir in diesem Moment von einem der charakteristischen blauen Pickup-Trucks auf den Pass transportiert. Die Räder liegen gut gesichert, mit ihrer Eigenschwere für die Hälfte der Strecke im Heu, die Sicht liegt bei 15 Metern die Straße ist extrem kurvig und desolat, trotzdem überholt unser Fahrer, ein sympathischer Typ an der ein oder anderen Stelle. Nach einem kurzen Stopp liegen die Räder auf der blanken Ladefläche und das Heu im trockenen Unterstand an der Straße. Zu viert im Führerhaus geht es weiter bis zum Pass, an dem wir mit Händen und Füßen klar machen, dass wir hier aussteigen wollen. Ein leibechter Iraner klärt die Situation mit sauberem englisch und läd uns zum Mittagessen ein. Familie Torabi ist für die letzten Tage des Ramadan in die Berge gefahren um sich der Hitze des Südens zu entziehen und im „Dschungel“ das Ende der Fastenzeit zu feiern. Für ein paar Tage wohnen Hasan, Zamzam, Cousin, Mutter, Vater und Tanten in einer einfachen Hütte. In der Nachbarschaft, ebenfalls Gäste in Zelten oder Hütten. Es gibt Kebab mit Reis, Tomatenspieße, Paprika und dazu Doogh, das iranisch Yoghurt Getränk. Wir erzählen und erklären, stets auf gutem Englisch, es wird Abend, wir entschließen uns zu bleiben. In zwei Autos fahren wir in der Dämmerung dem Ende des Ramadan und dem kaspischen Meer entgegen. Zwei Stunden Fahrt, um 23:45 erreichen wir eine belebte Picknickarea, alle Iraner feiern und campen, Zelt an Zelt zwischen Bäumen, Strand und Meer. Auch wir breiten die Picknickdecke am Strand aus, Essen eine riesige Wassermelone und fahren 40min später die 40km zurück in den Dschungel. 2500m über Null schlafen wir unter teils undichter LKW-Plane nachdem wir heimlich im Verborgenen, nackt, zwischen Zelt und Dschungel duschen und um 02:00 Uhr endlich die Radklamotten ablegen, die wir die ganze Zeit über anhatten.

Teils im Nebel geht es am Morgen 30km hinunter auf 28 Meter unter Null, von 18 Grad steigt die Temperatur auf knappe 30 Grad, inkl. 70% Luftfeuchtigkeit. Wir nehmen Fahrt auf und brausen über den Highway Richtung Rasht, links von uns liegt das kaspische Meer, dann erstreckt sich eine Flache Ebene bis zu den Bergen des im Süden liegenden Dschungels. Wir durchqueren Reisfelder, kleinere Wälder, Plantagen und sind fasziniert über die Gelassenheit der Iraner, an jeder Ecke entlang der Straße ausgiebig zu picknicken. An diesem Bild wird sich, außer dem Ausmaß der Stahlbetonbauten seitens der Straße, welches progredient zunimmt, die nächsten zwei Tage nichts ändern. Zur Abwechslung fängt es mittags in Schüben an zu regnen, am Nachmittag Dauerregen, für eine Stunde wärmen wir uns in einer Bäckerei und dippen unser frisches Brot in Honig. Klatsch nass, mit Schrumpelfüßen radeln wir bis in den Abend und campen versteckt, hinter einer Tee- und Wasserpfeifenstube im lichten Wald, zwischen Melonen- und Gemüsefeldern. Bei tropischem Flair schweißen wir durch die Nacht.

Frühstücken in einer kleinen Regenpause, dann rein in die wässrigen Klamotten, Räder satteln und weiter durch den Regen, der an diesem Tag kontinuierlich zunimmt. Zum ersten Mal gönnen wir uns ein Mittagessen, bestehend aus Reis, 5 Tomaten und halb durchgegrillten Beinchen, etwas Salat, Lavash, Joghurt und Kräutern. Daraufhin beschließen wir, es bei dem einen Mal zu belassen und radeln weiter. Mit der Hoffnung das der Regen gegen Abend nachlässt, um entspannt nach einem geeignetem Zeltplatz zu suchen, bleibt der Blick auf die Straße gerichtet, während dessen die Quantität zunimmt und sich das Wasser auf der Straße weiter ausbreitet. Um 18:00Uhr prasselt der Regen wie eine stramme Dusche auf uns nieder und die bereits gequollene Stimmung droht vollends davon zu schwimmen. 60 km bis zum Eco Café Vayo in Salman Shahr, welches wir uns als trockene Bleibe erhoffen. Der Kontakt stammt von Ceyhun aus Istanbul, 110km liegen hinter uns, Leonie fällt es verständlicherweise nicht leicht sich zu motivieren, zumal nicht sicher ist, ob wir die Lokation auf Anhieb finden. Bis in die Dämmerung quälen wir uns durch Verkehr der größtenteils unbeleuchtet, unbeeindruckt vom Monsunregen an uns vorbeiballert und regelmäßig voller Freude hupend an uns heranfährt, um kurz zu Fragen was abgeht?! Zunehmend wird es schwieriger Speedbumps, Pistenlöcher und den Verkehr an engen Passagen, meist vor Brücken, richtig einzuschätzen. Es ist bereits dunkel als in unmittelbarer Nähe Blitze abgehen und das vibrierende Donnergrollen uns zum Anhalten zwingt. In einem Restaurant, das an diesem Abend keinen einzigen Gast bewirtet, trinken wir jeder einen Chai, dann kaspere ich im dunklen Regen an der Straße herum, um für die letzten 18km einen sicheren Lift zu bewerben! „Hotel? Hotel?“ Fragen die Jungs im Trockenen als ich nach 10min zurückkomme, Nissan Truck, Pickup, Salman Sharh, brum, brum! So ungefähr ist meine Erklärung der Lage um 21:17, telefonisch wird ein Transportangebot eingeholt: 800.000 Rial, irgendwie die letzte Energiespritze, um doch wieder auf die Räder zu steigen und den Tag zu Ende zu bringen.

Auf dem Asphalt die gleiche Situation wie zuvor, der Pegel steigt, Asphalt sehen wir nur noch auf dem linken Fahrstreifen. Froh um unser super helles Licht kurven wir mit konzentriertem Blick in den Rückspiegel um die Straßengewässer, werden noch einige Male bejubelt und von Fahrwasserwellen bis Kniehöhe geflutet. 22:13Uhr erreichen wir Salman Sharh, glücklicherweise in der Nähe eines Internetcafés, in dem ein fähiger junger Bursche mit VPN und Googletranslate umzugehen weiß. Wir machen klar, dass wir zur Nature school möchten, das es einen Zusammenhang mit dem Eco Café Vayo geben muss und wir dort Freunde haben, die uns hoffentlich aufnehmen. Zusammen mit dem Burschen und seinem Vater steige ich in deren Auto, inklusive dem Eindruck, dass wir zur Nature school fahren. Im ZikZak geht es durch die Stadt, kurz halten wir an einer Schule, fahren aber im ZickZack weiter. Angestrengt versuche ich mir jede Kreuzung mit markanten Ecken zu merken, um später den gleichen Weg mit dem Rad zu finden. Während der Vater telefoniert, ratsche ich mit seinem Sohn, der auf der Rückbank sitzt, bis plötzlich das Handy an meinem Ohr hängt und eine Frauenstimme auf Englisch fragt: „Do you wanna stay in my home this night?“ Ich versuche mich zu sortieren, bin ich doch etwas verballert vom langen Tag und antworte: „Yes, this would be great! We know about the nature school from Shokoufeh, I hope she told you some days ago, that we’ll arrive somewhen?“

„I don’t understand! Do you wanna stay in my home?“, reagiert die Gegenseite. „OK“, ich willige ein und erkläre ihr kurz die Rahmeninfos: Zwei nasse Radreisende ausgebrannt, evtl. zur Hälfte bereits im Halbschlaf irgendwo an der Hauptstraße am aufquellen. Ich gebe das Mobiltelefon zurück, unsicher ob alles verstanden wurde. Nach zwei Minuten halten wir in einer engen Gasse vor einem großen Eisentor, das sich auch gleich öffnet. Eine Nature school ist nicht in Sicht. Die junge Frau bittet mich herein und zeigt mir den Weg, zu dem Zimmer das sie mir anbieten kann. Ich denke mir: Egal! Hauptsache trocken! Ohne Stress für die junge Frau! (Please only if you feel comfortable!?) Sie nickt und scheucht mich: „Go! Take your bike and your wife and come back!“ Klare Ansage von einer Frau im Iran. Wir steigen zurück ins Auto und nach zwei Häuserecken, sind wir wieder am Ausgangspunkt. Leonie schläft bereits im Stuhl vor dem Bildschirm, an dem ich sie zurückgelassen hatte, total verdattert kommt sie zu sich, als ich ihr erzähle, das alles anders kam als gedacht! 🙂 Als die Räder hinter der großen Stahltür stehen, die Toshak (Matratzen) mit Kissen auf dem Boden im trockenen liegen, Kleider, Brot und Equipment an der Leine hängen und uns Nasim (25) Chai und eine heiße Suppe bringt ist es 00:13Uhr. Shab bekheyr, Nasim und wir beide fallen in rehabilitierenden Schlaf, während es draußen intensiv weiter regnet.

Am nächsten Morgen wachen wir aus Gewohnheit früh auf. Keine Frage: es regnet, mit reichlich Hunger frühstücken wir unser angetrocknetes Brot und Reste von gestern. Als Nasim um 10:00 nochmals Frühstück auf einem riesigen Tablett serviert, sind wir gut gestopft und grübeln, ob wir uns in einem Gästehaus befinden, in das wir gestern Abend hilflos verfrachtet worden sind!? Mit diesen Gedanken, welche sich später in sonnigen Tagesabschnitten auflösen, waschen, spülen und sortieren wir unsere Sachen, um später die Lokation zu wechseln, sobald wir das Eco Café Vayo oder die Naturschule ausfindig gemacht haben. Als wir in der Wohnküche des Hauses Nasim nach dem Weg fragen, stellt sich auch heraus wo wir eigentlich gelandet sind.

Der Vater mit Sohn im Internetcafé, Nasims Bruder samt Neffen, können sich des Abends keinen Reim auf die Naturschule machen. Sie fragen bei der erst besten Schule, die zufällig eine Veranstaltung des Abends präsentiert, ob zwei nasse Radreisende bekannt sind und hier nächtigen können. Uns kennt natürlich keiner! Scheinbar verwirrt, ruft er nun Nasim an, von der er weiß, dass sie des Englischen fähig ist und die sich nach der Informationslage bereit erklärt uns aufzunehmen, ohne zu verstehen, dass ich dem Angebot zustimme, im Glauben mit einer Frau aus der Naturschule zu sprechen. Typisch iranisch denken wir uns und müssen breit grinsen J Nasim wohnt zusammen mit ihrer Mutter Yamilä, ihrer Schwester Farina und Farinas Sohn Ali in einem verwinkelten Haus mit wunderschönem Innenhof mit Zugang zum Waschhaus, Balkon, Empore und einer separierten Wohnung, in der wir Platz gefunden haben, die in der Regel Ali benutzt. Nasims Papa war Schreiner, was auch der Look des Hauses erahnen lässt, die beiden Geschwister arbeiten im Hairstyle um die Ecke und Ali studiert Außenhandel. Es dauert nicht lange, wir fühlen uns zu Hause und sollen bleiben.

Als wir nachmittags im Eco Café Vayo sitzen und den ersten Kaffee mit Milchschaum seit Monaten trinken, amüsieren wir uns zusammen mit Shirin und ihrem Mann über das zuvor erlebte. Die beiden haben Teheran vor kurzem verlassen und starten hier seit einiger Zeit eine Eco-Culture. Abends spazieren wir mit den beiden Schwestern am Strand entlang und essen auf dem Rückweg Falaffelsandwich 😉 mit Ketchup und Mayo.

  6 comments for “Bazargan – Salman Sharh (11.07. – 20.07.)

  1. Beate
    10. August 2015 at 18:57

    Oh wie Großartig: wer einmal im Iran war weiß, was für ein tolles (Rad-)reiseland es ist. Und wer einmal das weltgrößte Freundschaftsbuch von Akbar gesehen hat, wird ihn wohl nie mehr vergessen!!! Ich wünsche euch weiterhin gute Fahrt und weitere tolle Erlebnisse!

  2. Jana
    9. August 2015 at 13:08

    Eure Berichte sind soo spannend. Ich schaue täglich, wann es was Neues gibt :). Ich drück Euch die Daumen, dass weiterhin alles so super läuft!

  3. Ute Hilgert
    8. August 2015 at 19:26

    Unvorstellbar… Ihr beide im Iran- Wahnsinn! Ich drück weiterhin die Daumen, dass alles wie bisher rollt und klappt! Lese und staune!
    Lieben Gruß, Ute

  4. Eva Karrenbrock
    7. August 2015 at 10:28

    Hallo ihr Lieben!
    Gerade habe ich dann endlich einmal auf eure schöne Seite geguckt und bin total begeistert von eurem Tun! Es ist toll, dass ihr diese Art des „Weltkennenlernens“ für euch gefunden habt und ich wünsche euch noch ganz ganz viele schöne Eindrücke!
    Eva

  5. Moni
    5. August 2015 at 19:39

    Hallo Ihr zwei, immer wieder schön, Eure Berichte zu lesen. Wir warten schon ganz gespannt auf mehr.
    Heinrich freut sich, dass der Blutwurz zum Einsatz gekommen ist.

    Liebe Grüße, auch von Ben,
    Moni

  6. Basti und Antje
    5. August 2015 at 7:27

    Hi ihr beiden,

    jetzt verstehe ich auch warum ihr beiden nicht auf die Einladung zum Grillen am Niederrhein geantwortet habt, ist wohl etwas weit mit dem Rad… 🙂

    Das sind wirklich super Eindrücke die ihr in euren Bildern und Geschichten vermittelt. Wir bleiben auf jeden Fall am Ball und wünschen euch alles Gute für den weiteren Verlauf.

    Liebe Grüße
    Antje und Basti

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