Choam – Siem Reap (09. – 16.03.)

Mit viel Schwung aus der Grenzabfahrt geht es weit hinein in die nördliche Ebene. Spontan lasse ich meine lädierten Sandalen mit altem Schlauchmaterial nähen und zusammen sitzen wir mit vier kambodschanischen Jungs im nach vorne zur Straße hin offenen 3m² Laden und sind gleich erneut von den Menschen beeindruckt. In der trockenen Gegend ist es nochmal deutlich heißer als die Tage zuvor und als wir in Anlong Veng, der ersten Marktstadt ankommen, retten wir uns mit den Einkäufen in den Schatten eines Eiskaffees. Mit Ausnahme von ein paar Wenigen, sind wir die einzigen auf der Straße Richtung Siem Reap. Es dauert nicht lange und auch wir verlassen die Straße, denn die Luft über dem Asphalt ist am Glühen und als wir den Pumpbrunnen rechts der Straße erblicken, ist der Versuch durch den Mittag zu radeln beendet. Die Luft um uns herum flimmert, der lichte Baum, der Schatten spenden würde, wenn er denn Blätter hätte ist als Sonnenschutz mangelhaft brauchbar. Also läuft auch gleich der Pumpbetrieb an und das erst noch durch die gusseisernen Rohre aufgeheizte Wasser, wird im Kontrast zur Außentemperatur allmählich erfrischend. Schnell bringt uns die Nachbarin, die mit ihrer Familie im Schatten sitzt, einen Eimer mit Schöpfschale, dann ist das Wasserbad, das massiv nach Eisen riecht, in vollem Gange. Eine Weile können wir es in der Hängematte aushalten, dann rollen die Räder mit klatschnassen RadlerInnen weiter. Vorbei an vor langer Zeit gerodetem Wald, der sandig unfruchtbaren Boden hinterlässt. Dort wo noch Bestand zu sehen ist, glutscht und kokelt es an vielen Stellen, eine erschreckende Fauna. Nah dem Nationalpark Kulen Promtwep, den wir im äußersten Westen streifen, steht links im Blickfeld dichter, frischer Wald, rechts reihen sich entlang der Straße Dörfer aus Naturmaterialien. Jedes Dorf ist durch Schilder unterschiedlichen Hilfsorganisationen zugeordnet, für die wiederrum Paten mit ihrem Namen stehen. Meist wurden in den kleinen Gemeinden, Brunnen-, Schul-, oder Gemeinschaftsraumprojekte gefördert und durch ausländische Helfer unterstützt.

Als wir in einem Dorf halten, um unseren Wassersack am Brunnen zu füllen und um Trinkwasser zu filtern, entschließen wir uns nach Einverständnis der BewohnerInnen hinter den Häuserreihen auf einem brach liegenden Feld zu nächtigen. Für die Kids und die Jugendlichen ist es spannend, zuzusehen wie auf einer Radreise gekocht wird, in welch einer getunnelten Plastikgewebeplane später geschlafen wird und uns die Wörter für unser Gemüse das in die Pfanne kommt, auf Khmer zu übersetzen. Uns erstaunt jedes Mal auf‘s Neue, wie respektvoll und gastfreundlich bereits die Kinder sind.

Es ist bereits dunkler Abend, als wir zum Abwasch und Duschen abermals vor zum Pumpbrunnen kommen, wo uns erst beim Abtrocknen und später beim beleuchten unseres Duschwaschgangs geholfen wird. Natürlich in Klamotten, so wie jeder Einheimische es auch tun würde.

Als bei roter Morgensonne, die letzten Siedlungen am Rande des Waldes hinter uns liegen, sind wir mit unseren Rädern erneut in der Hitze entlang der Straße nach Angkor Wat unterwegs. Der Markt am frühen Vormittag versprüht das Flair von unberührtem Kambodscha. Auf dem blanken Boden wird der Fisch entschuppt, der Kopf abgetrennt, daneben liegen Hühnerbeine mit den Innereien des Vogels, um die Ecke gibt es Gemüse und dazwischen zischt der Waffelteig auf ein altes Eisen, das auf der Glut seinen Platz findet. Die Märkte sind im Vergleich zu Thailand verrucht und schmutzig. Hier läuft zwischen den Gängen das Brackwasser, dort wo es sich in einer Senke sammelt und steht hilft ein Brett oder ein wackliger Stein, den Füßen nicht vollends im Sumpf des Geruchs unterzugehen. Wer sich an die ersten Szenen aus der Geschichte „Das Parfüm“ erinnert, ein wenig Flair findet sich an vielen Ecken wieder.

Zurück auf dem Fahrrad mit Waffeln im Bauch und Füßen auf den Pedalen entscheiden wir circa 30km vor Siem Reap, abseits der stark befahrenen Straße, unsere Nachmittagspause zu halten und uns nach einem Schlafplatz umzusehen. Im Schatten der Bäume vegetieren unsere Körper, alle halbe Stunde erfrischt von der Ortlieb Wasserdusche, die wir zum Glück ein paar Schritte weiter am Brunnen jederzeit auffüllen können. Der Abend rückt näher, langsam bereitet sich das Abendessen und eine Kinderhorde von fünf Knirpsen präsentiert auf dem Fundament eines Hauses, Gesangs- und Tanzeinlagen aus dem Englischunterricht. Als Vatti und Mutti die Sprösslinge zum Abendessen rufen, scheint es einer der Erwachsenen besonders korrekt in Sachen Sicherheit zu nehmen. Denn sicher soll das Fundament nicht sein! Zu gefährlich sei der Ort, den wir uns zum Schlafen ausgesucht haben. Nach andauernden Sicherheitsdiskussionen, ist an seinem Handy ein Polizeiofficer zu hören, der sich ebenfalls um die Sicherheit sorgt! Der Abend endet nach der erfolglosen Suche nach der sicheren Polizeistation, die vermutlich die größte Gefahr an diesem Abend war, zehn Meter abseits der Straße unter Cashew – Bäumen, in einer breiten Zufahrt zu einem fünfzig Meter entferntem Haus, von wo ein beunruhigendes Gebell zu vernehmen ist. Die Distanz des Gebells bleibt konstant, genau wie die quälende Hitze im Zelt, die uns wenig Erholung lässt, was das erste Foto am Morgen deutlich zu verstehen gibt.

Zudem war unser Innenzelt, sowie unsere Essenstaschen erneut Ziel eines hinterhältigen Ameisenangriffs, der es meist auf den Klebereis absieht. Die Tasche ist Glück im Unglück! Denn der Reis ist noch nicht befallen und so müssen nur beide Taschen ausgeräumt, von den Insekten abgeklopft und wieder eingeräumt werden. Dann sind wir bereit und wenig später im Archäologiepark Anchor, der sich über ein Gebiet von 200 m² erstreckt, wo sich über 1000 Tempel und Heiligtümer befinden. Es sind die ersten Eindrücke geschichtsträchtigen Ausmaßes auf unsere Reise, gemeißelt und arrangiert aus Sandstein deren Blütezeit zwischen dem 9ten und 15ten Jahrhundert lag.

Wir streifen den Park an seinem östlichsten Rand und radeln ein in die Stadt Siem Reap, vorbei an einem massiven Aufgebot an Hotels, Resorts, Chalets und Luxus an den vor zwanzig Kilometern nicht zu denken war. Im Stadtinneren, auf der Gästehausmeile haben wir es uns im Empfang eines der Häuser bequem gemacht und warten auf Bart und Monika, die wir hier zum vierten Mal seit Tabriz im Iran wiedersehen und herzlich drücken, nachdem sie die Treppe zu uns hinuntergestiegen sind. Es wird ein kurzer Plausch, denn sie sind verabredet, ihre Dreitages – Tickets haben sie bereits und das TukTuk wartet schon an der Straße. Frühstück mit Pfannkuchen am nächsten Morgen? Alle sind einverstanden!

Eineinhalb Kilometer weiter und abseits des Trubels fahren wir auf den Hof des Gästehauses, das Leonie weit im Voraus gebucht hatte. Blue Lizard nennt sich die Lokation, ein traditionelles Haus im Look, mit viel Außenfläche und einer Gemeinschaftsküche und einem, von nur vier taubstummen Besitzern eines Gästehauses weltweit. „Herzlich Willkommen schreibt uns Allan in seiner Garage, am Tisch der Rezeption mit einer rasenden Geschwindigkeit auf einen Zettel und deutet im gleichen Moment auf die FAQ und die Hausregeln, die allesamt in einer Mappe vor uns liegen, die sehr offen gehalten sind und teilweise unter unserer Vorstellung liegen. Wenn Pipi machen im Innenhof ausdrücklich erlaubt ist, nur große Geschäfte bitte auf/in der Toilette landen sollen. Let’s make party! Steht gefühlt an jedem Eingang und je tiefer der Gast ins Innere der Räume voranschreitet, desto offensichtlicher wird der gepinnte Zwang zu Alkohol, Sex und Party. Die Gäste im Gemeinschaftsraum scheinen genau deshalb hier zu sein, nicht anders können wir uns die fünf Flaschen Schnaps, mit denen sie am Nachmittag zurückkommen erklären. Etwas nervös sind wir, denn morgen kommen Dafna und Simone, vermutlich stark erschöpft von ihrer „Party“ nein Fahrt von Freiburg nach Siem Reap und sollten dann Alkoholleichen in einem nach Pisse riechenden Innenhof auf sie warten, wäre das Vertrauen in unsere Wahl der zukünftigen Locations womöglich leicht beschädigt. Doch die Situation entspannt sich bereits als 15 Minuten später Eli aus Australien mit seinem Rad auf den Hof fährt und die Radlobby ab da, Tag für Tag im Blue Lizard wächst und am Ende die haupte Masse stellt. Doch dazu später.

Allen der mit seinem Business in seiner Community weit über die Straßen Kambodschass bekannt ist, hat stets Gäste mit ähnlich gearteter Beeinträchtigung zu Gast. Da ist Jürgen aus Nürnberg, zwei Mädels aus Siem Reap und ein Freund aus den Staaten, der mit seiner Facebookpräsenz, Mut und Ideen für das Reisen als taubstummer Mensch gibt. Untereinander ist das Gesprächstempo unglaublich schnell und alle haben den Vorteil, dass sie unabhängig von der Nationalität keine Verständnisschwierigkeiten haben. Oft denken wir dieser Tage an Nina in Freiburg, die hier bestimmt ihren Spaß gehabt hätte.

Bei morgendlichem Pfannkuchen und Obstsalat sind die TourenradlerInnen schon zu fünft am Tisch und tauschen aus, was hinter ihnen und womöglich vor ihnen liegt. Der Tag lässt die Zeit und den Mittag hinter sich und dann sagt eine SMS plötzlich: „In einer halben Stunde erreichen wir den Busbahnhof“! WOW SIND WIR AUFGEREGT! Spannung und innere Freude, nach so langer Zeit die beiden Lieben endlich drücken zu dürfen und Zeit zusammen mit so weit gereisten Freundinnen zu verbringen. Voller Ungeduld und suchendem Auge stehen wir am vereinbarten Treffpunkt! Und dann sind sie plötzlich da, der TukTuk Fahrer, zwei uns fremde Rucksackreisende und zwei uns sehr gut vertraute Gesichter voller Freude und rot geschwitzter Blässe! Wir kleben auf dem Bürgersteig zu viert zusammen. Stauwärme! Glitschig lösen sich die Banden um erneut gebunden zu werden, dann geht es zu Fuß zum Gästehaus, wo bei Eiskaffee und gemütlicher Runde, vertraute heimische Atmosphäre aufkommt. Endlich ein Ort zum rasten und so geht der Tag mit Schlafrationen, Geschichten aus der Freiburger Heimat und einer großen Portion Klebereis mit Gemüse zu Ende. Simone und Dafna, schön das ihr mit uns auf Cambodiareise seid! Ihr habt uns sehr gefehlt!

Es werden drei tolle Tage in Siem Reap, die wir zusammen mit Marktbesuchen, gemeinsamen Essen und dem Besuch des Archäologie Parks Anchor in ein stimmiges Programm umsetzen. Mit dabei sind stets Eli und die zwei Dresdner Jungs Kilian und Emil, die mit Humor und erfrischendem Charakter die Gruppe der Templer zwanglos bereichern.

Seit Maschad und dem Massenpilgern der schiitischen Muslime waren wir den Tourismuszentren mehr oder weniger fern geblieben. Anchor Wat, der Tempel der Kambodschas Nationalflagge pinnt ist das „Must do Highlight“ jedes, sagen wir, der meisten Touristen, die nach Kambodscha kommen. Auch wir starten den Tag mit unseren Ein – Tages – Tickets je 20$ pro Person, die, so hörten wir mehrfach, weder Kambodscha, noch dem Erhalt des Weltwunders zu Gute kommen, sondern einzig dem chinesischen Mieter, der den Park unterhält bereichern, mit dem Sonnenaufgang auf Anchor Wat! Die Masse ist doch klasse! Wie sie da steht und den sich spiegelnden Tempel im vorgelagerten Teich knipst! KambodschanerInnen besuchen den Park übrigens kostenlos, sofern sie einen Gide gebucht haben. Mit dem steigenden Feuerball verteilen sich die Massen in den zahlreichen Tempelanlagen, sodass selten das Gefühl von Gedränge aufkommt. Tief beeindruckt wandern wir durch das Reich der Khmer das einst durch innovative Wassersysteme die Basis für Wohlstand und die bis dahin größte Metropole der Erde im 12. Jahrhundert legte. Nach wie vor stoßen Archäologen auf Relikte und bis heute im Wald verborgene Stätten. Die, wie dieses Jahr bekannt wurde, die heutigen Ausmaße Phnom Penhs hatten.

Am Nachmittag haben wir unseren maximalen Input erreicht. Die Mädels machen sich auf den Heimweg. Die Buben laufen bis kurz vor Sonnenuntergang über historischen Boden bis auch sie sich in der blauen Eidechse wiederfinden und Eli mit gemeinsamer Restenergie Curry für Alle zum Abendessen arrangiert.

Am letzten Abend und nun zurück zum neuen Blue Lizard Flair, ist die Runde der Radfahrerinnen komplett. Denn auch Marco und Tiphaine die wir in Osh zurückgelassen hatten, als Marco kurz zuvor im Pamir bei einem Sturz sein Schultereckgelenk sprengte und im Verlauf gar in Italien rehabilitierte, sitzen seit dem Nachmittag auf der Terrasse, tauschen alte und neue Geschichten aus und genießen das gemeinsame Beisammensein. Am großen Plastiktischarrangement gibt es frischen Fisch, Reis und italienische Auberginenpfanne, was ein Highlight im „Party“- Hostel!

Am Morgen danach fahren alle ihrer Wege: Eli nach Bangkok, genau wie Bart und Monika, Marco und Tiphaine zu türkischen Freunden in Siem Reap und die Freiburger nach Phnom Penh, diesmal mit den Velos im Bus und in knappen acht Stunden zum Ziel.

 

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