Kirgisische Grenze (Sary Tash) – Osh (01.10. – 10.10.)

Kirgistan: Der Ort der Erholung und des Spätsommers!

Als wir nach abermals ruppiger Abfahrt den Blick auf geleckter Straße über die Schultern zurücknehmen, liegt das Hochgebirge in einer unvorstellbaren Masse hinter uns. Es sind noch ein paar Kurven bis die Schranke des kirgisischen Grenzsoldaten vor uns den Weg verschießt. „Deutsche kommen heute nicht rein“, scherzt er und erklärt, dass noch 10 Minuten Mittagspause sind. Dann wird der Pass gescannt, anschließend gestempelt und die Radler durch den Zoll gewunken. Bei mittelstarkem Seitenwind durchqueren alle Pamir Reisende das ca. 20km breite Tal während sich im Rücken die 7134m hohe Spitze des Peak Lenin in den Himmel bohrt, auf dem Rado der Rumäne aus Dushanbe seine zehn Zehen vor noch einem Jahr verlor.

Sari Tash, heute im Windschatten gelegen, ist ein warmer sonniger Platz. Im Pinkhouse kehren wir für eine Nacht ein. Tanken in Öl schwimmende Nudeln mit Kartoffeln, Brot und Ei, hier weis die Küche was heftig stopft und Energie für den morgigen Tag gibt! Die zwei kleinen Läden im Ort, in denen wir uns Brot erhoffen, werden von Teenagern geschmissen und schenken den Schnaps direkt über den Ladentisch in große Becher aus.

Zu unserem Glück sind wir mit Honig und Schokolade gut ausgestattet, sodass das etwas ranzige Yakbutter-Frühstück ebenfalls zum Genuss wird. Auf kirgisischer Seite geht es ins Alay Kirgasr Gebirge. Über die letzten beiden Pässe, die nochmals auf über 3600m steigen, führt der Pamir-Highway danach bei stetig sanftem Gefälle direkt nach Osh, wo er das Ende einer der höchsten Fernverkehrsstraßen der Erde markiert. Leider pustet es durch das Tal meist gegen uns, was das Gefälle für uns nicht spürbar macht und einiges an Nerven kostet. Doch es freut uns, nach langer Zeit in karger Gegend endlich zu sehen, das wir Höhen erreichen, in denen erst Sträucher und später auch Bäume wachsen. Mit den Vorstädten von Osh entsteht ein Oasencharakter und im TES-Guesthouse spüren wir die spätsommerliche Wärme, Herbstfarben und das Gefühl angekommen zu sein. Ebenfalls angekommen sind die grenobler Franzosen und etwas später der sympathische Schwede aus Ishkashim, der uns über die Verfassung und die Position von Paul und Leiset aufklärt, die er in zwei Tagen in Osh erwartet. Der Abend geht unspektakulär mit Vorräten aus den Essenstaschen zu Ende.

Dafür trifft uns der Bazar der lebendigen Stadt am nächsten Tag wie ein galaktisches Festmahl. In jeder noch so kleinen Nische wird von Gemüse, Obst, Milch, Gewürze bis hin zur kleinsten Kleinigkeit alles angeboten. Der Ofen in der Gemeinschaftsküche steht für ein paar Tage nicht mehr still: Pizza, Pflaumenkuchen, Brownies, Kartoffelrösti, Gemüsepüree im Ofen, Pfannkuchen und Kürbissuppe. Zusammen mit mehr als zwanzig RadfahrerInnen, feiern alle gutes leckeres Essen. Jeder hat etwas über karge Berge und einseitiges Essen zu erzählen, Céline und Origan, einst im Iran fast über den Haufen gefahren, haben Grüße aus Bischkek von Kyla, Didier, Rob und Beccy im Gepäck, sie sind entspannt mit Holz betriebenem Ofen durch den Pamir geradelt, der auch mit Yakdung genügend Energie bringt!

Es gibt entspannte Nachmittage, Bazarbummel, Viehmarkt am Rande der Stadt, hausgemachte Quetschemarmelade, viele Pfannenkuchen und die Tage fliegen dahin. Osh ist traumhafte Erholung!! Nach und nach bereiten sich die ersten Radreisenden auf ihre jeweilige Weiterfahrt vor. Über Bischkek nach Almaty und dann mit dem Flieger nach HongKong oder in die Heimat nach Australien, in Bischkek das China Visa beantragen, dann weiter Richtung Mongolei und über China Richtung Süden. Viele Ideen. China steht für die meisten als unbekanntes, als Kulturwechselland vor der kirgisischen Haustür. Genau wie der bevorstehende Winter für die, die sich nach Norden aufmachen. Pläne nehmen Gestalt an, alle wünschen den Weiterreisenden alles Gute und behalten ein gemeinsames Wegstück in Erinnerung. Wir entscheiden, zumindest die Zeit die uns in Kirgistan bleibt zu nutzen und eine kleine Tour zu den im Norden von Osh gelegenen Wahlnusswäldern zu unternehmen.

Nach sieben Tagen Ortstreue, verabschieden wir uns von den Radfahrern im Guesthouse und verlassen die Stadt. Zwanzig Kilometer später rasten wir auf einem abgeernteten Feld im Schatten, zusammen mit relaxenden Kühen. Die Staße ist stark verkehrslastig, ganz anders als noch vor zwei Wochen. Es fehlt uns die Geselligkeit der letzten Woche, die gelassene und faule Atmosphäre hängt so zuckersüß in der Luft, das sich der Plan beim Picknick ändert und wir zurück nach Osh radeln, um mit den beiden Franzosen die Wegstrecke zur chinesischen Grenze am nächsten Tag zu teilen. Überrascht freuen sich die Beiden am Nachmittag über die Idee und das schnelle Wiedersehen, hatten wir doch die Tage zuvor so viel Spaß, Crepes und Brownies zusammen.

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