Le Thanh – Kampong Cham (07.02. – 18.02.)

 

Am Tag des Neujahrs radelt es sich frisch und in neugieriger Erwartung dem Osten Kambodschas entgegen. Vorbei an aufgetürmten Scheithaufen, die an oder im Straßengraben von jeder Familie ordentlich präpariert werden, können wir uns die heiße Fete am Abend gut vorstellen. Hitze müssen wir uns ehrlich gesagt nicht vorstellen, die versuchen wir Tag für Tag an uns vorbei zu organisieren. Die Stimmung der grenznahen Vietnamesen ist voller Spannung und Freude auf den bevorstehenden Jahreswechsel, der drei Tage ausgiebig gefeiert wird. Auf dem letzten Markt kaufen wir nochmals üppig Bananen und Melone ein, dann rollen wir vorbei an Buschfeuern und lebloser trockener Steppe dem Checkpoint entgegen. Die letzten zwei Kilometer auf qualitativ hochwertiger Zweispurenstraße, das hat nichts mit dem Verkehrsaufkommen zu tun, sondern einzig mit präsentiertem Unsinn, denn auch die Grenzstation ist um das zehnfache überdimensioniert. Acht Schalter in einem Raum so groß wie eine Turnhalle mit zweiköpfiger Beamtenbesetzung. Kein Wunder, dass quer zur Achse ein Badmintonnetz gespannt ist und hier und da die Fensterscheiben gesprungen sind. Wir verlassen die gähnende Leere, zeigen dem Beamten am letzten Straßenposten unseren Ausreisestempel und können 500 Meter weiter die Nationalfahne mit Angkor-Emblem in Rückenwindrichtung flattern sehen. Die Straße verjüngt sich auf eine einfache Überlandstraße, der mobile Grenzwall und die Holzhütte rechts von uns deuten auf die anstehende Administration hin und an einer Sitzgarnitur liegen die Visaanträge.

Dreißig Minuten später sind wir, im Gegensatz zu einem Deutschen aus entgegenkommender Richtung mit knackigem Einreisestempel in Kambodscha. Wir lassen die sechs Grenzbeamten und den Mopedtourist, ohne Stempel und Visum, in überschaubaren Schwierigkeiten hinter uns, wundernd wie er es geschafft hat und im Glauben blieb, dass keine Erfassung nötig sei.

Die Piste und das Ackerland brennt! Es glutscht an jeder Ecke, beißender Qualm steigt am Rande der Grasnarbe und in weiter Ferne auf. Es züngelt und knistert, Wälder und Felder sind kohlschwarz und leergebrannt. Nur die Rubber- und süßlich duftenden Fruchtplantagen und einzelnen Maniok-/Tapiokafelder erinnern noch an Vietnam obwohl in dieser Region viele Vietnamesen leben. Es geht auf und ab vorbei an ersten kleinen Siedlungen mit Straßenessen und kleinen Läden bis in die drohende Dämmerung.

Wo schlafen? Wie fragen? Wie reagieren? Die Entscheidung fällt auf eine alte Plantage, die links der Straße, hügelseitig leicht abfällt. Es steht zwar ein offenes Haus in unmittelbarer Nähe, doch in den knorzigen Bäumen verliert sich der scharfe Blick schnell und wir stellen unerkannt unser Zelt. Bei der Zubereitung des Abendessens, kommen langsame Schritte den Hang zu uns hinunter. Ein altes Ehepaar grüßt uns lächelnd und sammelt unter herzlich verwirrten Blicken die Früchte von den Bäumen, die so ekelig süß schmecken und wir nicht wissen, ob diese überhaupt essbar sind. Erstaunte Minen machen wir, als die gelb- oder rotfarbenen Früchte mit selbstverständlicher Gleichgültigkeit nach Abtrennen der Nierenbohne am unteren Ende der Frucht, rücksichtslos auf dem Boden landen. Als die authentische Frau Vertrauen geschöpft hat, sitzt sie vor uns in der Hocke nieder und verfolgt mit wachen Augen den köchelnden Reis und die Möhren, die auf dem Schneidebrett in Würfel zerfallen. Ihr Mann steht etwas entfernt, nachdenklich interessiert, eine respektvolle Distanz wahrend. Wir stellen uns vor, geben zu verstehen, dass wir mit ihrer Einverständnis unter den Bäumen schlafen würden, zu Abend essen, frühstücken und morgen in die Stadt Banlung weiterfahren. Die Beiden tauschen einvernehmliche Blicke, sie schlägt die Augen mütterlich auf und zu, nickt und deutet den Pfad hinauf, worauf sie aufsteht und mit ihrem Mann zurückgeht. Kurze Zeit später, wir haben den Topf auf der Flamme gewechselt, kommen beide mit zwei Söhnen, in unserem und jüngeren Alter zurück. Hong der Ältere spricht englisch, die Fragen von vorhin und einige mehr werden für alle übersetzt, es soll diese Nacht kalt werden sagt uns Hong, besser wir kommen hoch zu ihnen ans Haus. Wir versichern, für kalte Nächte kambodschanischer Art sind wir übergalaktisch ausgerüstet, zum Frühstück würden wir am Morgen bei ihnen vorbeischauen.

Die Plantage in der wir sitzen wirft je Kilogramm Frucht ca. einen Dollar ab, erzählt Hong. Immer noch können wir uns keinen Reim auf die Frucht machen, die scheinbar einzig aus der Bohne besteht. „Das meiste wird nach China verkauft, zur Erntezeit geht es in der Region heiß her“. Das englische Wort fällt ihm nicht ein, vielleicht könnten wir dann mitreden, „wie kann man die Bohne denn essen“, fragen wir ihn. Er nimmt die gerösteten Erdnüsse in die Hand, „like this!“. Wir schauen uns fragend an. Dann nimmt er 8 Bohnen, fragt nach der Pfanne und schon rösten und saften die Bohnen auf dem Pfannenboden hin und her. Es dampft und zischt, sodass wir nicht sicher sind, ob er weiß, was er da tut, doch er versichert: „Maybe again five minutes“. Als die rabenschwarzen Nierchen vom Feuer kommen, müssen sie noch in zwei geteilt werden und dann endlich finden sie den Weg in den Gaumen. Leider klärt sich das Rätsel nicht, wir sehen nur, der Aufwand für die Bohne zu essen ist immens. Nach der Röstpräsentation, bei der unsere junge Pfanne überdurchschnittlich gelitten hatte, wünschen uns alle eine gute Nacht und wir einen guten Rutsch ins neue Jahr! Kurze Zeit später kommt Hong doch nochmal mit einem halben Hähnchen, im Auftrag seiner Mutter vorbei, welches in der Pfanne geröstet den Abend zum Festmahl aufwertet. Wir können es kaum fassen, die Nacht wird erstaunlich kühl und wir schlafen vom Feinsten.

Zum Frühstück gibt es, wie gehabt Bananenmatsch mit Zucker und Klebereis, der in Kambodscha „Daneeb“ heißt. Fertig bepackt schauen wir am Ersten des Jahres bei Hong und seiner Familie vorbei, die gerade wie fast alle in Südostasien den Hof fegen. Als Frühstückssnack dürfen wir Jackfrucht, Milchfrucht und Litschi verkosten, dann will uns Hongs Mutter noch eine von den Jackfrüchten mitgeben, doch die ganze Frucht wiegt knapp zehn Kilo, es gelingt das Angebot dankend abzulehnen, nach Fotos, Plausch und diversen anderen Angeboten verlassen wir die unglaublich nette Familie mit ganzem Hühnchen, vier Milchfrüchten, einer Hand voll Litschi und Hong als Gastgeber in Phnom Penh. Die erste Erfahrung, für uns neue im Land und gleich sind wir fasziniert von den Menschen.

Banlung ist nicht weit. Genauso wie der See des erloschenen Kraters vulkanischen Ursprungs, der drei Kilometer vor der Stadt und indirekt auf unserem Weg liegt. Der Parkplatz vor dem romantisch gelegenen kreisrunden Wasser, sagt alles. Es ist chinesisches Neujahr, ein Fest das keiner auslässt, vor allem nicht die/der KambodschanerIn, weil es zum Feiern, Trinken und Ferien auskosten animiert. Uns wird Plattform vier auf der gegenüberliegenden Seite der Partyzentrale von einem NGO Mitarbeiter ans Herz gelegt.

„Bis 14:00Uhr sollte es noch ruhig sein“. Matt ist aus Wales und passt auf, dass das beeindruckende Ökosystem und die einheimischen Stämme, die seit hunderten von Jahren die Spiritualität des Ortes wahren, nicht allzu viel Schaden nehmen. Auf der Plattform, auf die alle Europäer geschickt werden, sitzen ein spanisches Päärchen und später ein englisch, deutsches Paar, allesamt mit Lebenserfahrung aus Berlin. Die Stimmung ist gut, das entbeinte Hähnchen super lecker und nach und nach rücken die Grüppchen mit den Aktivlautsprechern und Technobeats dichter und dichter.

Für drei Nächte kommen wir im Sunset Village, am Rande der Stadt, in einer Holzhütte unter. Auf dem Hof sitzen Sung, der Betreiber des Hostels, Teile der Familie und Freunde, die bei lauter Musik und literweise Bier kräftig Karaoke singen. Kurz fühlt es sich so an, als hätten wir den See nie verlassen. „Das Feiern hat System“, erklärt Sung. „Heute Freibier für alle, und um 20:00Uhr sind wir betrunken und gehen ins Bett“. Als er uns eine geräumigere Hütte abseits des Lautsprechers anbietet, sagen wir nicht nein! Der Alkoholkonsum ist hoch, genau wie die Wortdichte und die Tränen der kleinen Zwerge, die sich ausdauernd pisaken, doch bereits um 19:00Uhr ist der Pegel zum ins Bett gehen erreicht. Die Männer ins Bett, die Frauen müssen noch aufräumen! Morgen ist der letzte Tag der Neujahrsfete, wenn nicht direkt ein anderes Fest sich anschließt.

Die eigene Holzhütte ist ein Genuss im Schatten von Mango- und Avocadobaum, die allerdings keine Früchte tragen. Aktuell ist Saison für Milchfrucht und eine Frucht, die der Mango ähnlich sieht, jedoch nach süßem Kürbis und mehlig schmeckt. Es bleibt Zeit zum Erholen, Khymer auf den täglichen Marktgängen zu lernen und für kreatives Schreiben. Banlung hat den Ruf einer heißen, schmutzig-staubigen Stadt ohne touristisches Highlight. Auf dem großen zentral gelegenen Markt, ist der Schmutz noch sichtbar, doch der Staub gebunden im Fischwasser und anderer Brühe, die durch die kleinen Rinnen sickert. In der Haupthalle ist eine grandiose Atmosphäre. Die muslimische Volkgruppe der Cham sind meist Fleischfachverkäuferinnen, die mit einem schweren Beil, die großen Stücke gezielt, präzise, mit einer Wucht auseinanderteilen und schnell ihr Geschäft machen. Dabei spielt Muskelverlauf oder Knochen keine Rolle. Frische, Knautschkonsistenz, Fett, Hautfett, Knochen oder Fleischanteil machen bei der Preisberechnung den entscheidenden Unterschied. Nicht selten fingern zwei bis drei Hände gleichzeitig im Fleisch herum, um die angebotene Qualität auszumachen. Gegenüber bündelt ein Gemüseverkäufer zwei Kilo Zitronengras, um es an einem Fräskopf zu frischen feinen Stückchen zu verarbeiten. Daneben sitzt seine Frau die fleißig halbe Kokosnüsse in die gleiche Art Maschine hält um die duftenden Raspeln in einer Schüssel zu sammeln. Gleich als solche werden sie verkauft oder später zu Kokosnussmilch gepresst. Etwas weiter rechts sitzt die Platzhirschin. In einer Nische, gerade groß genug um ihr monströses Hinterteil auf einem weichen Kissen und ihre Utensilien in überschaubarem Aktionsradius zu platzieren, stehen die breiten Schenkel links und rechts an dem vor ihr stehenden Wok vorbei, in dem gelbes heißes Fett seine Schlieren wirft. Um den prallen Hals und ihre Brust hat sie eine Schürze gebunden, die den Leibesumfang voll auskostet. Zwischen Den Füßen steht ein kleiner Schemel, über den die Schürze fällt und eine schwere, große Bananenpranke liegt, die von geübten ähnlich voluminösen Händen, genussvoll zerteilt und aufgeschnitten werden. Wer länger auf frittierte Bananen im Teigmantel wartet, bekommt den Eindruck, die Frau agiert mit ihren gewichtigen Armen in fünf Dimensionen. Wobei Dimension vier und fünf die verbale Interaktion mit den benachbarten Geschäften und letztere die Geschwindigkeit ihrer Handgriffe beschreibt. Das fertige Produkt die nette Dame, die herzlich mit den Augenbrauen spielt und schrillend lacht, das ist so wunderbar und super lecker!

Für viele Reisende ist die Stadt Ausgangsort für Dschungelwanderungen in den nordöstlich gelegenen Nationalpark. So auch für eine Gruppe deutschsprachiger Europäer, die sich zufällig im Sunset Village zusammengefunden haben, gemeinsam mit einem Guide, Hängematten und teils auf der Ladefläche des Pickups Platz nehmen und die Lokation fast zeitgleich mit uns verlassen, ganz aufgeregt wie das dreitägige Dschungelerlebnis sein wird.

 

 

Die Tage Richtung Westen sind zu heiß! Die Nächte sind es auch! Zudem liegt alles Land in der Hitzestarre. Die Felder sind verbrannt, die Böden karg und aus Sand. Die wenigen Flussquerungen sind bejubelte Szenen auf dem Weg zum Mekong, den wir in Laos einst verlassen hatten. Am ersten Abend schlafen wir neben müden Kühen auf einem Reisfeld, in Sichtweite zu Truckerfahrern, die an der Straße rasten.

Am Tag darauf werden wir von Marc aus der Schweiz eingeholt, den wir am Morgen darauf unsererseits beim Bepacken seines Velos einholen. Zu dritt brettern wir dem Mekong entgegen. Über in Staub gehüllte Bauabschnitte und zerstörte Asphaltdecken hächeln wir uns in den rettenden Schatten der Bäume am Ufer des imposanten Gewässers und löffeln die drei Melonen, die wir kurz zuvor gekauft hatten. Am späten Nachmittag geht es weiter. Marc der möglichst schnell in der Hauptstadt ankommen möchte, wird noch bis in den späten Abend im Sattel sitzen. Wir hingegen biegen zwei Kilometer später rechts ab und machen es uns auf einer freien schattigen Fläche zwischen Uferstraße, Flusslauf und den Nachbarn links wie rechts von uns bequem. Einlassen, auf die ganz andere Art von Leben am Fluss, das gelingt schnell. Hier, wo Wasserbüffel im Mekong baden, Fischer mit ihren Booten hinauspaddeln um Netze zu legen oder zu werfen, Gärten, Obst- und Bananenbäume gewässert werden. Die gegenüberliegende Uferseite leuchtet und die fünf Kids tollen mit viel Energie all ihre Spiele und Kunststücke am Kletterbaum hoch und runter. Am Abend gehen auch wir im Mekong baden und lauschen den Sängen der Muezzin die aus der Ferne zu uns gelangen. Während das Abendessen kocht, werden die Büffel neben uns mit Farngrass gefüttert, danach gesellt sich die Nachbarin zu uns und lacht beherzt bei jedem Wort das wir ihr auf Khmer anbietet können. Langsam gehen die Lichter entlang der Straße aus und Nachtruhe kehrt ein. Hier und da lassen sich ein Fernsehapparat oder die Musik einer Hochzeit vernehmen, dann schlafen wir beide ein.

Die Menschen am großen Strom sind fantastisch! Fischer, Gemüse- oder Reisbauern, stolze Viehherdenbesitzer mit stattlichen Kühen oder knuffigen Wasserbüffeln, vereinzelt kleine Gemischtwarenverkäufer, Restaurants, Schneidergewerbe, wer sich fünf Kilometer in die ein oder andere Richtung begibt, findet alles was die Grundversorgung abdeckt. Dazu sind viele fahrende Händler auf Mopeds unterwegs, die sich mit Musik oder lautem bewerben ihrer Produkte in der Nachbarschaft ankündigen. Die traditionellen Häuser und der individuelle Scharm an Vielfalt, lassen uns kaum den Blick nach vorne richten und oft müssen wir staunend stoppen, um die Schönheit des Augenblicks aus dem alltäglichen Leben zu genießen. Zwischen 05:00 bis 11:00 ist auf den Straßen reger Fuß- und Radverkehr, danach hängen die KambodschanerInnen in Hängematte zwischen den Grundpfosten ihrer Häuser, um den Tag im Schatten in luftiger Lage zu dösen.

Als wir am Mittag in Kratie ankommen, einer Stadt von der kleine und mittlere Boote zum Flussdelphine watching auslaufen, sind wir überladen an Eindrücken und herrlichen Szenen entlang der Uferkante, der wir auf einer parallel laufenden Sandpiste teils durch die Höfe und Gärten der Einheimischen gefolgt waren. Mit dem Einkauf auf dem belebten Markt der Stadt geht es weiter, bis in ein kleines Lokal, wo wir Eiskaffee mit süßer Kondensmilch und Eiswürfelchen verrühren. Dazu gibt es Zuckerleckerreien vom Markt, die vorzüglich schmecken. Am Abend finden wir mit etwas Glück einen Zugang zum Wasser der langsam zum Fluss abfällt. Denn sonst beschert die lang gezogene Schleife des Flusslaufs nur schroffe, von der Erosion stark beanspruchte Ufer, die sich Jahr für Jahr zur Regenzeit weiter ins Land und den Häusern, so scheint es, näher rücken. Über den Vorgarten, vorbei an kleinen Hütten und Bananenbäumen gelangt man an den Anleger, wo kleine Boote auf die vor uns liegende Flussinsel übersetzen. Wir erkundigen uns bei einer muslimischen Familie ob wir neben einer aus Bambus verflochtenen Gartenbegrenzung unser Zelt aufstellen können und für eine Nacht bleiben dürfen. Gleich bringt sie uns eine größere Unterlage, vermutlich weil unsere Plane so schäbig wirkt, auf der wir unsere Küche und Vorräte ausgebreitet haben. Wir danken herzlich und ihre beiden Kinder schauen den Fremden noch eine Weile bei der Zubereitung von Gemüse und Reis zu. Diesen Abend scheint die Moschee in unmittelbarer Nähe zu sein, denn sie ist deutlich und klar zum Abendgebet zu hören.

Als wir über den kleinen Pfad zurück auf die Straße gelangen, ist der kleine Markt links neben uns in vollem Gange. Dort wo gestern nur zu vermuten war, dass es sich hier um kleine Stände handeln könnte, sind jetzt rund dreißig Verkäuferinnen meist der Volksgruppe der Cham angehörig, die von Gemüse, über Fleisch, Fisch und frittierten Snacks, nicht nur uns zum Halten bringen. Munter kaufen wir Teigwaren und schäckern mit den Verkäuferinnen, für die wir ebenfalls eine ungewohnte Abwechslung sind. Auf der Straße ist wie jeden Morgen das pure Leben am sprudeln. Es wird vor der Haustür gefegt und brennbarer Müll direkt entfacht und an Ort und Stelle verbrannt. Die riesigen Schlappohrkühe liegen in der Morgensonne, der Hof wird gewässert, Ochsenkarren mit Tabak rollen uns entgegen, die an Sammelstellen entladen werden, um anschließend von fleißigen Frauen zum Trocknen auf lange dünne Stäbe aufgestochen zu werden. Der Vormittag zieht vorbei, bis es Zeit wird, sich im Schatten der Sonne zu entziehen. Unter baumhohem Bambus mit direktem Zugang zum Ufer finden wir ein nettes Plätzchen. Der steile kleine Pfad führt durch Gärten hinunter zum Wasser, besser erfrischen geht einfach nicht. Wir versuchen uns an Bambusflechtkunst, im Garten wird ebenfalls hantiert, mit dem frisch geschnittenen Gemüse setzt sich eine Dame zu uns in den Schatten, putzt und rupft welke Blätter vom grünen Stängelgemüse, welches am Abend an einem der Marktstände verkauft wird.

Als wir am späten Nachmittag einen Fähranleger passieren, der den haupten Verkehr auf die gegenüberliegende Flussseite bringt und wir entgegen dem Mainstream weiter geradeaus rollen, fängt kurze Zeit später die Schotter- und Schlaglochpassage an zu wirken. Die Konzentration steigt, das Tempo sinkt. Mit einem hastigen Blick nach rechts, entscheiden wir nach verrüttelten Kilometern abzubiegen, um am Ufer einen Platz als Bleibe zu suchen. Dieser ist schnell gefunden, im Wasser baden die Einheimischen oder Waschen ihre Wäsche, die Kinder tollen und raufen mit Papa oder großen Geschwistern. Wir machen Kunststücke, wie Handstand unter Wasser oder Schulterstand, schnell gibt es die ersten Nachahmer und dreißig Meter weiter strampeln die Füße kopfüber aus dem Wasser oder stehen giggelnd und wackelig auf den Schultern des Unteren. Als es dämmert winken die neuen Akrobaten zum Abschied auf dem Weg ins nahe gelegene Dorf. Wir organisieren unser Abendessen und just als wir den letzten Happen gegessen haben, kommen aus dem Dunkeln zwei händevoll Lichtkegel auf uns zu. Mit etwas englisch übersetzt uns eines der Mädchen, dass der „Bürgermeister“ uns zu sich nach Hause einladen möchte, damit wir nicht draußen im kalten nächtigen müssen. Würde das Zelt nicht stehen, die Taschen unausgepackt an den Rädern hängen, das Geschirr gewaschen sein und wenn der Abend jünger wäre, dann hätten wir gerne Ja gesagt. Wir geben zu verstehen, dass wir uns geehrt fühlen, doch bitten wir um Verständnis, nun wo wir ins Bett gehen könnten, an Ort und Stelle zu bleiben. Etwas wehmütig wird die Situation akzeptiert, nachdem alle versichert sind, dass es uns an nichts fehlt und wir keine Angst haben müssen. Im Einvernehmen nicken wir, schütteln Hände und wünschen Allen eine gute und geruhsame Nacht.

Kampong Cham ist nicht mehr weit. Die viertgrößte Stadt Kambodschas ist über die längste Bambusbrücke der Welt mit einer im Mekong liegenden Insel verbunden. Nachdem wir am Morgen weit vor der Stadt unsere Vorräte aufgefüllt und mit schweren Vorderradtaschen über sandige Bauabschnitte durch die Vorstadtgebiete gerumpelt sind, rollen die Räder am Mittag über die schwammige und super schwierig zu fahrende Bambuskonstruktion. Der im Voraus kontaktierten Bleibe auf der Insel entgegen. Die Lokation die sich „Bamboohut“ nennt ist fest in französischer Hand, was sich allerdings erst nach und nach herausstellt. Ursprünglich hatten wir gehofft über eine Plattform Namens Helpix genau hier oder an anderer Stelle in Kambodscha eine Arbeit zu finden, um Kost und Logi zu sparen. Doch einfacher gesagt, als letztlich umgesetzt. Denn zwei Wochen sind den meisten zu kurz und die wenigen Angeboten die sich auf handwerkliche Arbeit beziehen, fern ab unserer Route oder mit großen Umwegen verbunden. Sei es drum!

Die Lokation ist relaxed und ansprechend gestaltet, die Unterkunft besteht rein aus Hängematten und der Blick hinüber zum muslimischen Stadtteil, aus dem die Moschee herausragt, ist voller Leben. Doch das Feeling vor Ort hat mit Kambodscha nur begrenzt etwas zu tun. Gesprochen wird überwiegend französisch oder vereinzelt englisch, Preise für Getränke oder einfache Sandwich sind europäischen Ursprungs, das Abendessen besteht und das ist sympathisch, aus einem Menüpunkt, doch Portionierung und Preis/Leistung stehen für uns in keinem Verhältnis. Der Kontrast zu den Tagen zuvor ist immens und das Einfinden in die Situation fällt uns nicht leicht. Auch wundern wir uns über das Inserat in der Helpix Plattform, denn der Bedarf an Helfern scheint für diese Saison mehr als gedeckt. Vor allem wenn gleich vier Helfer mit Mühe ein einfaches Curry zubereiten und am Tag drauf Pizza aus der Stadt kommen lassen. Froh darüber, ausreichend Lebensmittel vorrätig zu haben und eine kleine Küche unser Eigen nennen zu können, kochen wir die nächsten zwei Abende auf der etwas unterhalb gelegenen Bambusplattform mit Blick auf Wasser und Stadtpromenade. Denn um satt zu werden, hätten wir stets das dreifache Menü pro Person bestellen müssen.

Der Seitenarm des Mekongs, der zwischen Insel und muslimischem Stadtteil fließt, ist mit Ausnahme von geschätzten 100m Wasser durchwatend zu passieren. Weshalb wir uns die Brückengebühr sparen, zum Markt zu gleich die schnellste Abkürzung nehmen und uns erfrischend durch die Boote der Fischer hinüber ans andere Ufer schwimmen und winken. Mit dem Erreichen der anderen Seite, betritt man gleich kambodschanischen Boden. Die Cham schmunzeln, da sie uns durch das Wasser schwimmen gesehen haben und weisen uns den Weg vor zur Straße. Mit den wasserdichten Packsäcken, in denen wir Unterlagen und elektrische Geräte untergebracht haben, schlendern wir zum nächsten Eiskaffee mit Internet. Die Idee einen lebendigen Fisch auf dem Markt zu kaufen und diesen für das heutige Abendessen in einem der Packsäcke mit auf die französische Kolonialparzelle zu nehmen hatte ich da bereits verworfen. Denn der Fisch sträubte sich in ganzer Länge und war nur mit Mut und zugegeben viel Glück zurück in die Wanne zu jonglieren, wo er herkam. Erst schwamm der Gute kopfüber, dann fing der Packsack heftig an zu sprudeln und zu strudeln bis er halbseitig über den Rand zu zappeln versuchte. Ein beherzter Griff lässt ihn dann erschrocken Richtung Decke flutschen, wo er mit kurzfristig gutem Überblick zurück in meine glitschigen Hände fällt und wie erwähnt, von dort „Inshalla“ (so Gott will :-)) zurück in die Wanne platscht. Alle Herzen, eingenommen das des Fisches, die Zeuge dieser dämlichen Aktion waren atmen auf. Wir versichern, wir kommen wider und nehmen den leblosen Fisch, das erscheint uns einfacher. Zum Abendessen brutscheln wir bei einfallender Dämmerung Pfannenfisch und knuspern Bananenchips vom Markt, während oberhalb im Bamboohut das heutige Menü gekocht wird und der letzte Abend auf der Insel sich dem Ende neigt.

  2 comments for “Le Thanh – Kampong Cham (07.02. – 18.02.)

  1. Frank
    4. Mai 2016 at 13:22

    Bin jedesmal mehr begeistert, wenn wieder ein neuer Beitrag zu lesen und schauen ist.
    Freue mich schon auf die Nächsten !

  2. Eckhard
    30. April 2016 at 12:32

    Ich möchte auch frittierte Bananen genau von der Frau. Ich habe noch nie frittierte Bananen gegessen, aber nach dieser lebhaften Beschreibung liebe ich sie.

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