Mae Sot – Mawlamyine (30.04. – 02.05.)

 

Nun fängt er an, der Rückweg, die Reise nach Hause, zurück in die Heimat, immer Richtung Westen. Myanmar Indien, Nepal, Indien, Pakistan, China; in Kirgistan wollen wir uns neu orientieren.

Mit frischem Nan in der Radtasche und dem einsetzenden Verdauungsprozess von Teigwaren mit einem Chutney aus Kichererbsen unter Zwiebelringen im Magentrakt, grummeln gesättigte RadlerInnen in Richtung Grenzgebiet. Der Andrang ist überschaubar, was tags zuvor an kultureller Vielfalt auf dem Markt zu spüren war, ist gleichermaßen am Immigrationoffice der Fall. Auf acht Quadratmetern teilen sich vier betelnusskauende Beamte die Aufnahme und Registrierung der ankommenden Fremden. Geschmeidig und ohne jegliche Probleme gelingt die Einreise. Hinter dem Checkpoint liegt eine breite, gerade Straße, die seitlich dicht bebaut ist und wie eine belebte Schneise anmutet. Es sind unsere ersten Meter in Myanmar und gleich unsere ersten Eindrücke sind wie aus einer anderen Zeit. Das Geschäft der Wechselstuben, mit den 100$ Noten, die alle wie frisch gedruckt auszusehen haben, liegt eindrucksvoll hinter uns, die Straße vor uns. Genau wie 15km stinkender, dichter Verkehr, bis die alte Passstraße abzweigt und die Umgebung abermals eine Zeitrolle rückwärts macht. Aus schwerem Transitverkehr und düsenden Kleinraumtaxis wird vereinzelter Mopedverkehr. Gelassen und in Ruhe schweift der Blick zurück ins Tal über die Flussbettebene nach Thailand. Es sind nur vereinzelt kleine Dörfer aus Bambus, Palmenzweigen und Plastik anzutreffen, die Menschen hier sind freundlich und erinnern uns an unsere ersten Tage in Laos. Am späten Nachmittag nach unzähligen Windungen entlang der steilen Hänge, schmunzelt uns aus der Ferne ein liegender Buddha entgegen, der in der untergehenden Sonne auf dem Kamm eines Bergsattels eine prächtige Lage gefunden hat. Es ist das zu Hause von zwei in dunkelroten Roben gekleideten Mönchen und ihrer Mutter, die hier ihrem Glauben folgen und beharrlich ihre Betelnüsse kauen und dicke Zigarillos rauchen. Die drei strahlen eine tiefe Gelassenheit aus, in ihrer kleinen Behausung servieren sie Tee zwei Bonbons und deuten auf ihre Einrichtung, die aus Funkgerät, Radio, riesigen Aktivlautsprechern und einer kleinen Küche besteht. Ausschließend gehen alle eine kleine Runde über das Gelände zum großen liegenden Buddha, wo wir uns dankend verabschieden und sich die zwei Mönche je eine Zigarette anstecken und später gelassen zurückwinken, bevor wir außer Sicht sind.

Gerade schluckt der Horizont den heißen Feuerball und die Zeit um einen geeigneten Schlafplatz zu finden bricht an. Vergebens! Nach Ausflügen in dichte Hecken hangab-/ hangaufwärts, einem Beinahekontakt mit einem Militärstützpunkt, zeigt sich, hier werden wir nicht glücklich. Zum Glück können wir an einer Quelle, unser Wasser auffüllen, doch bei stockdunkler Nacht ist die Gelassenheit dahin in Ruhe einen Zeltplatz zu finden. Nach einem bewohnten Checkpoint, der von zwei Kalaschnikow tragenden Soldaten bewacht wird, öffnet sich das Bergpanorama über das vor uns liegende Tal, dass zu unserer Überraschung wie nach einer Schlacht auf Mittelerde in hochschlagenden Flammen steht. Etwas beängstigt drehen wir um und fragen den Militärposten nach einer Schlafmöglichkeit. Plötzlich geht alles ganz schnell wir werden höflich in eine kleine Hütte eines Mönches gebeten, die Räder werden sicher im Inneren geparkt, Teppich, Decken und Kissen werden organisiert und dann deutet einer der Soldaten auf die Waschstelle und Toilette, die wir dankend und ausgiebig nutzen. Die Nacht wird zwar nicht erholsam, da der Mönch und sein ergebener Diener in voller Lautstärke schnarchen, der Diener unter chronischem Dauerhusten leidet, ununterbrochen mit sich selber redet und ein an Hundekrätze leidender Köter ständig unsere Nähe sucht, doch der Kaffee am nächsten Morgen, mit Reis und Süßigkeiten lässt uns vieles vergessen. Beim Abschied wird herzlich, wenn auch müde gewunken, dann geht‘s abwärts, hinunter ins dunstige Tal.

Ruhig und verlangsamt lässt man die Hitze außen vor, so wirken die Einheimischen auf den staubigen Feldern und nahe ihren Behausungen, doch wenn bepackte Radreisende vorbeifahren winken und rufen sie laut „Hello“ oder rufen in die Nachbarhäuser „Aaingali! Aaingali!“, das bedeutet offensichtlich Engländer, dies hat sich aber als Pendant zum laotischen „Farang“ was Fremder/Fremde bedeutet verbreitet. Die Stimmung in den Gesichtern der Menschen ist von purer offener Neugier, gemixt mit reiner Herzlichkeit. Das Lachen und Grinsen ist ein glückliches Gefühl von Verwunderung gemixt mit roten blutrünstig anmutenden Zähnen, die das Konsumieren der Betelnuss in fast jedes Lachen trägt. Die Begegnungen sind voller Charakter und natürlicher, ehrlicher Mimik, auffällig sind die golden schimmernde Farbe auf Stirn, Wangen, Nase und Armen die meist kreisend aufgetragen wird und von der Rinde eines Baumes stammt, die mit etwas Wasser über einen speziellen Stein geschliffen wird. Ein biologischer Sonnenschutz, denn wie überall in Asien sehnt man sich nach blasser europäischer Haut. Dickhäuter wie Elefanten sehen das vermutlich anders. Als das gigantische Tier mit samt seinem Reiter geschmeidig an uns vorbeischwebt, können wir kaum glauben, dass sich die Zeit nochmal weiter nach hinten rollt. Wie ein Uhrpendel schwingt der Schwanz des grauen Riesen im Takt der Zeit gemächlich davon, unvergesslich!

Es gibt sie, die dünnen Straßen, die Nebenstraßen abseits der stark befahrenen Hauptstraßen, sie sind jedoch mit Vorsicht zu genießen! Mal betonierter Plattenbelag, dann staubender Dreck und völlig ungeeignet für jegliche Transportmaschine, Kieselsteinstraßen, die wie Eierkartons robuster und in der Dimension größer, einen Kilometer zur Nerven- und Geduldsprobe werden lassen.

Die Ebene nach Mawlamyine, der ersten großen Stadt ist ein Vorgeschmack auf die trockene Hitze der nächsten Wochen. Unsere Mittagspause halten wir an einem Fluss, der weiter westlich in den Golf von Martaban mündet. Der braune lehmige Strom ist reich an Wasser und Geschwindigkeit. Für einen Moment erfrischt das Nass den vor Hitze glühenden Kopf, dann geht es in den Schatten, der unser bester Freund in der Nachmittagssonne werden wird.

Als das Zelt am Abend versteckt zwischen Bambus und Palmen steht, geht ein anstrengender Tag zu Ende. Denn die Abendetappe war geprägt von Staub, Staub, Kieselsteinpisten und der stressigen Suche nach einem Zeltplatz, versteckt im geeigneten zeltbaren Gelände, ohne das uns ein einheimisches Auge beim Abbiegen ins Abseits der Straße beobachtet. Daran wird sich in den Nächten die wir im Zelt schlafen nur der Zustand der Anspannung ändern, denn zelten ist in Myanmar speziell für Touristen verboten.

Bei der Morgendämmerung packen wir Zelt und Räder zusammen und zwei Kilometer später ist alles zurück auf der Straße, die uns nördlich nach Mawlamyine führt. Die Stadt liegt verschlafen zwischen einer Hügelkette, einer im Meer vorgelagerten Insel und der Mündung des brauen Stroms vom Vortag. Dort wo sich die Hügel erheben stehen in Reihe etliche Stupas, die das Land von Süden bis hin in den Norden so einzigartig machen. Unsere Bleibe für zwei Nächte wird das Aurora Gästehaus, das mit seiner spartanischen Qualität, Ausstattung, wenig Scharm und miserablem Service die zwei anderen Optionen, Breeze und Royal Gästehaus mit seinem Preis und vergleichbar guter Substanz aussticht.

Es ist noch Vormittag, wir beide und der Wasserfilter zeigen physische Ermüdungserscheinungen, am Ende des Tages erliegt, zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt der Wasserfilter seinen Ermüdungen, er ist irreversibel kaputt. Am Abend tragen uns unsere Füße vorbei am Markt und hoch zu den buddhistischen und spirituellen Stätten. Es ist ein anmutender und erhabener Blick auf die Stadt, die viel Raum für grüne Flächen lässt und im Licht der Abendsonne friedlich unter uns liegt.

Es sind nur noch wenige Meter bis nach Hause, kurz zuvor hatten wir in einem Eckrestaurant zu Abend gegessen. Zwei nette Frauen nehmen die Bestellung auf, es gibt verschiedenen Beilagen mit Reis, dazu Salat und Süppchen, etwas Kräuter, dann wird es um uns und in den Straßen der Stadt dunkel! Stromausfall! Schnell steht eine LED-Leuchte an unserem Tisch draußen starten die Besitzer ihre Aggregate und alles geht seinen Lauf wie bisher. Außer das uns die Masse an Aggregaten, die in den Städten fast vor jeder Haustür stehen nun deutlich ins Auge fallen. Wir gehen am Eingang, mit der steilen Treppe, die hoch auf unser Zimmer führt vorbei in eines der burmesisch typischen Teehäuser, die weitaus mehr als Tee, Kaffee und kleine Snacks bieten. Dahl und Nan wird wie schon in Mawlamyine unser Leibgericht. Noch weitere vier Mal bricht das fragile Stromnetzt zusammen und in Sekundenschnelle stehen auf den besetzten Tischen kleine Kerzen, die in ihrem eigenen Wachs auf den Tischen kleben. Ein Abend mit besonderem Flair geht mit dem ausschalten der Neonröhre zu Ende, der Ventilator brummt, die Stadt ist dunkel und die Aggregate summen durch die Nacht.

 

 

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