Philleo

Litang – Shangri-la (31.10. – 09.11.)

 

Zum zweiten Mal, schmeckt die Luft nach parmirischer Höhe, es startet die Periode Herbst-/Wintereinbruch auf tibetischem Hochland. Karges, teils sumpfiges Weideland, eine leicht abfallende, qualitativ hochwertige Straße läuft nach Süden in die ersten Anstiege. Die Berge, die die weite Ebene schützend einfassen, kratzen meist an 4600 Metern. Die Tibeterinnen die hier leben, sind eine stolze Volksgruppe. Groß gewachsene Männer, wie Frauen, mit wachen Augen, langem, tief schwarzem Haar, traditionell schweren, dunkelroten Stoffen, die warm halten am frühen Morgen oder wenn die Sonne abends unter geht. Die freundlichen Gesichtszüge, die durch buddhistisch, gemeinschaftliche Ruhe, von innen heraus zu authentischen Charaktären werden, sind eindrücklich und voller Wärme. Mit den Hüten und den bunten Motorrädern, wirken sie wie freie Piraten, auf dem Dach der Erde.

Erstaunlich gut geht es uns mit der hohen Atmosphäre und dem wenigen Sauerstoffgehalt, die Steigungen sind nach chinesischer Bauart nicht übertrieben, was man von unserem Proviant nicht sagen kann. Langsam erklettern die schweren Räder die erste Kuppe. Mit dem Blick nach vorne reihen sich Skulpa an Skulpa, rechts der Straße liegt ein kleines Kloster und zurückblickend liegt Litang, kaum noch sichtbar, am gegenüberliegenden Rande der durchquerten Ebene. Außer den Tibetern, die meist mit Mopets, Ackermaschinen mit Anhängern, Pickups oder kleinen Sammelbussen unterwegs sind, treffen wir nur selten auf andere Touristen, die in luxuriösen Jeeps oder dem Überlandbus an uns vorbeireisen. Mit ein paar Datteln Mittagessen sausen wir an den Skulpas vorbei ins nächste Tal, in den nächsten Anstieg. Leonie scheint die Datteln bereits verwertet zu haben, sie kämpft mit jedem Meter, bis ihre Vorderradtaschen zusätzlich an meinem Rad befestigt, Platz finden. Es vergeht kaum ein Kilometer da hören wir, wie sich ein schwer beladener LKW den gleichen Anstieg hinaufquält. Unsere Chance, Leo’s erster Versuch sich am Heck des fahrenden LKW sicher zu halten misslingt, zu nervös verpasst man schnell den einen Moment, der Blick und Griff mit gleicher Geschwindigkeit vereint. (Ich korrigiere: es soll an der fehlenden Kraft gelegen haben, mag sein!) Meine Beine legen ein paar Watt drauf, schmerzen für knappe 100 Meter, doch die Energieeinsparung, liftend an der gewaltigen Zugmaschine, steht in keinem Vergleich. Der haltende Arm fühlt sich auf der Kuppe nach fünf Kilometer, fünf Zentimeter länger an, schnell verstecke ich all unser Radgepäck hinter einem Mäuerchen unter Kartonagen und radle der holden tapferen Maid entgegen. Auf halber Strecke fädele ich hinter ihr ein, mit Löwinnenstolz werden die Taschen nicht herausgerückt sondern selbst gefahren, ist doch klar! Genug für heute! Gemeinsam nehmen wir das Gepäck auf und radeln zum Flussufer, welches in der Sonne gleich neben der dünn befahrenen Straße liegt. Das Zelt passt ausgezeichnet auf einen kleinen Platz Wiese. Mit Kraft der Sonne springen wir in den eisigen Bach und genießen unser Abendessen, während es mit abtauchender Sonne schnell kühl um uns wird.

So kühl, dass am Morgen der Dunst der Körper in Eis von der Innenseite der Außenplane auf uns rieselt und die grüne Außenseite im frostigen Blümchenmuster erscheint. Das Frühstück fällt hinein in die Kalorienverbrennungsmaschinen. Glück, dass auf dem ersten Pass der chinesische Fotoclub mit Mittagessen auf ausgebrannte RadlerInnen wartet, der uns zuvor mit interessierten Blicken in SUVs überholt hatte. Gleichsam interessiert verfolgen wir die Zubereitung des Plastikessens. Das hinter einigen Plastikcovern, Reis beinhaltet und später erwärmt mit Hilfe von Chemie und Dosenfisch gegessen wird. Hätten wir hier zum Abendessen angehalten hätte das Blitzlichtgewitter „Starqualität“ gehabt, so vergeht kaum eine Sekunde, ohne das eine der rund zehn super krassen „Spiegelreflex-Kawummen“ Bilder schießen. Im Gegensatz zu Gestern sind wir durch die dünne Luft leicht lediert. Wir hatten mal gehört, dass man je Tausender an Höhe, ein bis zwei Liter mehr pro Tag trinken sollte. Der Konsum liegt weit darunter, weshalb wir an der nächsten Möglichkeit Wasser tanken und in den nächsten Anstieg klettern. Mit unterschwelligen Dauerkopfschmerzen erreichen wir den höchsten Punkt des Tages, sitzen ein paar Minuten für Bananen- und Schokoriegelverzehr ab und nehmen jedes Mal Schwung auf, um durch die Wellentäler der Hochebene nicht zu viel Kraft zu lassen. Die Abfahrt bringt uns zwar zurück auf das Ausgangsniveau des Tages, doch beide Köpfe dröhnen vor Schmerz. Nudelsuppe, Sonnenuntergang und der Blick über den Fluss, auf das gegenüberliegende, im Fels verbackene buddhistische Kloster, sind heilende Ablenkungsmedizin. Genau wie die Tibeter, die kurze Zeit später auf Motorädern eine Herde Yaks an unserem Zelt vorbeilenken und diese durch den Flusslauf zu drei wartenden Mönchen hinüberdrängen.

Am nächsten Morgen, geht es dem Hirn deutlich besser. Mit Polenta startet der Tag. Über der buddhistischen Gebetsstätte und den Gebäuden ringsum, wabert ein Schleier aus Dunst. Leise sind harmonisch, sphärische Klänge zu vernehmen, die mit dem Wind in alle Richtungen wehen. Vor der Einfahrt, die über den Fluss durch traditionelle Häuser, zum Tempel führt, warten acht Motorräder. Auf ihnen Familien mit Kindern, beladen mit Taschen oder Körben, die links und rechts am Rahmen befestigt sind. Respektvoll nähern wir uns und gleich wird freundlich der Weg über die Brücke bedeutet, den wir mit einer Frau, die ihre Kühe vor sich hertreibt queren. Die Musik wird, je näher wir kommen, zu einem zusammenhängenden Summen und mit den Tibeterinnen zu vibrierenden Mantras. Vor dem Eingang spielen Kinder, dazwischen Tibeter, die im Uhrzeigersinn drehende Gebetsrollen passieren, junge Männer vor dem Treppenportal scherzen und lachen. Weiter rechts sitzen junge Frauen und Mütter beim Nudelrupfen und etwas dahinter dampft die Küche den Nebelschleier durch ein Ofenrohr, aber größtenteils durch Fenster und Kücheneingangstür ins Freie. Es köchelt auch vor der Küche in großen Töpfen, die auf brennenden Balken stehen, das Wasser für Yakbuttertee. Alles in gemütlicher und abwartender Ruhe. Genau wie die Stimmung im Innenhof des Tempels, der im Zentrum voll besetzt mit Gläubigen, mit großen Lautsprechern, die mandrische Musik ins Freie trägt. Fahnen wiegen in der Morgenluft auf und ab, Mönche schmunzeln nicht weit von uns einer Gruppe Kinder zu, gleich im Zimmer nebenan, beten Frauen und Männer im Schein von hunderten von Kerzen. Total harmonisiert, sagen wir innerlich vielen Dank und lächeln ebenfalls zum Abschied den ruhenden Gesichtern entgegen.

Disharmonisch wird es erst, als wir im Anstieg nach der Abzweigung in Sangdui, der später einmal auf 4708m steigen soll, merken, wie super steil die Straße in dem vor uns liegenden Tal zu liegen scheint. Der Tag wird einer der anstrengendsten Tage in China werden! Ein zwei Tränen kullern, Gepäck wird umverteilt, Erschöpfungsgrenzen werden passiert, genau wie die Asphalt-/Schotterstaubgrenze der Passstraße, Frustexplosionen werden entladen und ganze Passagen die rollende Masse schiebend gen Scheitelpunkt bewegt. Mehr als fix und fertig wünschen wir uns schlicht und einfach ans Steigungsende, dass wir am späten Nachmittag total beduselt mit Konzentrationsbeschwerden irgendwie wahrnehmen und genießen. Auf dem Weg ins Tal hinter dem Pass, ist alles vergessen! In den letzten Minuten Sonne, stellen wir unser zu Hause auf das Podest einer Hangwiese und genießen das wohltuende warme Licht, mit der Erinnerung an den zerstörenden Anstieg und die atemberaubend schöne Abfahrt durch die enge Schlucht, die geschmückt mit Gebetsfähnchen nun den Blick in ein breites Tal vor uns öffnet.

Nach einer kalten, lauten Nacht, laut, weil wir oberhalb eines Straßencheckpoints das Horn jedes anrauschenden Trucks erwarten, der 200m im Voraus sein Passieren ankündigt, um an der Schranke nicht anhalten zu müssen, wird die Abfahrt ebenfalls schattig frisch, bis wir im Tal die Sonne tanken und am kleinen Dorfladen die Jacken wieder einpacken können. Nach dem Horrorpass des gestrigen Tages ist mehr als nur die Luft raus! Beim Ausloten der Möglichkeiten sind wir einer Meinung, in Xiangcheng der nächsten Stadt, wird in den Bus nach Shangri-La gestiegen. Um ohne Visa- und Highmountainstress die zweite Etappe, den zweiten Monat in China zu genießen. Auf dem Weg nach Xiangcheng atmen wir tibetische Ruhe und stoppen für unser Mittagessen in einem an der Straße liegenden Kloster. Mönche und Einheimische, vertieft in schweigendes Lächeln, gehen im Uhrzeigersinn meditierend die Mühlen rings um das kleine Klostergebäude mit seinen fünf Skulpas stupsen.

Als wir den Busbahnhof der kleinen Stadt erreichen ist klar, der Bus fährt erst am nächsten Morgen. Etwas außerhalb der Stadt richten wir uns auf einem Friedhof unterhalb des buddhistischen Komplexes, der gerade renoviert wird, für eine kurze Nacht ein. Denn laut Auskunft der Ticketstation, ist die Abfahrt bereits um sechs Uhr morgens. Wenn eines in China gilt, dann das sich keiner von campierenden Reisenden gestört fühlt. Stets fragen wir, ob es in Ordnung ist, hier oder dort zu zelten. Nie haben wir das Gefühl, das uns jemand den Platz verwehrt. Bei Sonnenuntergang gesellt sich eine Arbeiterin zu uns ans Zelt, interessiert wie die Fremden das einheimische Gemüse zubereiten und dabei ganz auf Fleisch verzichten. Ganz groß werden die Augen bei der kleinen Küche mit der blauen Flamme. Für den Augenblick taucht die junge Frau mit dem Hut in den Dunst des köchelnden Gemüses, dann muss sie los, der wartende Pickup bringt sie zurück nach Hause.

Es ist dunkel als der Wecker rappelt und das Zelt klamm zusammengelegt im Packsack verschwindet. Alles ist für die Überlandfahrt gerichtet. Nur Lenker und Fahrradständer müssen an der Haltestelle noch demontiert werden, dann kann es losgehen. Am Haltesteig sind die Passagiere fröstelnd am Warten. Hinter uns öffnet ein kleiner Laden, schnell steigt der Umsatz der Besitzerin und die erste Morgenröte erreicht den Gipfelkamm. Zwei große Busse mit viel Platz im Kofferraum fahren samt einer geringen Anzahl an Fahrgästen nach Litang, soviel lässt sich kommunizieren. Als eine Gruppe Kofferträger in den Hinterhof abwandert, folgen auch wir dem Fingerzeig derer, die warme Finger haben und stehen den Moment später vor einem kleinen Bus mit einem Gepäckvolumen eines unbesetzten Kleinwagens. Ein wenig überrascht nimmt der Fahrer den Haufen Radtaschen zur Kenntnis. Leonie zeigt ihm die Tickets, während ich die Räder an die Bordluken schiebe und versuche diese zu öffnen. Mit ölglattem Haar, Zigarette rauchend und seinem Handy, tritt der schlanke Fahrer an uns heran. Klar, hier geht es gleich um den Preis der Räder als Extragepäck. 120元 erscheint auf dem Bildschirm, unsere Gesichter sind kurz überrascht, dann schütteln wir die Köpfe. Mit fordernder Kopfgeste, deutet er auf den Preis, zeigt uns zur Verdeutlichung auch die passenden Scheine. Nö! Nö! Denken wir uns, von Kangding nach Litang waren die Räder frei! Die Diskussion wird hitziger der Preis sinkt auf 100元. Wir machen deutlich das wir nichts für die Räder zahlen werden, da wir sie im Bus zwischen anderen Reisenden, acht Stunden festhalten müssten. Zur ungewohnt hitzigen Debatte am Morgen gesellt sich Zeitdruck und Nervösität! Auf 60元 würden wir uns einlassen. Scheinbar ist der Fahrer bereits zu tiefst verletzt, da er langsam am Rad zu drehen scheint. Auch unsere Gelassenheit schwindet mit jedem Kommunikationsversuch, da der Faden offenbar gerissen ist. Aufbrausend in Frust und Ärger, über in seinen Augen unerhörte RadfahrerInnen, versuchen wir die Situation mit der Hilfe des Ticketschalters zu retten, doch die Gemüter sind so hochfrequent, dass wir nur die bereits erworbenen Tickets zurückerstattet bekommen. Leonie tauscht unter Tränen noch ein paar mächtige Kraftausdrücke aus, dann rumpelt der Bus vom Schotterplatz auf die Straße und ist weg. Fucktiche Tatsache!

Ein bisschen dauert es, bis realistische Alternativen von Leonie bewertet werden können. Die sich in per Anhalter nach Shangri-La, per Rad nach Shangri-La oder per Bus am nächsten Tag nach Shangri-La zusammenfassen lassen. Trost spendet das im Augenblick nicht. Vor allem als ein Dahergelaufener beim Beladen der Räder fragt, ob wir für 600元 nach Shangri-La fahren wollen. Da fällt es uns beiden schwer zu lächeln. Mit frittiertem Teig starten wir pedalierend in den Morgen. Irgendwo auf der Straße wechseln wir Busreisekleidung zu Radlerdress und hoffen, dass uns der nächste LKW samt den Rädern über die nächsten Pässe bringt. Sieben Kilometer später stehen die Räder verzurrt auf der Ladefläche und wir sitzen bei den beiden Truckern in der Fahrerkabine, die deutlich jünger sind als wir, auf dem Weg nach Shangri-La. Der Truck mit ca. 900 Zementsäcken wird zwar zuvor noch von Hand entladen, doch dann geht es hoch hinauf durch die Berge über eine Straße, die an Qualität schlechter nicht sein könnte. Nach 7 Stunden, zwei verbesserten Radverzurrversuchen und 60km kann ich die ineinander springenden Fahrräder mit den Gepäcktaschen, die sich bei jedem Straßenschlagloch, auf der hintersten Ecke der Ladefläche ineinander verkeilen nicht mehr aushalten. Egal! Shangri-La hin oder her, die Räder müssen runter vom Truck und zwar schnell. Ich kassiere zwar verärgerte Blicke von Leonie und den beiden jungen Burschen, die sich ein ordentliches Trinkgeld erhofft hatten, doch was soll‘s! Der letzte hohe Pass ist Luftlinie neun Kilometer entfernt, dass die Straße fast zehn Seitentäler mitnimmt und wir achtzehn Kilometer ohne ausreichend Luft nach O² schnappen, wissen wir erst, als wir bei Dämmerung am Pass schiebend ankommen und uns der Wind den Kies unter den Schuhen wegpustet. An stürmenden Gebetsfahnen rumpeln wir, mal mehr mal weniger, siebenundzwanzig Kilometer hinab ins Tal. Währenddessen wird es dunkel, kalt, es fängt zu unserer Freude zu regnen an, dass Staub als feste Panade zu kleben beginnt. Als wir die ersten Häuser mit Licht erkennen, ist es 20:00 Uhr und kurze Zeit später wärmen wir uns am Feuer und heißem Wasser der beiden Ferseh schauenden Frauen, die uns für 40元 im Gästezimmer übernachten lassen. Tibet ist echt anstrengend, da stimmen wir im einfachen Zimmer mit Heizdecken überein und fallen in tiefen Schlaf.

Auf noch nasser asphaltierter Straße geht es entlang des Bachlaufs stetig bergab. Wir sind gut drauf! Selbst als wir in den nächsten Passanstieg fahren, der wieder auf knappe 3800m führen wird, sind wir wie das Wetter sonnigen Gemüts und bringen die zwanzig Kilometer schnell hinter uns. Es ist eine der letzten großen Herden Yaks, die wir in der kleinen Senke hinter dem Pass in Erinnerung behalten. Groß, zottelig und äußerst schüchtern sind die knuffigen Vierbeiner mit ihrem gewaltigen Kopf und den imposanten Hörnern.

Mit einer spürbaren Vorfreude düsen wir die Serpentinen hinunter ins Tal, wenn alles „glatt“ geht, sind wir morgen am Etappenziel Shangri-La! In Gedanken an – (später weiß ich nicht mehr was so wichtig war), mit dem Rad zu schnell, war die Kurve im Nachhinein schlicht zu eng. Was zur Folge hat, dass es mich mit samt dem Rad bei erheblichem Tempo, „glatt“ auf die harte Straße legt und der einheitliche Block über rauen Asphalt zum Seitenstreifen schmiergelt. Welch ein gutes Gefühl zu spüren, wie viel ein Helm absorbiert, wenn der eigene Kopf auf dem sich schnell nähernden Untergrund unkontrolliert andockt. Der Sinn des Helms, ist seitdem unbestritten! Gerne hätte ich auch an anderen Körperpartien einen Helm getragen. War aber nicht! Weshalb der Trochanter major am Femur (hier fachspezifisch als äußerer Knochenknubbel am Oberschenkel im oberen Drittel beschrieben) punktuell herhalten muss und das Gewebe im Umkreis von 10 cm den Knochen soweit entlastet, dass er nicht abbricht. Das sagt zumindest der integrierte Körperscanner in den ersten 30 Sekunden der Regungslosigkeit, auf den stets verlass ist. Nix kaputt! Allenfalls geprellt! Gerade noch fähig mit gereichter und besorgter Hand aufzustehen, humpelt die beinahe OSH# (Oberschenkelhalsfraktur) von der Straße. Ei, Au-Autsch, uijuijui. Am besten nicht gucken, irgendwie ist Shangri-La gerade wieder weit weg. Langsam bergabrollend ist OK, in die Pedale treten in kleinen Hügeln ist nicht OK. Auf einer Wiese oberhalb grasender Yaks, fünfzig Kilometer vor dem Ort der Sehnsucht rasten wir die letzte Nacht und konsumieren fleißig Arnikaglobulis.

Abgesehen von Bewegungsschmerzen, einem letzten Pass der kein Ende nehmen will und Gegenwind in der Ebene vor Zielankunft, bestaunen wir die mächtigen traditionellen Säulenhäuser am darauf folgenden Tag. Die aus riesigen Stämmen getragene Holzkonstruktion ist verziert, bemalt und über die komplette Fassade offen gestaltet. Wo die gewaltigen Stämme herkommen fragen wir uns, eine Frage die unbeantwortet bleibt. Shangri-La! Geschafft! Es ist früher Nachmittag, bei Tagesanbruch waren wir am Morgen auf den Rädern, um die Visa vor Ort evtl. noch am gleichen Tag zu verlängern. Die Stadt ist groß, im Verhältnis zu den Orten der letzten Tage riesig. Die Altstadt, vor einem Jahr zur Hälfte abgebrannt, ist im Wiederaufbau. Es braucht einige Versuche bis wir im Barley Hostel durch Zufall die gleiche Lokalität wie Clément & Matthieu anlaufen und bei der herzlichen Mutter des Besitzers einchecken. Glücklich über das Gefühl angekommen zu sein, raffen wir die letzte Energie und machen uns auf den Weg der Bürokratie einer Visaverlängerung. Eine Stunde vor Ladenschluss erreichen die notwendigen administrativen Papiere das Büro der Behörde und wir werden zweier Informationen reicher. Die zweimalige Visaverlängerung ist passé, der Bearbeitungsprozess der Verlängerung dauert fünf Werktage. Wir müssen uns einverstanden geben und radeln beratschlagend zurück in die Stadt. Mit sagenhaftem Glück ordern wir super leckeres, fleischfreies Essen mit Yakbuttertee und Tsampa in einem kleinen tibetischen Familienrestaurant. Finden auf dem Rückweg den Stadtbazar und treffen im Hostel auf die beiden Franzosen, die freudig überrascht den Abend mit uns und ihren Tibet-Erlebnisse teilen. Kultur rings um die Altstadt ist Fassade, Souvenirs und ein bisschen Disneyland. Schön und anregend zum Mitmachen ist der Tanzflashmob vor dem in Gold strahlenden Kloster und der größten Gebetsrolle des Planeten Erde. Hier kommt, wie auch in Kangding jedes Alter in Schwung. Uns fehlt es an Energie um in Schwung zu kommen, so verbringen wir die meiste Zeit im kalten Hostel und laden die eigenen Körperakkus auf, die stark gelitten hatten. Am gleichen Tag an dem die französischen Jungs die Stadt für eine mehrtägige Rundtour verlassen, lässt mich mein Magen-Darm-Apparat mal wieder im Stich. Zwei weitere Tage bleiben wir Gäste des Gemeinschaftszimmers und ich im Haupten der Sanitäranlagen.

 

Höhenprofil von Litang nach Shangri-La

Höhenprofil von Litang nach Shangri-La

Chengdu – Litang (23. – 31.10.)

 

Von Philipp

Im für Chengdu typischen Dunst, reichen unsere Pläne kaum weiter als die Sicht es nach Pengshan zulässt, sprich genau einen Tag. Das Ziel liegt nicht ganz dingfest 70km südlich der zunächst nicht enden wollenden Stadt. Am herbeigerückten Horizont, tauchen wie in den PC-Spielen, auch nach einer Stunde geradliniger zügiger Fahrt, ganz selbstverständlich riesige Hochhauskomplexe aus der Ferne heraus, die immens viel Wohnraum und chinesische Baukultur bieten. Stahlbeton ist groß, hoch und gängigste Praxis. Das Ende der Urbanität kündigt sich durch vorplanierte Bauflächen zur Erweiterung und die Reduzierung des Highways von sechs auf eine Spur an. Zack! Dann die Option eines Überlandradweges, leider die falsche Richtung und das OK aus Pengshan, dass ein Zimmer auf dem Campus der UNI bereit steht. Perfekt! Wieder einmal vorzüglich von Leonie über Kontakte eine Bleibe organisiert. Doch zunächst begeistern die vielen grünen Felder, entlang der Straße, die sich links wie rechts am Flussufer präsentieren, alle in ihrer Form mit eigenem Charakter. In den Reihen und dazwischen, überall wird fleißig gegärtnert und der freie Acker bestellt. Kleine Dörfer, Gehöfte und hier wie da Kaschemmen mit Kleinvieh oder borstigen Stinkern. Es wird ehrlicher, brutal grün und ein ganzes Stück fremder als noch in Chengdu, wo Touristen einen Platz haben. Blickkontakt, wenn auch befremdend und aus der Situation heraus verwirrt, sind die ersten Reaktionen, die wir auf ein „Nihao!“ oder wildes winken entgegnet bekommen. Als wir uns Pengshan und damit der Studentenstadt nähern, wendet sich die perplexe Reaktion in zurückhaltende Neugier, die meist im Gelächter ihren Höhepunkt findet. An der Pforte zur University of Pengshan wird nach der Kollegin von Moritz telefoniert. Moritz, der sich gerne seiner Selbst vorgestellt hätte, zu unserem und seinem Bedauern jedoch in Peking festsitzt, da die russische Botschaft seinen Reisepass länger einbehält, hatte noch gehofft all seine Energie in charmantes Liebkosen am Check-In des Terminals für die netten Securitymädchen aufzubringen, um den Flug mit seinem Personalausweis zu ermöglichen. Doch leider blieb es bei dem Versuch, denn als uns die drei Amerikanerinnen Stephanie, Amanda und ? (leider haben wir den Namen vergessen :-/) zu dem Apartment von Moritz begleiten, rollen zwei von Ihnen die Augen und eine wirft ihr Haar mit gekonnter Kopfbewegung zurück hinter ihre Schultern, „Moritz…Yeah, Visas are annoying!“ Die Mädels sind hungrig. Schnell nehmen wir eine Dusche, Zeit zum organisieren des Gepäcks und weiterer Reisegedanken wird auf später verschoben. Gelassen schlendert die Gruppe hinaus auf die belebten Straßen rings um den Komplex UNI, in denen das junge Leben pulsiert und die hiesigen Obst und Snackstände ihre Köstlichkeiten auf den Ladeflächen ihrer Rickshaw anbieten. Zielstrebig steuern wir hinter den Hungrigen in ihr favorisiertes Restaurant und sind begeistert über die Vielfalt der scharfen, leckeren Kost. Wir essen und essen! Selbst als Ungeduld aufkommt, da das Gesprächsthema Urlaubsplanung unserer Gegenüber ihr Ende findet, schmatzen wir weiter und leeren wohlwollend die Teller und Schüsseln. Mit kleinen Snacks in der Hand erreichen wir prallgefüllt die Zimmertür und entscheiden zum Wohle unserer Verdauung auf dem Sportgelände für eine knappe Stunde unsere neu erworbene Frisbee aus Chengdu einzuspielen. Die Scheibe ist auf dem Betonaktivfeld, auf dem neben den Hauptsportarten: Basketball und Badminton auch Inlineskaterinnen ihre ersten schmerzhaften Erfahrungen mit dem harten Untergrund machen, die Exotic pur! Schnell sind wir unser Spielzeug los und widmen uns in voller Konzentration der Verdauungswahrnehmung. Müde nach dem ersten Radreisetag seid Ankunft in Kashgar, ordnen wir eben noch die Taschen und fallen anschließend zu Bett, während zwei Zimmer weiter, drei Amerikanerinnen zum dritten Mal den gleichen Blockbuster auf DVD anschauen.

Am nächsten Morgen, ein Plan kann man es nicht nennen, mehr ein Gefühl oder innerer Wunsch, die tibetische Region auf dem Hochplateau zu besuchen, entschließen wir uns in Richtung Kangding aufzubrechen. Erstes erklärtes Ziel, fünf Tage entfernt, mit dem Wissen um die weit über 4000 Meter hohen Pässe im Land dahinter und der zeitlichen Spanne, die uns bleibt um in Shangri-la unser Visa zu verlängern. Mit ein paar Zeilen und bleiernen Bildern danken wir Moritz, den wir gerne kennengelernt hätten und überreichen der amerikanischen Rezeption den Zimmerschlüssel.

Der dunstige Kessel ist auch in Pengshan Alltag, Sonne scheint es nur in homöopatischer Dosierung zu geben. Über Reisfelder verlassen wir gen Westen die Tiefebene, vorbei an kleinen Gemeinden die sich ganz dem Mandarinen- und Orangenanbau widmen. Die Zeltplatzsuche gestaltet sich im neuen Gelände ungeübt schwierig, mit glücklichem Riecher, stellen wir bei „Dämmerung“ das Zelt in den Hang auf ein nicht bepflanztes Terrassenfeld, weit oberhalb der Landstraße. Buschbohnen mit gerösteten Erdnüssen, mit in Sesamöl gedünstetem Knobi. Dazu Nudels und baumfrische Orangen zum Nachtisch!

Am frühen Morgen: Planänderung! Von Ya‘an dem heutigen Zielort, soll uns der Bus nach Kangding bringen. Geht dieser Plan nicht am selbigen Tag auf, tritt automatisch Plan Spontan in Kraft, welcher ein billiges Hotel vorsieht um am kommenden Tag in die deutlich höher gelegene Stadt im Bus zu brummen. Als wir nach schneller, anstrengender Fahrt in Ya‘an eintreffen, regnet es bereits seit zwei Stunden durch die Klamotten. Der Bus fährt selbstverständlich erst tags drauf, die Fahrräder kosten extra und die günstigen kleinen Gästepensionen weisen uns auf Grund der ihnen fehlenden Lizenz ab. Mit heißer Nudelsuppe unter der Nase prasselt der Regen auf die blecherne Dachkonstruktion der Suppenküche. Planänderung! Mit etwas Nudels und Frust im Bauch radeln wir im Nass der Straße stadtauswärts. Hinein in das Tal der G318, die massiven Ausbau- und Erweiterungsmaßnahmen ausgesetzt ist und gleich zu Beginn, beeindruckend in die Berge steigt. Dieser Verkehr, dieser Dreck! Und die Hänge so steil, das an zelten nicht zu denken ist. Nach zehn Kilometern erreichen wir Duogong. Ein Dorf, das es wohl vor einem Jahr so noch nicht gab. Jedes Haus ist neu! Seitensträßchen, Parkanlage und stets wird erweitert. Ausreichend Fläche ist vorhanden, weshalb wir im Halbdunklen, nicht lange diskutieren sondern direkt den Park ansteuern. Gleich werden wir beäugt, mit einer handvoll Schlafgesten klärt sich, dass wir hier eine Nacht schlummern. Das tun wir auch, aber erst nachdem der Google-Translater mit Hilfe einer Familie in Parknähe ein günstiges Zimmer für die Durchnässten arrangiert und Leonie ihre Füße vollends im heißen Schüsselwasser quellen lässt.

Der nächste Tag: von Oben trocken, von Unten schlammig, matschig. Durch tiefgreifende Bauabschnitte, in denen Kies und Schlamm in breiiger Konsistenz, an Rädern, Taschen und Radlern anhaften, geht es den ganzen Tag stetig bergauf. Das Tal an sich wunderschön, auch die Straße, abgesehen vom zeitlich befristeten Ausbau, kein immenser Störfaktor! Möglichkeiten das Equipment mit einer druckvollen Schlauchdusche zu reinigen ist in jeder kleinen Ortschaft möglich. Doch der neue, über uns schwebende, vierspurige, im Bau befindliche Highway stört die Natur empfindlich ins Mark. Das Projekt entsteht im Rahmen der Kampagne „China goes West!“ Die überbevölkerten Städte an der Ostküste sind dem Kollaps so nahe, das die Chinesen mit attraktiven Schnellstraßen, die brutal durch poröse Berge gerammt und anschließend kilometerlange Flusstäler überbrücken, in die dünner besiedelten Provinzen gelockt werden. (Mehr zu diesem Thema unter: „Mit offenen Karten“ ein geopolitisches Magazin von Arte und Co. zu finden bei Youtube, auch zum besseren Verständnis anderer geopolitischer Fragen.)

Als der Schwerlast- und Personenbeförderungsverkehr abebbt, weil er sich an einer Engpassstelle wieder einmal festgefahren hat, ein LKW Ladung auf der Straße verteilt hat oder Baggerarbeiten Vorrang haben, duschen wir gerade die Räder um diese von Betonresten zu befreien, als uns zwei chinesische RadlerInnen freudig begrüßen. Wir befinden uns, das habe ich noch gar nicht erwähnt, auf der von 96% der chinesischen TourenradlerInnen bevorzugten Strecke, auf dem Weg nach Lhasa in Tibet. Auch die Beiden sind begeistert über den Dreck in jeder Ecke der Klamotte und so teilen wir einige Stunden und eine kleine Rast auf dem gemeinsamen Weg, bis wir am Wegrand kampieren und die Beiden weiter Richtung Hotel radeln.

Am letzten Teilanstieg des nächsten Tages treffen wir die Beiden wieder. Bereits hier quälen sie sich in den Tag, mit dem Wissen, dass etwa zehn 4000er Pässe und knappe 2500 Kilometer auf dem Weg zum Potala auf sie warten. Mit etwas Glück findet Leonie Platz im Rapid Dreiradpickup und ich einen rasanten Lift am Heck eines LKW, sodass wir früher als erwartete auf sonniger Höhe die letzten Meter durch den Tunnel zum Pass radeln. Kangding rückt heute ein großes Stück näher. Staunend und konzentriert fliegen die vielen Kurven, die sich den Berg hinunterwinden an unseren vom Fahrtwind tränenden Augen vorbei. In Luding, der Stadt im Tal, fahren wir zu unserer Freude in die nächste Großbaustelle. Heben, Tragen, Schieben, geschafft. Weiter vorbei am Stausee und nach vergeblichen Mühen für einen per Anhalter Transport für die letzten 25km bergauf, schlafen wir nach einer engagierten Diskussion um den persönlichen Einsatz für einen Hitchhike und der verschwendeten Zeit die uns radelnd deutlich näher an unser Ziel gebracht hätte im Acker hinter dem Dorf, geschützt vom Verkehr hinter einer vier Meter hohen Mauer.

Teils LKW liftend, teils radelnd erreichen wir gegen frühen Mittag Kangding. Gestresste Muskeln und Leonies Nerven werden an den Massagerollen eines öffentlichen Fitnessparks weicher und gelassener. Im Hostel Zhilam, das wir über den kurzen, aber krass steilen Weg durch die Nischen der Häuser mit letzter Puste und trommelndem Puls erklimmen, genießen wir ein kleines Stück tibetisches Flair. Meine Zeit verbringe ich mit Rad- und Taschensäuberung, dann geht‘s zusammen hinunter in die Stadt. Das Busticket nach Litang und Proviant für die nächsten Etappen muss besorgt werden. Auf dem Rückweg der Genuss des großen Stücks Buddhismus in Form des Tempels Nanwu. Zusammen mit Sara ihrer Freundin, den beiden Finninnen, die wir bereits am Grenzübergang getroffen haben und Naomi aus Belgien steigt die Tanzparty auf dem Peoplesquare, wo ca. 100 tänzelnde Stadtbewohner zu schneller asiatischer Musik, die über den großen Platz in Mitten der Stadt vibriert, in synchroner Perfektion Arme, Körper, Hüften und Beine elegant und rhythmisch bewegen. Zu Hause würde man Volkstanzflashmob sagen, hier und in vielen anderen Städten, findet das jeden Abend zu Sonnenuntergang, allgemeine Beliebtheit in allen Altersstufen. Angesteckt von der schwungvoll positiven Stimmung, tänzelt die Gruppe von Suppenküche zu Suppenküche, bis letztlich alle Suppe essen und zufrieden hinauf zum Hostel wandern und der bunt leuchtenden Stadt gute Nacht sagen.

Mit unruhigem Schlaf in den Knochen sitzen wir um neun Uhr morgens im Bus. Taschen und Räder im Gepäckraum gut plaziert, in der Annahme das weitere Gepäckstücke der Mitreisenden eine Fläche selbstsichernder Ladung ergeben. Doch entgegen der Erwartung eines voll besetzten Busses, nehmen wir mit nur 12 weiteren MitfahrerInnen Platz, die jeweils nur leichtes Handgepäck mit in den Bus nehmen. 290km, 8 Stunden Fahrzeit lassen entweder auf eine lange Pause, massive Straßenschäden oder lange Bauabschnitte schließen, so wie wir sie bereits kennengelernt hatten. Es hilft nichts, während die Gedanken kreisen, schließen die Türen und der Fahrer setzt zum Motorstart an. Auf halber Strecke denke ich mir, alles halb so wild, die tibetischen Häuser, Yaks und bunte Gebetsfähnchen, als hätten wir eine Landesgrenze passiert, so sanft wirkt die Gegend. Doch dann ändert sich die Pistenqualität schlagartig! Genauso! Es setzt Schläge, das der Bus jeden Moment von der Straße zu springen scheint. Die Insassen haben Mühe sich in den Sitzen zu halten, Handgepäck rutscht und kullert auf und ab, mit dem Blick zu den Rädern die Stahl auf Stahl aufeinander liegen, setzt es mir ununterbrochen schmerzhafte Hiebe. Ein Ende ist nicht in Sicht! In Gedanken zähle ich bereits die Einzelteile, die wir bei der Ankunft in Litang wohl vorfinden werden! An einer Raststätte mit einer neuen Art Toilette, die einem Kuhstall ähnelt, die mittig eine Fäkalrinne durchzieht, die ständig mäßig durchwässert wird, lässt Position eins oben am Gefälle zwar keine Privatsphäre, da jeder Toilettennutzer den Blick in die offene Kabine wirft, doch alle weiteren Kabinen, keine bietet Blick- oder Sichtschutz, hat den Spaßfaktor, die Quantität wie Qualität des Produzenten an den Positionen vor ihr/ihm zu bewerten und bei Bedarf mit dem eigenen Produkt abzugleichen, was Kabine eins erspart bleibt. Einen Yuan kostet das Erlebnis, das mit dem schnellen Blick auf die Räder, die die Rumpelfahrt gut verkraftet haben zu scheinen, ein großes Stück Erleichterung bringen.

Es ist 17:00 als wir den Busbahnhof in Litang erreichen unter interessierten Blicken die Räder montieren, das Gepäck aufladen und im ehemaligen Potala Inn einchecken. Mit uns sind Naomi und Atsushi aus Japan Gäste im Gemeinschaftszimmer für eine Nacht, die Schnee und Winter in die Stadt bringt. Mit Naomi transferieren wir 100$ in 630元, kurz sind noch japanische Luxustoiletten im Gespräch, dann wird es still und unter der dicken Decke muckelig warm. Die Geburtsstadt des 7. Dalai Lama verlassen wir gleich am nächsten Morgen nach leckerem Frühstück aus Tsampa, Buttermilchtee und Potata Momo. Im Schatten liegt der Frost noch auf den Gräsern, während die Sonne langsam durch den Nebel leuchtet und die Häuser hinter uns kleiner werden.

Kashgar – Chengdu (18. – 23.10.)

 

Leonie’s erster Text:

 

Drei Tage Zugfahren!

Als das Bahnhofspersonal die Türen zum Bahnsteig öffnet kommt Unruhe auf, alle drängeln zur Glasschiebetüre, die auf den leeren Bahnsteig führt. Wir erheben uns langsam, als ein Großteil der Menge bereits ihren Weg zum Zug gefunden hat, da werden wir fast gescheucht, das Ticket zum zweiten Mal kontrolliert und raus auf den Bahnsteig, eine Tasche über jeder Schulter, die große ca. 25kg Tasche in der Mitte, Rucksack schleppen wir uns natürlich zum hintersten Ende des Zuges. Dritte Kontrolle der Tickets und geschafft ist es, für die nächsten 24 Stunden ist die Bewegung auf einige Meter auf und ab, hoch und runter von den Pritschen eingeschränkt. Wir richten uns ein mit unseren chinesischen Abteilnachbarn, Platz tauschen, um gemeinsam mit Clément und Matthieu ein Abteil zu teilen, nicht erlaubt!

Der Zug rollt los und so starten wir unsere 72 Stunden Zugfahrt. Vorbei geht es an Geisterbahnhöfen (keine Menschen, die warten, sich verabschieden oder begrüßen, der Bahnsteig darf nur mit gültigem Ticket betreten werden, wenn der Zug bereits wartet) durch die karge Wüste, durch die Nacht zum Umstieg nach Urumqi. War es in Kashgar angenehm spätsommerlich warm erwartet uns in Urumqi Regen, Wind, Kälte und Ungemütlichkeit. Da verlassen wir den Bahnhof, der eher einem Hochsicherheitstrakt gleicht nur kurz, um danach gemütlich in der Wartehalle zu dinieren.

Wieder im Zug erwartet uns im Nachbarabteil eine männlich aktive Kartenspielerrunde, immer wieder ertönen lautstarke Stimmen, kräftiges Räuspern und ein tspsh – das Schild „no spitting“ wird hier nicht so ernst genommen. Wir verbringen unsere Zeit mit lesen, schreiben, Bilder durchstöbern, nähen, essen durchmischt mit reichlich Schlafeinheiten. Wer glaubt Zugfahren ist langweilig, der irrt! Es gibt reichlich Abwechslung: verschiedene Verkäufer bieten von Gürtel, eingeschweißten Keksen oder Trockenfleisch, über Zahnbürsten, zu Powerbanks alles an. Von Zeit zu Zeit wabert eine Glutamatwolke durch den Waggon, dem folgt chinesisches Zugessen und diesem wiederrum lautstarkes Geschmatze. Je dichter man sich einem der Enden der Waggons nähert, desto intensiver wird auch der Tabakgestank, der im üppigen Dunst unangenehm lästigen Geschmack ins Badezimmer bringt und dann von der Klimaanlage im gesamten Waggon verteilt wird. Am Morgen strömt jeder 9te Chinese/In mit den Abteil-Großthermoskannen zur Warm-Wasser-Auffüll-Station, einem mit Feuer angeheiztem Heißwasserkessel.

Am Morgen des dritten Tages, endlich, die vorbeifliegende Landschaft mit ihren grünen Hügeln, Flüssen und Feldern erweckt den Wunsch wieder selbst zu strampeln. Dies dauert jedoch noch weitere 10 Stunden, bis wir Chengdu, die Pandastadt im Dunkeln erreichen, der Gedanke ganz präsent: sind unsere Räder auch da? Raus geht es aus dem Bahnhof, Lichter, Menschen, Gewusel, rechts um die Ecke, Zettel zeigen und in eine Tiefgarage abtauchend, stehen danach unsere Räder in gutem Zustand vor uns auf dem Bürgersteig, was ein Glück! Es dauert etwa eine Stunde, gut beobachtet von den chinesischen Cargomitarbeitern, bis die Räder fahrbereit und bepackt losrollen in die Großstadt. Wir sind alle 4 euphorisch, nach knapp einer Woche wieder den Sattel unterm Hintern zu spüren und rollen voller Freude durch die leuchtende Stadt zum auserwählten Hostel.

Ein schönes 6 Bett Zimmer gehört uns und es dauert nur wenige Minuten, bis darin das Radlerchaos ausgebrochen ist: 22 Taschen mit deren Inhalt kreuz und quer, die Wäscheleine mit der ersten zu trocknenden Wäsche im Zick-Zack gespannt und dazwischen 4 Radler kauend, mit mittellautem Peter Fox im Ohr – wir fühlen uns wohl! Die nächsten zwei Tage wollen wir Chengdu erkunden. Nicht zu spät starten wir mit den Rädern zur ersten touristischen Sehenswürdigkeit, dem Wuhou – Tempel. Ernüchtert von Touristenströmen und teuren Eintritten bevorzugen wir doch lieber ruhigere, kleinere Sträßchen und besuchen den von 2 Amerikanern betriebenen Natooke-Radladen und staunen nicht schlecht über Bambuslastenräder, Single Speeds und weiteren wunderhübsch anzusehenden Spezialanfertigungen. Mit einer Einladung zur Chengduer Critical Mass am nächsten Abend erkunden wir den kleinen Bazar mit vielen uns unbekannten Gemüsesorten, Gebäcken, Mantou (Hefeklöße mit und ohne Füllung), fremden und exotischen Angeboten, wir staunen an jeder Ecke. Ein vorerst letztes deutsch-französisches Abendessen im chinesischen Lokal, ein gemütliches Bier im Hof des Hostels und der Austausch über die verschiedenen Reiserouten die nächsten Tage betreffend beenden vorerst die gemeinsame Zeit. Die Grenobler Jungs in neuen weißen Decathlon – Regenmänteln nehmen, nach einer herzlichen Verabschiedung am nächsten Morgen, einen Bus nach Kangding und beradeln erneut Berge, Pässe und Höhe über 4500m…da wissen wir noch nicht wie bald wir sie wiedersehen werden! Wir verbringen unseren Tag mit weiteren Stadterkundungen, dem Probieren verschiedener Köstlichkeiten und einem „delicious“ Nudelabendessen, bevor wir mit ca. 40, meist „foreigner“-Radfahrern, Musik und einer Menge Spaß durch die Chengduer Innenstadt cruisen, vorbei an Mao, Hochhäusern und staunenden Chinesen.

Irkeschtam (Grenze) – Kashgar (12.10. – 18.10.)

Militär, Polizei, Grenzbeamte und viel mehr Reisende warten, erwarten oder erraten besser gesagt den bürokratischen Ablauf, die eine Reisegruppe wird hier plaziert, die nächste dort zum Warten geparkt, hier wird der Pass kassiert, dort die Unterhaltung unterbunden und in Mitten des Kulturwandels steht der Nachtbus aus Osh aus dem plötzlich Katrin und Christian aussteigen. Die beiden Schweizer aus der Nähe von Zürich, die wir auf dem Weg nach Khorough verloren hatten, in Osh aber wiedergetroffen hatten. Die zwei, so scheint es sind bereits einen Schritt weiter. Fahrräder und Gepäck stehen gut sortiert im Bereich der Verladungsabfertigung, von dort wird es dann mit dem Taxi nach Wuqia weitergehen. Wer jetzt denk: „Ah die Schweizer, erst mit dem Shuttelbus zur Grenze und dann gleich mit dem Taxi weiter!“, der irrt. Alle Touristen, selbst die kirgisischen Grenzgänger müssen das ca. 160km lange Stück bis nach Wuqia mit dem Sammeltaxi überbrücken. Grund hierfür ist, dass die tatsächlichen Einreise- und Immigrationsbüros erst in der benannten Stadt die Pässe und Visa einscannen, wonach die Einreise korrekt abgeschlossen ist. Vorher ist es dem Reisenden nicht erlaubt, sich frei auf chinesischem Boden zu bewegen. Lukrative Sache für die Taxifahrer, die eigens den Preis mit den Neuankömmlingen aushandeln. Da kann die Preisvorstellung schon einmal weit auseinander gehen. Zu Viert zahlen wir nach Verhandlung später 600 Yuan was etwa 100$ entspricht.

Selbst wir irrten uns gewaltig mit Katrins und Christians Weiterreise an diesem Punkt und selbst die Beiden irrten auf andere Art, an einer anderen Stelle, denn als sie mit dem Bus die Grenze passierten und nach langer Zeit die Pässe auf das chinesischen Visa kontrolliert wurden, stellte sich heraus, dass nicht ein Irrtum vorlag sondern die Visa um zwei Tage ihre Gültigkeit verloren hatten. Den Beiden war nur ganz leicht schweizerische Selbstkontrolle, falls es so etwas überhaupt gibt, anzumerken. Wüsste ich einen kraftvollen Schweizer Fluch, er würde hier gut Platz finden, aber selbst wir konnten es kaum begreifen, vielleicht lief auch noch alles im Schema Aktion-Reaktion. Uns vier schlugen die Herzen bis zum Hals, immer wenn wir/ich mich hineinversetze, stehe ich mit der Unterkante Unterlippe in der Jauche! Leonie wiederholt am Tag und den danach mehrfach, sie könne in dieser Situation nicht innehalten, Heulen, Schreien oder etwas in Stücke zerlegen! Das wäre das mindeste, die beiden Grenobler nicken dann meist einverständlich. Stark beeindruckt und in vollem Mitgefühl für die Beiden, das wir nur unpassend zum Ausdruck hätten bringen können, winken wir den Beiden im Rücken zu, als sie zurück nach Irkeštam rollen.

Das Pickup-Taxi brummt über die Autobahn, die, so schein es nur für Taxis und Schwerlastverkehr gebaut wurde, Richtung bürokratische Erfassung. Braun-beige Berge, Täler die durch das Braun seitlich verwindend schwinden und gen Himmel rennen, mal eine kleine Siedlung, dann ein Checkpoint, wieder sandfarbene Landschaft mit spärlichem Bewuchs. Tankstellen die Kasernen ähneln, wir tanken. Besser: Wir müssen das Auto vor der Tankstelle verlassen und der Fahrer tankt, er setzt zurück, passiert die Sicherheitsschranke, alle wieder rein, weiter geht‘s! Plötzlich wird die Straße breiter, wir rollen auf eine Art Terminal zu und sind da. Im Inneren des Hangers: Offizielle, viele Schalter und Sicherheitsschranken. Eine größere Gruppe wartet auf Abfertigung, Kameras an jeder Ecke und jedem Winkel, alle mit Wärmesensoren und alle vollautomatisch, sodass sie, ist man einmal aufgefallen (markiert), den Blick nicht mehr von einem nehmen. Auffällig ist die große Liste der Verbote und verbotenen Gegenstände! Was nahezu all unseren Proviant miteinschließt. Clément und Matthieu werden mit all ihren Wurst- und Käsevorräten nervös und beschließen diesen Teil des Proviants schnellst möglich mit dem Brot aus Irkeštam zu retten! Indem es die Scanner im Magen passiert. Auch wir nehmen unser Mittagessen zur Brust und siehe da, auch die anderen Reisenden erst schmunzelnd, dann über Flyer realisierend, freunden sich mit dieser Variante der Rettung an. Da sitzen plötzlich mehr Leute mit ihrem Essen, als Leute die auf schnelles Vorankommen hoffen, denn je nach Ausmaß der Vorräte und Trainingsstand der Verwertung, braucht es eben Zeit 400g Käse, 1kg Currykichererbsen, zwei Brote, drei Würste, 100g Butter und Dreierlei aufzunehmen. Wir beschließen das frische Gemüse in den Taschen auf Risiko und geflunkerter Unwissenheit mit einer großen Masse an anderen Radtaschen durchzumogeln, sodass es dem Scanner schwindlig wird! Zack! Guter Trick alles in der Tasche, Stempel im Pass, der Rest im Magen und nix wirklich verschwendet.

Von hier nach Kashgar, durch das Land der Uriguren. Die ersten Bögelchen, die ersten Tritte und Schritte, so viel Kontrast in Gedanken an das, was hinter uns liegt. Entzückt und staunend passieren wir einen Schulhof, auf dem riesige Schülergruppen, an den Knöcheln zusammengebunden im Takt zur gepusteten Trillerpfeife des Lehrers, den Hof zu queren versuchen. Wir schmunzeln über den kalkulierten Spaßfaktor und cruisen durch die Stadt ins Freie der Felder und Plantagen, Richtung spärlich detaillierten Karteninformationen unseres Kartenmaterials. Es gäbe die Möglichkeit, über den Highway zu gähnen, doch nach so viel Highspeedtransport, entscheiden wir uns für die unbefestigten Wege und dürfen sogleich den ersten Fluss, der glücklicherweise wenig Wasser führt, queren.

Am darauf folgenden Tag, knistern und rattern wir gemeinsam über Schotterpisten durch ein weites breites Tal. Es wird wärmer, fast heiß als wir nach 30km wieder Asphalt berühren. Sogleich im kleinen Ort am Checkpoint werden wir angehalten. Reisepässe! Visa! Die Pässe wechseln verschiedene Hände, keiner der Leute ist sich sicher wo der Namen, die Passnummer oder das Geburtsjahr steht. Hier ist Mann nur chinesische Charakter gewohnt. Nach Diskussion geht es weiter, mit dem Wissen das im nächst größeren Ort wieder eine Kontrolle auf uns wartet. Am Ortseingang eskortiert uns die Polizei ins Zentrum zum Revier, auf dem wir registriert werden und nahezu jeder Polizist die Pässe die Räder und unsere Namen checkt. Nach 30 Minuten dürfen wir den Innenhof der Polizeistation wieder verlassen. Der Magen meldet Hunger, bei dem Versuch an einem kleinen Imbiss an der nächsten Ecke zu stoppen, drängt uns jedoch die Polizei, die in zivil folgt, die Stadt in Richtung Kashgar zu verlassen. Verdutzt wird weitergestrampelt und nach der nächsten Kreuzung, die nach Kashgar abbiegt gelingt es einen Platz zum Mittagessen zu finden, den wir genießen. Gut gestärkt sitzen wir auf und erreichen nach eineinhalb Stunden Highspeedasphalt die von hier 36km entfernte Stadt. Im Stadtzentrum stürze ich noch kurz mit eingerastetem Klickpedal in den Bürgersteig, gleich beim Bazar um die Ecke, dass die einheimischen Fußgänger, beherzt lachen, danach checken wir sicher im Hostel der Oldtown ein. Nach witziger Verhandlung beziehen wir das Mehrbettzimmer für 5 Nächte, bis der Zug uns nach Chengdu bringen wird.

Im Hostel selbst herrscht quirlige Stimmung, die Schweizer aus Bern, das deutsche Päärchen aus Dresden, beide sind Tags zuvor angekommen, ein wenig stellt sich das TES Feeling ein, als Céline und Origan für zwei Nächte das Zimmer mit uns teilen, da ihr Couchsurfer sie gegen Neuankömmlinge eintauscht. Der Innenhof und die überbalkonten Terrassen laden zum Frühstücken und geselligem Miteinander ein. War Osh ein Ort an dem viele Reisende aus Europa zusammentrafen, so sind sie hier deutlich geringer in ihrer Zahl im Vergleich zu den „einheimischen Reisenden“.

„Monkey“ ein Chinese aus dem Osten der Volksrepublik, der hier Ferien als freiwilliger Helfer leistet, findet regen Gefallen an uns Radreisenden. An einem Abend kaufe ich zusammen mit ihm für ein Nudelgericht mit Öl auf dem Bazar und im Nudelladen der Stadt ein. Spektakulär wird gebrutzelt und lecker schmeckt‘s! Besten Dank an den Koch. Mit den Tagen wächst die Radszene mit Ro und Zy, aus Changsha die gerade von Lhasa kommen und mit Fred, der als Schwede perfektes chinesisch spricht.

Der Nachtbazar packt uns mit all seinen neuen, verrückten Variationen an Snacks, überall brodelt, brutzelt, köchelt, dampft oder raucht es aus Töpfen, Pfannen, rußigen Kesseln oder wabernden Grills. Vorwiegend Fleisch, alles was als Fleisch oder Tier identifizierbar ist oder war, wird angepriesen. Hautlappen, Darmschläuche, Schweinerüssel, Hühnerkrallen, Ochsenschwanz, Hoden und Ochsenhuf, seien einmal die Dinge die direkt ins Auge springe. Drüben fliegen und knallen die Nudeln, kleine vegetarische Bissen sind die Ausnahme, aber geschmacklich delikat! Aber nicht nur der Nachtbazar dampft, jede kleine Snackbar auf der Straße bläßt den Qualm mit starken Ventilatoren gen Himmel und hüllt die Nacht in ein ganz eigenes kashgarisches Flair.

Nachdem die Räder, nach sorgfältigem Verpacken, für den Transport bereitstehen und der Herr vom Bahnservice unsere Verpackung nicht so recht akzeptieren will, bedarf es kleiner Änderungen, einem extra Packet und hier und da ein paar Gramm Nerven. Dann verlassen sie uns im Transporter Richtung Chengdu. Zu Fuß durch die Stadt, seit Monaten kein Rad zu Verfügung, auf dem Hauptbazar der Stadt decken wir uns für die Zugfahrt ein und staunen auf dem Rückweg durch die verwinkelten Gassen der alten Stadt in der Stadt, die abgekapselt ohne jegliche Verbindung im Zentrum ein Eigenleben brühtet.

Mit dem Bus Nr. 86 nehmen wir Fahrt zum Bahnhof auf. Nervös ob unser Gepäck mit Messer, Schere, Werkzeug, Bremsflüssigkeit und anderen speziellen Dingen den Bahnhof, der einem westlichen Flughafen gleicht, passieren wird. Schere und Gaskartusche schaffen es nicht, wir sind froh den Rest behalten zu dürfen. Es wartet jeder und alles auf den Zug. Drei Tage werden einen großen Abstand zwischen heute und Chengdu bringen, zu viert sind wir gespannt und warten.

Osh – Irkeschtam (Grenze) (10. – 12.10.)

Schnell wird über eine Agentur das dreitägige Zugticket für zwei RadfahrerInnen im Liegeabteil, Variante Hardsleeper, von Kashgar über Urumqi nach „Pandacity“ Chengdu geordert, dann ziehen wir für eine Nacht in die Jurte auf Federmatratze mit dicker Baumwolldecke. Versorgt sind wir! Crepes und Brownies, ein wenig werden wir bewundert, das feste Vorhaben einfach umgeplant zu haben! Wir schmatzen, schlemmen und sind sehr zufrieden.

Letztes Mal Frühstück im TES, für Pamir RadlerInnen sehr zu empfehlen, zwei Tage Proviant auf dem Bazar aufstocken und dann raus aus der Stadt und hoffen das uns ein Pickup mit nach Sari Tash nimmt. Für den Hitchhike trennen wir uns nochmals kurz von Clément und Matthieu. Gerade rechtzeitig wird das Pappschild mit Hilfe eines Obst- und Gemüsehändlers, der uns bei unserer Ankunft in Osh mit super Englisch empfangen hatte, mit kyrillischen Buchstaben fertig. Da hält bereits ein Pickup am Seitenstreifen, der uns für 1500 SOM zum Zielort mitnimmt. Gegen 15:00 Uhr werden wir abgesetzt und treffen ein zweites Mal auf den Japaner Ken, den wir bereits im TES kennengelernt hatten. An der Weggabelung Pamir/China wünschen wir ihm mit Blick auf die schneebedeckten Berge warme Füße, Hände und eine beeindruckende Reise. Etwas außerhalb der Ortschaft schlagen wir mit Blick in das breite Tal, das Zelt auf einem kleinen Hügel auf. Als ich mit Wasser aus dem Flussbett zurückkomme, steht ebenfalls das französische Zelt mal mit voller Breitseite im Wind, mal in Windrichtung. Kam der Wind als wir das Tal querten noch von Westen und blies gen Osten (vielleicht erinnert die ein oder der andere sich an mittelstarken Seitenwind), so ist er sich beim Abendessen zumindest sicher, dass dies eine Ausnahme war, die sich am Tag drauf frustrierend bestätigt. Dicht hintereinander, immer mit voller Konzentration auf das Hinterrad des nächst Vorderen geht uns an diesem Tag ordentlich die Puste, auch weil es zudem wieder steigt und der Sauerstoffgehalt fällt. Im Wechsel wird rotiert und auf einer Kuppe nach 18km geradeaus im Windschatten der Fahrräder, zwischen denen die grüne Plane steckt, Mittag gegessen. Dort wo einst der Kies und die Erde für die Straße gerückt und bewegt wurden finden wir eine fast ebene, in der Baugrube gelegene Bleibe. Es wird zusammen gekocht, die Jungs waschen sich im Schutze des Zeltes und früh schlüpft jeder/jede zu Bett. China ist ca. zwei Stunden entfernt, sodass wir voraussichtlich noch vor der Mittagspause, für die die Grenze geschlossen wird, einradeln können ins riesige Reich der Mitte.

Es ist noch rabendunkel draußen, still! Ab und an leises röcheln wenn sich weibliche Lungen durch den Nasenkanal füllen, die Zeltplane knistert bei einem seltenen Windhauch und Reisverschlusshalter stoßen im Giebel dort wo der First sitzen würde, hell aber nur ganz leise zusammen. Viel zu früh um aufzustehen, die Ohren so spitz und zu engagiert zu lauschen den stillen Dingen der Nacht. Der Grund der aus Steinchen, Erde und Staub das Zelt trägt knirscht als mache jemand einen Schritt, doch dann dreht sich der Schlafsack dicht gedrängt nebenan und die Zeltplane flappt, weg der Schritt. Doch etwas Spannung im Ohr bleibt und tatsächlich wieder das selbe knirschende Geräusch. Mein Atem stoppt… dann wieder! Doch Leonie zieht Luft und es verstummt. Ganz behutsam entfließt auch mir der Atem, während das Blut in den überempfindlichen Ohrmuscheln gar zu brodeln beginnt. Schritt, Schritt ganz nah! Ohne Zweifel, ganz sicher nicht die Jungs aus dem Nachbarzelt! „Matthieu!“, „Yes Philipp!“ Plötzlich entfernen sich erschreckte Schritte in hastiger Eile die noch eben zwischen dem Zelt standen. Plötzlich ist heller Aufruhr, in Strumpfhosen rauschen die Zeltzipper nach oben und die Lichtkegel der Stirnlampen nach links, rechts und dann mit schnellem Schritt hin zur Straße, um den oder das zu erblicken und zu blenden. Am Rande der Straße im Gras, glühen helle Augen, dort ein Hund, da eine Gruppe Kühe, der Unbekannte zu schnell, wir zu langsam. Zwei Uhr in der Nacht, da soll einer in Ruhe weiter schlafen, Leonie mit Oropax hatte nichts gehört, für sie ganz klar: „War bestimmt ne Kuh!“ einfach weiter schlafen. Irgendwie geht die Nacht vorbei, ich bin heilfroh als es dämmert, so nervös und aufregend war die letzte Nacht in Kirgistan.

Es ist Montag erster Arbeitstag der Grenze nach dem Wochenende und schon von weitem sieht man die kilometerlange Schlange an LKWs, die geduldig auf den Einlass an der Kontrollstation warten. Irkeštam, Ortsnahme und gleichzeitig der Name für den Grenzübergang ist die letzte Möglichkeit übrig gebliebene SOM zu verwerten und ein wenig Vorrat mit nach China zu bringen. Gesagt getan. An einer kleinen Grenzkabine kontrolliert und stempelt der Offizielle die kirgisischen Ausreisestempel aufs Passpapier, auf dem Hügel über uns liegt in roten und gelben Steinen bereits die chinesische Nationalität auf dem Hang. Groß und schwer! Vorbei an dem massiven Abbild radeln wir den Hügel empor und passieren das chinesische Grenzgatter und erreichen nach weiteren vier Kilometern den Verladungscheckpoint.

Kirgisische Grenze (Sary Tash) – Osh (01.10. – 10.10.)

Kirgistan: Der Ort der Erholung und des Spätsommers!

Als wir nach abermals ruppiger Abfahrt den Blick auf geleckter Straße über die Schultern zurücknehmen, liegt das Hochgebirge in einer unvorstellbaren Masse hinter uns. Es sind noch ein paar Kurven bis die Schranke des kirgisischen Grenzsoldaten vor uns den Weg verschießt. „Deutsche kommen heute nicht rein“, scherzt er und erklärt, dass noch 10 Minuten Mittagspause sind. Dann wird der Pass gescannt, anschließend gestempelt und die Radler durch den Zoll gewunken. Bei mittelstarkem Seitenwind durchqueren alle Pamir Reisende das ca. 20km breite Tal während sich im Rücken die 7134m hohe Spitze des Peak Lenin in den Himmel bohrt, auf dem Rado der Rumäne aus Dushanbe seine zehn Zehen vor noch einem Jahr verlor.

Sari Tash, heute im Windschatten gelegen, ist ein warmer sonniger Platz. Im Pinkhouse kehren wir für eine Nacht ein. Tanken in Öl schwimmende Nudeln mit Kartoffeln, Brot und Ei, hier weis die Küche was heftig stopft und Energie für den morgigen Tag gibt! Die zwei kleinen Läden im Ort, in denen wir uns Brot erhoffen, werden von Teenagern geschmissen und schenken den Schnaps direkt über den Ladentisch in große Becher aus.

Zu unserem Glück sind wir mit Honig und Schokolade gut ausgestattet, sodass das etwas ranzige Yakbutter-Frühstück ebenfalls zum Genuss wird. Auf kirgisischer Seite geht es ins Alay Kirgasr Gebirge. Über die letzten beiden Pässe, die nochmals auf über 3600m steigen, führt der Pamir-Highway danach bei stetig sanftem Gefälle direkt nach Osh, wo er das Ende einer der höchsten Fernverkehrsstraßen der Erde markiert. Leider pustet es durch das Tal meist gegen uns, was das Gefälle für uns nicht spürbar macht und einiges an Nerven kostet. Doch es freut uns, nach langer Zeit in karger Gegend endlich zu sehen, das wir Höhen erreichen, in denen erst Sträucher und später auch Bäume wachsen. Mit den Vorstädten von Osh entsteht ein Oasencharakter und im TES-Guesthouse spüren wir die spätsommerliche Wärme, Herbstfarben und das Gefühl angekommen zu sein. Ebenfalls angekommen sind die grenobler Franzosen und etwas später der sympathische Schwede aus Ishkashim, der uns über die Verfassung und die Position von Paul und Leiset aufklärt, die er in zwei Tagen in Osh erwartet. Der Abend geht unspektakulär mit Vorräten aus den Essenstaschen zu Ende.

Dafür trifft uns der Bazar der lebendigen Stadt am nächsten Tag wie ein galaktisches Festmahl. In jeder noch so kleinen Nische wird von Gemüse, Obst, Milch, Gewürze bis hin zur kleinsten Kleinigkeit alles angeboten. Der Ofen in der Gemeinschaftsküche steht für ein paar Tage nicht mehr still: Pizza, Pflaumenkuchen, Brownies, Kartoffelrösti, Gemüsepüree im Ofen, Pfannkuchen und Kürbissuppe. Zusammen mit mehr als zwanzig RadfahrerInnen, feiern alle gutes leckeres Essen. Jeder hat etwas über karge Berge und einseitiges Essen zu erzählen, Céline und Origan, einst im Iran fast über den Haufen gefahren, haben Grüße aus Bischkek von Kyla, Didier, Rob und Beccy im Gepäck, sie sind entspannt mit Holz betriebenem Ofen durch den Pamir geradelt, der auch mit Yakdung genügend Energie bringt!

Es gibt entspannte Nachmittage, Bazarbummel, Viehmarkt am Rande der Stadt, hausgemachte Quetschemarmelade, viele Pfannenkuchen und die Tage fliegen dahin. Osh ist traumhafte Erholung!! Nach und nach bereiten sich die ersten Radreisenden auf ihre jeweilige Weiterfahrt vor. Über Bischkek nach Almaty und dann mit dem Flieger nach HongKong oder in die Heimat nach Australien, in Bischkek das China Visa beantragen, dann weiter Richtung Mongolei und über China Richtung Süden. Viele Ideen. China steht für die meisten als unbekanntes, als Kulturwechselland vor der kirgisischen Haustür. Genau wie der bevorstehende Winter für die, die sich nach Norden aufmachen. Pläne nehmen Gestalt an, alle wünschen den Weiterreisenden alles Gute und behalten ein gemeinsames Wegstück in Erinnerung. Wir entscheiden, zumindest die Zeit die uns in Kirgistan bleibt zu nutzen und eine kleine Tour zu den im Norden von Osh gelegenen Wahlnusswäldern zu unternehmen.

Nach sieben Tagen Ortstreue, verabschieden wir uns von den Radfahrern im Guesthouse und verlassen die Stadt. Zwanzig Kilometer später rasten wir auf einem abgeernteten Feld im Schatten, zusammen mit relaxenden Kühen. Die Staße ist stark verkehrslastig, ganz anders als noch vor zwei Wochen. Es fehlt uns die Geselligkeit der letzten Woche, die gelassene und faule Atmosphäre hängt so zuckersüß in der Luft, das sich der Plan beim Picknick ändert und wir zurück nach Osh radeln, um mit den beiden Franzosen die Wegstrecke zur chinesischen Grenze am nächsten Tag zu teilen. Überrascht freuen sich die Beiden am Nachmittag über die Idee und das schnelle Wiedersehen, hatten wir doch die Tage zuvor so viel Spaß, Crepes und Brownies zusammen.

10000km Resumée

10000km !!!

10000km !!!

 

Streckenlänge: 10040km (Pengshan)
Längste Etappe: 170km (Kiashahr – Salman Shahr)
Dauer der Reise: 212 Tage (Stand: 24.10.)Radtage 135:77 Ruhetage
Höchster Punkt: 4655m (Akbaital-Pass; Tadschikistan)
Bereiste Länder: 18 (Deutschland, Österreich, Slowakei, Ungarn, Serbien, Kroatien, Bosnien und Herzegowina, Montenegro, Albanien, Mazedonien, Griechenland, Türkei, Iran, Turkmenistan, Usbekistan, Tadschikistan, Kirgistan, China)
Wetter: Von etwa -15°C im Pamir bis +45°C in der turkmenischen Wüste!
Wegbegleiter: 35 (Karl, Florian, Simone, Tobi, Erlanger Fraktion, Amélie, Sergio, Omar, Florian, Sebastian, Beccy & Rob, Robert, Ali, Sebastian, Céline & Origan, Olivier, Zsofi, Marco & Tiphaine, Leiset & Paul, Tom, Didier & Kyla, Clément & Matthieu)
Raddefekte 

Platte:

Defekte:

 

 

Philipp 5:0 Leonie

Philipp: Lenkanschlag, Macke in der Felge

Leonie: Lenkanschlag, Schutzblechverlängerung verloren

Krankheitstage: Philipp 6:5 Leonie
Verschenkte Dinge: Hängematte (an Nasim), externe Festplatte (an Mohsen)
Dinge, die wir bisher am wenigsten gebraucht haben: Garmin GPS GerätErste Hilfe Set (zum Glück!)

 

Dinge, die wir bisher am meisten gebraucht haben (neben der typischen Reiseausrüstung): Judith’s Holzbrettchen (Danke!)
Geschossene Bilder: Ca. 7000
Kosten (gesamte Reise) 

 

 

Übernachtung:

Transport (Fähre, Bus):

Visa:

 

 

 

 

 

 

 

 

Verpflegung/Sonstiges:

(Dies sind so circa Angaben, da wir keine sooo genaue Buchführung machen 😉 ) 

 

600 $

550 $

Iran: 53 $/Person + Referenznummer: 32 $/Person

Turkmenistan: 55 $/Person

Usbekistan: 100 $/Person

Tadschikistan: 50 $/Person

China: 75 $/Person + Letter of support 25 $/Person

=> 780 $

 

 

 

2500 $

 

 

Murghab – kirgisische Grenze (27.09. – 01.10.)

 

Genussbilder und ein wenig Text!

 

Vier Tage und drei Nächte bleiben uns auf der Hochebene, die deutlich anstrengender werden als wir uns es vorstellen. Es warten drei Pässe, mächtiger Seitenwind, Nächte mit -15°C, aufgeplatzte brennende Finger und harte, schmerzende Wellblechpisten, die dem Nacken alles abverlangen auf uns. Nicht immer ist der Spaßfaktor auf hohem Level, Landschaft, die Kräfte der Natur und die karge Besiedelung lassen uns spüren, dass es hier kein einfaches Leben ist. Karakulsee, Akbaitalpass (4655m) = weißes Pferd, Pamirpanorama und die letzten Meter zum Grenzpass, lassen die Anstrengungen vergessen und uns mit geilem Gefühl Tadschikistan „Lebe wohl“ sagen.

 !

Murghab - Osh Höhenprofil

Murghab – Osh
Höhenprofil

Khorough – Murghab (16. – 27.09.)

Der Bazar vor Ort ist die letzte variantenreiche Versorgungsquelle bis ins 10 Tage entfernte Murghab, wieder wird das Rad zum schwer manövrierbaren Schlachtschiff und am Morgen des 16.09.2015 nehmen wir Kurs auf, zur südlichsten Spitze Tadschikistans. Zwei lange Tage auf den Rädern und am Ende duftet die Küche nach frischem… Zwiebelkuchen, eine Attraktion der kulinarischen Art für alle Nichthunsrücker vor Ort. Hmmm und ne Flasche Bier. Der Bazar in Ishkashim hält was er verspricht. In kleinen Kaschemmen rotten Möhren und Kartoffeln vor sich hin. Zwiebeln gibt es reichlich Paprika ist aus. Der Stretch von Ishkashim nach Langar ist landschaftlich grandios. Der Blick auf den mit Schnee bedeckten Hindukusch, die spektakulären 6000er Berge mit ihren zackig, steilen Hängen und links von uns Karl Marx (6723m) & Engels (6507m) lenken von den Wellblechpisten ab. In den Dörfern wird das Getreide knieend, mit Handsensen geschnitten, zum Trocknen zu Ehren zusammengebunden und anschließend mit 2er, 3er oder bei Bedarf, mit 6er Ochsengespannen „gedroschen“, besser zerstampft. Bis Murghab sind wir nun mit den frisch Verheirateten unterwegs, was wir sehr genießen. Die täglichen Unterhaltungen, das gemeinsame Kochen, Reisegeschwindigkeit zwischen 25-45km/Tag und die sagenhafte Atmosphäre kommt uns sehr entgegen. An einer heißen Quelle, die geschützt im Flussbett zum Aufheizen einlädt, spenden wir den Vormittag bei Red Hot Chili Peppers und quellen die trockene Haut im angenehmen Nass, während draußen der Wind mit Druck durch das Tal weht. Gerade sind wir im Begriff zu gehen, da springt die Tür auf und Tom der Belgier saust quasselnd, in Erwartung Sarah und Scott anzutreffen in die heiße Quelle. Er hatte vor Tagen gehört das Australier vor ihm pedalieren, seit dem rumpelt er ohne nennenswerten Halt ca. 100km/Tag durch das Wakan. Das er nicht Sarah und Scott antrifft spielt für ihn plötzlich keine Rolle mehr. Nackend gibt er uns zu verstehen, dass wir doch weiterfahren sollen, er wird uns in Kürze einholen. Mit dem Wind geht’s weiter über staubig, steiniges, schlotterndes Buckelruckelwellblech. Innerhalb windgeschützter Steinmäuerchen in wärmender Sonne picknicken wir und werden sogleich von Tom beglückt. Von zu Hause ist der junge Bursche losgefahren, 3€ Tagesbudget, für eine Unterkunft, das ist eine seiner Herausforderungen, hat er noch nie gezahlt. Er blüht auf in der Runde, erzählt von Grenzerfahrungen, Erschöpfung, dass er sich den Pamir in weniger als 20 Tagen gibt und mit ein paar Keksen, Marmelade und einem Packen Nudeln bis nach Murghab radeln will. Innerlich denken die Zuhörer alle das Gleiche! Im letzten Ort vor Langar, der den letzten Laden markiert, raten wir Tom sich etwas mehr Puffer an Proviant einzupacken, aus einem Nudelpacken werden zwei und seine Keksreserven werden um 250g aufgefüllt. Über sechs Serpentinen steigt die Straße hinter Langar in 8km über 700 Höhenmeter. Das Ganze mit Gepäck, schwierig zu klettern, bringen wir es meist schiebend auf die erste Kuppe in einem bewohnten Gebiet, in dem wir die Zelte stellen und für Tom’s Verhältnisse extrem aufwendig anfangen zu schnippeln und zu Kochen. Tom benutzt seinen Kocher diesen Abend zu ersten Mal, selbst der Sprit in der Flasche ist noch aus Belgien, bis jetzt hat er sich immer einladen lassen, oder Kekse gegessen! Innerlich… Ihr könnt‘s euch denken Die Nudeln sind schnell gekocht, (das Wasser-Nudel-Verhältnis muss allerdings bei den Mitreisenden erfragt werden) und verspeist, da ändert sich plötzlich der Farbzustand und die Verfassung des Guten. Erst vornehme, dann ungesunde Blässe mit halbseitigem Wahrnehmungsverlust, grenzerfahren lässt er uns teilhaben an den Einzelheiten der persönlichen Verfassung ohne auf Tipps und Radschläge zu hören sich langsam hinzulegen. Er strauchelt dann zu Boden und beschließt nach 15min den Schlafsack im Zelt aufzusuchen. Gut möglich, dass das Essen auf der Hochzeit aus vergangener Nacht für einen Keksmagen nicht das richtige war. Wir bieten noch unsere Hilfe aus der Apotheke an, doch Ruhe und Schlaf ist aus unserer Erfahrung erst einmal das Beste. Zum Nachtisch gibt es Milchreis mit frisch gekochtem Apfelmus. Zimt und Zucker rieselt aus den Fingerspitzen auf das seltene Dessert, da hören wir einen hektischen Reisverschluss sich öffnen und sogleich schießt eine druckvolle Fontaine mit allem was dazugehört auf den staubigen Eingangsbereich direkt zwischen Fahrrad und Zelthering! Gefolgt von würgenden Sätzen aus Wort- und Essensbrocken, ergibt sich folgende Einwegkonversation: Oorrhg! I’m feeling so good! I was waiting for it! So nice that I was fast enough to open my tent, Oorrhg! I never was womitting so much in my life, it’s so good! Etwas erschrocken und abwartend sitzt der Reisbrei vor uns. Tom begibt sich wieder in die Horizontale und wir etwas perplex, genießen unseren Nachtisch während wir womöglich das Gleiche denken: Eine Nudelpackung unverwertet weniger und Beratungsresistenz zum falschen Augenblick.

Am nächsten Morgen sieht es um Tom miserabel aus. Zusammen kämpfen wir uns durch den Tag und beenden diesen, 25km später, während die Sonne langsam untergeht und es empfindlich kalt wird. Glücklicherweise hält ein einheimischer Jeep an der Zeltstätte, dem es an Luft im Reifen fehlt und den Gebrauch der Fahrradpumpe im Tausch gegen 3 Fladen Brot eintauscht. Schwein gehabt! für Tom, der das Brot gut gebrauchen kann. Im Abendrot winkt uns der Hindukusch ein letztes Mal in voller Pracht zu, dann schnürt die Gruppe die Schlafsackmützen und jeder/jede kuschelt sich ins Zelt. Pauls Filterskala scheint des Nachts rapide abzustürzen, was den unangenehmen Kontrollverlust um 04:30 und den frühen Aufbruch der Beiden erklärt.

Wir finden die Beiden bei trocknender Wäsche an einem kleinen Bachlauf, wohlauf und bereits wieder scherzend bei Kohletabletten und Frühstück. Tom scheint die fehlende Bereitschaft unser gut kalkuliertes Essen aus Khorough zu teilen und seine wenigen verbleibenden Mahlzeiten zu spüren. Er verlässt uns mit der Idee, den vor uns liegenden Pass heute zu queren. Er wird das Glück haben, auf Clément und Matthieu zu treffen, die ihrerseits gewillt sind, ihren weit gefahrenen Proviant zu teilen. Doch selbst hier hinterlässt er einen bleibenden Eindruck.

Zu viert radeln wir in zwei Tagen über den besagten Pass (4344m) und hinunter Richtung M41, auf der wir für drei Kilometer das Gefühl von Asphalt feiern. Mit der Vorstellung über eine kleine Extra-Schleife an einer versteckten heißen Quelle mit den letzten Essensrationen zu chillen rattern wir über Schottertracks weiter bergab, bis der Hinterreifen bei Felgenbodenkontakt platzt! Kurz darauf schlagen wir die Zelte auf. Die GPS-Daten für den hidden Spot stammen von Eric und Charlotte die wir später in Kashgar treffen, die die Daten durch Zufall von Claude Marnthaler erhalten haben, den sie ihrerseits nach dem zufälligen Besuch in Frankreich im Pamir in der Nähe der Shirgin Hotspring ein zweites Mal treffen und den Tipp seit zwei Wochen in Umlauf bringen. Der Ort der Ruhe und des heißen Wassers ist wunderschön! Nahe eines Bachlaufs den man nach spätestens 20min aufsuchen muss, da einem sonst die Hitze durch den Kopf steigt, begegnet uns ein Yak und zur Enttäuschung für Paul keine Grashüpfer zum Angeln. Schnell verkraftet, genießen wir die Ruhe und das plätschernde Rauschen des Bachlaufs, bis wir die Wooden-Box unterhalb des Plateaus am nächsten Tag verlassen.

Alichur, der nächste Ort mit kleinem Laden an der M41, ist knappe 35km entfernt. Es geht auf und ab steile Kletterpassagen, dachsteile Abfahrten durch atemberaubendes Gelände das Bachquerungen und einen sagenhaften Blick auf Marx und Engels miteinschließt. Es ist 16:30 als wir über eine Steinpiste den etwas leblosen Ort erreichen und beschließen den drückenden Rückenwind und den Asphalt Richtung Murghab zu nutzen. Die Nacht ist kalt und windig, doch als wir am nächsten Abend in Murghab in Eralis Guesthouse ankommen und die heiße Dusche auf uns hinunterplatscht, ist alles heile Welt.

Die Essenstaschen sind bereits prall gefüllt, für den Streckenabschnitt Murghab – Sari Tash, welches in Kirgistan liegt, die Stimmung im Essensraum ist spassig und familiär zusammen mit unseren Mitreisenden, einem Powerpaar aus Polen und einem dänischen Päärchen.

Als wir nach einem Tag Pause Murghab verlassen, verlassen wir gleichzeitig Paul und Leiset, die auf dem Bazar ihre Vorräte auffüllen müssen, nicht denkend, dass wir sie erst in Osh wiedersehen.

Quai’la-Khumb – Khorough (08. – 15.09.)

Afghanistan! Während der Fahrradtourismus auf teils asphaltierter, teils Schotterstraße entlang des Flusslaufs auf tadschikischer Seite mit massivem Frachtverkehr rollt und staunt, sind auf der gegenüberliegenden Seite kleinste Wirtschaftswege, Eselspfade und Fußwege die gängige Infrastruktur. Kleine aus Lehmziegeln gebaute Dörfer mit teils bunten Holzfassaden über abgesetzte Ebenen, viel Grün an Stellen an denen Bergbäche das Wasser von weit her über die steilen Hänge bringen, Felder, Weiden, Mäuerchen, keine Elektrizität, eine Handvoll Mopeds und ein Auto pro Dorf.

100% Handarbeit! Die Afghanen sind stets greifbar aber doch so fern! Wie die Tadschiken leben sie auf einem kleinen Streifen zwischen Panj und mächtigen Bergen in felsiger, schottriger, staubig braun-beiger Landschaft in kleinen Oasen. Die Route nach Khorough ist deutlich belebter als die Tage zuvor, es passieren in regelmäßigen Abständen kleine Sammeltaxis, LKWs und hin und wieder Radfahrer aus der Gegenrichtung. Im Schatten neben zwei rastenden Kühen, sitzen Katrin und Christian die beiden sind von zu Hause losgefahren, mit dem Fernziel Singapur. Am Ende des Tages zelten wir zusammen auf einer kleinen Wiese einer Familie, mit dem Paar aus Zürich, Didier und Kyla.

Am nächsten Morgen liegt das schweizer Zelt gesundheitlich am Boden, Blitzinfekt nach gestrigem Fleischsuppensnack. Wir lassen die Regenerierenden zurück und sehen uns erst in Osh zum Abendessen wieder. Mit frisch gefiltertem Wasser (pro Flasche 4min) ist der Abstand zu den leichten Amerikanern erst zum Mittagessen in sichtbarer Nähe. Zeitgleich sprengen die afghanischen Straßenarbeiter die verbindenden Straßenabschnitte in die Felsklippen und meißeln die Feinarbeiten heraus. Es wird heftig gewunken! Was so viel bedeutet wie gleich knallt’s! Die Kurbel rotiert und schneller als erwartet schließt sich die Lücke zum gemeinsamen Lunch. Etwas Schatten macht‘s möglich und danach Mittagsschläfchen. Die Beiden sind unersättlich nach 20min geht’s weiter. Der Abend wird „unerwartet“ unangenehm staubig. Acht Meter entfernt der Straße rollen die schweren chinesischen und tadschikischen Trucks an den Zelten vorbei, die am nächsten Morgen dick gepudert den Dreck elektrisch festhalten.

Ist es der Stau, die anstrengenden Tage oder das Essen der Familie vom gestrigen Abend? Wer weiß das schon. Leonie fühlt sich am Morgen nicht gut, wir radeln bis in den Mittag unter schattenspendende Wahlnussbäume, lunchen die Reste von gestern und müssen Kyla und Didier ziehen lassen. Wir bringen uns nach 1 1/2 Stunden zurück auf die Piste, kommen in erbärmlichem Zustand jedoch keine 10km weit und sind gezwungen hinter einem Dorf zwischen Bäumen, Sträuchern und Terrassenfeldern unser Zelt zu stellen, was die letzten Kräfte saugt. Danach fallen die mit Bakterien oder Viren befallenen Systeme ins Bett! Vorher, zur Sicherheit nochmal PooPoo machen! – Empfiehlt sich! Der Tag drauf ist nicht besser, wir bewegen Zelt, Räder, Equipment und dröhnende Schädel mit großer Mühe 30 Meter in den Schatten und fallen abermals für 8 Stunden in tiefen Schlaf. Stehen ist dermaßen anstrengend, das selbst der Toilettengang zur energetischen Herausforderung wird, von der Geräuschkulisse, die die Konsistenz von sich gibt einmal abgesehen. Kohletabletten werden ausgepackt und konsumiert, denn die Angst wächst, dass unser Toilettenpapier und das Humenhydrosystem ausläuft. Die Anwohner merken, dass es uns nicht gut geht. Auf gebrochenem russisch (brechen mussten wir nicht!) kann ich Kartoffeln, Zwiebeln und Karotten für eine Gemüsesuppe organisieren, genau das richtige.

Die zweite Nacht bringt den ersten Schub an Erholung, dösend startet der Tag und gegen Vormittag passieren uns Paul und Leiset, die sich für eine Stunde in gesundem Abstand zu uns gesellen. Den Beiden geht es erstklassig, etwas wundern wir uns, wo sie die Südeuropäer gelassen haben. Dann beginnt die Geschichte: Als sich die 10er Gruppe des Morgens auflöste um individuelle Tempen zu radeln, kommen Paul, Leiset, Tiphaine und Marco gemütliche 40km weit. Am zweiten Tag erreichen alle zusammen den Fuß des Passes, sie entschließen an einem etwas tiefer und abseits der Straße gelegenen Platz zu zelten, doch als sie den steinigen, sehr schmalen Pfad hinunterklettern, verliert Marco bepackt mit Radtaschen erst das Gleichgewicht, dann Bodenkontakt um einige Meter später unkontrolliert den Kontakt wieder aufzunehmen. Rumbsss! Die Beiden erzählen von Blut am Kopf, einem kurzfristig bewusstlosen Körper, Hektik, Panik, dem Spot GPS-Tracker und einer kontrolliert agierenden Leiset, die im nächsten Ort einen Transport ins 30km entfernte Militärlazarett organisiert und Paul der Marco’s Haare an der klaffenden Kopfwunde vorsichtig entfernt und versucht zu klammern. Alles nochmal gut gegangen! Die Beiden seien wohl auf und vermutlich auf dem Weg zurück nach Dushanbe. Uns geht es im Vergleich direkt besser! Gleichzeitig denken wir an die Beiden und müssen tief ausatmen – Uffff! Was eine glückliche Katastrophe.

Den Pass haben Paul und Leiset am nächsten Tag in ihrem Rhythmus passiert. Gerne würden wir mit ihnen weiterfahren, doch wir sind erst am Nachmittag fähig unser Zeug zu packen und schließen eine per Anhalter Fahrt nicht aus. Es passt alles zusammen. Als die Räder auf der Straße stehen rumpelt aus dem Dorf ein leerer Truck aus China an. Leonie hält den Fahrer an zu halten. Ni Hao, die Räder werden mit einem groben Seil vertaut, dann setzt der Fahrer die Eisenstange an dem Seilspanner, der seitlichen Rehling an und die Räder quetschen sich zusammen! AU! Schnell die PET-Flaschen als Puffer zwischen die Rahmen platzieren, die Freude über den Hitchhike schwindet innerlich. Nach drei Kilometer heftiger Schlaglochpiste, die mir jedes Mal Bauchhiebe setzten, wenn ich an das Velo denke stoppen wir die Aktion und die Räder stehen wieder auf der Straße. Kurz bevor wir an einem Dorfbrunnen halten, hält ein Jeep vor uns! Wie aus dem Nichts springen Marco und Tiphaine aus dem Offroader, die Überraschung steigt bis in die Haarspitzen, glücklich das Beide agil und nur leicht lediert auf uns zukommen, drücken wir uns und verabreden uns in Khorough. Die Piste wird besser, bleibt für 20km erträglich und lässt uns hinter Roshun im stockdunkeln, nach einem Checkpoint mit sternhagelvollen Militärs, hinter einem großen Stein campen.

Der Tag nach Khorough, sechzig Kilometer entfernt, wird zur Belastbarkeitsprobe. Zuckerbonbons retten uns auf den Bazar in Khorough und über eine 15% Rampe erreichen wir das favorisierte „Pamir Lodge“ Hostel in dem Paul und Leiset bereits auf uns warten. Die Filterskala (0-10), die nichts anderes als das persönliche Befinden auf der Toilette und somit ein breites Stück Allgemeinbefinden angibt ist stets wichtiges Kommunikationsmedium. Wir laufen bei 3-4 auf der Skala ein, was uns mitleidsvolle Blicke beschert und uns müde lächeln lässt. Wir sind da! Bereit zum rasten, was wir drei Nächte ausgiebig tun. Auftanken, mit heißer Dusche, Internet, Frühstückskaffee, Pfannkuchen, italienischem Risotto und anderen Gesundmachern!

Das Hostel ist Treffpunkt für Radreisende, Backpacker Offroadvehikel und Hitchhikende. Alle unterwegs mit persönlichen Geschichten, unterschiedlichsten Blicken auf das Reisen und die Idee dahinter. Die RadfahrerInnen sind stark vertreten: Eine 3er Gruppe aus der Slowakei, Solo Holländer Luc, Solo Franzose Philip mit Akkordeon, Cément und Matthieu aus Grenoble, Leiset und Paul, wir und rehabilitierende Südeuropäer im Stadtzentrum. Die Gruppe wächst für einen Abend um Johann aus Schweden, der zwei Tagesetappen weiter südlich in Ishkashim als Work-away-ler in Hanis Guesthouse für einen Monat arbeitet. Groß gewachsen und trinkfest, was vor allem Paul gut gefällt, erzählt er von der Lokation und als das Wort „Ofen“ fällt, sind wir in Gedanken bereits Pflaumenkuchen und Zimtschnecken am Backen.

 !

Dushanbke - Khorog Höhenprofil

Dushanbke – Khorog
Höhenprofil

Dushanbe – Qal’ai – Khumb (03. – 07.09.)

Der Pamir-Blockeintrag: Aus dem Dreitageszug, durch das weite China herausgeschrieben aus dem Etagenbett „Upperclass hardsleeper“:

Schwer bepackt verlassen wir die Stadt zur Mittagszeit, tanken an der letzten Petrolstation ein letztes Mal Pressluft um mit sanftem Gefälle über grandiosen Asphalt zu summen. Freude und Neugier liegt im Wind vor uns. Es sind knappe 130km über die M41, bis zur Weggabelung der A372 an der wir uns mit Marco & Tiphaine verabredet haben. Vorbei an Ständen, Gärten, kleineren Dörfern, überall im Tal wird geerntet. Die Familien arbeiten gemeinsam auf den Feldern und gleichzeitig am Verkaufsstand. Sie winken, lachen und rufen meist laut „Adkuda?“, wenn wieder einmal Radfahrer anhalten oder sie passieren. Nach ca. 20km kurz bevor wir den tiefsten Punkt im Tal erreichen und als nächstes den Fluss queren, erkennen wir Paul (vermutlich 29) und Leiset (27), die Australier. Die mit ihren Tourenrädern im Schotter neben der Straße stehen und die neu erworbene Karte aus Vero’s zu Hause studieren. Ein knuffiges frisch verheiratetes Päärchen mit viel Humor, pragmatischen Ideen und der Liebe für’s Limit, was im Wesentlichen die „ausgewogene glutenfreie Küche“, für Paul den C2-Konsum und für Leiset den O2-Kosum anbelangt. Nach gemeinsamem Mittagessen radeln wir in die ersten Hügel, an denen das Gewicht der Räder zur unangenehmen Realität wird. Es wird für das Abendessen noch eine Melone und ein Butternutkürbis aufgeladen, denn so ganz können wir uns nicht von den Kochabenden in Dushanbe trennen. Lightweighttouring sieht anders aus und fühlt sich vermutlich auch anders an. Auf einem Hügel, mit Blick auf die Felder und Höfe die hinter uns liegen werden bei Sonnenuntergang, Zelte gestellt und gemütlich im Gras Nudeln mit Kürbissauce gekocht.

Gut erholt starten wir in den nächsten Tag mit der Idee, den Treffpunkt an der Weggabelung gegen Abend zu erreichen. Es wird am Ende ein langer Tag werden. Noch am Vormittag wächst die Gruppe um das amerikanische Radduo Kyla & Didier, die mit weniger als der Hälfte des Gepäcks unterwegs sind, vergleicht man dieses mit unserem! Beide sind im Mai in Portugal gestartet und mit nur sieben Ruhetagen Nonstopp nach Dushanbe gedüst. Die Visa-deadlines machen es möglich! Auch auf dem Pamir sind beide mit 60km/Tag stramm unterwegs. Dafür packen sie bei jeder Rast ihre bequemen Sessel aus, was uns immer wieder staunen und die Beiden schmunzelnd relaxen lässt. Es wird gemeinsam viel gelacht, Kochideen werden ausgetauscht und gerastet. Es dämmert bereits als wir in Roghun einem im Hang und Steilhang gelegenen Dorf nach Lebensmitteln fragen. Die Qualitätsschotterpisten haben uns da bereits lange verlassen, der Gedanke die Gabelung an der M41 heute zu erreichen ebenfalls. Etwas schüchtern fragen wir noch zweimal nach Zeltplätzen im Garten der Einheimischen, fahren dann jedoch weiter und finden im Dunkeln einen für die späte Stunde sehr attraktiven Platz unter Bäumen mit schummrigem Blick auf den im Tal fließenden Fluss und das fahl beleuchtete Dorf gegenüber des Seitentals.

Es ist bereits kurz vor Mittag als alle den Polizeicheckpoint an der Gabelung passieren, von Tiphaine & Marco ist nichts zu sehen! Die „Straße“ wird abermals beträchtlich schlechter, 250km sind es von hier bis Khorough, hoffentlich halten die Taschen, das Rad und der Gepäckträger das aus?! Plötzlich, die Gruppe ist noch keinen Kilometer von der Abzweigung entfernt, dröhnt eine Hupe laut und wild über den Schotter. Die Gruppe ist komplett: Acht RadfahrerInnen, international, in einer Altersspanne von 22 bis 29 Jahren, bepackte Paare auf dem Weg nach Kirgistan. Witzig, alle sind sich auf dem Weg mindestens einmal begegnet! Der Spaßfaktor steigt bis zum Limit, die Australier nutzen pragmatisch den Schatten zum Mittagessen und vier Kilometer weiter ein Wasserbecken um Klamotten und Geruch zu schrubben, die Amerikaner genießen die Gruppenatmosphäre und das entschleunigte Radeln, der europäische Süden unterhält die Runde mit Fragen zum Lightweighttouring und der Philosophie italiänischer Tourenräder, die südwestlich geprägten Hunsrücker gehen auf, in einem großen Kreis von Freunden und köstlichen Charakteren, die uns so sehr an unsere Freunde aus der Heimat erinnern. Am Ende des Tages erreichen wir eine Tagesdistanz von 32km, welche einen zukünftigen amerikanischen Tag, auf 92km heftiger Rumpelstrecke wachsen lässt! Als vier Zelte auf großer Ebene stehen, die Wasserträger aus dem Dorf zurückkommen und im großen Kreis Gemüse geschnippelt wird, trifft ein weiteres Paar Joachim (50) & Ulrike (49) aus Hamburg auf dem Campground ein. Beide bestens ausgestattet, auf Idworx Offroler Rädern unterwegs, das zukünftige Traumrad unseres Italieners! So ganz von alleine wollen sie sich nicht in die Gruppe drängen, zumal eines der Räder, so lässt es aus der Ferne an, unangenehme Geräusche aus dem Bereich des Tretlagers von sich gibt. Nach ersten Fern- und Fremddiagnosen erweitert sich der Abendessenkreis um zwei Joghurt mit Müsliesser.

Paul zeigt sich im direkten Sinne von seiner direkten Seite und startet die Konversation mit den Wörtern die ihm aus dem Deutschlandaufenthalt in Erinnerung geblieben sind und ihm als passend von den Lippen gehen. „Ah from Hamburg! Fischköpp!“ Die Mienen der Beiden wackeln ein wenig. What’s your destination? (Wo soll‘s hingehen?) „Nach Parkistan! Über den Karakumhighway, gerade sieht es aber mehr danach aus als endet unsere Reise hier, unsere Fahrräder sind kaputt!“, antwortet Ulrike. Joachim rollt ein wenig die Augen und legt die Stirn in Falten. „Where is your stove man?“ schießt Paul hinterher, etwas verwirrt das er diesen nicht röcheln hört. „Abends essen wir Müsli“ entgegnet Ulrike. Die Beliebtheitsskala vergibt heute Abend keine Noten. Langsam nehmen wir die Töpfe vom Feuer und fangen ebenfalls an zu essen. Es duftet und es wird ruhiger um das Essen. Hmm! Jeder/Jede hmmt! Es ist Neumond, die Milchstraße ist hoch frequentiert und es entstehen vor dem ins Bett gehen, Bilder der leuchtenden Zeltstadt an einem wunderschönen Abend.

Am kommenden morgen löst sich die Gruppe auf! Es entsteht folgende Reihenfolge: Hamburg, USA, SSW-Hunsrück, AUS & Südeuropäer. Zum gemeinsamen Mittag, holen wir Kyla und Didier am Checkpoint vor Tavildara ein. Die Jungs vom Checkpoint reichen Brot und Plov, so wird aus dem spärlichen Einkauf im Dorfladen ein ansehnliches Essen für vier. Die Hoffnung, die anderen gleich um die Ecke biegen zu sehen, bleibt unerfüllt. Individuelles Tempo bringt uns an diesem Tag 58km weit. Am Ortsausgang von Kala-i-Hussain bekommen wir am Hoftor einen Brotfladen von 1m Durchmesser und eine handvoll Äpfel gereicht, paar Meter weiter sehen wir zwei Gestalten springend winken, als wir näher kommen sind Kyla und Didier bereits am Kochen, Joachim und Ulrike sind eifrig am Zeltplatz suchen. Der Abend geht früh in kleiner Runde zu Ende, vor uns liegt der erste Pass auf 3252m Höhe. Mit reichlich Müsli im Bauch geht es am Morgen Richtung Anstieg. Die ersten zwei Kilometer sind schweres steiles Gelände, die leichten Räder aus den Staaten klettern im stetigen Tempo den Berg empor, die Hunsrücker haben da bereits bedenken, ob sie den Pass überhaupt am Nachmittag erreichen können. Glücklicherweise ändert sich Qualität und Neigungswinkel zum angenehmen Schwitzen und so erreichen wir kurz nach 13:00 den Scheitelpunkt mit Kyla und Didier, dicht gefolgt von Christian und Katrin aus der Schweiz, die ebenfalls ToutTerrain radeln. Kurzer Lunch, Kälte, Magen und Kopfschmerzen meinerseits wehren den Appetit erfolgreich ab, dann geht es durch eine schroffe Schlucht hinunter ins enge Tal. Die Bremsen glühen die Augen tränen und die Räder müssen zielsicher mit voller Konzentration über die miserable Abfahrt gesteuert werden. In Qal’ai Khumb trifft die Straße zum ersten Mal auf den Grenzfluss Panj, der Tadschikistan und Afghanistan für ca. 300km entlang der Südgrenze im Wakanvalley trennt. In der Kleinstadt trifft zudem die südliche Route von Dushanbe ein, die der Schwerlastverkehr bevorzugt. Die erschöpften Radler checken im Gästehaus, nach Querung der Brücke, rechts am Fluss gelegen ein. Wir fragen mehrfach ob das Abendessen und Frühstück üppig ausfällt, da alle ziemlich ausgebrannt sind, doch als nach einer Suppenschüssel nichts Gehaltvolles nachkommt, klären wir mit der Küche den Energiebedarf der weit über der Suppe liegt. Gesättigt gehen wir zu Bett mit Gedanken an den Rest der Gruppe, die wir einen Tag hinter uns vermuten.

Dushanbe – (28.08. – 03.09.)

Spät erreichen wir die Tore der Stadt, vereinbarter Treffpunkt: Amerikanische Botschaft und dann bei Nacht durch die leuchtende City, vorbei an blinkenden Hotels, über die Brücke, die Dushanbinka (Fluss), entlang der Ostachse weiter der Hauptstraße und dann in die kleinen Gassen zu Familie Nazuloev, die im BMW sitzend, durch den Feierabendverkehr lotsen. Durch einen schmalen Häuserspalt schieben wir, die vier Radler das Equipment vor das Hoftor. Im großen Innenhof werden wir, wie überall herzlich empfangen, wir gehören dazu! Das macht ein sehr warmes familiäres Gefühl. Wir erzählen von den letzten Wochen, lauschen den Geschichten von Marco & Tiphaine, der Zufälle von Begegnungen, bis wir über Erzählungen ebenfalls im Innenhof ankommen und sich der Fokus auf Land, Leute und Gastgeber zentriert, die exzellentes Englisch sprechen. Vergnügt und entspannt geht der erste von insgesamt drei Abenden zu Ende.

Es ist Samstag, als wir am nächsten Morgen, erholt und frisch wie selten erwachen. Nach köstlichem Frühstück, mit Obst, Trauben, Schokolade, kleinen Pralinen, Käse und duftendem Chai, starten wir als Gruppe im Auto in den bepackten Tag. Erfolgreich sind wir heute nur beim Exchange von 200$ in tadschikische Somoni. Das GBAO-Permit, welches dem Reisenden, die Fahrt über den Parmir – Highway gestattet, kann auf Grund des nicht anwesenden Stemplers nicht ausgestellt werden. Eine qualitative Regenjacke für Marco, ist auch nach 2 Stunden in keinem der vielen Sportläden auffindbar und die Straße nach Norden in die Berge mit vermutlich grandioser Aussicht ist mit Autos verstopft. Zurück! Genießen wir einen entspannten Nachmittag, während wir interessiert der Zubereitung von Plov für das Abendessen auf der Outdoorküche folgen und parallel der Brotofen mit frischen Teigfladen bespikt wird. Aus allen Ecken duftet es und frisches Brot auf trockenem Stroh ein wunderschönes Bild hinter dem eine Menge Frauenpower steckt!

Sonntag ist Ruhetag, außer das Marco sein Hinterrad perfektionistisch reinigt und die Philosophie der Schalteinstellung studiert, passiert für die Jungs nicht viel. Anders Leonie und Tiphaine, beide besorgen Reiseproviant auf dem Bazar und kommen mit prallen Taschen zurück. Den Abend verbringen wir mehr oder weniger im Zentrum der Stadt im türkischen Kaffee! Bei WLAN und heißer Schokolade. Die zumindest Tiphaines Vater übel bekommt, aber auch wirklich nicht besonders gut schmeckt! Es ist spät als wir zurück am anderen Ende der Stadt ankommen. Abendessen steht bereits in der Mitte der ausgebreiteten Teppiche im Innenhof bereit! Wir werden verwöhnt und sind stets begeistert über das leckere Essen. Montag! GBAO-Permit! Das wird eine einfache Sache! Dachten wir, doch als Ardasher nach zäher Verhandlung zurückkehrt, müssen wir die Bearbeitungszeit von einem Tag hinnehmen! Auch ich fange an, an meinem Fahrrad zu basteln, oder besser den Adapter für die Lenkertasche zu modifizieren, Besorgungslisten zu schreiben und am Nachmittag die drei Kinder der Familie mit Jonglage zu unterhalten. Bis Parvinas Schwester einen Kontakt anruft und das Permit plötzlich doch nachmittags, Dank interner Kontakte, in unseren Händen flattert! Ein letztes Mal Mittagessen in großem familiären Kreis, ein traditionelles Gebet: in Gedanken an Vergangenes, gemeinsame Momente und die Reise die vor uns liegt, welches die Großmutter in offene Hände spricht und am Ende über Stirn und Gesicht streicht, was alle ihr gleich tun um das Gesprochene aufzunehmen. Die Räder sind gepackt. Wir haben so viel bekommen und genießen dürfen! Wir geben Freude und Liebe zurück: Es wird sich gedrückt, bedankt, gegrinst und gehupt als wir den Hof verlassen. Marco & Tiphaine Richtung Osten in die Berge, wo Tiphaines Eltern warten, wir in den Norden der Stadt zu Vero, einer französischen Gastgeberin, die seit Jahren nicht Nein zu Radreisen sagen kann 😉

Mit dem Einkauf entlang des Weges, klopfen wir nachmittags am nächsten Tor in Dushanbe und hoffen auf Einlass. Der Sicherheitsdienst entriegelt die Tür und als wir im Garten vor der Veranda stehen, genießen wir den Schatten und das französische Flair welches der Ort spontan ausstrahlt. Wir nehmen Platz und es dauert nicht lange und es klopft ein weiteres Mal an der Tür. Diesmal schwemmt eine Gruppe von sieben Radlern in den Garten. Zwei australische Paare, eines aus den Staaten und Radu aus Rumänien, welcher zu diesem Zeitpunkt der Einzige ist, der aus dem Pamir kommt und nicht auf dem Weg aufs Plateau ist. Es treffen eine Stunde später zwei Japaner ein und auf der Wiese poppt Zelt um Zelt, wie Pilze aus dem Boden. Als Vero gegen 18:00 ihr eigenes zu Hause betritt, staunt sie nicht schlecht über den Andrang in Küche und Garten. Sie nimmt es extrem gelassen, Sie stellt sich der Runde vor und steckt kurz die Regeln für zu Hause sein. Drei Tage rasten wir abermals, diesmal in der größten Fernradlergruppe der wir bis jetzt angehörten, denn einen Tag später treffen zwei Engländer und ein weiterer Amerikaner mit italienischer Freundin ein. Wir lachen gemeinsam über iranische Geschichten, kleine und große Abenteuer und genießen die Stimmung und ein großes Abendessen nach dem anderen. Tagsüber bleibt Zeit den Gepäckträgerschutz zu erneuern, auf dem Bazar Trockenfrüchte zu kaufen und dann erreicht uns am Abend nach vielem Bangen, Hoffen, diversen Post-ID Anfragen und kleinen Horrorszenarien unser Luftfrachtpacket von zu Hause, mit frischem Rohloff – Öl! Neuen Faltreifen und brandneuen Bremsbelägen die das Hauptproblem für den Verlauf der Reise gewesen wären. Am 03. September verlassen wir mit einem dankenden Gästebucheintrag den entspannten und sehr informativen Spot.

Samarkand – Dushanbe (21. – 28.08.)

Im Innenhof stehen Bäume, die Schatten spenden und rings typische Podeste aus Holz mit kniehohem Tisch auf dem Melone, Chai und Kekse die Neuankömmlinge empfängt. Zwei Betten im Gemeinschaftsschlafraum, für 10$ pro Nacht pro Person, Frühstück, eine Küche zum Kochen, etwas WLAN und einen Kühlschrank! Fürs erste geht es uns sehr gut! Der zweite Tag bringt jedoch reichlich Durchfall, spontanes pupsen ist hohes Risiko. Es rumort im Bauch und der Kamillentee mit Keksen fliest hindurch ohne halt! Klopapier! Zwei Rollen Naturschutzpapier oh jeah!

Zum ersten Mal seit iranischem Regen, ziehen für uns deutlich sichtbare Wolken über der Stadt auf und am späten Abend treffen Phoebe und Zsofi zusammen aus Taschkent ein. Beide wenig begeistert über den Visastopp der tadschikischen Botschaft, welche in dieser Wochen das Antragssystem ändert. Dies und das Durchfallproblem das annähernd jeden betrifft sind Hauptbestandteil des Frühstückgesprächs am darauffolgenden Morgen. Gesundheitlich kann ich Aufgenommenes wieder halten und weil die Info über die mögliche Grenzschließung am usbekischen Nationalfeiertag genau auf unser Visaende fällt, verlassen wir mit ungewissem Gefühl Sarmakand über eine rumpelige Hauptstraße Richtung Süden, die uns in die Berge über einen Pass und dann über wellendes Gelände, meist Wüste, nach Guzar führt. Kitab, ein Städtchen auf dem Weg mit viel Straßentrubel und einem Elektrofachgeschäft, dass uns für paar Minuten mit Frau Konsul aus der deutschen Botschaft sprechen lässt, ergibt folgendes: Aktuelle Infos zur Grenzsituation um den Nationalfeiertag gibt es spontan keine. Ausreichend Puffer sollen wir einplanen, Grenzangelegenheiten werden meist nach Ereignis den Behörden mitgeteilt!

Unterwegs genießen wir ruhiges ländliches Feeling, waren die Straßen bis dahin doch sehr dicht besiedelt und bis auf wenige Ausnahmen, wenig einladend. Gebirgig bleibt es auch die nächsten eineinhalb Tage. Die Beine nicht präpariert für knackige Anstiege, im Hisor -Gebirge, auf teils groben Schotterpassagen. Wir freuen uns über sich langsam nähernde LKW’s die, falls die Griffanlage es zulässt, als Lift auf ebenem Asphalt, viel Energie sparen. Auf geeigneter Höhe lassen wir ab und finden nach krackselnder Suche auf schmalem Pfädchen einen Rundumblick Campingspot, der des Nachts das erste Gewitter seit gefühlter Dauerhitze bringt.

Über den Downhilltrack zurück auf unsere Route. Die Straße steigt parallel zur Eisenbahnlinie zum Pass! Schnippig geht es talwärts und im Ort mit dem nächsten Bahnhof kaufen wir vier frische Fladenbrote, die paar Meter weiter an einem Mauerrast in frische Energie umgesetzt werden. Hoch und runter, steil und hitzig, so verpufft der Fladen über den Tag, bis uns ein Melonenhändler an der Straße einläd eine dufte Melone zu naschen die er uns schenkt! Einfach knackfrisch und lecker. Aus den spitzen Hügeln, wieder können wir uns an LKWs für paar Bergaufmeter halten, geht es hinunter nach Boysun. Am Ortseingang, duftet es wieder nach frischem Brot, welches den Weg in die Vorderradtaschen findet. Auf der Ringstraße verlassen wir die Stadt und strampeln mit Tempo durch die ebene Wüste, vorbei an Hirten und kleinen Dörfern die meist rechts der Straße liegen. Die Dünen sind weit und karg, auf einem Hügel mit Haltestelle kommt Leonie mit einheimischen Frauen ins Gespräch, die interessiert ihren Nasenring begutachten, dann kurven wir durch eine interessante Schlucht, nach der es das letzte Mal bergauf zum letzten Pass geht. Kein LKW zum Festhalten, wir werden müde und beschließen nach Leonies Campingspotinspektion, die beladenen Räder zwei Kilometer Dachsteil, zum vor uns liegenden Berg, mit Blick auf das vor uns liegende Tal zu keuchen und die letzten Funken Energie zu verjubeln! Lohnt sich!

Im Ort am nächsten Morgen ist Markt! Die Gelegenheit wird genutzt um das bunte, geschäftige Treiben zu spüren, Reis, Gebäck und Brot für unterwegs zu kaufen und bei den Essenständen, lecker frittierte Kartoffel-Teig-Fladen mit in Knobi eingelegten Tomaten zu naschen. Ich denke Lydia & Karl mit Familie hinter den Zäunen werden den Snack auf den Bildern wiedererkennen. Gut gestärkt geht es weiter in den Tag. Entlang eines Flusses und der Bewässerungssyteme ist die Natur grün und saftig, Baumwollfelder, Obstplantagen und die kleinen Gärten zwischen den Häusern, überall steckt Leben und viel körperliche Arbeit. Immer näher kommen wir der usbekisch/tadschikischen Grenze. Die letzte Nacht bleiben wir mit Melone auf dem Gelände einer Berufsakademie. Der Hausmeister sorgt sich rührend um uns, er läd uns zum Teller Plov ein und später zum Chai, alles herzlich und ehrlich!

Am nächsten Morgen satteln wir die Räder und winken den Angestellten der Akademie als wir links auf die Straße einbiegen. In Ruhe erreichen wir den letzten Checkpoint vor der offiziellen Grenze, an dem uns Marco & Tiphaine (unser Alter) (Cyclolenti) mit gewaltiger Hupe einholen, die ebenfalls auf dem Weg nach Osten sind. Die Beiden sind seit 12 Monaten unterwegs und bilden ein italienisch-französisches Gespann! Wir unterhalten uns vertraut, passieren gemeinsam unter den Augen der usbekischen Beamten, die jeden Gegenstand in jeder noch so kleinen Verpackung zwei Mal wenden, die Grenze und werden ohne viel Aufwand in Tadschikistan willkommen geheißen. Es folgt ein Mittagsessen vor der letzten offiziellen Schranke, dann radeln wir über die neu asphaltierte Straße Richtung Duschanbe, in der uns Freunde von Marco & Tiphaine aufnehmen können. Bestens: der Zufall klärt‘s!

Farap – Samarkand (17. – 21.08.)

Nachdem der Zoll, der entspannt die ein oder andere Tasche öffnet und unsere Apotheke auf deren Wirkstoffe mit der verbotenen Liste abgleicht, eine gute Reise durch Usbekistan wünscht, stehen wir zu dritt in der Hitze der usbekischen Wüste. Kein Markt, kein Wasser, schlechter Wechselkurs auf dem Schwarzmarkt für Som, am Straßenrestaurant halten wir für Snack, Wasser und Schatten. Es dämmert bereits. Lange, schattige Figuren radeln über die einsame Straße weiter in die Nacht (klar, das haben sie drei Tage jede Nacht gemacht). Bukara liegt einen Tag entfernt! In einem Dorf seitlich der Straße in einer kleinen Nebengasse gibt‘s noch Licht, Wassersack füllen war unser Begehr. „Ne ne“ sagen die Leute im Licht „jetzt kommt erst mal her!“ Beim Abendessen sitzen Familie und Freunde, von sehr alt bis ganz frisch und neu. Von allem sollen wir kosten und naschen! Wo wir schlafen wird schnell diskutiert, die junge Familie von Tollet nimmt uns für eine Nacht auf, dabei kommt raus, dass wir die Gastgeberin bereits an der Grenze zwischen Turkmenistan und

Usbekistan getroffen hatten. Alle lachen über den Zufall und die Stimmung wird vertrauter. Früh am Morgen, es ist 06:30, bedanken sich drei Weitereisende und winken dem Vater, der auf dem Hof stehend zurückwinkt, die Kids und die Mama schlafen da noch.

Die Sonne kommt über die ersten Baumkronen, sie steigt rasant Richtung Himmel und die Straße fängt an zu glühen. Schlechter gebrochener Asphalt mit Löchern und zunehmendem Verkehr macht müde und nicht lustig. Doch als wir endlich das Stadtschild von Bukara sehen steigt die Stimmung und im Gästehaus, der Schlafgenuss. Bukara ist Volltourismus! Souvenirstände, Postkarten an jeder Ecke und viele Sehenswürdigkeiten in Form von Moscheen und traditionellen Bauwerken. Doch wer die Mainspots verlässt kann schnell das Alltagsleben in den Gassen und Sträßchen spüren, kleine Märkte auf der Straße mit Obst und Gemüse, versteckte Backstuben, Minimarkets mit begrenzter Auswahl und freundliche Einheimische, die gelassen durch ihre Gassen gehen. Hinter den Mauern und Toren der Häuser verbergen sich meist kühle, bepflanzte Innenhöfe und das Modell Großfamilie mit viel Herz und Frauenpower! Seidenstraße pur! Alle Radreisende treffen sich in den Homestay’s und Gästehäusern, die sich auf der Straße sonst nicht sehen. Das Dreiergespann: aus zwei Südkoreaner Lee (27) und Luffy (28) und Fred (deutlich älter) aus der Niederlande und zwei Belgier (beide über 48), die wir schon mal kurz in der Türkei, auf der Straße überholt hatten. Es wird viel geruht, geschwitzt sich ausgetauscht und die weitere Wegstrecke besprochen. Gegen späten Nachmittag des dritten Tages verabschieden wir uns von Zsofi, die ihre Pläne umzuorganisieren versucht.

Bei angenehmer, warmer Brise verlassen wir die Stadt über eine Nebenstraße. Es wird wieder Nacht, um 23:00 Uhr steht unser Zelt neben einem Acker! Nebenstraße klang zunächst gut! Gebügelte Straße für 15 km, dann eine Abzweigung und abrupt mehr als das krasse Gegenteil und zudem massiver Verkehr auf abenteuerlicher Buckelpiste bei Nacht und Nebel, nein Staub, dass man kaum 50 m weit sehen konnte! Unser Glück wir können mit dem Wasser aus dem Duschsack duschen und erholen uns mit Oropax entlang der Nacht.

Es bleibt auch die nächsten zwei Tage heiß, der Rad-Tag-Nacht-Rhythmus bleibt also gleich und für den Nachmittagsschatten, finden wir durch Zufall ein süßes Plätzchen auf dem Zuweg zu einer ferner gelegenen Siedlung. Hier lässt es sich besser als gut aushalten, schnell wird noch die betonierte Fläche für uns gewässert, ein Bett plaziert und dann kehrt chillige Stimmung ein. Die bepackten Räder und zwei dösende Radler lassen Passanten stets neugierige Blicke auf die Szene werfen und oft gesellen sich die fragenden Blicke zu uns in den Schatten. So zieht die Hitze an uns vorbei, wir bedanken uns für das Ambiente und stoppen nach weiteren Dunkelkilometern an einem Restaurant an der Straße, welches eifrig seine Gäste bewirtet und uns anbietet im leerstehenden Raum oberhalb der Küche zu schlafen.

Früh gestartet, erreichen wir nach anstrengender Piste in der Nachmittagssonne Samarkand, die Stadt liegt breit und staubig in einem Kessel. Wir steuern zielstrebig das empfohlene Gästehaus in mitten des Zentrums an, nicht weit vom Bazar, des Registan-Komplex und anderen Sehenswürdigkeiten, welche dem Kern der Stadt sein Flair verleihen.

Sarakhs – Farap (13.08. – 17.08.)

Grenzerfahrungen in der Wüste mit Zsofi aus Ungarn. Geldwechsel zu turkmenischen Manat, dann erster Polizeikontakt, in Begleitung des Fremden und Tourismusoffiziers der klar zu verstehen gibt, dass wir nicht auf unserer Route sind. 5km später rasten im Schatten. Über die Abkürzung die ersten Kilometer durch die Wüste. Der Plan steht: 3 Tage 72 Stunden durch die Nacht durch den Wind geschwind. Immer gerade, während sich die Straße sicher in ihre Bestandteile auflöst und nach 20km eine durchlöcherte Schotterpiste in Atlantikwellen durch die nicht bewohnte Gegend teils schaukelt und rumpelt. 5 Stunden Schlaf, einen Pott Haferschleim und reichlich Nutella aus der Pringelsbüchse. 06:00 Uhr wir donnern über die Schlaglöcher zur Autobahn, während der Gegenwind an Qualität zunimmt. Mit Resttropfen Wasser erreichen wir in einer Affenhitze Mary zur Mittagszeit, Sofie hächelt knappe 20 Minuten später ebenfalls in den Laden, den wir noch immer mit ausgebranntem Magen in verstrahlter Kauflaune beglücken! Eine Stunde später liegen wir mit Sojapasta in der Wiese und genießen „Kojakoma“ im Schatten mit einer Hand in den Speichen des Hinterrades, die andere kopfstützend unter dem Tretlager liegend, versinken wir in hitzigen Schlaf, bis in der Dämmerung die ersten Stechmücken unser Lager belagern und Aufbruchsstimmung entsteht. Nach einer kurzen Nacht, gleiches Frühstück wie am Tag zuvor und zur Morgendämmerung im Sattel Richtung Norden. Immer weiter bis zum nächsten Schatten und der nächsten Möglichkeit Trinkwasser zu kaufen. In einem lokalähnlichen Minimarket, mit Schnellküche und selbstgestrickten Souvenirs, schimmeln wir den Nachmittag dahin und ordern gegen Abend Spezialitäten des Hauses, die sich suppig, fleischig ankündigen, aber ganz lecker sind. Wir verabschieden uns und bekommen jeder ein Glas Bier angeboten. Wir pegeln weiter, vorbei an Dromedaren und über die weiten Wellen der Wüste ins Irgendwo! Im Nirgendwo auf Sanddünen! Neumond! Die Milchstraße in ihrer ganzen Pracht in dunkler Nacht, ungeduscht im Zelt angebappt, drei Tage das ist eng ich denk es klappt! Turkmenabad fast am Ziel, immer in der Linie. Nach 74 Stunden Turkmenistan sind wir knappe 500km durch ein hitziges Land ohne Schatten gedüst. Ein schönes Land mit viel mehr Farbe und schönen großen stolzen Frauen. Alle Leute sind freundlich und hilfsbereit, mit einer sehr angenehmen Art der Unterhaltung, so anders als ihr Nachbarland.

 

English version:

Borderline experiences in the desert together with Zsofi from Hungary. After changing money to the Turkmen manat, we are getting in touch with the police for the first time along with the tourism officer pointing out to us that we are off our track. 5 kilometers later having a rest in the shade. Then taking the shortcut for the first kilometers through the desert. Here is our plan: 3 days 72 hours quickly through the night through the wind. While going straight on and on, the road is slowly breaking apart and after 20 more kilometers we find ourselves on a broken dirty road almost rocking along in Atlantic waves through the deserted countryside. 5 hours of sleep, a pot of gruel and a lot of Nutella out of the Pringles tin. 06.00 am We are dashing over the potholes to the motorway while the head wind is getting harder. With some last drops of water we get to Mary by noon in a baking heat. Likewise, 20 minutes later, Sofie totters into the shop that we are still embracing with empty stomachs in a buying mood. One hour later, we are lying in the meadow with soya paste enjoying ‘Kojakoma’ in the shade. Leaving one hand in the spokes of the back wheel, the other one under the bottom bracket supporting the head, we are falling asleep until the first mosquitoes come bursting into our camp by dawn making us feel moving on. After a short night, the same breakfast as the day before and being in the saddle by dawn we are heading north moving on and on until the next shade or the next chance to get drinking water pops up. In a minimarket similar to a restaurant with a fast food kitchen and hand-knitted souvenirs, we hang around until noon and by night we order the specialties of the house that sound soupy and meaty but taste good. We say goodbye and every one of us is being offered a glass of beer. We paddle on passing dromedaries and crossing the wide WelTlen of the desert into somewhere or other. In nowhere on the dunes. New moon. The Milky Way shows up in its whole brightness in the darkness of the night(ness), lying down without a shower, 3 days seems tight but I guess we’ll make it on the hour. Turkmenabad, almost there, always on the line. After 74 hours in Turkmenistan, we have rushed about 500 kilometers through a torrid country without any shade. Turkmenistan is a beautiful country with a lot more colours and beautiful tall and proud women. Everyone is friendly and prepared to help and has pleasant manners in keeping a conversation, so unlike the neighboring country.

Iran Spezial

Der Dschungel:

Wer den Iran besucht, wird spätestens nach ein paar Tagen mit Einheimischen auf den „Dschungel“ zu sprechen kommen. Der Dschungel eine gefährliche Gegend, voller wilder und exotischer Tiere, wild und unberührt! Für fremde und unerfahrene Reisende mag sogleich ein spektakuläres Bild entstehen. Geschichten von Bären, Leoparden und extremen Wetterverhältnissen steigern die Vorstellung fast bis zur Extase! Je näher die Wildnis rückt, desto spannender wird die Vorstellung, bis sie am Tag des ersten Kontakts verpufft! Vor uns ein Wald, auf Grund der gebirgigen Lage kein Nutzwald das wird klar! Zudem entlang der Straße dicht belebt und becampt! Kein Hauch einer Spur von Wildnis oder Exotik! Doch vergleicht man die Landschaft des im Süden lebenden Iraners, so versteht man die Geschichten um den Wald der sich beeindruckend schön entlang der kaspischen Küste über das Gebirge ausbreitet.

 

Straßen & Verkehr:

Auf alle Fälle spektakulärer als der Dschungel. Es tummeln sich auf der Piste alle erdenklichen alten Karren, Kisten, Mopeds und wunderschöne Trucks. Feinstaubbelastung stört hier niemanden, Farbvielfalt, spannende Karosseriekonstruktionen und für europäischen Geschmack extrem bedenkliche Ladungssicherung bringen eine ungeahnte Exotik! Landesweit typisch sind die über 36 Jahre alten blauen Nissan Trucks, in unterschiedlichster Verfassung, deren Ruf im Umgang mit Verkehrsregeln zwar nicht der beste ist, so lautet eine ungeschriebene Regel im iranischen Verkehr: Meide steht’s den blauen Nissan Truck! Doch fern der gängigen Verkehrswege stellen sie die wichtigsten Transportversorger dar! Und in der Not, werden auch zwei Radreisende auf den benebelten Pass transportiert. Überholt wird stets dann, wenn es die kleinste Lücke zulässt, links, rechts, in Kurven, bei Nebel oder alles in Kombination, das spielt keine Rolle, ein lautes Hupsignal kündigt den Passierenden im letzten Moment an, ohne vorausschauend die nächsten Speedbumps im Blick zu haben, wird im Normalfall darüber gebrettert!

Je nach Ausführung und Ausstattung der Hupsignale, kann sich der Iraner über die verschiedenen Töne, die das Gefährt von sich gibt, mit anderen Verkehrsteilnehmern unterhalten. Die Vielfalt kennt auch hier kaum Grenzen. Fahrbahnstreifen geben in erster Linie das maximale asphaltierte Ausmaß der Straße wieder. Das heißt aber nicht, das die Breite nicht nach Belieben erweitert werden kann. In der Regel passen auf drei Fahrspuren fünf Autos mit etwas Luft nebeneinander, was der Iraner dann auch bevorzugt. Der Kreisverkehr und manche Kreuzungen bleiben uns wie in Albanien ein Rätsel! Auf allen Straßen haben wir uns jedoch respektiert und sicher gefühlt. Bloß keine Scheu, Rücksicht im Verkehr kann auch der Iraner umsetzen.

 

Der/Die Iranerin:

Gastfreundschaft steht an erster Stelle! Es gibt seitens der Iraner keine Kontaktscheue, schnell wird man nach den persönlichsten Dingen gefragt und ist nach einer Minute Freund eines Iraners und nach zwei Minuten Freund der Familie und aller Verwandten. Je nach Ausprägung der Gastfreundschaft ist Mann/Frau ab diesem Punkt fremdbestimmt. Alles wird arrangiert, um es dem Gast so speziell wie möglich zu machen. Dass wir oft mit dem Viertel des Aufwands mehr als zufrieden wären, spielt nun keine Rolle mehr. Angebot über Angebot, wir lernen mit der Zeit die Dinge zu Händeln, jedoch gerät das Gleichgewicht von Geben und Nehmen meist außer Kontrolle. Kontaktaufnahme läuft im Allgemeinen so: Hey Mister! Mister! Taxi? Wellcome in my country/city! How are you? Where are you from? Which city? Are you tourists? What’s your name? How old are you? Is she your wife? By the way what’s your religion? Do you have childrean? What’s your job? How is Iran? Do you like it? ….usw. Vielleicht erinnert sich der ein oder andere an die Questionattack in Meyaneh. Dieser oder ein abgewandelter Katalog wird den Reisenden treffen sobald er mit dem Rad anhält oder bei voller Fahrt in kompliziertem Verkehr aus dem Beifahrerfenster heraus attackiert wird, wenn er nicht schon auf dem Standsteifen ausgebremst wurde. Der Zeitpunkt des Zusammentreffens macht den Unterschied, Einladung zum Melone essen im Schatten, Tüte voller Aprikosen und Kirschen, Melone für unterwegs, kalte 1,5 PET Eisflasche oder Einladung zum Eisschlecken, Lunch oder Dinner! Geile Sache! Zu Hause in den Familien zeigt sich oft ein anderes Bild als auf der Straße, es hängt zwar im Wesentlichen davon ab, welches Level an Religiösität die einzelnen Familienangehörigen bevorzugen, doch hatten wir meist den Eindruck, dass die Zeit vor der Revolution weiter in die Gedanken und Vorstellungen der jüngeren Generation transportiert wird und weiterlebt. Auch das viele iranische Familien international verteilt sind, ist ein Ausdruck dafür, dass der Wunsch nach Veränderung und mehr Freiheit fortbesteht.

 

Das Picknick:

Das iranische Wochenende ruft die Iraner in die Natur oder einfach nur auf die Straße zum Picknicken! Zelt, Teppich, Kissen, Gaskocher, Töpfe, Pfannen, Melone zwei bis acht, Kebapspieße, Chai und Doogh, dann geht‘s los! Dabei spielt es letztlich keine Rolle, wo das Picknick zelebriert wird, ob auf dem Standstreifen der Autobahn, im durchnässten, nebligen Dschungel, im Park oder um die nächste Ecke auf dem Bürgersteig! Hauptsache Picknick!

 

Die Busfahrt:

In Erinnerung bleiben uns die Fahrt von Chalus nach Teheran. 170km, 9 Stunden Fahrt an Leonies Geburtstag und hinter uns eine alte Dame die sich in dem kurvigen Streckenabschnitt unzählige Male übergeben musste und das Pendant zur türkischen Busfahrt in Erinnerung rief. Und die Fahrt von Abas Abad nach Gorgan als nach 30km eine zehnköpfige Familie die Rückbank hinter uns entert und ihre Version von mobilem Picknick startet, während die nackten Füße über die Rückenlehnen in Position gebracht werden und die 5-jährige die Musik eines Aktivlautsprechers bis zum Anschlag dreht und alle halbe Stunde die Fenster des Busses mit ihrem Gekreische zum Vibrieren bringt. Als wir den Bus verlassen, flehen die ersten Iraner auf den hinteren Sitzen, endlich um Ruhe! Busfahren: stets ein Erlebnis!

 

Bojnurd – Sarakhs (03.08. – 13.08.)

Nach 30km sause ich vorausschauend und zu konzentriert durch die erste Stadt, dass ich nicht einmal realisiere, dass ich an zwei Radreisenden vorbeiradele. Dank Leonie lernen wir den würzigen Oregan und seine Freundin Celine kennen, die wir am späten Nachmittag im Passenger-Park von Faruj wiedertreffen und gemeinsam Erfahrungen, Eindrücke und Erlebnisse austauschen. Die Beiden bleiben uns in angenehmer und entspannter Erinnerung, als wir sie am nächsten Tag an der Weggabelung von Mashhad und Ashgabat drücken, wünschen wir ihnen und sie uns, eine sichere Weiterreise.

Am Mittag erreichen wir Cheneran, ein kleines Städtchen mit großer netter Parkanlage. Schnell einkaufen, für Mittag, Abendbrot und Frühstück. Gemüse, etwas Obst, Käse, Milch und Brot! Dann im weichen Gras am besten alles hängen lassen und Schlafrationen auftanken. Brot finden oder besser gesagt den Becker finden, der gerade geöffnet hat, Brot backt und verkauft, ist gewöhnlich die zeitaufwendigste Besorgung. Wir kommen nicht drum herum, jemanden zu fragen, was die Sache tatsächlich beschleunigt, aber im Effekt verlängert. Einladung zu Eiscreme, Einladung zum Lunch, Einladung zum Übernachten, wir erklären, das wir Zeit für uns brauchen und diese im Park alleine und in aller Ruhe genießen wollen. Es wird Nachmittag bis wirklich Ruhe um uns einkehrt. Im Halbschlaf züngelt das Interesse an uns, die Nacht verbringen wir im Zelt, das bei Finsternis hinter dichten Sträuchern abgelegen von der Campingarea ein ruhiges Stück Erholung bringt.

Früh am Morgen, die Damen im schwarzem Überwurf = Shador = Zelt drehen auf der Walkingstrecke bereits ihre Runden, gibt es Müsli und Brot mit lecker Tahin-Schokocreme. Bis nach Mashhad radeln wir über den stark befahrenen Highway und leuten um 09:30 an der Tür von Vali‘s Homestay. Rezar, sein Sohn öffnet halbmunter die Tür und im Inneren der Schlafstube, rasten Bard & Monika, zusammen mit zwei Schweizern und einem deutschen Lightbiker mit Faltradträumen. Es tut gut die Beiden nach fast einem Monat wiederzusehen und einen ganzen Tag zu quasseln. Nachmittags fällt zudem ein großes Stück Anspannung von uns ab, hatten wir doch von einigen Visazurückweisungen in den vergangenen Tagen gehört, die Radreisende dazu zwangen, viel Geld für einen Plan B aufzubringen. Um 14:00 schlendern wir in beherzter Freude mit den Turkvisa durch die Stadt! UFFF! Geile Scheiße! Guya Shizer! (Würde Rob dazu sagen) 🙂 Genauso ist es. Zwei Abende genießen wir mit anderen Reisenden riesige Portionen leckeres vegetarisches Essen, bis wir unsere Sachen packen und zusammen mit Olivier, einem französischen Radler, der nach 7 Jahren auf dem Weg nach Hause ist, die Straße teilen.

Bei Moshen (25) und seiner Familie: Schwester Malilehe, Bruder Masoud, Mama Maryam und Papa Mehdi vergeht die Zeit bei leckerem Essen, Gesprächen über die Verwandten in Europa, Fernsehen, in Mashhad selbst und im Holy Shrine, der wie ein gigantischer Magnet die Pilgernden ins Innere der gigantischen religiösen Stätte zieht. Festivalcharakter! Für Leonie im Shador eine ungewohnte Situation! Gerade abends sehr zu empfehlen. Richtig heimisch fühlen wir uns bei Mohsen, bei Tomatensuppe, Zwiebelkuchen und Dampfnudeln, selbstgemacht und als Dank für das fantastische Essen seiner Mutter. Gemeinsam schlemmen und hoffen wir mit Mohsen, der sein Architekturstudium im BA abgeschlossen hat, dass seine Armeezeit schnell vorrübergeht und wir ihn ebenfalls in unsere Heimat willkommen heißen dürfen. Sobald er sich mit dem Fahrrad auf den Weg macht, melde dich!

Am Morgen lassen wir Mashhad im Westen hinter uns, um an den verbleibenden drei Tagen, mit je kleinen Etappen, die Red Crescent Stations (muslimisches rotes Kreuz bzw. die rote Mondsichel) anzusteuern. Immer werden wir herzlich aufgenommen, bekocht und im Anschluss startet ein Match Volleyball, das wir am zweiten Tag gegen den Besuch einer über 1500 Jahre alten Caravanserei eintauschen! Die Tage sind heiß, jedoch lässt es sich früh am Morgen gut pedalieren, zumal die Etappen angenehme 50-70km lang sind. In Sarakhs der letzten Stadt vor der turkmenischen Grenze, spenden die Bäume im Park partiell Schatten, für einen erträglichen Mittag. Die Stadt ist deutlich ruhiger, was an der hohen Population der hier lebenden Kurden liegen mag. Am Nachmittag suchen wir ein letztes Mal die Red Crescent Station auf, dort gibt es extra für Reisende: Küche, Bad, WC und einen Teppichraum, der uns und Zsofi (30 aus Ungarn), die kurze Zeit später, samt Radreiseequipment eintrifft, des Nachts kaum zum Schlaf kommen lässt. Zu heiß, ein Haufen Moskitos und kleine andere Stecher streuseln sämtliche Füße, Hände und andere ungeschützte Stellen. Mit vielen Erinnerungen, an Menschen, Freunde, Land, Gastfreundschaft und den vergangenen ungarischen Abend mit einem Haufen Pfannkuchen, an dem wir an Milan, seinen Bruder und Mama in Bölcske denken müssen, rückt die Grenze und die Wüste näher. Khodahafez Iran, thanks for being in your country!

Aus- und Einreise verlaufen gegen alle Erwartungen reibungslos, selbst die turkmenischen Beamten machen auf uns einen entspannten und fast freundlichen Eindruck. Wer hätte das gedacht. Hatten wir doch von Reisenden ganz andere Erfahrungen und Berichte gelesen und gehört. Stundenlanges Warten, Filzen von jeglichen Gegenstände und forscher Handhabe der Offiziellen, zu dritt sind wir in exakt zwei Stunden, easy going auf turkmenischem Boden. Vor uns knappe 500km Wüste und Tagestemperaturen von 40 Grad und aufwärts mit konstantem Gegenwind.

Salman Sharh – Bojnurd (27.07. – 03.08.)

Wir nehmen den Bus von Abas Abad nach Gorgan, wo uns nach 7 Stunden Fahrt Soroush am Terminal abholt und uns mit seinem Auto zu sich nach Hause guided. Es ist angenehm heiß, am letzten Hügel öffnen sich all unsere Schweißporen zum Wasserlassen, transperierend stellen wir unser Zeug in den Innenhof und entpacken notwendiges Duschequipment. Busfahrten bringen in der Regel Überraschungen, wir dachten wir hätten bereits alle hinter uns (siehe Busfahrt Spezial), doch als wir den Packsack mit den Schlafsäcken öffnen, hat sich unnützerweise die teure türkische Sonnencreme auf der Schlafsackhaut in dicker Dosis verteilt! Such a pity! Im Auto entfernen wir uns von unserem koordinierten Chaos im Hof, die Familie wohnt im Sommer in einem Bergdorf, ca. 15km außerhalb der Stadt, in dem es in der Regel 10 Grad kühler ist als in Gorgan selbst. Soroush ist Bergführer, betreibt parallel ein Möbelgeschäft, er spricht super Englisch und besitzt ein Cellphone das pausenlos Nachrichten erhält. Entspannt werden wir in der Familie aufgenommen, wieder gibt es leckeres Essen und energiegeladene Tanzeinlagen von der Kleinsten aus der Familie.

Der Plan steht, als wir am Morgen mit Soroush zurück in die Stadt fahren: Visa im Passbüro verlängern lassen, Wäsche waschen, Kleinigkeiten in der Stadt besorgen und den Basar besuchen. Alles kommt anders: Die Waschmaschine ist außer Funktion, der Officer bewilligt zwar die Visaverlängerung, beim Versuch die Gebühr zu zahlen, stürzt jedoch zwei Kunden vor uns das Bankensystem zusammen. Wir warten knappe 2 Stunden, dann schließt die Bank für den heutigen Tag. Etwas frustriert erholen wir uns zu Hause unter dem Gebläse der Klimaanlage und schlafen bis in den Abend auf dem Teppich. Danach: Basar und Handwerkskunst in einem der traditionellen Gebäude der Stadt, leckeres Eis, Bananashake und 400.000 Rial (ca.10€!!) für einen Waschgang in der Wäscherei, was uns trocken Schlucken lässt. Der Abend in den Bergen lässt alles vergessen, Soroush’s Familie hat üppig gekocht! Persische Küche basiert auf Reis, mit vielen verschiedenen Beilagen: frittierte Aubergine, frische Kräuter, wie Schnittlauch, Basilikum, Minze, dann kleine Salate, Omlette, Tadik in verschiedenen Variationen, gegrillte Tomaten und Kebab. Die Iraner lieben ihr Essen!

Früh am Morgen verabschieden wir uns. In herzlicher Atmosphäre sagen wir Danke für alles, erledigen den Geldtransfer, die komplizierte Visaverlängerung für den Officier, mit Hilfe von Soroush und satteln die im Hof wartenden Räder. Bimmelnd und Winkend verlassen wir Gorgan nach Osten blickend! Kheyli mamnun Soroush!

In der Mittagshitze auf dem Rad in den Tag starten, sollte gut überlegt sein, wir wussten: „Es ist nicht clever!“, aber nach 10 Tagen Visa-Reise-Organisation und einem Leben als Gast, radeln wir bis uns der Kopf von der Hitze schmerzt. Nach einer ausgedehnten Pause mit Früchten und Nüssen sind wir ausreichend gestärkt und halten erst einmal Mittagsschlaf. Um 16:30 Uhr raffen wir uns auf und erreichen am späten Abend einen lichten Wald in dem wir uns versteckt, vor den Blicken der Straße, einen Schlafplatz suchen. Während wir kochen, fährt die Polizei ihre letzte Patroullie durch den Buchenwald, danach wird es still aber leider nicht kühler als 27 Grad. Früh am Morgen sitzen wir auf dem Rad, als uns 5km später drei Radreisende in der Gegenrichtung passieren, denken wir an Jude, Astrid & Bruce, die wir in Kroatien trafen. Während dem Einkauf für unser Picknick in Galikesh, gabelt uns Mohammed beim Becker auf, bietet uns organic homemade icecreme, sehr zu empfehlen und kümmert sich in professioneller Weise um das Wohl seiner Gäste. Die Sonne heizt dem breiten Tal mächtig ein. Unter zwei Feigenbäumen, die mit die einzigen Schattenspender sind, verbringen wir den Nachmittag und köcheln im heißen Wind, der über die steppenartigen Felder föhnt! Ein Truckerfahrer hatte uns noch zuvor in guter Radsportmanier am Straßenrand, während der Fahrt, wie beim Staffellauf, eine durchgefrorene 1,5L PET-Flasche überlassen, die nun zwischen unseren Nacken hin und her wechselt. Um 18:00 trauen wir uns aus dem Schatten. An einem Feldsprenkler nutzen wir das kalte Nass, radeln tropfend Richtung Eingang des Golestan Nationalparks und machen auf der Straße Bekanntschaft mit Hassan (28), seiner Mutter Soheyla und später beim Abendessen auch mit seiner Schwester Elmira, die vor knapp 20 Jahren in Köln ihre zweite Heimat gefunden haben. Die Familie besitzt Haus, Reis- und Getreidefelder, Obstwiesen und eine kleine Feriensiedlung, in der wir ebenfalls für eine Nacht ein zu Hause finden.

Freitag morgen, iranisches Wochenende! Wir essen noch ein kleines Frühstück mit Soheyla, die Kinder schlafen gewöhnlich bis mittags um 12Uhr, da stecken in den Beinen bereits 40km leichte Steigung und in Leonies Schenkeln 50km, davon 10km Kopftuchbesorgungsfahrt, zurück zum Startpunkt. Weitere 5km später sitzen wir mit Familie Deshbani nahe eines Bachlaufes beim Mittagesessen auf dem Reiseteppich. Im Schatten der Bäume und am Wasserfall bachaufwärts ist reges Treiben, hier wird gejubelt und voller Freude im Wasser agiert! Jung und Alt, jeder ist mit Herzblut dabei. Wir chillen den gesamten Nachmittag mit Yaser’s Familie: Yaser & Soudabeh seiner Frau und Tochter Yasra, Amin und Javad seinen Brüdern, Mutter Tooti, Vater Ali und werden Teil des Picknicks. Wir fühlen uns wohl und verabreden uns für den nächsten Tag in Bojnurd, der Heimatstadt der Picknickenden! Spät ist es, als wir wieder Pedale unter den Füßen spüren, 35km bis nach Robat Gharehbil, einem kleinen Ort in dem wir nach Mondaufgang in einem kleinen Laden alles für ein leckeres Abendessen finden und die halbe Station für Reisende belagern. Waschraum, Dusche, leerer Raum mit Teppich zum Schlafen! Im Prinzip das gleiche Feeling wie das Ferienhaus am Vorabend, nur ohne Schlüssel. Mit Gedanken an die 10-köpfige Familie, die uns am Abend auf der Straße gleich zweimal stoppte, um mit uns Bilder zu machen, müssen wir beide über deren glückliche Freude lachen. Schmunzelnd schlafen wir ein und starten zeitgleich mit der Familie aus Teheran, die das Nebenzimmer nutzt um 05:00 in den Tag.

Es wird ein schneller, sehr heißer, mit einem Pass gespickter, langer Tag werden, den wir mittags im Schatten unterbrechen, um bei Einbruch der Dunkelheit in Bojnurd bei Familie Deshbani aufgenommen zu werden. Die beiden Jungs Amin und Yaser sprechen perfekt Englisch. Es wird viel erzählt, erklärt und gelacht. Schön wenn Humor transportiert werden kann! Wir werden verwöhnt mit unglaublich gutem Essen, süßen Leckereien und tauchen ein in die Mehrgenerationenfamilie. Balkon, Mückendefender und frische Luft lassen die Nacht zur besten dieser Woche werden, ohne früh auf die Räder steigen zu müssen, schlafen wir bis in den Vormittag und erkunden mit den beiden Brüdern die Stadt und den IT-Laden, den die beiden im Zentrum der Stadt führen. Alles Kopien, alles ohne Copyright und alles was den Gamer erfreut. Danach wird zu Hause gechillt und am Abend geht es in den Park, in dem sich die Päärchen treffen und die Reisenden nächtigen. Relaxte Stimmung, einige Tassen Chai mit gekühlten Rosinen (geiler Mix!), offene Gespräche über Leben, Zukunft und finalen fliegenden Keulen im Park bringen Publikum und ein unerwartetes Wiedersehen. Während dem Essen laufen bereits die Videos von Partnerjonglage im Park und Bilder der letzten Tage. Es wird gelacht und gestaunt. Als Kugeln rollen wir in unser Nachtlager auf dem Balkon.

Der Abschied fällt nicht leicht, wir sollen noch einen Tag bleiben, wir einigen uns darauf, das uns Yaser bis ans Ende der Stadt begleitet, dann spritzt uns Weihwasser und kleine Tränchen hinterher und die Straße schnörkelt sich ein paar Kilometer zum Tünnelchen der den Hang durchlöchert.

Salman Sharh – Teheran und zurück (21.07. – 27.07.)

21.07.2015 Der erste Geburtstag auf Reisen, 28 Jahre Leonie, wir essen noch Geburtstagslunch bei Nasim, dann fahren wir mit ihr nach Chalus und buchen mit ihr den Bus am Terminal nach Teheran. Etwas abseits des Trubels erblicken wir ein leicht und ein schwer bepacktes Reiserad, eine Radlerin aus Malaysia und Sebastian welch ein Zufall. Die Beiden nehmen den Bus zwei Stunden vor uns und während wir auf unseren Bus warten, koordinieren wir eine Bleibe für Sebastian in Teheran. Nach dem Regen der vergangenen Tage, pünktlich zum Ende der Fastenzeit, war die Verbindungsstraße nach Süden in die Hauptstadt für 2 Tage auf Grund von Überschwemmung und Erdrutsch gesperrt. Weshalb viele Urlauber die im Dschungel feiern waren, an der Küste festsaßen. Es sind knappe 9 Stunden, die wir für 176km im Bus sitzen, was die Verkehrslage ganz gut beschreibt. So hatte sich Leonie ihren Geburtstag nicht vorgestellt! Um 00:30 erreichen wir den Bus-Terminal, an dem uns Ahmed (unser Gastgeber) und Sebastian abholen. Wir können für zwei Nächte bei Ahmed’s Vater schlafen, der mit 87 Jahren einen sehr vitalen und äußerst netten Eindruck auf uns macht. Ahmed, der jüngste aus der Familie, wohnt mit seiner Frau, auf der gegenüberliegenden Straßenseite, seine beiden Söhne studieren in Indien und Holland. Es gibt viel zu erledigen in Teheran! Früh am nächsten Morgen verabschieden wir uns von Sebastian, der sich in die Stadt auf die Suche nach einem Fahrradkarton macht, um am Tag darauf nach Katmandu zu fliegen. Zusammen mit Ahmed fahren wir erst zur Embassy of Turkmenistan, dann Richtung Stadtzentrum zur Embassy of Germany, das letzte Stück gehen wir zu Fuß und verabreden uns mit Ahmed am Nachmittag, der in einer anderen Richtung der Stadt Termine hat. Auf dem Weg treffen wir Fabian und Lisa, aus der Nähe von Zürich, die vor zwei Jahren mit dem Fahrrad in Südamerika auf Reisen waren und diesen Urlaub mit Zug und Bus im Iran verbringen. Schön euch getroffen zu haben 🙂 40$ lassen wir auf unserer Botschaft für die „Letter of support“ und schlendern danach über den Grand Bazar vorbei an wuselnden Menschenmassen. Am späten Nachmittag bereitet Leonie die Applicationbattery für das chinesische Visum vor und nach anstrengender, erfolgsloser Suche für eine stornierbare Flugbuchung, weist uns Ahmed darauf hin, dass sein Bruder eine Travel-Agency leitet und dies kein Problem sein dürfte. Wir schwimmen in Sahnecremetorte und pudern uns auf Wolke sieben! Was ein Zufall, welch ein Glück!

Am nächsten Morgen ist alles ready zur Abgabe, nervös betreten wir die Botschaft und treffen auf Taneli aus Finnland, der hier zum dritten Mal binnen einer Woche steht und auf das OK der offiziellen Vertreter hofft. Für ihn und uns steigt die Spannung, letztlich läuft alles glatt und zusammen zahlen wir die Visa in der Bank gegenüber. Taneli ist bestens auf alles vorbereitet und gut informiert! Er weiß Bescheid über die Lage auf dem Pamir, auch dort hat es letzte Woche einen Erdrutsch gegeben. Er gibt uns zu bedenken, dass die letzten Wochen durchschnittlich viele Reisende in Mashhad ihr Transitvisa verweigert bekommen haben und fragt uns nach unserem Plan B. Mit Blick auf unser Budget scheint es nur Plan A zu geben, für Flüge oder aufwendige Ausweichruten um die Turkmenen zu umfahren fehlt uns offensichtlich einiges an Dollar! Wir hatten gehofft am internationalen Flughafen mit unserer Visa Card frisches Geld abzuheben, doch diese Option scheint es nie gegeben zu haben. Gemeinsam grübeln wir nach einer Lösung, ankommende/abreisende Flug-Reisende aus Deutschland nach ihren Dollars fragen, oder in Reiseforen einen Currier finden? Beides klingt kompliziert und zeitaufwendig. Dann fällt Taneli ein, dass sein Freund aus Belgien Bert (28) mit überdurchschnittlich viel Geld in den Iran eingereist ist und nun wie er bevorzugt, den Umweg über Armenien, Azerbaijan (Baku), mit der Fähre nach Kasachstan zu fahren um die Turkmenen zu skippen. Nach einem kurzen Gespräch mit Bert, treffen wir uns zu viert im Zentrum wo wir von ihm eine ordentliche Geldspritze erhalten und er voller Freude den armen Deutschen auf die Schulter klopft 😉 Wieder pudern wir uns im Glück! Vielen herzlichen Dank euch Beiden, wir hoffen es geht euch gut! Merci beaucoup Bert! Kiitos paljon Taneli!

Auf dem Rückweg ist wirklich alles klar wie Kloßbrühe! Organisatorisch ist alles erledigt, die restlichen Tage können wir bei Ahmed und Saeedeh bleiben, die uns für das Wochenende zu ihren Freunden Simin & Fasard außerhalb von Teheran mitnehmen, wir genießen die Zeit im Freien und das leckere Essen in einem riesigen Haus mit Blick auf grüne Täler und bergiges Umland. Am Folgeabend, zurück in Teheran, hat Mohammed, Ahmed’s Bruder, zum Familienessen geladen. Auch wir finden uns im Kreis der großen Familie wieder und feiern bei iranisch-internationaler Kultur bis in den frühen Morgen bei angenehmen Gesprächen, traditioneller Musik auf der „Tar“ und extrem leckerem Essen! Wieder eine kurze Nacht, um 10:00 startet unsere Guidetour inklusive Fahrer durch die Stadt zu den noch jungen historischen Spots der Stadt. Azra eine straighte Dame führt uns gezielt zum Niavaran Palastkomplex und dem Golestan Palast, wo wir erstmals in die Geschichte des Iran eingeführt werden. Wir schlender über den Niavaran Bazar und den Grand Bazar im Herzen der Stadt. Ein sehr lehrreicher und informativer Tag, welcher von einem Freund der Familie gesponsort wird. Pünktlich um 18:00Uhr fährt der Fahrer an der Haustür von Ahmed vor, wir bedanken uns für die professionelle und freundliche Stadttour und wünschen beiden einen schönen Feierabend. Entspannt packen wir unsere Sachen für den nächsten Tag, an dem wir uns von Saeedeh und Ahmed herzlich verabschieden, unsere chinesischen Visa abholen und an der Embassy zufällig auf Gabriel & Franchon und ein weiteres Radlerpäärchen treffen. Gemeinsam erfreuen wir uns über die ausgehändigten chinesischen Visa, bevor jeder wieder seinen geplanten Weg einschlägt.

Zurück mit dem Bus nach Salman Sharh, mit vielen Eindrücken, herzlichen Menschen aus dem lauten Stadttreiben und Geschenken, genießen wir die Ruhe, der etwas langsamer tickenden Zeit mit Nasim’s Familie. Nach dem Abendessen, beschließen wir der „I’m lazy“ Frau unsere 6000km Hängematte zu überlassen, Nasim ist voller Freude und gerührt! Eine gute Idee die Matte dabeigehabt zu haben! Wir drücken sie beide fest. Am Mittag des nächsten Tages verabschieden wir uns und sind gespannt ob Nasim und ihre Schwester den Falafel Laden in Istanbul finden, den wir ihr empfohlen habe, denn die beiden fliegen in die Türkei zum Urlaub machen.

 

English version:

07/21/2015 The first on tour birthday, Leonie turns 28. After having a birthday lunch at Nasim’s place, we go to Chalus together and make a booking for the bus to Teheran at the terminal. Little apart from all the hurly-burly, we lay eyes on both a lightly and a heavily packed travelling bike, a female cyclist from Malaysia and Sebastian, what a coincidence. The two of them take the bus two hours earlier and while waiting for our bus to leave, we are getting Sebastian a place to stay in Teheran. After the past days of rain, just in time with the end of the fasting period, the connecting road to the south of the capital was closed for 2 days because of floodings and landslips. That’s why lots of people on holidays, who were celebrating in the jungle, were bound to the coast now. Because of the traffic, our 176 kilometers bus ride takes nearly 9 hours. That’s not quite how Leonie has imagined her birthday to be like. By 00:30 we arrive at the bus terminal where Ahmed (our host) and Sebastian collect us. We can stay with Ahmed’s father for two days and nights, who – at age 87 – leaves a pretty vital and really likeable impression on us. Ahmed, the youngest one of the family, lives on the opposite side of the road together with his wife. His two sons are studying in India and the Netherlands. There’s a lot to do in Teheran. Early in the morning, we say goodbye to Sebastian, who leaves for the city looking for a bicycle case to fly to Kathmandu the following day. Together with Ahmed, we go to the Embassy of Turkmenistan first, and then make for the Embassy of Germany in the city centre. Because Ahmed has fixed appointments in another part of Teheran, we make the last part by foot and agree to meet up again in the afternoon. While getting there, we meet Fabian and Lisa from near Zurich, who travelled through South America by bike two years ago and pass this year’s holidays in Iran by train and bus. Nice to have met you 🙂 We leave 40$ at our embassy for the ‘letter of support’ and then go for a stroll through the Grand Bazar crossing hurrying crowds of people. Late in the afternoon, Leonie prepares the Applicationbattery for the Chinese visa and after a tiring and unsuccessful search for a cancelable flight, Ahmed tells us that his brother runs a travel-agency which gets our problem settled. We feel like being on cloud nine. What coincidence, what luck.

On the following morning, everything is ready for the filing. Nervously, we enter the embassy and meet Taneli from Finland who is being here for the third time within a week hoping for the official representatives’ OK. Tenseness grows about both him and us. Finally, everything turns out well and we pay the visa together in the bank on the opposite side. Taneli is well-prepared for everything and well-informed. He knows what the situation is like on the Pamir. There, as well, a landslip occurred last week. He points out to us that throughout the past weeks lots of travelers were rejected their Transit visa in Mashdad and asks for our backup plan. Because we are apparently short of a lot of dollars to map out flights or expensive backup routes around Turkmenistan, there is no backup plan. We had hoped to draw new money with our visa card at the international airport, but this option never seemed to have existed. Together, we are trying to come up with a solution. Maybe to ask arriving/departing air travelers from Germany for their dollars or to find a courier in a travelling forum online? Both of which sounds complicated and time-consuming. Suddenly, Taneli remembers that his friend Bert (28) from Belgium has entered the Iran with more than enough money and now prefers to take the roundabout route via Armenia, Azerbaijan (Baku) and the ferry to Kazakhstan to skip the Turkmens. After a short conversation with Bert, the four of us meet up in the city center where we are given a lush cash injection. Joyfully, he pats the poor Germans on their back. 🙂 Again, we feel like being favored by fortune. Thanks so much to both of you; we hope you are doing well. Merci beaucoup Bert. Kiitos paljon Taneli.

On going home, everything is settled now regarding the organization. Throughout the days left, we can stay with Ahmed and Saeedeh who take us to their friends Simin & Fasard for the weekend a little outside Teheran. We enjoy passing time under open air and having tasty food in a huge house with a view on green valleys and hilly surroundings. On the next evening, back in Teheran, Ahmed’s brother Mohammed prepared a family dinner. We find ourselves being part of the big family’s gathering as well and celebrate according to Iranian-international culture till the early morning having nice conversations, traditional music on the ‘Tar’ and extremely tasty food. It’s a short night again. At 10:00 our guiding tour including a driver starts taking us through the town to the still young historical spots of Teheran. Azra, a straight woman, guides us right to the Niavaran palace complex and the Golestan Palace where we are introduced to the history of the Iran for the first time. We are strolling through both the Niavaran and the Grand Bazar in the heart of the town having an informative day sponsored by a friend of the family. At 18:00 on the hour mark the driver pulls over in front of Ahmed’s house; we say thanks for the professional and kind tour through the town and wish both of them a nice evening. Relaxed, we pack our bags for the following day, on which we warmly say goodbye to Saeedeh and Ahmed, pick up our Chinese visa and run into Gabriel & Franchon and another cycling couple at the embassy. Before everyone gets back onto his planned way, we are happy about the Chinese visa given to all of us together.

Back in Salman Sharh by bus with lots of impressions, loving people from the loud and busy town and gifts, we enjoy the silence of the little more slowly moving time with Nasim’s family. After dinner, we decide on leaving our 6000 kilometers hammock to the ‘I’m lazy’ lady. Nasim is deeply happy and moved. What a good idea to have had the hammock along. We give warm hugs to both of them. In the afternoon the next day, we say goodbye and are curious about whether or not Nasim and her sister find the falafel shop in Istanbul – where the two of them are going to on holidays – which we have recommended.

Bazargan – Salman Sharh (11.07. – 20.07.)

Es ist 11:00 Uhr, wie besprochen passiert uns in diesem Augenblick die iranische Bergsteigergruppe inklusive Keivan, die auf dem Heimweg sind. Gemeinsam erreichen wir den Checkpoint, müssen unsere türkischen Ausreisestempel, samt des iranischen Visa vorweisen, dann ein weiterer Schalter hinter einem Gittertor, welches wir mit zwei Lieferwagen und einem deutschen Endurofahrer passieren. Nach der Aufregung eines Schusswaffenfundes im Handschuhfach des kurdischen Transporters, rammt uns der Beamte den Einreisestempel mit Wucht in den Pass! Glücklich auf iranischem Boden zu stehen, geht es voller Freude hinunter ins Tal, wo uns Keivan die ersten Dollar zu einem guten Kurs wechselt, wir in alle Ecken des Landes eingeladen werden und 15km später bei Familie Soleimany im Wohnzimmer willkommen geheißen werden. Die Familie hat Spaß mit uns, Sara (17) spricht exzellentes Englisch, Mama (Parvane) und Papa (Ismail) können dem Englischen gut folgen. Es gibt eine Fülle von Snacks, kalte Getränke, zwischendurch Chai und eine Menge zu erzählen und zu fragen. Abends geht es mit dem Auto durch Mako, auf der Suche nach einem radfahrtauglichen „Kittel“, der im besten Fall aus Baumwolle sein sollte. Keine Chance! Durch enge, steile Gassen manövriert uns Keivan zum historischen Spot unterhalb eines gigantischen Felsüberhangs, der die im Tal liegende Stadt zu überspannen scheint! Keivan kommt oft hier her, sei es zum Klettern, Picknicken, oder um eine Möglichkeit zu finden, wie er in die Felshöhle ca. 48m oberhalb von ihm gelangen könnte, in der er eine große Menge Gold vermutet. Über schummrig beleuchtete Straßen, auf denen die Iraner ganz eigene Regeln haben geht es mit Schwung zum Abendessen. Im Innenhof auf der Terrasse, die mit Teppichen ausgelegt ist, isst die Familie mit uns auf dem Boden sitzend. Kimiya, Keivans älteste Schwester arbeitet als Lehrerin ihr Mann hat eine Waschanlage für große Trucks. Wir fühlen uns wie zu Hause, der Abend, die Menschen, das Essen! Köstlich! Am nächsten Morgen verabschieden wir uns mit zwei fossilen Steinen im Gepäck, mit geeignetem Oberteil von Sara und der von Parvane geflickten Radhose. In Mako’s Downtown organisiert uns Keivan eine Irancell SIM-Card, Kuchen und leckere Fladen, dann drücken wir ihn zum letzten Mal und versprechen ihm gut auf unsere Steine aufzupassen. Ring Ring! Khodahafez!

Der zweite Tag im Iran, wir beide können es noch immer kaum glauben. Weit hinter Mako, als die Straße an Gefälle verliert ist es 38°C, Mittag und in einer Baumplantage rasten, schwitzen und hecheln wir durch den Nachmittag, träumen von dem Gefühl des Frierens und schieben uns eine Aprikose nach der anderen zwischen die Backen 🙂 Gerade ist Hochsaison, selten haben wir so leckeres Obst genascht. Am Abend mit Wasserreserven von einem Restaurant an der Straße, an der wir zum ersten Mal einen Chai bezahlen mussten, finden wir in hügeliger Steppe einen ruhigen Zeltplatz und entscheiden am nächsten Morgen um sechs Uhr aufzustehen, um uns nicht wieder, wie an diesem Tag zu sehr zu toasten.

Heutige Tagesetappe ist Marand. Der Tag besteht ab frühem Vormittag im Wesentlichen darin, den Kopf mit einem getränkten Tuch zu kühlen und ausreichend Wasser zur Verfügung zu haben. Es geht schnell voran, vorbei an Aprikosen-, Kirchbaum- und Melonenplantagen. Über Straßen die nicht zum Rasten einladen, da weit und breit kein Schatten auszumachen ist. Einzig eine überdachte Bushaltestelle lässt uns mit den Kids aus dem gegenüberliegenden Dorf eine kurze Pause einlegen, in der einer der Jungs unsere Flaschen auffüllt. Noch einmal stoppen wir im Schatten einer Garage in der Obst gelagert wird, die wir dann mit reichlich Aprikosen und Kirchen verlassen, die uns einer der Jungs in die Taschen füllt, dann erreichen wir Marand. Es ist Nachmittag, heißer als gestern, und 116km liegen hinter uns. In Marand kommt uns Akbar bereits auf dem Fahrrad entgegen, drahtig sportlich, empfängt er seit Jahren Fernradreisende auf dem Weg der Seidenstraße. Er trägt ein T-shirt mit der Aufschrift: Warm Shower/a platform for hosting travellers by bike. In seinem Laden der in kleinem Umfang aber gezielt alle Grundprodukte abdeckt, herrscht quirliger Betrieb. Wir sind Radreisende 617 und 618, seit Akbar Radreisende empfängt. Die Marander Bürger wissen, hier gibt‘s immer was zu erzählen und Neues zu sehen und einen Fladen und etwas von Diesem und Jenem kann man immer gebrauchen. Beate wird sich bestimmt an die Atmosphäre erinnern! Ich bin mir sicher 😉 Die Bilder von euch Beiden und der größeren Gruppe hatten wir schnell gefunden! Im Laden sollen wir uns nehmen, was wir brauchen, der erste Griff geht zu kühlem Saft und Fladen. Kauend und klebend vor Schweiß fährt unser System gerade auf Ruhemodus als ein kleiner, lauter, hektischer und extrem schnell englisch sprechender Mann uns seine Idee aufdrängt ihn durch die Stadt zu begleiten, um einen Überblick zu bekommen. Unser „Jaein!“ wird als „Ja!“ interpretiert und es folgt eine 2 1/2 stündige One-Man-Show in der wir mehr das Gefühl haben, das wir all seinen Freunden in der Stadt präsentiert werden und er sie stets dazu drängt ein paar Sätze auf englisch zu sprechen. Wortdichte und Schrittdichte sind gleich, wir marschieren mit müden Beinen hinterher, zum Ende zeigt er uns diverse Fotos von ihm und Reisenden, die vermutlich das gleiche durchleben mussten, auch ein Selfi mit uns, geht klar! Dann geht‘s zurück, zwei Ecken vor Akbas Supermarkt fragt er uns, was uns der Guidetrip wert sei, erschöpft und verblüfft, gestehen wir das wir kein Geld dabei haben und uns die Frage komisch kommt. Auf der Stelle bedankt er sich und muss plötzlich gehen, da sein Geschäft wartet. Zerstört lassen wir uns in Akbas Laden auf die Stühle plumsen und trinken den restlichen Saft.

Kurze Zeit später taucht ein Doktor der Forstwissenschaften im Laden auf, der mit uns über Freiburg ins Gespräch kommt, da er 2011 einen Kollegen am Freiburger Institut besuchte, er läd uns ein für uns am Abend in der kleinen Hütte von Mohammedreza auf den Bergen außerhalb der Stadt zu kochen. Wir packen unsere Sachen und fahren mit Mohammedreza, der mit seinem Auto auf uns wartet 30 Minuten Richtung Osten, auf einen Hügel mit wunderbarem Blick auf die Stadt und ins Umland. Der Weg zum „Cottage“ ist im letzten Streckenabschnitt nur im Rückwärtsgang über einen steilen Stich zu bewältigen. Das bestätigen später auch Akbar, der Doc und ein weiterer Freund, die gegen 23:00 Uhr, zu unserer Überraschung erst die Zutaten für das Abendessen anfangen vorzubereiten und sich in heller Freude über den speziellen Ritt durch die Berge immer wieder grölend ablenken lassen. Gegen 23:30 erhält Akbar zusätzlich die Meldung, von drei weiteren Radlern, die in der Dunkelheit auf dem Weg zu ihm sind! Unser Hunger übersteigt an irgendeiner Stelle den Zenit, sodass wir gegen 00:30 kaum in der Lage sind wirklich ausreichend zu essen. Der Tag war letztlich kalorisch nur mangelhaft durchdacht. Zum Glück hatten wir die 2kg Aprikosen, Kirchen und vier kleine Fladenbrote mitgenommen. Sonst hätte die entspannte Atmosphäre deutlich mehr gelitten. Zurück in Marand treffen wir am Morgen in Akbars Laden Bard und Sebastian, die nächtlichen Radler. Da es schon nach 10:00 Uhr ist verabreden wir uns auf dem Freecamping in Tabriz, um uns dort in Ruhe austauschen zu können.

75km, davon die ersten 10km bergauf, so die Ansage aus Marand. Drei Stunden, wenn man auf Druck fährt, Vier bis fünf wenn man chillt. Wir erreichen Tabriz und den Camping, der wirklich schön ist abends um kurz vor sieben. Froh einen Platz zu haben, an dem man für sich sein kann. Mit Dusche, Toilette und Stromanschluss erholen wir uns von massivem Verkehrsaufkommen, speziell 20km vor der Stadt und einem hitzigen Tag mit dunklen schweren Abgaswolken, immer dann, wenn ein alter Truck zwei Radler mit Gangwechsel überholt! Im Stehen rückwärts auf den Rücken ins Gras fallen lassen! Der Rasen auf dem Camping ist so dick wie eine Matratze, außergewöhnlich kräftig und abfedernd, wir versinken in der Wiese als wir über Halmspitzen Monika und Bard (aus Polen) mit Sebastian (aus Rumänien) die Räder über die Wiese schieben sehen. Sebastian ist minimalistisch unterwegs und hat sich nach ca. 2 Monaten von einigen Sachen bereits getrennt, Monika & Bard sind bis in die letzte Ritze ausgestattet und sind auf derselben Route wie die Weltradlenker unterwegs. Zu fünft teilen wir für den Abend das private Gefühl, die beiden Jungs organisieren die Reparatur des Gepäckträgers, Leonie und ich kaufen für das Abendessen ein, mit tatkräftiger Unterstützung eines Kunden, den wir im Radladen treffen, der uns auf eigenem Rad zum nächsten Gemüseladen, zum Allerleiladen und zum MTN Irancell Store bringt. Denn die aus Mako stammende SIM-Card scheint seitens des Netzanbieters nicht entsperrt worden zu sein. Nach andauernden Erklärungsversuchen, gesellt sich aus dem Frisörsalon nebenan ein älterer Mann zum Geschehen dazu. Er klärt die wesentlichen Problempunkte, die Dame von MTN versichert, das die SIM-Card morgen bereit steht! Wir fragen nach einem Internetpaket spontan werden wir vom selben Herrn der gut Deutsch und noch besser Englisch spricht eingeladen und erfahren von ihm das er in Tabriz Inhaber einer Schokoladenfabrik ist (mmmhhh…Schoki). Wir bedanken uns herzlich, geben ihm unsere Travel Business Card mit kurzer Beschreibung, dann setzt er sich zurück auf den Stuhl des Coiffeur und wir zurück auf die weiche Wiese auf der fünf Reisende zusammen zu Abend essen.

Spätestens beim Frühstück merken wir, wir sind deutlich weniger durchplant als Bard & Monika, dass wir nur eine begrenzte Aufenthaltsdauer von zunächst 30 Tagen haben spüren wir noch nicht. Die Beiden allerdings haben einen richtigen Zeitplan wissen genau, dass sie heute den Zug nach Teheran nehmen, dort die Visa für Turkmenistan und China beantragen und während der Bearbeitungszeit die Räder bei ihrem Host stehen lassen um mit dem Bus nach Isfahan und Yazd zu fahren. Der Vormittag plätschert dahin, wieder MTN Store, diesmal checken wir nicht wie wir das Internet in Gang bekommen, dann Wechselstube und schließlich Bazar. Spontan entscheiden wir uns mit Sebastian einen Bus in das 180km entfernte Miyaneh zu nehmen um die Mittagshitze zu überbrücken und das Dröhnen der Trucks zu skippen und im Abend ein Stück in die Berge Richtung Kaspisches Meer zu fahren. Als wir dort aussteigen, ähnelt das Gefühl einer Trockensauna. Den Temperaturkontrast noch nicht überwunden, beladen wir die Räder und werden bereits zeitgleich von dem ersten Passanten gefragt, aus welchem Land wir kommen, wir antworten bereitwillig, dann startet er seine Questionattak. Eine Liste an persönlichen Fragen, die er und die Dazugesellten eine nach der anderen abhaken. Als ich die Dummheit begehe, auf die Frage, ob ich an Gott glaube, mit nein zu antworten, habe ich den Salat! Sein englisch wird bissiger und er fängt an mir richtig auf die Pelle zu rücken. Mit Mühe und Not können wir uns aus der Situation winden, satteln die Räder, kaufen um die nächste Ecke ein und verlassen diesen hitzigen Ort der Diskussion. Wir biegen links ab, verlassen die Hauptroute nach Teheran und folgen dem Tal ins Gebirge. Langsam beruhige ich mich wieder und mache ebenfalls ein Häckchen hinter den Patzer. Der Fluss im Tal führt trotz der extrem trockenen Hitze Wasser, was auch den Anbau von Gemüse, Obst und Reis erklärt. Einen Schlafplatz finden wir unter Bäumen in einer Obstwiese, es gilt schnell zu sein, Abendessen vorbereiten, Zelt stellen. Wenn es dämmert sind wir uns sicher werden wir eine Massivattak, diesmal von Moskitos erleben! Sebastian ist da entspannter, unser Plan scheitert im Moment als uns zwei Bauern erblicken, kurz abklären wer wir sind und von wo wir kommen! Dann sollen wir ihnen auf das Feld in Blickrichtung folgen. Leonie bleibt zurück in der Hoffnung den Plan zu retten, Sebastian und ich kommen nach einer Stunde mit ca. 8kg Gurken und paar scharfen Paprika zurück. Kurz noch verweilen die Beiden in sich ruhenden Iraner in unserem Kreis, als wir ihr Angebot ablehnen zu ihnen nach Hause zu kommen, schwärmen die ersten Wolken aus Moskito über uns und die Beiden treten den Heimweg an. Die Nacht ist vergleichbar mit Erzurum nur ohne nasses Handtuch. Mit dampfendem Essen simulieren wir den ersten Dahl-Saunaaufguss des Abends im Innenzelt und killen gleichzeitig in allen Ecken die Stecher! Gleich neben uns liegt Sebastian im winddurchlässigen Zelt und erklärt sich einverstanden, um 05:30 des nächsten morgens aufzustehen.

Mit dem bepacktem Rad auf der Straße, den rechten Fuß auf dem Pedal, mit Blick auf die Uhr 07:05, nie waren wir so früh auch dem Rad. Zu dritt starten wir in den ersten Passanstieg, 15% steil, 18km lang, erst Asphalt, dann Schlaglochpiste, dann Dirtroad. Nach 5km rasten wir an einem Brunnen, füllen Wasser auf und verfolgen interessiert die anderen Reisenden die mit Traktor, Moped, Familienkutsche oder kleinen Trucks diese extrem schlechte Straße befahren. Um 11:00 Uhr sind wir oben! 7kg Gurken und eine halbe Melone inklusive. Leonie und ich müssen etwas essen, Sebastian möchte heute ans Meer fahren, weshalb wir uns von ihm verabschieden. Am Freitag den 24.07. sollte er in Teheran sein, da er am Morgen drauf einen Flug nach Katmandu reserviert hat. Nach sechs Gurken mit Salz und Wassermelone geht es bergab und gleich wieder bergauf. Noch ist es leicht bewölkt und nicht so brüllend heiß. An der Straße läd uns eine Familie zum Picknicken ein, Wassermelone während die Sonne richtig einheizt. Als wir in Givi ankommen, sind wir beide ausreichend erledigt, wir werden das Gefühl nicht los, das wir einen Umweg gefahren sind. Mit Gemüse, Sojahack und einer vollen Flasche Sprit, die eine eigene Geschichte hat, geht es weitere quälende 8km durch steiles Gelände. Unterwegs ist Leonie am Ende ihrer Kräfte und Willenskraft, ein paar Tränen werden verdrückt, dann geht es mit böser Miene weiter, natürlich bin ich schuld an erneuten bergauf Passagen und der viel zu anstrengenden Tagesetappe. Beim Abendessen ist wieder gute Stimmung und frisch geduscht ist doch alles halb so schlimm.

In Khalkhal kaufen wir für den uns bevorstehenden letzten Anstieg ein und werden am Ortsausgang zum zweiten Mal im Iran nach unseren Pässen, sogar nach den Originalen gefragt! Nach 10km, beendet der dichte Nebel die heutige Etappe. Zum Glück werden wir in diesem Moment von einem der charakteristischen blauen Pickup-Trucks auf den Pass transportiert. Die Räder liegen gut gesichert, mit ihrer Eigenschwere für die Hälfte der Strecke im Heu, die Sicht liegt bei 15 Metern die Straße ist extrem kurvig und desolat, trotzdem überholt unser Fahrer, ein sympathischer Typ an der ein oder anderen Stelle. Nach einem kurzen Stopp liegen die Räder auf der blanken Ladefläche und das Heu im trockenen Unterstand an der Straße. Zu viert im Führerhaus geht es weiter bis zum Pass, an dem wir mit Händen und Füßen klar machen, dass wir hier aussteigen wollen. Ein leibechter Iraner klärt die Situation mit sauberem englisch und läd uns zum Mittagessen ein. Familie Torabi ist für die letzten Tage des Ramadan in die Berge gefahren um sich der Hitze des Südens zu entziehen und im „Dschungel“ das Ende der Fastenzeit zu feiern. Für ein paar Tage wohnen Hasan, Zamzam, Cousin, Mutter, Vater und Tanten in einer einfachen Hütte. In der Nachbarschaft, ebenfalls Gäste in Zelten oder Hütten. Es gibt Kebab mit Reis, Tomatenspieße, Paprika und dazu Doogh, das iranisch Yoghurt Getränk. Wir erzählen und erklären, stets auf gutem Englisch, es wird Abend, wir entschließen uns zu bleiben. In zwei Autos fahren wir in der Dämmerung dem Ende des Ramadan und dem kaspischen Meer entgegen. Zwei Stunden Fahrt, um 23:45 erreichen wir eine belebte Picknickarea, alle Iraner feiern und campen, Zelt an Zelt zwischen Bäumen, Strand und Meer. Auch wir breiten die Picknickdecke am Strand aus, Essen eine riesige Wassermelone und fahren 40min später die 40km zurück in den Dschungel. 2500m über Null schlafen wir unter teils undichter LKW-Plane nachdem wir heimlich im Verborgenen, nackt, zwischen Zelt und Dschungel duschen und um 02:00 Uhr endlich die Radklamotten ablegen, die wir die ganze Zeit über anhatten.

Teils im Nebel geht es am Morgen 30km hinunter auf 28 Meter unter Null, von 18 Grad steigt die Temperatur auf knappe 30 Grad, inkl. 70% Luftfeuchtigkeit. Wir nehmen Fahrt auf und brausen über den Highway Richtung Rasht, links von uns liegt das kaspische Meer, dann erstreckt sich eine Flache Ebene bis zu den Bergen des im Süden liegenden Dschungels. Wir durchqueren Reisfelder, kleinere Wälder, Plantagen und sind fasziniert über die Gelassenheit der Iraner, an jeder Ecke entlang der Straße ausgiebig zu picknicken. An diesem Bild wird sich, außer dem Ausmaß der Stahlbetonbauten seitens der Straße, welches progredient zunimmt, die nächsten zwei Tage nichts ändern. Zur Abwechslung fängt es mittags in Schüben an zu regnen, am Nachmittag Dauerregen, für eine Stunde wärmen wir uns in einer Bäckerei und dippen unser frisches Brot in Honig. Klatsch nass, mit Schrumpelfüßen radeln wir bis in den Abend und campen versteckt, hinter einer Tee- und Wasserpfeifenstube im lichten Wald, zwischen Melonen- und Gemüsefeldern. Bei tropischem Flair schweißen wir durch die Nacht.

Frühstücken in einer kleinen Regenpause, dann rein in die wässrigen Klamotten, Räder satteln und weiter durch den Regen, der an diesem Tag kontinuierlich zunimmt. Zum ersten Mal gönnen wir uns ein Mittagessen, bestehend aus Reis, 5 Tomaten und halb durchgegrillten Beinchen, etwas Salat, Lavash, Joghurt und Kräutern. Daraufhin beschließen wir, es bei dem einen Mal zu belassen und radeln weiter. Mit der Hoffnung das der Regen gegen Abend nachlässt, um entspannt nach einem geeignetem Zeltplatz zu suchen, bleibt der Blick auf die Straße gerichtet, während dessen die Quantität zunimmt und sich das Wasser auf der Straße weiter ausbreitet. Um 18:00Uhr prasselt der Regen wie eine stramme Dusche auf uns nieder und die bereits gequollene Stimmung droht vollends davon zu schwimmen. 60 km bis zum Eco Café Vayo in Salman Shahr, welches wir uns als trockene Bleibe erhoffen. Der Kontakt stammt von Ceyhun aus Istanbul, 110km liegen hinter uns, Leonie fällt es verständlicherweise nicht leicht sich zu motivieren, zumal nicht sicher ist, ob wir die Lokation auf Anhieb finden. Bis in die Dämmerung quälen wir uns durch Verkehr der größtenteils unbeleuchtet, unbeeindruckt vom Monsunregen an uns vorbeiballert und regelmäßig voller Freude hupend an uns heranfährt, um kurz zu Fragen was abgeht?! Zunehmend wird es schwieriger Speedbumps, Pistenlöcher und den Verkehr an engen Passagen, meist vor Brücken, richtig einzuschätzen. Es ist bereits dunkel als in unmittelbarer Nähe Blitze abgehen und das vibrierende Donnergrollen uns zum Anhalten zwingt. In einem Restaurant, das an diesem Abend keinen einzigen Gast bewirtet, trinken wir jeder einen Chai, dann kaspere ich im dunklen Regen an der Straße herum, um für die letzten 18km einen sicheren Lift zu bewerben! „Hotel? Hotel?“ Fragen die Jungs im Trockenen als ich nach 10min zurückkomme, Nissan Truck, Pickup, Salman Sharh, brum, brum! So ungefähr ist meine Erklärung der Lage um 21:17, telefonisch wird ein Transportangebot eingeholt: 800.000 Rial, irgendwie die letzte Energiespritze, um doch wieder auf die Räder zu steigen und den Tag zu Ende zu bringen.

Auf dem Asphalt die gleiche Situation wie zuvor, der Pegel steigt, Asphalt sehen wir nur noch auf dem linken Fahrstreifen. Froh um unser super helles Licht kurven wir mit konzentriertem Blick in den Rückspiegel um die Straßengewässer, werden noch einige Male bejubelt und von Fahrwasserwellen bis Kniehöhe geflutet. 22:13Uhr erreichen wir Salman Sharh, glücklicherweise in der Nähe eines Internetcafés, in dem ein fähiger junger Bursche mit VPN und Googletranslate umzugehen weiß. Wir machen klar, dass wir zur Nature school möchten, das es einen Zusammenhang mit dem Eco Café Vayo geben muss und wir dort Freunde haben, die uns hoffentlich aufnehmen. Zusammen mit dem Burschen und seinem Vater steige ich in deren Auto, inklusive dem Eindruck, dass wir zur Nature school fahren. Im ZikZak geht es durch die Stadt, kurz halten wir an einer Schule, fahren aber im ZickZack weiter. Angestrengt versuche ich mir jede Kreuzung mit markanten Ecken zu merken, um später den gleichen Weg mit dem Rad zu finden. Während der Vater telefoniert, ratsche ich mit seinem Sohn, der auf der Rückbank sitzt, bis plötzlich das Handy an meinem Ohr hängt und eine Frauenstimme auf Englisch fragt: „Do you wanna stay in my home this night?“ Ich versuche mich zu sortieren, bin ich doch etwas verballert vom langen Tag und antworte: „Yes, this would be great! We know about the nature school from Shokoufeh, I hope she told you some days ago, that we’ll arrive somewhen?“

„I don’t understand! Do you wanna stay in my home?“, reagiert die Gegenseite. „OK“, ich willige ein und erkläre ihr kurz die Rahmeninfos: Zwei nasse Radreisende ausgebrannt, evtl. zur Hälfte bereits im Halbschlaf irgendwo an der Hauptstraße am aufquellen. Ich gebe das Mobiltelefon zurück, unsicher ob alles verstanden wurde. Nach zwei Minuten halten wir in einer engen Gasse vor einem großen Eisentor, das sich auch gleich öffnet. Eine Nature school ist nicht in Sicht. Die junge Frau bittet mich herein und zeigt mir den Weg, zu dem Zimmer das sie mir anbieten kann. Ich denke mir: Egal! Hauptsache trocken! Ohne Stress für die junge Frau! (Please only if you feel comfortable!?) Sie nickt und scheucht mich: „Go! Take your bike and your wife and come back!“ Klare Ansage von einer Frau im Iran. Wir steigen zurück ins Auto und nach zwei Häuserecken, sind wir wieder am Ausgangspunkt. Leonie schläft bereits im Stuhl vor dem Bildschirm, an dem ich sie zurückgelassen hatte, total verdattert kommt sie zu sich, als ich ihr erzähle, das alles anders kam als gedacht! 🙂 Als die Räder hinter der großen Stahltür stehen, die Toshak (Matratzen) mit Kissen auf dem Boden im trockenen liegen, Kleider, Brot und Equipment an der Leine hängen und uns Nasim (25) Chai und eine heiße Suppe bringt ist es 00:13Uhr. Shab bekheyr, Nasim und wir beide fallen in rehabilitierenden Schlaf, während es draußen intensiv weiter regnet.

Am nächsten Morgen wachen wir aus Gewohnheit früh auf. Keine Frage: es regnet, mit reichlich Hunger frühstücken wir unser angetrocknetes Brot und Reste von gestern. Als Nasim um 10:00 nochmals Frühstück auf einem riesigen Tablett serviert, sind wir gut gestopft und grübeln, ob wir uns in einem Gästehaus befinden, in das wir gestern Abend hilflos verfrachtet worden sind!? Mit diesen Gedanken, welche sich später in sonnigen Tagesabschnitten auflösen, waschen, spülen und sortieren wir unsere Sachen, um später die Lokation zu wechseln, sobald wir das Eco Café Vayo oder die Naturschule ausfindig gemacht haben. Als wir in der Wohnküche des Hauses Nasim nach dem Weg fragen, stellt sich auch heraus wo wir eigentlich gelandet sind.

Der Vater mit Sohn im Internetcafé, Nasims Bruder samt Neffen, können sich des Abends keinen Reim auf die Naturschule machen. Sie fragen bei der erst besten Schule, die zufällig eine Veranstaltung des Abends präsentiert, ob zwei nasse Radreisende bekannt sind und hier nächtigen können. Uns kennt natürlich keiner! Scheinbar verwirrt, ruft er nun Nasim an, von der er weiß, dass sie des Englischen fähig ist und die sich nach der Informationslage bereit erklärt uns aufzunehmen, ohne zu verstehen, dass ich dem Angebot zustimme, im Glauben mit einer Frau aus der Naturschule zu sprechen. Typisch iranisch denken wir uns und müssen breit grinsen J Nasim wohnt zusammen mit ihrer Mutter Yamilä, ihrer Schwester Farina und Farinas Sohn Ali in einem verwinkelten Haus mit wunderschönem Innenhof mit Zugang zum Waschhaus, Balkon, Empore und einer separierten Wohnung, in der wir Platz gefunden haben, die in der Regel Ali benutzt. Nasims Papa war Schreiner, was auch der Look des Hauses erahnen lässt, die beiden Geschwister arbeiten im Hairstyle um die Ecke und Ali studiert Außenhandel. Es dauert nicht lange, wir fühlen uns zu Hause und sollen bleiben.

Als wir nachmittags im Eco Café Vayo sitzen und den ersten Kaffee mit Milchschaum seit Monaten trinken, amüsieren wir uns zusammen mit Shirin und ihrem Mann über das zuvor erlebte. Die beiden haben Teheran vor kurzem verlassen und starten hier seit einiger Zeit eine Eco-Culture. Abends spazieren wir mit den beiden Schwestern am Strand entlang und essen auf dem Rückweg Falaffelsandwich 😉 mit Ketchup und Mayo.

Erzurum – Bazargan (07.07.-11.07.)

Mittags raus aus Erzurum mit den iranischen Visa im Pass und mit schwindender Hoffnung, dass unser Päckchen aus dem Hunsrück uns in Agri einholen wird. Anfangs sah es so gut aus, 5 Tage von zu Hause bis an die türkische Grenze zur Übergabe, seit dem hängt es dort und kommt keinen Meter weiter. Infos seitens der türkischen Post sind wage und pendeln sich zwischen 7 bis 14 Tagen ein. Mit ein paar Funken Hoffnung nächtigen wir auf brachliegendem Acker, während links und rechts von uns dicke Gewitterwolken fantastische Bilder zaubern. Wie frisch es doch außerhalb von besiedeltem Gebiet ist.

Morgens geht es vom Hügel abseits der Straße zurück auf die Piste. Meine Erinnerung an diesen Tag schwebt in der Hoffnung, dass uns jeden Moment das Postauto mit heiß begehrtem Reiseequipment passiert und unser geschmiedeter Plan aufgeht! Die nervöse Spannung begleitet zumindest mich und so muss Leonie die Einzelheiten des Tages aus ihrer Sicht zwei Wochen später in Erinnerung rufen! Der Tag beginnt wolkenbedeckt und angenehm, noch vormittags ändert sich der Charakter in trockene Hitze. Am Boden der Wasserflaschen schwanken nur noch zwei, drei Schlücke warme Plastikbrühe, als wir hinter einem Gebirgskettendurchbruch ein kleines Dorf mit Moschee inklusive Brunnen erreichen, rät uns der Einheimische vom Verzehr des Wassers ab. In 10km sei das Wasser wieder genießbar, ohne zu erwähnen, dass es bergauf geht. Wir sind so blöd, radeln in der Hitze weiter und müssen nach 2km im Schatten pausieren, da Hunger und Körperkühlung nach Schatten zum Picknicken rufen. Einige Zeit später geht es im Tal parallel zum Bachlauf, mit schmackhaft brauner Farbe weiter. Den Brunnen nach gefühlter Ewigkeit übersehe ich dann, Leonie nicht, sie tankt auf und ich vom Durst getrieben spurte weiter Richtung nächstem Gipfel, an dem 4 iranische Trucker nahe einer Quelle parken und interessiert Kontakt aufnehmen. 15 Minuten später parkt eine verärgerte Leonie ihr Rad neben kühlen vollen PET-Flaschen, gleichzeitig besorgt, ob ich nicht getroffen von Wurfgeschossen neben der Straße liege. Eine Angst die seit Erzurum nach der Erzählung eines Radlers aus Basel immer unterschwellig präsent ist. Einzig den Abschnitt bis zur iranischen Grenze betrifft, uns aber nie treffen wird. Auf dem Altitude der Straße fängt es an zu regnen, kühles Nass tränkt uns und fröstelnd aber glücklich geht es zu unserem im Tal liegenden Spot, den wir aus der Ferne für gut befunden hatten. Auf einer gemähten Wiese, versteckt zwischen Hügeln, eine gute Wahl.

Mittags am nächsten Tag, kurz vor Agri überholt uns tatsächlich ein Posttransporter und lässt unsere Herzen höher schlagen! Als wir in der Bank, die wir als Adresse angegeben hatten, herzlich unterstützt werden, jedoch kein Päckchen entgegennehmen können, wage ich den letzten Versuch in der Postzentrale im Zentrum von Agri. Doch nach 45min Googletranslate muss ich einsehen, dass wir ohne Päckchen weiterfahren. Welch ein Schmerz! In der Hitze geht es in den Nachmittag und an einer Tanke ca. 20km hinter Agri versacken wir bei Chai und lassen uns von den kurdischen Jungs mental wieder aufbauen. Im Schatten des Vordachs, sitzen Berat, Fesih, Yusuf, Beq, Seyat und Turat geduldig wartend auf den Sonnenuntergang. Wir erfragen die Basics in Kurdisch, versuchen auf Basisenglisch unsere Reise zu erläutern und werden eingeladen unser Zelt hinter der Tanke aufzustellen. Gesagt getan. Am nächsten Morgen stehen wir früh auf, kommen aber nicht früh los, da zufällig ein kurdischer Holländer auf exzellentem Englisch die ganze Story nochmals im Auftrag des Tankwarts erfragt und gleichzeitig übersetzt.

Auf der Straße schmelzen wir dahin. Erschlafft und angestrengt zu gleich balanciert die Konzentration das Reiserad, bis sich plötzlich der Blick auf Türkeis höchsten Berg öffnet. Der Ararat ebenfalls in der Sommerhitze dahinschmelzend ragt er mit seiner weißen Mütze bei 5137m über alle anderen Berge hinweg. Ein letztes Mal versteckt er sich beim Anstieg unseres letzten türkischen Passes hinter dessen Kam, dann picknicken wir zu dritt in 50km Entfernung unter dem schnell wandernden Schatten eines Sendemasts. Fünfmal ziehen wir die Plane auf der wir sitzen dem Schatten hinterher, dann brausen wir staunend voller Respekt dem naturellen Monument entgegen und erreichen gegen Nachmittag das Hotel Erzurum in Dogubayazit, in dem wir günstig aber nicht geruchsneutral bei quälender Hitze mit aufgelegten nasskalten Handtüchern irgendwann einschlafen. Was zwischen Ankunft und Schlaf geschah: Nachdem alles verräumt im ca. 7m² Zimmer seinen Platz gefunden hatte, folgen wir der Fußgängerzone Richtung Ishak Pasa Palace, die im Süden die Straße hoch auf den Berg verbindet. Entlang der Straße fragen wir im Büro Murat-Tours, nach der Bushaltestelle zum Gipfel, werden prompt zum Chai eingeladen und sollen einfach die Straße im Blick behalten. Erfahrungen werden ausgetauscht Hunsrück-Türkei, Kathmandu-Dogubayazit auf dem Rad, Everest Impressionen, Land und Leute um den Fünftausender. Als wir auf der Straße stehen ist es kurz vor Sonnenuntergang und nach paar Daumenhoch- Versuchen, bringt uns ein Lieferwagen, Anstelle eines Busses hoch auf den Hügel zum Palast. Oben bleiben uns ein paar Minuten zum Staunen, denn unser Lift talwärts, ein Souvenierverkäufer beläd gerade seinen Lieferwagen mit den letzten Postkartenständern und gibt uns knappe 10min Zeit, um selbst rechtzeitig beim Abendessen zu sitzen. Zurück vor Murats Büro treffen wir ihn wieder, er nimmt uns mit um die nächste Ecke auf einen Platz der vorbereitet für ein kollektives Abendessen in den letzten Zügen besetzt wird. Auch wir werden platziert und finden uns wieder an einem Tisch voller Iraner/innen, die uns in voller Freude willkommen heißen. Als der Muezzin über die Stadt zu hören ist, wird es still auf dem Platz jeder/jede eröffnet sein/ihr Abendessen. Mit dem Gefühl rasant geparkt worden zu sein, gleichzeitig die Fragen von 5 Tischnachbarn zu beantworten, in die Kamera von 3 Cellphones zu lächeln, fangen wir auch beherzt an zu essen. Afiyet olsun! Zwischenzeitlich taucht noch ein junger, aus Südost-China stammender Reisende auf, der in Deutschland studiert hat, und seit über 10 Jahren in Bremen arbeitet. Nach dem Essen trinken wir zusammen Chai, trödeln durch die belebten Gassen, in denen die Menschen ausgelassen feiern und von einer Köstlichkeit zur nächsten übergehen. Vor einem Geschäft, in dem wir für Leonie nach irantauglichen Oberteilen suchen, verlieren wir den etwas ängstlichen, auf Sauberkeit bedachten, mit dem Rucksack reisenden. Draußen treffen wir zum zweiten Mal auf Keivan Soleimany, seiner Passion nach: Leader (iran climbing tours) er läd uns ein, am nächsten Tag nach Mako zu seiner Familie zu kommen. Wir markieren die Adresse auf unserer Karte und unsere Aufregung für den morgigen Landeswechsel steigt zunehmend. Es ist spät! Wir müssen schlafen!

Am Rande des Ararats pedalieren wir in den Morgen, passieren 3 vollständig ausgebrannte LKW’s, zwei noch auf der Straße klutschend. Weit vor der Grenze erreichen wir das Ende der wartenden Truckerschlange, wir fühlen uns erinnert an die erste Nacht in der Türkei, da kommt uns plötzlich ein einzelner Radfahrer entgegen. Zwei Kilometer bevor wir die Türkei verlassen treffen wir den ersten türkischen Fernradreisenden. Soykan ist in Singapur gestartet, hat dort das Rad eines ankommenden Radreisenden gekauft und ist in 6 Monaten zurück in die Heimat geradelt. Wir und vor allem die türkischen Trucker sind bis ins letzte Eck am Staunen. Nach dem Austausch so mancher Erfahrungen, wünschen wir ihm gute Heimreise und rollen das letzte Stück zum Grenzposten, der uns den Ausreisestempel in den Pass drückt. Tesekkürler Türkei, Hoscakal!

Gerze – Erzurum (25.06. – 07.07.)

Zurück auf der Autobahnküstenstraße, die von Sinop bis zur georgischen Grenze, den Betonkontraststreifen zwischen Land und Wasser zieht, geht es mit Tempo, durch den kräftigen Rückenwind, in das 130km entfernte Samsun. Wir fliegen förmlich über den gebügelten Asphalt, hatten wir ebene Strecken doch lange Zeit nicht vor uns. In Bafra machen wir einen kurzen Besorgungsstopp, gepicknickt wird erst 15km später. Die Erzählungen über „dark religion people in this town“ hatten uns zu sehr beeindruckt, als dass wir mit gutem Gefühl, inmitten der Ramadan praktizierenden Menschen, üppig mampfen könnten. Die Gegend wird flacher die Städte gleichen sich, Planung und Städtebau können wir aus unserer Sicht schwer begreifen, an den Küstenboulevards gibt es meist einen Radweg und etwas Abwechslung,zur dreispurigen Durchgangsstraße. Der Abend verspricht einen Campingplatz am Meer, der sich wie folgt offenbart. Am Stadtrand gelegen, vor einem dicht bebauten Hügel, davor zwei aufgestockte Autobahntrassen, darunter Durchschnittsstraßen die durch eine gegossene Betonmauer von den davor liegenden Bahntrassen und einer noch im Bau befindlichen Zubringerstraße getrennt werden. Dann der Parkplatz des Camping, umzäunt und durch ein breites, schweres Rolltor befahrbar. Das dachten wir zunächst, doch der Parkplatz ist der Camping. Tolle Wurst! Dahinter eine Wakeboard-Anlage, ein Schwimmbad und die Hafenmauer die den Bereich umrandet. 15TL für alles inklusive WLAN, wir zelten unter kleinen Tannen, auf einem Stück Wiese: doch nicht so übel wie beim ersten Blick vermutet. Kurios an diesem Abend, die zwei älteren Paare aus Holland, die mit ihren VW-Bussen nach Kirgistan unterwegs sind; der Berliner Deutschtürke, der seit 3 Monaten den Campingplatzwart beim Einchecken neuer Gäste unterstützt; Mato, der vom Bodensee gestartet, durch die Ukraine über Russland, die Nordroute der Mongolei, den Rückweg über den Pamirhighway gefahren und eben über Georgien an der Schwarzmeerküste entlang, halb durchnässt auf seinem Motorbike ankommt und selbst verblüfft ist, wie viele Radfahrer über den Pamir radeln: „mein lieber Scholli“ sein Statement zu getroffenen Reisenden und deren Equipment! Noch kurioser wird der Abend allerdings für Ümit gewesen sein. Im tiefen Bayern, mit türkischen Wurzeln aufgewachsen und seit 3 Jahren Besitzer des Familien Hotels in Hausa, in der Nähe von Ankara, ist er bemüht bei jeder Gelegenheit im Gespräch zu bleiben. Sei es mit seiner Pitbulldame, flachen Witzen, seinem Auto, gefahrenen Motorradkilometern oder der sich im Bau befindenden Goldgrube eines Rehaparks der direkt gegenüber seiner Pansion gehn Himmel wächst und mächtig Gäste verspricht. Der Alkohol trägt ihn dann spät ins Bett und auch wir gehen schlafen. Als die Räder und Gepäck weiter rollen, sind alle anderen Reisenden bereits unterwegs.

An diesem Tag treffen wir einen 68-jährigen Karlsruher, der uns auf seinem Heimweg aus Georgien entgegenkommt und gegen Mittag passieren wir ein belgisches Päärchen die sich Bankok zum Ziel gesetzt haben. Langsam wird es landeinwärts wieder hügeliger, sogar Tunnel von bis zu 1500 Meter Länge sind Teil der Tagesroute, sonst ist die Unterhaltungsqualität der Umgebung dürftig. In Fatsa warten im Innenhof eines Hochhauskomplexes Murats Kinder auf uns. Seine Tochter (18) spricht hervorragend Englisch und empfängt uns zusammen mit ihrem kleinen Bruder. Nach der Dusche, sollen wir es uns im Wohnzimmer bequem machen. Abwechselnd läuft im Hintergrund englisch sprachiges Fernsehen: mal FOX News, mal der Discovery Channel. Murat erbeutet/arbeitet als Investmentbanker und wirkt auf uns hyperaktiv sportlich. Als er von seinem Job nach Hause kommt, erzählt er uns über seine letzte Tour durch den Balkan und Europa mit durchschnittlichen Tagesetappen von meist 200km Länge, bis ihm der Arsch und die Finger taub wurden. Von seinem Traum, mit dem Rad zum Basecamp des Mount Everest zu radeln, seinen Trainingsvorbereitungen für den Ironmen und natürlich bekommen wir all seine Räder gezeigt, die einen extra Raum im Appartment einnehmen. Abends gibt es extrem leckere hausgemachte Küche und später Eiscreme! Hmm! Wir müssen wirklich zerstört und müde ausgesehen haben, da uns die Familie die Betten bereitet, und uns anbietet, zu Bett zu gehen, um morgen fit in den Tag zu starten. Nach Frühstück mit Pommes und Ketchup, begleiten uns Murat und sein Sohn durch die Stadt. Zusammen erreichen wir gerade noch den Becker, dann ist Schluss für die beiden, da das Vorderrad des Sprößlings einen Platten hat.

Entspannt fahren wir an diesem Tag die Landschleife von Fatsa nach Ordu, genießen die kleinere Straße und das Grün um uns. Am Strand kurz vor Ordu steuern wir eine campingplatzähnliche Einrichtung an, diese entpuppt sich als Bungalowanlage, nach kurzer Tuchfühlung, bietet uns der Platzwart zwischen Strand und den ersten Hütten unter Bäumen an kostenlos zu campieren. Perfekt! Wirklich! Es ist erst nach Mittag, Zeit zum Entspannen, Einkaufen, Schwimmen, Duschen, Kirschen essen und immer noch ist es hell. Nach reichlich Wasserspatzen mit Menemen, insgesamt beinhaltet unser Abendessen knappe 10 Eier, hatten wir uns gerade auf die Liegen am Strand abgelegt, um etwas befreiter zu atmen, da bringt uns Bungalow Nr. 4 & 5 reichlich Nachschlag, bestehend aus Reis mit Hühnchen, Bohnengemüse und Geschnezeltem in Gemüse! „Hui mein lieber Scholli“ geht’s uns von den Lippen, unser Mittagessen für den nächsten Tag ist gesichert. Die Führsorge aus Bungalow 4 & 5 geht dann nachts so weit, dass wir während eines über uns hinwegziehenden Gewitters 3 mal aus dem Schlaf gebeten werden, hinein in ihre vier Wände zu kommen, da das Gewitter noch an Intensität zunehmen würde. Mit gefalteten Händen beteuern wir, dass das Wetter für uns kein Problem darstellt! Irgendwann glauben sie uns.

Am nächsten Tag ist von dem Unwetter erst wieder etwas zu spüren als wir kurz hinter Giresun nach Süden dem Bachlauf Richtung Dereli folgen. Es regnet bereits als wir ins Tal hineinfahren und gute 5km später sind wir heilfroh unter einem Wellblechdach eines Restaurants Schutz gefunden zu haben. Etwa 20min kann man sich auf Grund von prasselndem Regen der in Hagel übergeht, Wind und Gischt, nur sehr eingeschränkt unterhalten, den Fahrstil der Türken beeinflusst dies nur gering. Als sich der Regen auf das Niveau eines kräftigen Sommerregens abschwächt, fahren wir weiter. Skeptisch ob wir im engen Tal eine Möglichkeit zum Zelten finden. Wir finden dann sogar einen trockenen Spot. Unter den überdachten Tischen des Außenbereichs eines Fischrestaurants erleben wir zwar nachts das Déjà-vue der gestrigen Nacht, aber auch hier werden wir zu allem eingeladen, bekommen das gesamte Fischmenü, samt Vor- und Nachspeise und natürlich Chai! Einfach verrückt, genau wie die Katze, die während wir in der warmen Gaststube essen, im Zelt deutliche Krallenspuren auf dem Innenzelt hinterlässt. Manche Dinge passieren einfach! Der nächste Tag ist schnell erzählt, bei dem ersten Schlechtwettertag seit gefühlten drei Monaten, geht es hoch hinauf nach Kümbet (2100 m), es ist knappe 10°C, es nieselt, die Sicht ist gleich Null, enttäuscht geht es, in warmer Schlechtwettermontur, über eine nach Westen führende Straße hinunter ins Tal, in dem wir durchnässt und ziemlich uneben/rumpelig schlafen. Halt! Hier der berechtigte Einschub von Leonie: Als wir an einem, auf der Straße stehenden Sperrschild der beschilderten Umleitung folgen, treffen uns für 4km heftige Schotterrampen von 15% Steigung und später entlang der Höhenlinien breiig, schmierige Schlammpisten, insgesamt 2 Stunden brauchen wir für 8km. Als wir den Grund für die Misere auf der im Tal verlaufenden geschmeidig ansteigenden Asphaltstraße ausmachen, haben wir Mühe unseren Zorn zurückzuhalten. Einzig ein kleiner Straßenbruch, den Fußgänger und Radfahrer locker passieren könnten, hat uns alle Energie und die letzten Körner gekostet. In Gedanken entladen wir unseren Frust an der Dame die uns überzeugend in die Rampen gewiesen hatte.

Als wir am Morgen des nächsten Tages erwachen, nieselt es zwar nicht mehr, der Nebel hängt jedoch tief und dicht im Umkreis von 50 Metern um das Zelt und richtige Aufbruchstimmung will nicht aufkommen. Komisch, uns beiden ist den ganzen Tag flau im Magen. Die Beine sind gleich Pudding, ohne Appetit und Energie quälen wir uns mittags aus dem Zelt und im Schneckentempo zirkeln wir schwitzend leichte Steigungen Richtung Pass empor, der ca. 6km entfernt liegt. Die Anstrengung lenkt von dem eigenen miserablen Zustand ab und als die Nebelgrenze durchbrochen ist und die ersten Sonnenstrahlen den Blick auf den Pass freigeben, erhoffen wir uns am Scheitelpunkt eine grandiose Aussicht. Es dauert noch eine weitere Stunde bis wir den Punkt erreichen, zu spät! Im nasskalten Wind, kauern wir, verpackt in Jacken an der noch zuvor von der Sonne aufgeheitzten Hauswand, in der Hoffnung, den Blick von Oben zu genießen. Nach einer halben Stunde geben wir auf. Rasant geht es bergab und schnell liegt der Nebel über uns und der Blick ins Tal wird frei. Wir beide spüren, mehr als die 30km, die wir heute gefahren sind, ist nicht drin. Der Tag endet auf einer sonnigen Kuhweide, mit umfangreichem Blick über das gegenüberliegende Dorf und die Berge, die anmutig gen Himmel wachsen. Um 18:45 liegen wir beide in den Schlafsäcken und fallen in tiefen Schlaf, bis uns am Morgen die Herde Kühe auf deren Wiese wecken.

Beim Frühstücken, ist die Neugier der zwei Herdenwächter und einer Bergkräutersammlerin groß. Erst das Zelt und darauf die Frühstückenden werden lächelnd begrüßt. Einige Zeit gesellt er sich dann zu uns auf den Stein und wir unterhalten uns respektvoll schweigend. Mit frisch duftenden Bergblümchen, der herzigen Dame, der wir noch hoch oben im Steilhang winken, geht es weiter. Einen Kilometer rollen wir noch in Begleitung der Schwerkraft, bis die Straße links abzweigt und wir der D040 folgen. Kontrastwetter! Die Sonne steht alleine am Himmel es ist im Vergleich zu den Tagen zuvor 20 Grad heißer. Die Straße steigt stetig, unter Hügelwellen bis kurz vor Alucra, im weiten, offenen hoch gelegenen Tal. Trinkwasser finden wir meist an den ca. 5 bis 10 Kilometer auseinanderliegenden Brunnen, die stets als Abkühlung genutzt werden. An einem dieser Brunnen, es ist bereits Mittag, wartet Osman ein Truckerfahrer, der Zement durch das Umland fährt, mit kühler Fanta und zwei ordentlichen Portionen Waffelkeksen auf uns. Im Schatten genießen wir die Zuckerladung und verweilen zusammen auf seinen Sitzkissen. Als er weiterfährt, schenkt er uns zwei Gebetskettchen und brummt hupend in unserer Richtung davon. Kurz vor Alucra hält Osman auf dem Rückweg ein zweites Mal. Leonie, die ihren Toilettengang abseits der Straße gerade beendet hat, überreicht er eine kleine Talisfrau. In der Stadt selbst, sind Radreisende eine willkommene Abwechslung zum Ramadanalltag und gleich bilden sich kleine Grüppchen um uns, die ersten checken die Herkunft und unsere Namen dann drängen die nach vorne die gebrochenes Englisch, Deutsch oder Französisch sprechen. Die Einladung zum Chai im Schatten eines Hinterhofcafés nehmen wir gerne an, der ältere Herr arbeitet als Landwirt etwa 20km entfernt von hier und war in den 60iger Jahren als Gastarbeiter in Orleans. Die Gäste um ihn staunen über seine Sprachkenntnisse und er genießt die Stimmung und Unterhaltung. Nach einem Picknick außerhalb der Stadt im grünen Seitenstreifen und gesendeten Geburtstagsgrüße zu meiner Mama, setzen wir zum Strecke machen an. Am Abend erreichen wir Şiran, mit einer zehnköpfigen Fahrradgang im Alter von 8 bis 15 Jahren fahren wir ins Zentrum, kaufen die restlichen Zutaten und etwas Brot für das morgige Frühstück und werden bis zum Ortsausgang begleitet. Auf einem Hügel 7km später schlagen wir unter diskutierenden und scherzenden Blicken, der auf Fahrrädern sitzenden Dorfkids unser Lager auf. Es dämmert bereits und wir sind uns sicher, gleich müssen alle zum Essen nach Hause und wir können in Ruhe kochen. Genau so kommt es! Im prallen Vollmond, werfen wir beim Zähneputzen lange Schatten und gehen zu Bett.

Der nächste Tag verspricht schon am Morgen noch heißer zu werden. Also bleiben wir den Brunnen treu und Picknicken über die Mittags- und Nachmittagshitze ausgiebig im Schatten. Doch selbst als wir am späten Nachmittag den Versuch starten weiter zu fahren, müssen wir trotz zuvor eiskalt getränkter Kopftücher, Trikots und Armlinge, kurz hinter Köse eine weiter Stunde im Schatten rasten! Puh bereits hier flimmert die Straße genau wie die ersten Panikschübe, wenn wir an die uns bevorstehende Zeit im Iran denken. Der zweite Versuch gelingt dann. Über wunderschöne Abendlandschaft und ein kleines Sträßchen gelangen wir in eine Straßenbaustelle, hier wird grober Kies auf zuvor aufgesprühten Teer aufgebracht und leicht angewalzt, die Restverdichtung erledigt in der Regel der Schwerlastverkehr. Das spüren wir auf den nächsten Kilometern, da die Räder enorme Vibrationen ertragen: eine Hinterradspeiche reißt, eine Schraube zur Befestigung des Schutzblech löst sich und Split kommt uns mit Highspeed entgegengeschossen, immer wenn uns Verkehr passiert. In einem kleinen Dorf wagen wir den Versuch nach einem Markt zu fragen, dieser verkauft zumindest Trockenwaren und als wir nach Milch fragen, bringt uns ein Landwirt eine 2,5 Liter Fantaflasche mit noch warmer Kuhmilch. Es wird noch ein wenig geplauscht, während der Duschsack mit Wasser an der Moschee gefüllt wird, dann geht‘s weiter, ohne dass wir etwas zahlen durften! Unglaublich!

Am nächsten Morgen verlassen wir in aller Eile unseren Schlafplatz, denn wie am Abend zuvor ist die Population von Stechern enorm und wir wollen in Ruhe frühstücken. Das tun wir dann auch, denn der Himmel bleibt bis zum Mittag wolkenverhangen. Es gibt in Bananenmatsch quellende Haferflocken mit Trockenfrüchten und Mandeln, Pide vom Vortag, Marmelade, Honig und mit der restlichen Milch kochen wir Polenta auf. Echt lecker! Vater und Sohn die über die Herde Kühe wachen, die auf der Straßenseite gegenüber grast, gesellen sich für einen Moment zu uns, bis die Herde zu sehr in die Breite zerläuft. Dann rufen und später laufen auch sie den weit im Osten kauenden Kühen hinterher. Mittags in Bayburt rasten wir in einer Bäckerei, in der wir zwei, frisch aus dem Ofen kommenden Pide, kaufen und der meditativen Arbeit der Pidekneter und der heißen Arbeit des Pideschiebers interessiert folgen. Abartig, das die Jungs alle „oruc“ sind und keinen Schluck Wasser bis abends um acht trinken. Wir hingegen bekommen Melonenstückchen und Ayran serviert. Als die riesige Teigmaschine die nächste 50kg Portion Teig knetet ist Zeit fürs Mittagsgebet und wir radeln mit nasskaltgetränkten Klamotten in den Schatten vor dem letzten großen Anstieg vor Erzurum. Erst am Abend erreichen wir den Pass und kurz zuvor können wir an der Straße Wasserreserven und Dusche befüllen. Die Nacht schlafen wir auf 2400m über Null mit grandiosem Ausblick. Im Schatten von Zelt und Plane repariere ich morgens den Speichenbruch und nach erfrischender Abfahrt, schmelzen wir unter der Sonne dahin. Die Autobahn auf der wir fahren bietet keinen Schatten und keine Brunnen einzig eine Unterführung bewahrt uns mittags vor dem Kollaps. Auf der Plane im Dreck liegend, fragen wir uns, was wohl unsere Lieben auf dem Hunsrück, in Freiburg, Berlin, Mühlacker, Erlangen, Münster und all den anderen Orten machen? Nach Erzurum führt eine kerzengerade, zehn Kilometer lange Straße ins Zentrum. Man sieht das Ende schon von Beginn an, hat aber ständig das Gefühl man kommt diesem nicht näher. Die Einfahrt läuft perfekt, wir halten direkt vor der Touriinfo, fragen nach dem Hotel Asya und werden im Anschluss von einem Reporter abgelichtet, der einen Beitrag in der Zeitung bringen möchte.

Im Hotel Asya weis der Hotelier über unser Kommen Bescheid und ein Zimmer ist bereits reserviert. Das haben wir unserem Freund Nuri zu verdanken, der uns am Tag zuvor und am selben Tag auf der Autobahn einmal begegnet und beim zweiten Mal überholt. Beide Male hält er an und gibt uns auf gutem englisch zu verstehen, dass er sich um alles kümmert. Er ist, so schätzen wir ihn am Ende ein, Freundesammler, in der Tat, scheinbar hat er Freunde überall, nur zu Hause scheint er nicht den besten Umgang zu pflegen, das mag eventuell auch der Grund für sein häufiges Auftauchen vor unserem Zimmer sein. Wir machen das Beste draus! Für ihn und uns, relaxen für 3 Tage in vier Wänden regeln unglaublich viele Dinge, freuen uns mit unseren Familien, Nina & Andy, Simone und Moni beim Skypen und organisieren unser Visum für den Iran. Noch 10 Tage Ramadan dann ist es geschafft, die Stimmung in der Stadt, trifft es auf den Punkt, vor allem wenn es so heiß bleibt wie die Tage, was wohl der Fall ist. Aber da könnt IHR zu Hause ja mitreden! Jetzt nur noch unser Visum abholen, packen und weiter geht‘s. Liebe herzliche Grüße aus Erzurum Leonie und Philipp.

5000km Resümée

 

5000km !

5000km !

Streckenlänge: 5025km (Erzurum)
Längste Etappe: 135km (Bulquize – Pogradec (Albanien))
Dauer der Reise: 100 Tage (Stand: 04.07.)
Radtage 66:34 Ruhetage
Höchster Punkt: 2409m (Kop Dagi Gecidi – Türkei)
Bereiste Länder: 12
Wetter: Sonne 90%:10% Regen 🙂
Wegbegleiter: 21 (Karl, Florian, Simone, Tobi, Erlanger Fraktion, Amélie, Sergio, Omar, Florian, Sebastian, Beccy & Rob, Robert, Ali)
Stürze: Philipp 0:1 Leonie
RaddefektePlatte:

Speichenbruch:

Defekte:

Philipp 4:0 Leonie

Philipp 0:1 Leonie

Philipp: Lenkanschlag, Plug

Krankheitstage: Philipp 2:1 Leonie
Kosten 

Übernachtung:

Transport (Fähre, Bus):

Visa:

 

 

Verpflegung/Sonstiges:

(Dies sind circa Angaben, da wir keine ganz genaue Buchführung machen 😉 )130€

70€

Usbekistan: 100€/Person

Tadschikistan: 45€/Person

Iran: 50€/Person

1100€

Istanbul – Gerze (13.06. – 25.06.)

Eines der besten Fernbusnetze hat die Türkei und als wir mit dem Rad auf den Otogar Istanbul auffahren, erstreckt sich ein Parkplatz so groß wie 6 Fußballfelder, dessen Seitenauslinien durch gefühlte 150 verschiedene Busunternehmen begrenzt wird, vor uns. Die populärsten Linien hatten wir uns aufgeschrieben, doch immer wenn wir unsere Räder zeigen, werden wir lächelnd darauf hingewiesen, dass gerade Ferienbeginn ist, zudem Wochenende und die Busse voll mit Waren und Mitbringsel aus Istanbul sind, die dieser Tage mit den Verwandten in alle Richtungen des Landes unterwegs sind. Wir schieben unsere Räder weiter entlang des Seitenaus, etwas nervös, ob der Absprung heute gelingt. Von allen Seiten hören wir die Busfahrer und Busbegleiter rufen: Ankara! Izmir! Ankara! Antalya! Trapzon! Wir erwidern dann Zonguldak! Und das Werben um uns erlischt. Mit etwas Hilfe von Reisenden und Reiseanbietern gelingt es dann: Abfahrt 15:00 inkl. Räder & Gepäck nach Zonguldak. Als es losgeht staunen wir über Komfort, Fahrerqualität, Stau vor der Bosporusbrücke und die Ecken Istanbuls, die wir nie zu Gesicht bekommen haben. Müde von der gestrigen Partynacht, mit 3 Stunden Schlaf (das wollte ich zumindest einmal ausprobieren), kommen wir nicht zur Ruhe. Aircraft-Comic Movie und die türkischen Fernsehsender geben mir dann den Rest und auf halber Strecke schlaf ich ein. Leonie hört zum ersten Mal seit der Reise Musik und döst mit angelehntem Kopf am Fenster. Alle Stunde werden kleine Snacks und Getränke gereicht, auf dem Sitzplatz vor uns werden zusätzlich Kakao und Reiscrispwaffeln gegessen, die im letzten Viertel der Strecke über den Sitz erbrochen werden. Pfui, aber kein Wunder die Straßen werden immer kurviger und gepaart mit Auf und Ab, fährt der Magen einer Dreijährigen gleichsam Achterbahn. In Kozlu (hier besteht kein Zusammenhang mit dem säuerlichen Geruch im Bus), kurz vor Zonguldak steigen wir aus. An der Haltestelle erwartet uns Ersin, der ehemalige Mitbewohner von Ceyhun, sein Auto steht bereit, um Taschen zu verladen und uns den Weg zu ihm auf den Berg zu zeigen. Ersin ist tagaktiv, das erwähnt er, um den Unterschied zu Istanbuler Partypeople zu verdeutlichen. Morgen finden Examensprüfungen an den Gymnasien statt, die er konzentriert beobachten wird. Es bleibt nicht viel Zeit um seine skeptischen Bedenken unserer Fahrradreise gegenüber zu lockern. Es wird gelacht, wir reden über seine Arbeit, über das Leben an der Schwarzmeerküste und die Strecke die vor uns liegt. „It will be so hard for you!“ Wenn wir Zeit haben, sollen wir weiter Richtung türkisch-georgische Grenze fahren und die Region Artvin besuchen. Ursprünglich stammt er aus der Volksgruppe der Las, die dort beheimatet ist. Am nächsten Morgen wünscht uns Ersin viel Glück und keine Probleme auf unserer Reise. Wir bedanken uns für Alles und starten um 08:15 in den ersten Tag an der Küste.

Nach so langer Zeit an ein- und demselben Ort, ist das Gefühl für das Fahrradfahren und die Leichtigkeit des unterwegs seins, wie in ferner Vergangenheit. An diesem Tag ist es heiß, die Hügel sind noch bezwingbar, trotz das uns die Beine an 15% Rampen krampfen, fahren wir ein beachtliches Stück und beschließen am frühen Abend einen Platz zum Zelten zu organisieren, um den ersten Tag auf uns wirken zu lassen und uns zu erholen. Auf dem Kamm eines Hügels, unweit von Sarmasik hören wir beim Vorbeifahren im Garten eine Gruppe sich unterhalten, mit der Idee nach Wasser zu fragen, ergibt sich spontan eine Einladung zum Essen, (Wasserspatzen mit Käsespinatfüllung) die dann in Marmelade gedippt werden. Super lecker! Wir können und sollen uns nicht zurückhalten. Eine witzige und liebe Gruppe sitzt hier jeden Tag im Garten und lässt es sich gut gehen, so wird uns von den beiden Niederrheinern Leyla und Talu erzählt, die einst nach Deutschland gingen, den Sommer aber gerne in der Türkei verbringen und uns ihren Verwandten und Freunden vorstellen. Spontan wird der Lenkanschlag am Gabelschaft repariert, im Anschluss gekocht und zusammen am Feuer gegessen. Wir schlafen vorzüglich bis die Sonne das Innenzelt erhitzt.

Über Hügel geht es zurück an die Küste, an der bis nach Gerze eine kontinuierliche schwach befahrene, schmale Straße auf und ab quer zu stets 600 Meter hohen Hügeln führt. Im Schnitt steigt oder fällt diese zwischen 10% bis 12%, ebene Passagen finden wir keine. Auf der Straße: Hitze, schweißgebadete Shirts an jedem Scheitelpunkt, weicher Teer mit Radprofilabdruck, uralte LKW’s die sich in Schrittgeschwindigkeit am Berg an uns vorbeiquetschen und im Gefälle wieder überholt werden, man kennt sich am Ende einer Tagesetappe, kleine Dörfer, Trinkwasserbrunnen, lange Mittagspausen und viele Trockenfrüchte mit Nüssen als Energiereserven. Am Strand einer kleinen Bucht, östlich von Amasra, bleiben wir. Das Zelt bleibt im Packsack, denn Regen ist keiner in Sicht, es gibt zwei Liegen für 5TL, Abendessen und am Morgen frühstücken wir im Schatten des Strandcafés, ehe der Tag knallhart bergauf zur Straße führt.

Die Natur legt nochmal an Grün zu und wir haben stets das Gefühl, enge, urwaldartige Täler mit tief braunen Bächen zu queren, über die kurze ebene Brücken führen. Also doch ebene Passagen! Ja stimmt, meist keine 70 Meter lang und sehr ramponiert, also echte Schwungbremser, wenn eigentlich auf der gegenüberliegen Seite in den nächsten Anstieg gerast werden möchte. Vor Cide kommt uns plötzlich ein entspannter Radfahrer entgegen. Er hält direkt auf uns zu, erst bin ich verwirrt, dann check auch ich, dass uns Ali auf dem Weg entgegengefahren ist und uns den Weg zu sich nach Hause begleiten wird. Die letzten 15 Kilometer summen an uns vorbei. Denn die Straße nach Cide von Westen nach Osten ist abschüssig und flach! Wir können uns beim Radeln sogar unterhalten. Ali wohnt alleine in einer riesigen Wohnung, mal schläft er in dem einen, mal in dem anderen Zimmer. Wir plaudern, trinken türkischen Kaffee mit ihm und seinem Freund Ersin, in einer fast geschlossenen Bucht, gehen am Strand schwimmen, danach duschen und Kochen zusammen das Abendessen, mit den restlichen Zutaten seiner Exfreundin, die noch im Kühlschrank stehen. Ali ist Deutsch- und Mathematiklehrer, er hat in Ankara studiert und ist nach dem Studium in Cide gelandet, da ihm die Bilder auf Google eine süße Stadt am Meer mit abwechslungsreicher Natur versprochen hatten und er prompt die Stadt als zweite Option angab. Zur Zeit trifft es genau das Bild, er versichert uns aber, wir hätten mächtig Glück, 3/4 des Jahres sei es hier trist, grau, windig, kalt und junge Menschen suche man vergeblich. Später sitzen wir noch in Ersins Wohnung im ersten Stock, trinken Chai und auch er bestätigt das Flair in Cide. Wir fühlen uns sehr wohl bei Ali, er ist unkompliziert, lässt uns allen Freiraum. Am nächsten Morgen werden wir eingeladen zum Frühstück mit seinen Kollegen im Garten seiner Schule, wir sind fasziniert und tauchen ein in das Schlaraffenland des Frühstücks! Köstlich, lecker, die Stimmung ist herzig, die Lehrerinnen beäugen uns, welche der Häppchen uns am besten schmecken, dann tuscheln sie und lachen. Die Schule wird gezeigt, Bilder werden geschossen, noch eine Woche sagt Ali dann sind die Nach- und Vorbereitungen abgeschlossen, dann geht es auch für ihn in den Urlaub, eine kleine Radtour im Westen der Türkei ist geplant, auf die er sich sehr freut. Am späten Nachmittag verabschieden wir uns mit Dank und vollen Lobes für die gemeinsame Zeit, 16km hinter Cide unter einem Kirschbaum. Bis hier hat uns Ali begleitet.

Winkend trennen sich unsere Wege und 25km später bereiten wir auf einem verlassenen Rastplatz unser Abendessen, auf dem Betondach der einstigen WC-Anlagen. Weil es im Hinterland blitzt und auf offener See dicke Wolken heranziehen, wird im Dunkeln dann doch das Zelt, bei aufbrausendem Wind, auf hartem, schiefem Steinboden, bei explosiver Laune meinerseits aufgestellt. Nach mäßigem Schlaf starten wir in den nächsten Tag, dem Beginn des Ramadan. Es wird eine Weile dauern, bis wir uns aklimatisiert haben, falls wir es überhaupt schaffen. In den Dörfern und Ortschaften entsteht der Eindruck, dass sich deutlich mehr Männer im Schatten der Kaffees mit Perlenkettchen ablenken als noch die Tage zuvor. In den Geschäften ist weniger Andrang und Schnellrestaurants sind größtenteils geschlossen. Hitze, Durst und Hunger, mittags picknicken wir ausgiebig und meiden dabei öffentliche Plätze. Als Abends das Zelt, halb offensichtlich 8 Meter entfernt von der Straße steht und wir gerade versteckt unsere Duschzeremonie beenden, hält ein Kleintransporter am Straßenrand, er setzt zurück, er steigt aus und als er mit Leonie sein fünftes, sechstes Bild machen möchte und er ihr permanent auf die Pelle rückt, fühlen wir uns zum ersten Mal auf der Reise für den Moment wirklich unwohl. Er lässt sich schließlich abwimmeln und fährt von Dannen. Als gegen 3:15 genau in Blickrichtung unseres Zeltlüfters, ein Auto hält, sich Türen öffnen und schließen, ist das Unbehagen wieder da. Erholung fühlt sich beim Frühstück anders an!

Gähnend starten wir in den Tag, zum Glück ist die Strecke heute flacheren Gemüts und wir kommen bis in den Mittag ein gutes Stück voran. Als die Straße rechts an einem Restaurant und einer am Strand stehenden Moschee vorbeiführt und unser Blick nach der Kurve weit in die Ferne reicht, gerate ich innerlich in Panik. Ohne lange zu zögern, wende ich, mit Blick Richtung Leo und der wieder vor uns liegenden Moschee. Auch Leonie hat die Situation begriffen, ca. 500 Meter hinter uns hetzen 8 bis 10 Hunde in unsere Richtung! Zu unserem Glück geht es leicht bergab und nach 200 Metern stehen wir unter Bäumen auf dem Parkplatz des Restaurants, gespannt ob gleich das Rudel über uns herfällt!? Als nach 20 Minuten nichts passiert beladen wir die Räder mit Steinen und einem Schlagstock um zumindest vorbereitet zu sein, falls sie auf uns lauern. Die nächsten 10km ist kein Hund mehr in Sicht, das vermeintliche Actionvideo in dem ich Leonie im Kampf gegen 10 blutrünstige Bestien verteidige läuft aber noch ein paar Mal in meinem Kopf und Gedanken rund. Leonie ist da entspannter. Kurze Zeit später schließt ein Texaner zu uns auf. Robert ist in Passau gestartet, hat seine Freundin in München zurückgelassen und ist auf dem Weg nach Georgien. Wir unterhalten uns ein paar Meilen, dann düst er davon. Es ist 17:00 Uhr und er möchte noch 70km fahren erklärt er uns. Puh denken wir beide, das müssen wir uns nicht geben, landen dann aber auch knappe 50km später, bei Regen auf einer traumhaften Bergwiese im Wald. Wir genießen die Einsamkeit, fernab einer Straße. Einzig das Piepsignal der rückwärtsfahrenden Baumaschinen, die hier die neue Autobahn mitten durch die Berge rammen, sind leise zu hören. Zwischen trocknender Wäsche und nasskalten Packtaschen gibt es ein heißes Abendessen, danach rein in den klammen Schlafsack und schlummern.

Der nächste Tag begleitet uns bei wechselhaftem Wetter entlang der Passstraße nach Erfelek. Hier rasten wir kurz in einer Bushaltestelle hinter der Ortschaft, da wir es für nicht angebracht halten, mitten auf dem Marktplatz zu picknicken. Über eine Querverbindung lassen wir Sinop links von uns liegen und über die neue Autobahn geht es hinauf und hinab nach Gerze. Ohne wirklich zu wissen wo Elif und Yalcin wohnen, irren wir die erste halbe Stunde am Stadtrand entlang, bis wir im Zentrum auf eine Mutter mit ihrem Sohn treffen. Die beiden wissen genau wo wir hin möchten und 5 Minuten später stehen wir bei den Beiden vor der dunkelroten Haustür. Isis, die Hauskatze muss ihr Zimmer räumen, welches wir beziehen und die Räder finden Platz im 2000m² großen Garten, der einem Urwald gleicht. Lorbeerbäume, Granatapfelsträucher, Maulbeeren, Feigenbäume, Mirabellen, Walnüsse und Weinreben um den groben Überblick zu geben. Es wuchert an jeder Ecke. Elif und Yalcin sind auf dem Papier verheiratet und träumen von einer alternativen Hochzeitsparty mit Vintage-Kostümen. Sie leben in einem alten denkmalgeschützten Haus, das sie vor 5 Monaten, mit Hilfe von Bensu und Yagiz angefangen haben zu renovieren. Aktuell ist das Erdgeschoss fertig und die erste Etage ist vorbereitet zur Renovierung. Ein Haus zum Wohlfühlen, ganz anders als die neuen Betonhaussilos, die ohne Flair und Stadtgeschichte an jeder Ecke 6- bis 12- stöckig die Stadtkultur zerstören. Bis spät in den Abend wird herzhaft gelacht, beide erzählen von ihrem Job als Lehrer, Elif unterrichtet türkische Literatur und Yalcin Philosophie. Beide amüsieren sich köstlich mit uns. Der Abend muss enden, als uns Elif für den nächsten Morgen beim Wanderverein in Gerze zur Sonntagswanderung anmeldet. Start um 08:00, reine Gehzeit 7 Stunden!

Der nächste Tag bringt traumhaftes Wetter und mit dem Speedbus geht es über massivste Offroadpisten in die Berge. Wir genießen die Eindrücke, jede Pause, besonders das Picknick, die Beine sind schwer und der Akku am Ende des Tages leer! Hinunter nach Gerze fahren viele Blümchen, Bergkräuter und Yalcins Naturskulptur. Vielen Dank für die Einladung in bergiges Umland und das Gefühl willkommen zu sein. Beim Abendessen sind wir zusammen 4 Deutsche, Elisabeth und Birk sind per Anhalter unterwegs, beide bereisen die türkischen Gebirge, studieren in Halle Philosophie und auf Grund des Erasmussemesters spricht Elisabeth, nach unserem Empfinden gutes Alltagstürkisch.

Früh gehen alle zu Bett, morgen ist Montag, wir alle wollen im Garten fleißig helfen! Nach ausgiebigem Frühstück geht es los. Es ist 11:00 Uhr die Sonne steht ohne Wolke am Himmel. Es wird aufgeräumt, Erdarbeiten mit Spitzhacke und Schaufel für die Jungs, eine Trockenmauer wird begonnen, Leonie kämpft sich mit der Motorsense durch den Garten. Stets werden die Arbeiten aus der Nachbarschaft beäugt und durch vorbeigehende Fußgänger kommentiert, wie soll es auch anders sein. Als wir aus dem Hafen von Gerze zurückkommen, waren wir zusammen schwimmen, im Sokak Strandcafé Chai trinken und alles Notwendige für einen Abend mit reichlich Pizza einkaufen, der in großer Runde mit neun Leuten bis in den späten Abend zelebriert wird.

Zur Mittagszeit des nächsten Tages, sind Elisabeth und Birk zusammen mit unserer Pfanne und der Spülschüssel auf dem Weg nach Westen und im Garten wird fortgesetzt, was begonnen wurde. Mit Blick aufs Schwarzmeer und die Küste vor Sinop, schlemmen wir abends im großen Kreis bei Gülnur, der Mutter von Yagiz, bis wir fast wie runde Kugeln nach Hause rollen. Da es zur geplanten Abreise in Gerze anfängt zu regnen, bleiben wir einen weiteren Tag, an dem die Ketten beider Räder gewechselt werden, der anstehende Urlaub von Elif und Yalcin diskutiert wird und wir die letzten Vorbereitungen treffen, um mit Elif und Yalcin am frühen Morgen des nächsten Tages, das Haus zu verlassen, da beide Termine haben. Gesagt getan. Zum Abschied kocht Yagiz am Abend ein vorzügliches Fischgericht, Leonie sorgt für Kaiserschmarrn und wieder einmal sitzen wir bis spät in die Nacht, erzählen und diskutieren. Als wir an der langen Straße links abbiegen, sehen wir die beiden noch winken! Wir haben uns so richtig wohl gefühlt bei herzlich offenen Menschen im Haus mit Urwald.

Istanbul (02.-13.06.)

Mit der Katamaran Fähre in 2 Stunden in das 170km entfernte Istanbul, wie im Flugzeug düsen wir über das Wasser, gespannt, etwas entspannt durch Ludwig, der ebenfalls mit Rad und Zeit unterwegs ist, gibt es erste konkrete Ratschläge. Dann landen wir in Yenicapi, dem europäischen Fernfährhafen Istanbuls. An einem Brunnen werden die Räder von ihrer Salzpatina befreit, wir nehmen den ersten Abschied, jeder organisiert sich seinen Weg durch die Sraßen und wir fahren los. Circa 15km liegen zwischen Ceyhun, seiner Wohnung im Bahçelievler Bezirk, in der Amelie auf uns wartet. Der Verkehr ist, siehe Zitat weiter unten, der Trick ist, nicht stressen lassen vom Hupen, den Abgasen und fantastischen Verkehrsregeln. Abseits der Hauptverkehrsadern wird es dann auch ruhiger und als wir an der kommunizierten Adresse ankommen sind wir leicht verwirrt, da dort kein Haus mehr steht. Es läuft dann in etwa so: ein junger Istanbuler ruft Ceyhun an (seiner Nummer haben wir zum Glück), wir haben unser Ziel um ganze 4km verfehlt. In grober Richtung wieder rein in die drängelnden Autoschlangen, wir fragen ein zweites Mal. Gleiche Taktik, ein Anruf, dann sollen wir ihm folgen, er ist schon im Auto um die Ecke, wir müssen kräftig strampeln um in Sichtweite zu bleiben, 10 min später sind wir am Ziel und werden herzlich lachend von Ceyhun und Amelie gedrückt. Nachdem wir unsere Räder und Gepäck plaziert und verräumt haben, spüren wir unser tiefes Loch im Magen. Obwohl die Beiden nicht hungrig sind begeiten sie uns von einer Leckerei zur Nächsten. Hmm lecker Cig Köfte, Dürüm und zu Hause gibt es Trilece, kühler milchgeträngter Kuchen mit Caramelüberzug! Unser Favorit was Dessert anbelangt, auch wenn es typische bosnisch ist.

Ceyhun (33) ist Aircraft-Ingenieur, er liebt das Paraglieding, das Nachtleben in Kadaköj mit seinen Freunden, wo sich die junge Szene trifft, die den größten Teil der Gesiproteste stellte. Gutes Essen und Alkohol, er ist viel unterwegs der Gute, was erklären soll, dass wir ihn die ersten fünf Tage nur selten gesehen haben. Die ersten Tage sind Leonie und ich in der Stadt unterwegs um auf den ansässigen Botschaften die zentralasiatischen Visa zu organisieren. An der usbekischen Botschaft treffen wir ebenfalls Radreisende. Am Tag des Antrags zwei Männer aus Polen, die genau wie wir den Ablauf und die Stimmung vor der Einlasstür nicht einschätzen können, dazu geschätzte fünfundzwanzig andere Leute die teils nervös oder gelangweilt in kleinen Schattenplätzen warten bis sich etwas tut. Dagegen war die Tadschikische Botschaft das glatte Gegenteil. Am Tag der usbekischen Visaerteilung, wieder Radreisende, diesmal zwei Frauen aus England und deutschsprechende Schweizer mit französischem Pass.

Ceyhun arbeitet, Amelie genießt die Stadt mit Ahmet, der Nachts als Ingenieur arbeitet und Ceyhuns bester Freund ist. Abends sind wir beide vollgepresst mit neuen Eindrücken, Vorhaben, leichten Ärgernissen über unkoordinierte Visaanträge und den Verlust einer von zwei Creditkarten, energetisch ausgebrannt und auf der Couch am Schimmeln. Wir genießen die Zeit bei Ceyhun, der mit drei Stunden Schlaf pro Tag-Nacht-Intervall deutlich mehr Energie parat hat als wir beide zusammen. Klar! Die Stadt ist nicht Radreise im Wesendlichen, aber ein erster Checkpoint! 10 Tage konnten wir bei Ceyhun bleiben, stets mit dem Gefühl zu Hause zu sein! Zeit genug um Beccy & Rob in der Stadt wieder zu sehen, mit ihnen unverschämt leckere Falafel mit Humus zu essen, um einen Tag Männer- und Fraueninteressen zu organisieren, um sich mit Amelie, Ahmet, Ceyhun, Omar und später mit der TecTec Pizza Gruppe zu treffen, um von Micha (Nick’s Papa) und Freiburgern Archäologen zum Bier eingeladen zu werden, Fischbrötchen an der Gallatabrücke zu essen, ihren Erlebnissen in Instanbul zu lauschen und zu lachen, um Ceyhun zum Essen einzuladen, was er ständig tut, um die Parlamentswahlen zu verfolgen und um am Ende der Stadt und den Menschen auf Wiedersehen zu sagen.

Letzte Nachricht, die den Verkehr beschreibt: Zitat

Hallo Fabio, Caro und Olivia, nach 10 Tagen in Istanbul bei Partypeople, die ich nur einmal begleitet habe, verlassen wir heute mit dem Fernbus die 20Millionenstadt! Die Vibrationen in der Stadt: Menschen, Verkehr, Geräuche, Gerüche, Temperatur, Gefühle wir waren nicht fähig all das auf ein Niveau unterhalb von einem Drogenrausch zu filltern😜 unglaublich der öffentliche Nahverkehr ausgelegt für gefühlte 6Millionen Menschen und fernab der Hauptwege Private Minibusse die rasant mit Hupe und Gaspedal aufgewachse zu sein scheinen. Uns hat es gefallen die vielen Kontraste die ersten Erfahrungen an einem Konsulat. Viele liebe Grüße aus dem Busbahnhof in Istanbul. Fühlt euch gedrückt und geherzt Leonie und Philipp!

 

 

Ipsala – Istanbul (28.05. – 02.06.) Teil II

Nach einem Tag in feiner Reihe hintereinander, mit langausgedehnter Mittagspause und kurzem Schläfchen, pitchen wir unsere Zelte auf frisch gemähtem Gras. Allen geht es gut, nur ich hab mit Heuschnupfen ausgedehnter Art zu kämpfen! Beim Abendessen werden die Themen intimer und es wird köstlich gelacht. Am nächsten Tag das gleiche Bild wie am Tag zuvor, ein letzter Anstieg vor dem Fährhafen in Bandirma, plaudernd rollen wir abwärts und dann passiert es: Leonies Rückspiegel verfängt sich in meinen Satteltaschen, das Rad will nach rechts, Leonie nach links, beide müssten sich nun trennen, die Zeit zu knapp zum reagieren und Rumps! Schleif! Kratz! Schmirgeln Körper und Equipment über Asphalt. Als alles zum Stehen kommt ist der Schock groß! Leonie entknotet Beine und Arme aus Rahmen und Gepäck, ich nähere mich mit wackligen Knien mit der Hoffnung, dass es schlimmer aussieht als es tatsächlich ist. Zusammen trösten wir die Schrammen an Knie, Hüfte und Ellbogen, Glück gehabt! Nichts Wildes.

Am Schalter der Fährgesellschaft IDO wird klar, wir fahren am Nachmittag des folgenden Tages nach Istanbul. In der Stadt können wir schlecht bleiben, entlang der Küste bieten sich mehr schlechte als rechte Plätze, in einer Senke mit flacher Bucht steht ein Haus mit riesigem Garten, nach Hand- und Fußgesprächen, gemischt mit den paar Wörtern türkisch, können wir zwischen Olivenbäumen campieren! Die letzte Nacht zusammen mit Beccy und Rob im Freien! So wunderschön, das wir sie getroffen und kennenlernen durften.

Ipsala – Istanbul (28.05. – 02.06.) Teil I

Nach und nach füllt sich das Wohnzimmer, zu Spitzenzeiten dürften sich ca. 16 Jungs und Leonie als einzige weibliche Person im Raum aufgehalten haben. Hasan so wird uns versichert, wird bald auftauchen und tatsächlich, einundzwanzig Jahre jung, kontaktfreudig, super nett und bis in die Fingerspitzen gastfreundlich. Wir sind bereits geduscht, also kein Grund den Kontakt zu scheuen. Ehrlich uns steckt ein langer regenreicher Tag in den Knochen, vorsichtig fragen wir, ob wir in der Hauptstraße einen Bankautomaten und etwas schnelles zu Essen finden können. Gefragt getan, natürlich begleitet uns Hasan, ganz unkompliziert ordert er auf Türkisch unser Abendessen, wir genießen die Ruhe und schlürfen Suppe, die uns mit warmem Magen zu Bett gehen lässt.

Am nächsten Morgen weckt uns wieder der Hunger und zusammen mit Hasan und Hasret frühstücken wir im gegenüberliegenden Lokal, typisch türkisch, Menemen. Eine warme Speise aus halb gebratenen Eiern durchmischt mit Käse, reichlich Paprikapulver, Tomaten und zusätzlich überbackenem Käse. Dazu gibt es Ekmek, einfaches Weisbrot, zum Aufnehmen des warmen, würzigen Frühstücks. Danach müssen die Jungs in die Uni, ihre letzten Prüfungen bestehen. Die Haupstraße in Ipsala, ist Geschäftsstraße, Anlaufpunkt für Stadtgespräche und Treffpunkt zur Mittagspause. Die neuen Namen, Supermärkte, kleinen Lädchen, neue Produkte und das Preisniveau muss erst erkundet werden um sich einen realistischen Eindruck machen zu können.

Zurück im spartanisch eingerichteten Wohnzimmer stellt sich nach dem Examensstress ein Gefühl von Entspannung und Gelassenheit ein. Hasan und seine Jungs servieren Chai mit reichlich Zucker und die Googletranslate-Maschine nimmt Fahrt auf J Die Jungs und wir sind gleichermaßen interessiert: Alter, Beruf, Beziehungsstatus, Familie, Geschwister, favorisierte Fußballmannschaft, Wohnort… erst die Eckdaten, dann Reiseberichte, ob wir Lena Meyer-Landruth kennen und gegen Ende, wie uns die Türkei gefällt? Bei letzterer Frage müssen wir passen, die Stimmung in Ipsala und in Hasan’s WG gefällt uns sehr gut, sie lachen und wir werden gedrückt. Die WG ist die erste Station hinter der Grenze. Über 65 Radler, zeitweise Gruppen, ja ganze Familien haben die Jungs beherbergt, alle auf der Seidenstraße unterwegs. Fotos, Geschichten und kleine Videos hat jeder von ihnen parat, die stolz gezeigt werden. Wir kommen auf die Wahlwerbung zu sprechen und erfahren das die knapp 70 Millionen Türken in einer Woche ein neues Parlament wählen. Im gleichen Zuge und mit der Ankunft der Cousins, seitens Hasans, verstehen wir die Zusammensetzung der WG. Einzig Hasret und seine Freundin sind türkischen Ursprungs, die vier restlichen haben kurdische Wurzeln und als einer der Verwandten zur Gitarre greift und eines der Volkslieder anstimmt, steigt mitten am Nachmittag die Fete und alle zelebrieren den traditionellen Tanz zwischen Sesseln, Sofas, Radtaschen und herumliegenden Jonglierkeulen. Die Stimmung ist super, kurz zuvor sind Beccy und Rob aus England mit den Rädern angekommen, wir zeigen ein Paar einfache Jonglagemuster und Akrobatik-Figuren, dann folgen Kartenticks und gleichzeitig wollten wir „gerappte Plätzja“ für die Gastgeber brutzeln, zum Glück hilft uns Beccy in der Küche und Rob lenkt die zehn hungrigen Jungs vom Hungergefühl ab. Abends steigt im Lokal gegenüber eine Art Semesterparty. Das Wohnzimmer leert sich allmählich, bis spät in die Nacht wird gefeiert und im Wohnzimmer fliegen lernende Jonglierkeulen. Als wir am nächsten Morgen zusammen mit Beccy und Rob in unserem (Hasan’s Schlafzimmer) frühstücken, liegen in wilden Positionen die vor kurzem noch Feiernden verstreut im Wohnzimmer. Es ist kurz vor 11:00 als die Räder startklar sind und Hasan, zusammen mit Sezar, noch leicht zerstört, die letzten Fotos schießen und wir zu viert von der anderen Straßenseite winken. Zwei Tage und drei Nächte durften wir uns ausruhen, uns heimisch fühlen und die außerordentlich netten Jungs ein Stück kennenlernen. Vielen Dank! Die Sommerferien warten schon auf Euch 🙂

Istanbul liegt vor uns!

 Zitat OpenWikiReiseführer – zu Rad in Istanbul:
„Radfahrer zählen in Istanbul zu den Exoten. Abgesehen von der Hügelstruktur, dem unebenem Kopfsteinpflaster und den Schlaglöchern ist es gefährlich: Im Gegensatz zu einem Fussgänger zu wenig beweglich um rasch ausweichen zu können, im Gegensatz zu den motorisierten Verkehrsteilnehmern zu langsam, dürfte Radfahren in Istanbul nur etwas für Masochisten und potentielle Selbstmörder sein.“  

Vieles hatten wir gehört, unterwegs, im Vorfeld gelesen, Bilder im Kopf gezeichnet von katastrophalem Verkehr, kniehohen Bordsteinen und 10 spurigen Autobahnen die in komplizierten Auf- und Ausfahrten enden. 10km hinter Ipsala, 10km näher dem Ende des europäischen Festlandes auf sanften Hügeln auf gradliniger Autobahn in Gedanken an das uns Bevorstehende treffen wir plötzlich auf eine ehemalige Backpackergruppe, die seit Istanbul auf Fahrrädern dem Weg nach England folgt. Endgültig entscheiden wir, nicht mit dem Fahrrad in die 20 Millionenstadt einzufahren. Volles Vertrauen habe ich nicht, später im offenen Gespräch hatten diese auch Rob, Beccy und Leonie nicht, die Schilderungen der Backpacker wirken cool und hip, ungewohnt selbstsicher geben sie sich in ihren Angaben über Land und Leute nach denkbar kurzer Zeit auf zwei Rädern. Der Weg führt uns nach Süden mit der Idee an der Küste des Marmara-Meers Richtung Bursa zu fahren und von dort die Fähre ins Zentrum zu wählen wird zum Plan für die nächsten Tage. Rückblickend eine gute Entscheidung, vor allem mit den offenherzigen und gelassenen Randoneur-Minimalisten zusammen zu radeln, die beste Entscheidung. Wir genießen den Austausch von Zukunftsideen, den Gegenwartsideen und vieler Reiseerfahrungen. Die Beiden sind im Frühwinter in England gestartet, über Frankreich und Spanien und haben den Winter in Marokko verbracht, immer im „warmen“ Richtung Osten 🙂 Zehn Monate sind die beiden bereits unterwegs. Sehr spontan und doch mittendrin, reisen und arbeiten sie unterwegs als Filmemacher, in dem sie Interessierten ihre kleinen kreativen Werbespots für jegliches Gewerbe anbieten.Vieles deckt sich mit unserer Vorstellung des Reisens, die alltäglichen Dinge: Aufstehen, Mahlzeiten, Verdauung, Verwertung, Abgang des Verwerteten, Pausen, Konsumverhalten, Camping, Bettgehzeit, die Grundeinstellungen Neuem gegenüber einzig die Geschwindigkeit und Distanz sind verschieden (natürlich spreche ich von meiner Vorstellung) J Macht aber nichts, denn 4 Tage strammer Gegenwind haben mich letztlich auch ans Ende meiner Reserven gebracht. Als wir am Strand zu unser aller Zufriedenheit den ersten gemeinsamen wirklich schönen Platz finden sind Leonie und ich im Vergleich zu Rob und Beccy etwas unkoordiniert. Mit Blick zu den Beiden, installiert Beccy ihre neue Küche und startet parallel die Zubereitung von Gemüse und Beilage, Rob stellt das Zelt, pustet Isomatten auf und bereitet den Schlafplatz, danach gibt er sich an Näh- und Flickarbeiten und sortiert Lebendmittel in Taschen oder legt vom Mittagessen benutztes Besteck in die Schüssel, in der er nach dem Abendessen den Abwasch vornimmt. Wir, zur gleichen Zeit, baden im Meer, duschen uns an der Solardusche und widmen uns dann unserem abgeworfenen Gepäck um uns frische Klamotten anzuziehen, dann starten auch wir unsere Küche und bei den letzten Löffeln lacht uns die Sonne aus Westen entgegen. Wir lassen unser Zelt die Nacht im Packsack. Erstens verspricht der Sandstrand keinen guten Halt und zweitens ist für die kommenden Tage kein Regen gemeldet, was eine klare Vollmondnacht bestätigt. Im Spotlight of moon gehen wir zu Bett und freuen uns auf Morgen. Beim Frühstück müssen wir den beiden gestehen, dass sie was Küche und Besteck angeht, zu unserem Neid bestens ausgestattet sind. Sie gestehen, dass der jetzige Stand das Resultat aus vielen Versuchen ist, aktuell sind sie sehr zufrieden mit ihrem Equipment. Beide konnten es kaum fassen, das wir täglich duschen und dafür 10 Liter zusätzlich in Kauf nehmen. Auch eine Art von Neid 🙂 Wir fahren weiter und nehmen die Fähre von Gelibolu nach Çardak. Das zweite Frühstück ist Böreck mit Seeluft, uns geht es super gut. Den Gegenwind hatte ich erwähnt, 80km pro Tag, völlig ausreichend und für Beccy und Rob eine echte Herausforderung. „We are cycling with two german maschines!“ Bekommen wir hin und wieder zu hören, was so viel heißt wie: Wir brauchen eine Pause zum Trinken, wann machen wir Mittagspause? 🙂

 

English version:

Istanbul lying ahead.

Before getting there, we’ve heard and read a lot about Istanbul, imagining terrible traffic, knee-deep pavements and ten-lane highways that end up in intricate driveways or exits. Leaving behind Ipsala, lost in thought about what is lying ahead of us, 1o kilometers closer to the end of continental Europe on soft hills and an even highway, we suddenly meet a former group of backpackers who changed to cycling in Istanbul, making for England now. That’s when we decide on not making for the city with more than 20 million people by bike. I feel a little uneasy, later Rob, Beccy and Leonie tell me they are a little worried either. The backpackers’ portrayals sound cool and hip. Even though they are travelling by bike for so short a while, they seem confident while telling us about the country and the people.

Cycling along the Marmara coast in the direction of Bursa and – once there – taking the ferry to the Centre, turns into our plan for the following days. On looking back, this was a good decision. Above all, cycling together with the open-minded and laid-back Randoneur-minimalists was the best of all decisions. We enjoy sharing visions for the future and the present and lots of travelling experiences. In early winter, targeting the East and always keeping to ‘warm’ places, the couple set off in England crossing France and Spain and passed the winter in Morocco. J They’ve been travelling for ten month already. Being very spontaneous and ‘connected’ at once, they are travelling about and all along working as movie makers by offering their short creative commercials for any kind of business to those interested. When thinking about travelling, there are lots of similarities between us and them. e.g. the everyday practices – getting up, meals, digestion, using of leftovers, aftertaste of leftovers, breaks, consumer behaviour, camping, bedtime, the general attitude towards new things . . . velocity and distance are the only things that we don’t share (apparently that’s my point of view) 🙂 Well, never mind, because after four days of rough headwind I am all worn as well.. When we happily make out the first really nice spot on the beach together, Leonie and I turn out to be not as co-ordinated as Rob and Beccy. While Beccy installs her new kitchen and starts preparing vegetables and side dishes, Rob sets up the tent, pumps up sleeping mats, gets the whole place settled for sleeping and afterwards turns to patchwork, sorts out/places food into bags or puts lunch-used cutlery into a bowl in which he later on washes the dishes. All the while, we are swimming in the sea, taking a solar-driven shower and then care about our tossed-aside luggage to put on some fresh clothes. Then, we start cooking as well and during the last spoons the sun smiles at us from the west. This night, we leave our tent in the bag. Because, first of all, the sandy beach doesn’t seem to hold the tent in place and – sencondly – there’s promised to be no rain throughout the following days – which the full moon night shows to be true. Under the spotlight of moon we go to bed and are looking forward to tomorrow. While having breakfast, we have to admit to the couple that we feel a little jealous of their lush kitchen equipment. They tell us that all they have now is the result of a lot of tries. Now, they are quite happy with their equipment. Both of them could hardly believe that we are taking a shower every day and are prepared to add on 10 litres for that. Some kind of jealousy as well. J We move on and take the ferry from Gelibolu to Çardak. Borek with sea breeze turns out to be the second breakfast – we are super happy. Have I mentioned the headwind? 80 kilometres per day – more than enough and a real challenge for Beccy and Rob. “We are cycling with two german machines!” – they tell us every now and again. Which means so much as: we need a drinking break, when are going to have lunch? 🙂

Thessaloniki – Ipsala (24. – 28.05.)

Der Unterstand eines Surfclubs wird unser Nachtlager. Das erste Mal draußen ohne Zelt auf alten Paletten. Feine Sache! Zurück an der Küstenstraße auf dem Weg nach Kavala, bringen wir am Nachmittag viel Druck auf unsere Pedale um die fünfundvierzig Kilometer hinter uns zu bringen. Wir erreichen den Camping in der letzten Bucht vor der Stadt, gehen im Meer schwimmen, duschen und essen campingtypisch auf Hockern an einem Tisch. Zum Frühstück serviert uns die Dame links von uns Kaffee und das Rentnerpärchen gegenüber ihren Rest Brot, dazu gibt es Polenta mit Apfelstückchen und Honig. Die Tagesetappe endet abends nach 145 Kilometern an einer wunderschönen Bucht und im letzten Licht der Sonne genießt Leonie das Bad und das Auf und Ab im vom starken Wind wellenden Meer. Einfach zu viel Strecke! Wir sind uns einig, dass wir den morgigen Tag gemütlich beginnen, lange schlafen, üppig frühstücken und evtl. noch einen Tag am Meer bleiben. Gesagt getan! Einzig das Vorhaben eine weitere Nacht zu bleiben, wird durch Regen und Gewitter, welches den Boden unter uns beben lässt, hinfort geweht. In einer Regenpause trocknet das Zelt, gleichzeitig flicke ich meinen dritten Platten. Im Verlauf des Tages steht es dann 0:4 was die Platten angeht. Leonie isst, ich flicke und wechsele bei dieser Aktion auf robustere Mäntel. Danach Rasten wir in Alexandropoulis bei Schokocockies, Brot und Bananen unter dem Dach des Supermarktes. Es ist 17:30 als wir die letzten fünfundvierzig Kilometer nach Ipsala satteln. Nochmals, auf Grund von Gewitter rasten und die Grenze zur Türkei in Dunkelheit mit frischen Stempeln in unseren Reisepässen hinter uns lassen. Die Autobahn liegt ohne Verkehr im Dunkeln vor uns, als wir an der Ampel links nach Ipsala abbiegen steht die Straße in Matsch und Schlamm, trotz der späten Stunde ist die Straße plötzlich gut belebt, dröhnende Musik aus drei Wahlwerbeautos passiert uns, am Straßenrand Fußgänger und andere Gerätschaften, wir sind froh nach zehn Minuten unsere Bleibe gefunden zu haben. Wir fragen nach Hasan, tragen unsere Taschen in den Flur und setzen uns für den Augenblick auf die Couch in die Runde gesellig lernender Türken. Google Translate regelt die Fragen die nicht verstanden und nicht formuliert werden können. Das gleiche gilt für die Antworten. Beispiel: Geschäftlich in einer Sache der Bequemlichkeit; gefällt uns gut! Wir akklimatisieren uns zwei Tage in der 5er Männer-WG, entspannen und pflegen den Weltradlenker Blog.

Bitola – Thessaloniki (20.05. – 24.05.)

Interessiert fragt der Beamte in der griechischen Kabine, wo die Reise denn enden soll? Es wird kurz erklärt! Er wünscht uns viel Glück, eben pedalieren wir nach Pappagiannis einem kleinen Dorf. Am Ortseingang fragen wir an einer Tankstelle nach Leitungswasser und einem Liter Benzin95. Mit dem Wasser scheint irgendetwas nicht in Ordnung zu sein. Wir sollen Wasser aus PET Flaschen abfüllen. Das machen wir, der Liter Sprit scheint dann ebenfalls problematisch, die Zapfsäule zeigt auf dem Display Error. Es vergeht eine Stunde und plötzlich ist unsere Flasche randvoll! Woher auch immer. Wir werden herzlich und lachend mit wilden Gesten verabschiedet und dürfen nichts zahlen. Auf dem nahegelegenen Hügel nahe einer orthodoxen Kirche schlagen wir unser Zelt auf, es ist die Woche vor Pfingsten, die Nacht von Mittwoch auf Donnerstag im Dorf laufen die letzten Vorbereitungen für den anstehenden orthodoxen Feiertag, als wir unsere Küche aufbauen sehen wir aus dem Tal einen beleibten Radfahrer den Hang empor radeln. Keuchend pausiert er unter einer Laube etwas entfernt von uns, bis er mit qualmender Zigarette den Kontakt sucht und findet. Die Feier im Dorf ist ihm zu anstrengen, da fährt er schon mal ins Freie. Er hat lange in Erlangen gewohnt aus welcher Ecke wir kommen würden, sind die Inhalte der ersten Sätze, die auf deutsch gesprochen werden. Wir haben einen super Platz, die Aussicht herrlich, ganz nach unserem Geschmack, wir sollen uns vor dem Bär hüten mahnt er uns einige Male und rollt über die Schotterpiste auf den Dancefloor der bis tief in die Nacht auf der Kuppe zu hören ist (traditionell griechisch).

An einem kleinen Lokal im Bergdorf Kella machen wir am nächsten Tag Pause im Schatten und während wir Äpfel essen und frisches Bergquellwasser trinken, fährt an uns ein Expeditions-LKW mit Freiburger Kennzeichen vorbei. Wieder Freiburger, denken wir uns kurz und radeln die Straße hinunter auf dem Weg nach Odessa. Die Landschaft verliert ihren Charme in mitten der riesigen Obstplantagen und erst kurz vor Odessa und in der Stadt selbst kehrt der Charme der Griechen zurück. Im Regen verlassen wir die Stadt an den Wasserfällen auf einer steilen Piste parallel zum stürzenden Wasser das uns zurück auf die uncharmante Hauptstraße führt und die Plantagen an uns vorbeifliegen lässt. Am Abend schlafen wir auf einem Fußballfeld aus vergangener Zeit, das Gras steht uns bis zur Hüfte. Umkleiden, Vereinsheim und Stadion sind dem Zerfall freigegeben. Auf den obersten Sitzplätzen mit Blick auf den Rasen, entspannt sich der Rücken an der Lehne, sodass sich der Magen bis in die letzte Ecke füllen kann. Über ein stillgelegtes, brachliegendes Industriegebiet, in dem an einer einsamen Stelle ein Mann mit dickem Hammer Beton von einer Mauer klopft, nähern wir uns Thessaloniki. Reaktiv passt sich unser Fahrstil dem regionalen Stil der Vesperfahrer an und wir zirkeln uns an den Hafen der 500.000 Einwohner Stadt. Im 8. Stock schlafen wir bei Heracles und Dora, die seit 3 Wochen zusammen mit Anders, einem Schweden der deutsch, englisch und französisch spricht auf seine Ausrüstung warten, die er im Action Bike Club in der Stadt geordert hat. Nach den Standartfragen halten wir uns an Anders, da Heracles und Dora oft außer Haus sind und wir instinktiv einen Ansprechpartner suchen. Die Dachgeschosswohnung schwebt durchgängig im Marihuana Dunst. Alles geht, keinen stört´s! Am nächsten Tag haben wir uns mit Amélie verabredet, die zusammen mit drei Deutschen: Patrick, Sebastian und Florian im Hostel zwei Kilometer entfernt eingecheckt sind. Wir freuen uns Amélie wiederzusehen und so drücken wir sie herzlich als wir zusammen im Flur stehen. Im Anschluss bringt uns der Bus durch die hitzige Stadt hinaus zum Strand. An einer beschatteten Bank stehen drei flinke Räder, neben ihr gammeln die drei hitzigen, wortgewandten von der Sonne Gezeichneten, die wir einst im Zwischenraum von Albanien und Mazedonien trafen, mit Buch und Kirchsaft. Am Abend Treffen wir uns als sympathische Runde zum Pizza Essen und Bier trinken im Nachtleben der engen Gassen. Zudem findet unser überflüssiges Gepäck einen Direktflug nach Stuttgart und von dort den Weg in die Eschholz-WG die wir noch nicht informiert haben. Klar zum Abschied, einer von vielen, warum wird sich zeigen, gibt es Eis. Am nächsten Morgen fahren wir mit gepackten Rädern und einem Zusatzpacksack, Inhalt: „zurück nach Hause Equipment“ am Hostel vor, bedanken uns für den unkomplizierten Transfer, verabschieden uns ein zweites Mal und radeln in Erwartung die Stadt schnell hinter uns zu lassen Richtung Nordosten. Das wir dabei die Straße hoch auf den Hausberg gewählt haben, bekommt uns an diesem Tag gar nicht gut und Leonie noch weniger. Nach dem ersten Kilometer müssen wir im Schatten 10 Minuten rasten und nach dem Zweiten wieder und beim Dritten ist unser Wasser fast aufgebraucht und der Kreislauf nahe des Asphalts im Straßengraben. Leonie hätte auch die hoch rote Farbe im Gesicht verlassen, wären nicht die noch eben Verabschiedeten, die sich spontan und zufällig auf den gleichen Weg Richtung schöner Aussicht machten, in diesem Moment aufgetaucht. Winkend und entspannt, da ohne jegliches Gepäck, wird unsere aktuelle Verfassung auf einen Blick offensichtlich. Florian und Sebastian nutzen die Chance um ein Gefühl für unsere Reiseräder zu bekommen und plötzlich sind Leonie und ich beflügelt von der Leichtigkeit der Rennräder die wir für die gemeinsame Zeit als Tausch fahren dürfen. In einer urigen Kneipe am Fuße des letzten Anstiegs trennen wir uns endgültig. Die ersten Sprüche fallen, an welcher Ecke wir uns wohl wiedersehen! Leonie und ich rollen zurück um auf unsere ursprüngliche Route zu gelangen, die drei Gepäcklosen erklimmen den letzten Gipfel. Tatsächlich sehen wir die drei eine Stunde später wider, sie rauschen hoch konzentriert mit Blick auf die Straße an der Bäckerei vorbei, auf deren Parkplatz ich meine Bremsbacken tausche und Leonie Böreck mit Käse isst. Danke für den Spaß den wir mit Euch hatten! Wir haben uns für gemeinsames Radeln in Thailand verabredet, also sehen wir uns wieder!

Pogradec – Bitola (19. + 20.05.)

An der mazedonischen Grenze fragen wir uns, ob die Grenzbeamten an Hand des Personalausweises Einsicht in unsere Reiseroute haben, sie eventuell die Grenzübertritte verfolgen können, die hinter uns liegen. Zum ersten Mal werden wir ernsthaft gefragt was sich in unseren Taschen befindet. Keine Drogen, alles persönliche Reiseausrüstung! Die Schranke bleibt geschlossen? Wir sollen uns mit den Rädern durch die kleine Lücke manövrieren. Ich erinnere mich, im Anschluss muss ich dringend um die Ecke schauen um danach beflügelt die alte Passstraße unter die Räder zu nehmen. Der Blick über den See ist ein Genuss, die moderate Steigung gelenkschonend. Drei Stunden sind langsam rollende ca. 280 Kilogramm schweres Reisegefüge auf dem Weg zum Pass. Drei Kilometer vor unserem Scheitelpunkt genießen wir die Fernsicht und suchen nach einem Unterstand. Da uns das nahende und schnell heranziehende Gewitter an der Weiterfahrt hindert. 1 ½ Stunden harren wir eng aneinander geschmiegt an einer Steinmauer um dem kalten Regenwind zu entgehen. Es ist bereits später Nachmittag als die Bremsen auf dem Weg ins Tal, hin zum Ufer des Prespasees zum Einsatz kommen. Es dämmert bereits als nördlich in den Obstplantagen, versteckt im Gras unser Abendquartier steht. Auch für die Räder war es ein harter Tag, denn als wir gerade dabei sind unsere Wasservorräte zu füllen, geht an meinem Rad der Ständer in die Knie und das ganze Gefährt in Seitenlage zu Boden. Tolle Wurst! Nach dem Essen im Schlafsack reift der Plan, unnötiges Gepäck einem deutschen Camper mit ausreichend Stauraum mit auf den Weg nach Hause zu geben. Günstig für dieses Vorhaben erscheint uns ein Campingplatz an der griechischen Küste, genug Zeit um unnötiges von nötigem zu trennen, um im Fall der Fälle reagieren zu können. Waren unsere Vorräte den Tag zuvor gut gefüllt, so freue ich mich am nächsten Morgen nach einem ausgiebigen Frühstück, dass die Vorderradtaschen angenehm leicht zu heben sind. Wir verstauen soeben unsere Reste, als ein beleibter Mazedonier mit 4 je 800g gefüllten Einmachgläsern auf uns zukommt und uns diese in aller Freude schenkt! Wir müssen alle zusammen lachen und können ihm ein Glas ausreden. Aktuell transportieren wir acht Einmachgläser. Ich glaub ich spinne!J Mittags in Bitola kreisen wir langsam den besten und fettigsten Pekara (Bäckerei) ein, kaufen reichlich Böreck und andere Leckereien, um dann unser aller Geld in Naturalien auf dem Wochenmarkt umzusetzen. Zum Glück bleibt die Straße bis nach Griechenland eben und nach einem Vollidioten der uns mit 140km/h auf ignoranteste Art und Weise, auf gerader Straße ohne jeglichen Gegenverkehr, wild hupend fasst von der Piste bläst, schießen wir vor der Grenze ein letztes Bild in Gedanken an die tolle Zeit auf dem Balkan und sind zurück in der EU.

Ada Bojana – Pogradec (14. – 19.05.)

Als wir die Grenze von Montenegro passieren, warten hinter ihr die ersten Gipsys. Eine erkennbare albanische Grenzstation erwarten wir vergebens. Von Astrid, Jude und Bruce haben wir den Tipp des Green Garden Hostel`s in Skhoder, das wir gezielt anfahren. Das Flair auf der Straße ändert sich, je tiefer wir ins Landesinnere radeln und als wir die Stadt an den zwei Flüssen erreichen geht auf der Straße die Post ab. Drei Straßen in beide Richtungen gefüllt mit Autobussen, Reisebussen, kleinen, großen Lastwagen, neben Eselkarren, selbstgebauten Lastenmopeds, Rollern, Vespern, Motorrädern, Radfahrern, dicken alten Mercedes, Traktoren, Fußgängern und Baumaschinen. Alle ohne System in Richtung innerer Stadtkreisel, die einzige Regel ist die Autohupe und Mut zur Lücke im dichten Gewusel aus Allem und Jedem. Hunde und Katzen, ich vergas, es entsteht der Eindruck von Stress und Chaos, doch jeder findet seinen Weg in den unmöglich erscheinenden Lücken. Uns gefällt das bunte Durcheinander und ohne uns im Hostel angemeldet zu haben checken wir nach fünf Minuten warten bei Mikel auf der Veranda für zwei Nächte ein. Die Idee für ein Hostel hatte er schon vor drei Jahren, vor drei Wochen hat er das Hostel eröffnet, auf der Einweihungsfete hat ihm dann ein Bekannter den Tipp der Warmshower Plattform gegeben, seit dem kommen täglich Radreisende im grünen Garten unter. Eine halbe Stunde später sitzt Amelie auf der Treppe. Ebenfalls mit dem Rad nach Osten unterwegs und Zufall, auch Physiotherapeutin. Wir kochen gemeinsam, es ist unsere erste Nacht in einem Hostel, welches in den Startlöchern steht, denn Struktur ist keine in Sicht. Ideen gibt es reichlich, die Umsetzung stockt, denn auch ein junger Hund wartet dringend auf Erziehung und Regeln. Am nächsten Tag werden wir von Mikel eingeladen, die Stadt zu besichtigen, er erzählt viel über die historische Stadt Shkoder, über das alte Sommerhaus des kommunistischen Präsidenten am Seeufer. Mittags essen wir typisch albanisch und fahren am Nachmittag in die Berge an einen Gebirgsbach um in der Hitze ein Bad zu nehmen. Vielen Dank! Für so viel Gastfreundschaft, urbane und naturelle Highlights! Gegen späten Nachmittag füllt sich das Hostel mit weiteren drei Radreisenden und fünf Backpackern. Als die Hunde des Nachts ihre lärmenden Auseinandersetzungen beilegen, fängt der erste Hahn zu krähen an. Um 11:00 Uhr starten fünf bepackte Räder: zwei Spanier (Omar und Sergio), eine Französin (Amélie) und unsere entspannten Beine Richtung Tirana. Die Gruppe trennt sich auf halber Strecke, Leonie und ich fahren Richtung Osten in die Berge, drei Reisende steuern gen Tirana. Alle sind wir mehr oder weniger Richtung Istanbul unterwegs. Wir drücken uns und vertrauen darauf, dass wir uns Wiedersehen.

Die Berge Albaniens sind grandios, die Menschen unglaublich freundlich und die Autofahrer die respektvollsten auf dem Balkan! Es ist bereits später Nachmittag, die Straße ist im Begriff sich den Weg ins Tal zu schlängeln, als wir am Rande eines Feldes mit einem Bilderbuch „Point it“ erklärend nach einem Stück Wiese fragen um ein Zelt aufzubauen. Der erste Versuch endet sitzend im frisch gewendeten Heu, während Esat raucht und uns alle Objekte im umfangreichen Bilderbuch auf Albanisch benennt. Nach einer Weile gesellen sich seine Frau Xhevrijio, Soila und ihre Mutter Fatmira zu uns. Die Familien und Verwandten, soweit wir die Zusammenhänge richtig deuten, wohnen auf einer kleinen Anhöhe oberhalb der Landstraße. Die Arbeit auf den kleinen Höfen ist zu tiefst bodenständig, alles ist Hand in Hand organisiert und bis auf wenige Ausnahmen wird alles zum Leben notwendige selbst produziert, zubereitet und verwertet. Nahe einem geschlossenem Kreislauf ohne Auto mit Esel, Pferd und Hühnern. Wir sollen unser Zelt nicht auspacken wir sollen duschen und im Wohnzimmer schlafen, abends gibt es Kraftbrühe mit Fleisch und selbst gebackenem Brot. Nach und nach lernen wir das Umfeld kennen und werden bekannt gemacht mit dem inneren Kreis der Familie. Indrit der Sohn von Esat´s Bruder spricht am Abend doch ein little english und hilft uns die wichtigsten Fragen zu kläre, das auch die letzten Hemmungen fallen. Leonie findet sich dann prompt in den Armen von Xhevrijio wieder mit Küsschen und mütterlicher Wärme. Der Abschied wird zelebriert mit extrem gutem Kaffee.

Die Räder rumpeln hinunter auf die Landstraße, ein letztes Mal winken wir Esat der rauchend im Heu neben Pferd und Zugschlitten steht. Mittags wird uns die Hitze in den Schatten zwingen, mich interessieren die Pisten abseits der Landstraße, vor allem weil wir mehrfach gewarnt wurden wie schlecht die Qualität dieser Straßen sein soll. Während Leonie im Schatten Beine und Nacken lockert und relaxed, suche ich Rad 🙂 bei Einheimischen, um das Vorhaben der Nebenpisten ins Gespräch zu bringen. Nach hitziger Diskussion wagen wir den Versuch. An einer Haarnadelkurve kurz hinter Klos führt die Asphaltstraße leicht abfallend nach rechts über den Bach um dann gnadenlos 7 km mit 14% gen Gipfel zu klettern, um dann ohne Vorwarnung in übelster Schotterpiste weiter Richtung Gebirge zu führen. Körperlich stoßen wir für den heutigen Tag an unsere Grenzen. Ich muss einsehen, dass es bei einem Versuch bleiben wird, wir drehen die Räder ins Gefälle und rumpeln ein zweites Mal an diesem Tag Richtung Landstraße. Wortlos steigt diese an der Stelle an der wir sie verließen in 8km auf das gleiche Niveau. Der Tag bleibt uns auf seine persönliche Art in Erinnerung kurz vor dem Pass der den Weg ins nächste hochgelegene Tal freigibt übernachten wir erschöpft bei angenehmer Frische, etwas abseits der Straße und spüren zum ersten Mal seit fünf Wochen wie schön sich Regen anfühlt.

Mit Wind von vorne verlassen wir für etwa sechzig Kilometer Albanien um über mazedonisches Gebiet Richtung Pogradec in Albanien zu brausen, beim Wiedereintritt an der albanischen Grenze, nach einem knackigen Anstieg, fahren in Gegenrichtung drei deutsche Jungs an uns vorbei, sie sind in Eile, bis Orchid sind es noch vierzig Kilometer zu kurbeln. Zufällig erzählen sie, das auch sie Amelie, Omar und Sergio getroffen haben, welche ein Stück hinter ihnen in gleicher Richtung unterwegs seien. „Gute Reise!“ wünschen wir uns, nicht wissend die drei Heitzer in Thessaloniki wiederzusehen. Auf der Abfahrt erwarten wir jeden Moment die Fünfergruppe wieder aufleben zu lassen. Spätestens in Pogrodec! Wir verpassen uns an der einzigen Kreuzung um ca. eine Stunde und sind im Chill Out Hostel die einzigen Gäste von Mat aus Schweden. Der sich sehr gut um uns sorgt und uns ein super leckeres Frühstück bereitet. Mit umgerechnet 3,50€ werden wir am Abend zuvor noch satt und können uns am nächsten Morgen ausreichend mit Proviant für unsere Bergetappe eindecken. Gegen den Uhrzeiger am Ufer des Ohridsee verlassen wir Albanien, das uns tief berührt und beeindruckt hat. Wir werden sicher wiederkommen!

Mikulici – Ada Bojana (12.-14.05.)

Wieder runter auf Meereshöhe wieder rauf zur Küstengrenze von Montenegro, wieder ab und auf, den halben Tag entlang der Küste und vorbei an Lagunen, die bis ins letzte Eck vollgepresst mit Hotels, kaum noch Platz für Natürliches lassen. Platz zum tourismusfreien Atmen bleibt meist nur zwischen den Buchten. Nach fünf Stunden öffnet sich der Blick für eine weite, flache Lagune, wir scheinen die Hotelbebauungsgrenze passiert zu haben. Kleine Ferienhäuser mit natürlichem Charme, der Strand mit uriger Wirtschaft und am Wasser kein Tourist in Sicht! Wir bleiben! Zwei holländische Wohnmobile und zwei Päärchen aus Slowenien sind die Nacht mit uns an diesem ganz anderen Strand. Mit dem letzten Rest Sprit kochen wir unser Abendessen und am Morgen sitzen wir mit Frühstück auf dem kleinen Mäuerchen bei ruhiger See. Als wir die Taschen an die Räder hängen macht sich auch unsere vierbeinige mittelgroße Nachtwache, mit freudiger Erwartung startklar. Anfangs denken wir: „allenfalls bis zum Ortsausgang“, weit daneben gedacht, selbst nach einer rasanten Abfahrt sind wir zu dritt und in Sorge das der Vierbeiner auf der Hauptstraße, mit schlabbernder Zunge wie viele andere seiner Artgenossen sein Leben lassen könnte. Artgenosse ist dann auch das Stichwort, welches unseren Begleiter instinktiv ablenkt und ihn an einem Zaun in eine wilde Rangzeremonie verstrickt. Der Kontakt reist ab, entlang der Straße ändert sich das Relief bis nach Ulcinj nicht. Unterwegs treffen wir alle zwanzig Kilometer auf Tilo aus Dresden, der auch gestern Teil der Reise war. Mit zwei Gepäcktaschen auf einem Rennrad düst er uns voraus um entspannt und gut genährt auf uns beide am Rande der Route zu warten. Die Ebene hinter Ulcinj zieht sich gefühlt in die Länge, zudem wächst ohne Grund ein Gefühl von Unruhe und Ärgernis, in Gedanken an den Nudistencamping, den wir im Begriff sind anzufahren. Zudem müssen wir die Strecke von gefühlten fünfzehn Kilometern am morgigen Tag wieder Retour fahren, da die Grenze zu Albanien weiter östlich im Landesinneren liegt. Für eine kurze Zeit entsteht eine Art Disharmonie zwischen uns. Diese löst sich auf, als wir bei Drago einem weltoffenen Serben von Beruf Surf Instruktor eine Bleibe finden und wir ihm eine Nacht im nahegelegenen Dorf ermöglichen, da wir auf seine Sachen des Nachts aufpassen. Wir unterhalten uns, er ist entspannt, die Saison startet erst in zwei Wochen, wir erfahren von ihm die aktuellsten Geschehnisse Nordmazedoniens betreffend und etwaige Hintergründe. In der Kneipe kaufen wir zwei Bier für den Abend und kochen in einem noch geschlossenen Strandkaffee Reis mit Bohnen und Gemüse. Das Essen ist fast fertig, als uns der Platzwart mit samt den Franzosen, die ihre Jeeps hinter dem Kaffee geparkt haben von der Lokation und dem Strand vertreiben will: „ten minutes, after I call the police!“ Den Franzosen wird’s zu heiß, wir erklären das wir im Auftrag von Drago, der Name ist dem Platzwart ein Begriff, seine Sachen bewachen. Es wird mit dem Chef telefoniert, wir können Essen und bleiben die Nacht ganz legal auf dem Platz der Surfschule. Nach dem leckeren Frühstück verlassen wir das Meer auf dem Weg nach Albanien.

Mikulici (11.+12.05.)

2 Tage und eine Nacht Kroatien

Als wir am nächsten Tag über den Gipfel Dubrovnik erblicken können wir zum ersten Mal auf der Reise Meeresluft atmen, um diese den Massen von Touristen nicht gleich zu opfern, bleibt es bei einem grandiosen Blick auf die festliche Stadt, entlang der Küstenstraße atmen wir feinsten Straßenverkehr. Alle paar Minuten rauscht ein Shuttelbus Richtung Flughafen an uns vorbei. Danach bricht der Verkehr ein. Bei knallender Nachmittagshitze geht es stetig aufwärts, unser Wasser und Essensvorrat ist denkbar knapp, gezwungener Maßen, brausen wir sechs Kilometer vor dem Ziel dreihundert Höhenmeter zum einzigen Mini Market ins Tal um beim erneuten Anstieg all unseren Schweiß zu lassen. Die Warmshower kommt heute Abend aus dem Schlauch mit Blick auf das weite Mittelmeer, unser Zelt haben wir im Hang, auf ebener Fläche, über Marcos Resort aufgestellt. Marco einundsiebzig ist Kroate, lebte lange Zeit in Canada und den USA, bis er nach dem Krieg zurück an die Küste kam um sich auf dem Land seiner Großmutter seine Idee des Lebens zu ermöglichen. Wir teilen Pasta, Erlebnisse und erfahren einiges über die Region, bis drei weitere Radler/innen in der Dämmerung auftauchen, denen der heutige Gegenwind im Gesicht steht. Bruce, Astrid und Jude auf dem Weg von Tasmanien nach England. Die Runde am Tisch wird größer die Themen weiter, ebenso die Erfahrungen. Wir sind mächtig interessiert, lauschen jeder Erzählung, sind die beiden Frauen doch die gleiche Route in der Gegenrichtung gefahren, welche vor uns liegt. Auf dem Weg zum Zelt stolpern wir müde über den Pfad den Hang hinauf, um uns am Morgen beim Frühstück zu sehen und jedem eine gute Reise zu wünschen.

Ostrozac – Dubrovnik (10.+11.05.)

Zurück auf der Straße, radeln wir mittags nach Mostar und schieben unsere Räder vorbei an Touristen über die alte Brücke von Mostar, dem Wahrzeichen der Stadt, das vor ca. 25 Jahren von Panzern vollständig zerstört wurde. Heute ist sie vollständig erneuert und Magnet für alle Reisenden. Am Ufer unterhalb der Brücke erleichtern wir unsere Vorräte, stärken uns für den Nachmittag und verfolgen das Spektakel der mutigen Brückenspringer die von 19 Meter in das eiskalte Wasser springen. Hinter Mostar entscheiden wir uns für eine Nebenstraße östlich der Hauptstraße die sogleich 7km steil bergauf, dann aber gleichmäßig über den Kamm der Hügelkette Richtung Capljina führt. Auf zweidrittel der Strecke erfasst uns von Osten ein Gewitter, welches uns bei einer Tanke unfreiwillig rasten lässt. In Ruhe studieren wir die Karte und als der Regen auf der Straße anfängt zu dampfen, fahren wir eine schmale Straße direkt gegenüber der Tanke hinunter. Am Ende der Straße fragt Leonie ob wir auf dem Grünstreifen neben einem Feldweg unser Zelt aufstellen können. Wir haben Glück es ist Samstag, Ines sechzehn Jahre alt, spricht hervorragend englisch und ist meist am Wochenende zu Hause. Unter der Woche wohnt sie in Mostar, dort besucht sie die Schule für Tourismus. Wir werden herzlich gebeten unser Zelt auf ein gemähtes Stück Wiese zwischen Weizenfeld und Obstbäume zu stellen und werden dann neugierig beäugt. Am späten Abend, wir hatten bereits gegessen, die Augen liegen schwer, werden wir zum Abendessen eingeladen, hätten wir das geahnt, wir hätten deutlich mehr essen können. Der nächste Morgen: Abschiedsbild vor der Terrasse, viel Sonne, luftige Abfahrt von der Hügelkette ins Tal mit freiem Kopf für die nächsten Tage, entlang der ehemaligen Eisenbahnlinie. Diese führt uns zwei Tage in direkter Verbindung meist an der Höhenlinie verlaufend Richtung Trebinje. Die Region ist teilweise in unwegsamem Gelände vermint, Schilder und Übersichtstafeln geben aber ausreichend Hinweise. Abends werden die Wassergefäße gefüllt, oberhalb der Straße auf einer Wiesenterrasse genießen wir unsere Dusche und ein leckeres Abendessen auf Steinsitzen während auf der Bergkette gegenüber die Sonne die Gipfel verlässt, kuscheln wir uns ins Zelt.

Sarajevo – Ostrozac (08. – 09.05.)

Die letzten bekannten Gesichter, es ist ein schönes Gefühl zu spüren und zu wissen, wir haben Freunde hier, die jederzeit willkommen sind. Wir freuen uns auf ein Wiedersehen! Als wir Sarajevo verlassen, sind Kemal und Ivana bereits „still busy“ at their jobs and projects. Wir schließen hinter uns die Tür, der Schlüssel zweimal gegen den Uhrzeiger gedreht, die Treppe hinunter mit eingezogenem Kopf! Mit schmerzhafter Erinnerung an den Tag zuvor, als ich noch an der oberen Treppenkante hart einschädelte. Es ist Mittag der Verkehr üppig, wir wollen raus aus der Stadt, es braucht Konzentration, eine Linie ohne heftige Schlaglöcher und Bodenrampen zu zirkeln. Nach ca. zwei Stunden liegen auch die Vorstädte hinter uns und unser Weg führt uns Richtung Jablanica. Zum ersten Mal machen wir eine kurze schreckhafte Erfahrung am Ortseingang von Donji Hadzici. Nach einer langgezogenen Kurve mit uns hinterherhetzenden Hunden, die erst von uns Ablassen, als vom Straßenrand gegenüber ein Einheimischer das Rudel durch einen lauten Schrei irritiert. Danach brennen die Beine, Angst und Adrenalin stecken vor allem mir in den Knochen. Weiter geht’s auf einer schmalen Landstraße parallel zum Bachlauf. Alle paar Sekunden mit Blick in den Rückspiegel, welche Art von Verkehr von hinten naht, die Strecke vorausschauend im Auge behalten, hinter uns wird ein- oder zweimal gehupt wir sind gewarnt und meist leicht aufgeschreckt, dann wird je nach Gegenverkehr mit ausreichend oder mit knappem Abstand überholt. Gegen Nachmittag erreichen wir den höchsten Punkt. Die Wälder, Gräser und Sträucher entlang der Straße stehen in saftigem grün, mit durchschnittlich zwölf Prozent Gefälle drückt uns das viele Gepäck die kurvige Bergstraße hinunter ins Tal des Flusses Nevreta. Hier werden wir nur selten überholt, fasst sind wir gezwungen beim Überholen zu klingeln. Wir folgen dann dem Ufer entlang der Stauseen die zur Stromerzeugung genutzt werden. Die Landschaft bietet Steilhänge, Nebentäler aber kaum geeignete Plätze zum Zelten. Nachdem der erste ernsthafte Versuch einen Zeltplatz in den Steilhängen eines Nebentals, mit Hilfe bosnischer Jugendlicher, zu finden glücklos mit einem kleinen Umweg endet und uns 3 Kinder mit ihren Fahrrädern zurück zur Hauptroute begleiten, starten wir Zwei, knappe 4km später, mit geschobenen Rädern einen zweiten Versuch. Der Hang ist so steil, dass wir die Räder im ersten Drittel stehen lassen um zu Fuß die ausgespähte Stelle auf Tauglichkeit und lohnenden Aufwand zu begutachten. Auf halbem Weg taucht in einer Streuobstwiese, zwischen hohem Gras und 40 Bienenstöcken Josepf auf. Die Terrassenwiese, unser Zeltplatz, gehört seinem Bruder und ab ersten Mai, soll das Gras für das erste Heu im Jahr wachsen. Wir sind zu spät! Er hat lange kein deutsch gesprochen, seit er nach Ende des Krieges aus Deutschland zurückgekehrt ist. Josepf bietet uns bosnisch elegant für zehn Euro zwei Betten in seinem Ferienhaus an. Leonie und ich sind einverstanden. Wir sollen noch etwas Geduld haben, er nimmt uns mit ans untere Ende der Wiese, wo ein Freund von ihm Brot, Bier und Cevapcici mit frischen Frühlingszwiebeln bereithält. Danach werden die Bienen mit Zuckerwasser angefüttert und wir folgen den Beiden ins nahegelegene Dorf zur Ferienwohnung am Seeufer. Das Haus bietet Platz für zehn Personen. Die letzten Gäste dürften vor einigen Jahren hier gewesen sein. Die Grundsubstanz ist solide, der Ausstattung schrammelig, zudem funktioniert die Dusche und die WC Spülung nicht. Ein Glück finden wir einen Eimer, Seewasser gibt es ab Terrasse gratis und der Ortlieb Duschsack ist prall mit zehn Litern gefüllt. Der Abend geht auf dem Balkon mit Blick auf den See, PET-Flaschenfilter vor den Augen und leckerem Abendessen zu Ende. Wir schlafen gut, um 09:30 ist Schüsselübergabe.

Vardiste – Sarajevo (04.05. – 08.05.)

Die nächsten Tage werden es die Beinmuskeln erst mit Hügeln, mit größeren Hügeln und im Nationalpark Tara mit bergigen Passstraßen zu tun haben. Die Natur und Landschaft ändert sich, wir fahren quer über den Balkan nach Sarajevo eine 500000 Einwohner Stadt, die vergleichbar mit Freiburg oder Grenoble umringt von Bergen in einer Schüssel liegt. Unterwegs werde ich für einen halben Tag krank, was dazu führt das sich mein Magen sowohl rückwärts wie vorwärts nicht zeitgleich aber in fließendem Übergang seiner zwei Müsliportionen vom Frühstück entledigt. Wir finden die besten Zeltplätze unserer jungen Reise. Entlang der ehemaligen Ostbosnienbahn fahren wir durch gefühlte hundert Tunnel, davon fünfzig ohne jegliche Beleuchtung, unsere Nerven erzittern stets, wenn im Tunnel ein Geräusch, so laut wie ein Güterzug naht und uns dann ein LKW passiert, am Scheitelpunkt kurz nach Pale, ebenfalls im Tunnel, geht es dann steil und mit heißen Bremsen bergab nach Sarajevo. Ankunft und Überblick zur Orientierung in der orientalisch klingenden Stadt mit ihren über 50 Moscheen, orthodoxen, römisch-katholischen Kirchen und Synagoge gelingt dann spontan durch einen Fahrfehler und lässt uns die Atmosphäre auf Anhieb liebgewinnen. Harter Ritt! Die letzten Tage waren heiß, aufregend und jetzt am Etappenziel klebt uns der Auspuffruß, der Dreck und Gestank der Straße an Haut und Rad, wir stinken! Nach knapper Rücksprache mit Ivana die erst einen Tag nach uns in Sarajevo ankommen wird, organisieren wir den Wohnungsschüssel bei Kemal ihrem Freund, der uns bei seiner Arbeit im Kaffee auf zwei Apfelsaft einläd und uns kurz unterrichtet, wie wir Haus und Wohnung finden. Nach einigen Fehlversuchen an fremden Haustüren werden wir von einer älteren Dame auf den Hintereingang verwiesen, an der das Schlüssel-Schloss-Prinzip greift. Frisch geduscht schlendern wir durch das Nachtleben der Stadt, Essen Börek und gehen ins Bett. Schöne Stadt gelungene Ankunft um halb Ein kommt Kemal von seiner Arbeit zurück, es bleibt kaum Zeit ihm zu danken, am nächsten Morgen muss er um acht in der Früh zu seinem Zweitjob. „Two Jobs, to have a normal live, six days per week“ wir beide müssen erst mal schlucken. Die nächsten 2 Tage genießen wir ein Gefühl von Heimat in Sarajevo mit seinen vielen kleinen Sträßchen, Lädchen und verwinkelten Ecken. Paradox! Wir fahren Richtung Westen und kommen gefühlt dem Osten ein Stückchen näher.

Novi Sad – Vardiste (28.04.-04.05.)

City Change from Novi Sad to Beograd:

Es trennen uns knappe 100km von unsere nächsten Bleibe, die uns meine Schwester Nina, die während ihres Praxissemesters in Belgrad zu Hause war, Tage zuvor per Mailkontakt organisiert hat. Am Abend zuvor wurden wir gewarnt: Actually the Velorout to Begrad doesn’t exist, trust me, you have to be carefull on the streets! Wir beherzigen die Info und finden uns später auf steilen Urwaldschotterpisten wieder, die uns den hautkontaktnahen Verkehr erspart aber ein Vorankommen deutlich bremst. Eine kaum befahrene Landstraße die ca. 300 Höhenmeter über unsere Piste liegt, wird schweisgebadet, quer zu allen Höhenlinien, teils schiebend, teils fluchend erklettert, diese bringt uns dann ins Rollen, sodass wir gegen Abend den äußeren Rand Belgrads erreichen. Bis dahin gibt es noch keine Rückmeldung aus der WG Ecke Krajiska /Geteovo im Stadtteil Zemun. Auf der letzten 6 km langen Zubringerstraße bekommen wir dann nochmals den Feierabendverkehr zu spüren, eine nur durch kurze Ampelphasen abreißende Autoschlange gemischt mit 25% LKW’s drängt sich bei ebenso stetigem Gegenverkehr an uns vorbei. Konzentration nach 90km ist gefragt und wichtig, mit freundlichem Winken und interessiert nach links und rechts Schauen ist jetzt nichts mehr! Unsere Karte lässt uns nach rechts abbiegen, der Verkehr ebbt ab, die Straße breit, dann immer schmaler zulaufend abwärts in eine Senke links und rechts Berge aus Müll und aufsteigender Qualm, wir landen in einer kleinen Siedlung aus blechernen Behausungen, streunenden Hunden. Musik scheppert aus einer Ecke in der ca. 15 Kinder und Jugendliche Fußball spielen. Irritiert stoppen wir, tauschen Blicke aus: Umdrehen? Weiterfahren? Nach dem Weg fragen? Kann man in den Zügen unserer Gesichter lesen =) Wir fragen nach dem Weg in Mitten einer Masse von Interessierten und wuselnden Kids, spricht einer der Älteren fließend englisch. Schnell wird gescherzt, trotzdem sind wir innerlich leicht nervös, wir werden dann weiter geradeaus geschickt, Richtung Rauchschwaden, irgendwo in der Richtung wird es schon sein! Wir finden das Eckhaus mit kleinem Straßenlädchen schließlich in direkter Linie 1km später, ohne uns sicher zu sein, ob wir hier erwartet werden und hinter welcher Tür wir die WG des sechs stöckigen Plattenbaus mit geschätzten fünfundvierzig Wohnung finden. Leonie bleibt leicht nervös, wir erinnern uns an serbische Absprachen aus der Vergangenheit, als wir meine Schwester in Hajdukovo am LudasSee, nahe der ungarischen Grenze 2010 besuchten und sie uns in festem Glauben einen Tag später erwartet hatte. Wir in festem Glauben, das sie uns abholt einen halben Tag in Subotica am Busbahnhof warteten. (Andere Geschichte =))

Die Verkäuferin in unserem Alter, aus dem Reformhaus, hilft uns dann parallel zum laufenden Geschäft. Sie stellt uns ihr WiFi via Hotspot zur Verfügung, es dauert nicht lange und aus Berlin erreichen uns die letzten relevanten Infos =) Zweiter Stock, rechte Tür, auf der Tür ein Sticker „Borders are Lines, drawn by rassists!“ Einmal kurz zweimal lang klingeln! … Scherz =) Wir werden herzlich empfangen, im Laden kaufen wir zum Dank reichlich Schoko und schleppen unser Equipment in die WG von: Dusica, Snezana, Ivana, Sara und Milos, zu der für 3 Tage, auch Leonie und Philipp gehören! Fast vergessen aber immer präsent: Ahmed und Hamed, zwei gerettete Straßenkatzen, die das WG Leben auf ihre Art bereichern! Die Atmosphäre ist familiär wir erzählen von Nina und Amin bestellen Grüße, schnell entstehen reichlich Pfannkuchen, Beinhaare werden mit viel Feingefühl entfernt, später am Abend wird zusammen mit Nina geskypt. Am nächsten Tag wartet Belgrad auf uns, eine gemütliche Couch lässt uns bis in den frühen Vormittag schlafen.

In Belgrad selbst fährt man mit dem Bus. Der kommt ohne Fahrplan in Zeitabständen zw. 3-14 Minuten, das hängt von der Verkehrslage ab. In der Regel fährt meist jeder Belgrader schwarz. Manche Busse füllen sich auf dem Weg in die Innenstadt so üppig mit Menschen, dass man befürchtet, dass die alten Schweißnähte jeder Zeit reisen könnten. In der 2 Millionenstadt verteilen sich dann die Menschen. Wir halten es wie immer, suchen uns zunächst einen Punkt von dem man das Neue überblicken und einordnen kann, um danach mit etwas Struktur, den Überblick und die Orientierung zu behalten. Die weiße Stadt, liegt am südlichsten Rand der serbischen Tiefebene Vojvodina an der Mündung der Save in die Donau. Wir spüren in den Straßen und Gassen die verschiedensten Einflüsse von Kulturen aller Himmelsrichtungen, sei es Architektur traditioneller Bauten, kulinarische Bildtafeln, die persönlichen Auslegungen von Verkehrsregeln und die vielen unterschiedlichen Sprachen, Gesten und Mimiken der Menschen. Beeindruckend eine Stadt ohne Radwege, ausgenommen dem Eurovelo6 entlang der beiden Flussufer. Müde vom vielen Lärm und dem interessanten Treiben der Stadt fährt uns der Bus nach Hause. Abends gibt es selfmade Pizza und am Tag drauf eine ruhige Runde im Stadtteil Zemun, das uns später deutlich angenehmer in Erinnerung bleibt, als die Stadt selbst. Am 1.Mai verlassen wir Belgrad und eine tolle WG, die der Zukunft und neuen Aufgaben offen, verständnisvoll und kritisch gegenübersteht. Ivana werden wir in Sarajevo wiedersehen. Alle sind bei uns willkommen!

Wir radeln gen Südwesten und verlassen nach 5 Wochen das Donautal flussaufwärts der Save. Als die Stadt hinter den Rädern liegt steht diese in Rauchschwaden. Klar wie soll es anders sein. In den Parks, Gärten und Balkonen wird fleischig gegrillt und meist mit Brandbeschleuniger gearbeitet.

Backa Palanka – Novi Sad (27.+28.04.)

Es ist fast 18:00 als die Räder in Novi Sad einrollen, wir sind mit Nenad über Warmshower verabredet, wir klingeln im Apartment Nr. 31, die Einfahrt zum Hof öffnet sich, im Fahrstuhl finden auf 0,7m² unsere Taschen mit einer Fuhre einen guten Platz, die Räder werden in den 3. Stock getragen und sorgfältig in der Küche neben Nenad’s Singelspeed geparkt. Wenn er auf zwei Rädern reist, dann im Liegen. Liegerad in der Tat, das wird klar als er uns Bilder zeigt und von der Spezi (einer Spezialradmesse in Germersheim vergangenes Wochenende) schwärmt. Die Wohnung ist riesig, wir bekommen ein eigenes Bett, den WLAN Zugang und machen uns auf den Weg in die Stadt. Mit 700000 Einwohnern, eine angenehme Größe für uns. Es ist später Abend als wir mit Mägen voller Pasta ins Bett fallen und um 07.00 der Wecker klingelt. Seitdem Gasbrom Nenads neuer Arbeitgeber ist, sollte man schon pünktlich zur Arbeit gehen. Also alles Retour und schon haben die Rädern wieder Straße anstatt Fliesen unter sich. Backwaren beim Pekara und Kaffee im Bike Exchange, einem kleinen Fahrrad Café mit Bikekitchen im Keller, Kaffee, Snacks und Büchern oben, sind ein guter Start in den Tag und genug Energie bis in den Mittag hinein.

Erdut – Vukovar – Backa Palanka (25.-27.04.)

Für weitere „Grenzerfahrungen“ , steuern wir das auf kroatischer Seite liegende Erdut an, in einer Pause informiert uns Nina über den geschichtlichen Hintergrund der Stadt Vukovar, in der wir den Campingplatz für den heutigen Abend ansteuern. Weil der Campingplatz noch keine Saison hat werden wir in den Stadtpark geschickt, dort treffen wir nichts ahnend auf eine Art Bikeconvention der umliegenden Radvereine. Das Fest geht dem Ende zu, wir sind sogleich die Attraktion und werden zum Essen und Trinken eingeladen, einige Radfahrer in unserem Alter sprechen auf Grund der Flucht nach Deutschland sehr gut Deutsch. Fragen und Antworten werden übersetzt, Vertrauen wächst, Anna lädt uns zur Übernachtung zu sich nach Hause ein. Sie lebt mit ihrer Familie im nahe gelegenen Sotin, wo wir herzlich aufgenommen werden. Den Abend verbringen wir mit den Organisatoren des Bike Events in einer Bar bei Musik und einigen Bier.

Den nächsten Tag nutzen wir um mehr über den für uns unvorstellbaren Krieg und das Leben der Menschen in der Region zu erfahren. Trauer, bestehende Konflikte, separate Bildung, Freizeit, Kriegstourismus und Wunden die noch lange bleiben, werden offenbar. Wir hoffen das Radfahren den Weg für Veränderung frei macht, es könnte ein erster „Tritt“ sein. Zum Abschied wird gewunken, gebimmelt und sich feste gedrückt, Anna wird den Sommer an der Adria arbeiten, dort sagt sie, kann sie gutes Geld verdienen. Wir wünschen ihr nur das Beste und viel Erfolg. Danke für das Gefühl langer Freundschaften. Auf Wiedersehen!!

serbische Grenze Dávod – Erdut (23.-25.04.)

Reise in Vergangenheit und Zukunft:

„Passport!“ bekommen wir durch das kleine Grenzhüttchen zu hören, die ID-Card reicht auch. Wir sind in Serbien nahe des Dreiländerecks Ungarn, Kroatien und Serbien. Zusammen haben wir beschlossen am frühen Abend zu Kochen, aus Ungarn haben wir noch reichlich Proviant, zum Glück, denn serbische Dinar haben wir noch keine. Es zieht uns wieder ans Donauufer, unsere Offlinekarte zeigt uns dort eine Variante des EuroVelo 6, parallel zur Donau. Der Weg führt uns dicht an den Grenzposten Serbien – Kroatien und uns wird klar, dass der Radweg genau zwischen beiden Grenzposten verläuft, wir auf halben Weg nach Kroatien, vor der Donauquerung irgendwie nach links abbiegen müssen. Natürlich sind wir blutjunge Grenzgänger, das Gefühl vor einer von Menschen gemachten Grenze mit bepackten Rädern zu stehen, dazu das Halbwissen über die Geschichte dieser Region in den 90er Jahren. Ein komisches Gefühl! Sachte rollen wir auf den großgewachsenen Serben der an der Grenze steht zu, dabei wollten wir in jeder Form sicher wirken… Alles Übungssache, tröste ich mich in Gedanken. Wir schildern dann unser Problem auf Englisch, nach Einschätzung der Grenzposten ist der Weg vorhanden aber in miserablem Zustand, Camping Gear ist vorhanden? Wir nicken, wir dürfen fahren! Nem probléma!

Auf der serbischen Donauseite kommen wir gerade in Fahrt, da hält uns ein Auto mit Anhänger an, der Fahrer ein rüstiger, mit Bart verschmitzt grinsender Mann Anfang sechzig, der uns mit schneller Zunge durch die Fensterscheibe seines ebenfalls ca.60 jährigen Gespanns auf Deutsch fragt, ob wir eine Pause machen wollen, einen Kaffee trinken möchten, ob wir bereits einen Platz zum Übernachten haben, evtl. einen brauchen? Wir sind flexibel antworten wir erst etwas zögerlich. Unser beider Bauchgefühl entscheidet zu bleiben und die Nacht bei Ivan einem Erdenmensch mit 20jähriger Vergangenheit in Freiburg im Breisgau zu bleiben. Ivan lebt seit 4 Jahren in einem Wochenendhaus an der Donau, das bei Hochwasser stets das Untergeschoss flutet, es gibt weder fließendes Wasser, noch Stromanschluss. Er lebt allein…nicht ganz zwei Hunde und zeitweise bis zu 8 Katzen leben mit ihm im Garten. „Alles ist wie es ist!“ sagt er, er wusste ja nicht, dass wir kommen. Es gibt im ersten Stock zwei Betten, wir könnten es nicht besser haben! Wir kochen zusammen Nudeln mit Kartoffelstückchen, gedünsteten Zwiebeln und Paprikapulver. Dazu gibt es in Essig eingelegtes scharfes Gemüse. Um 20.00 flimmert die Tagesschau über die Röhre, die über eine Solarzelle und Batterie für zwei Stunden funktionsfähig ist, danach ist der serbokroatische Krieg Thema, der Abend endet mit gezupften Klängen eines traditionellen Seiteninstruments in lockerer Stimmung. Wir schlafen und frühstücken wie Könige und setzen unsere Fahrt am frühen Morgen fort. Liberland (www.liberland.org) liegt uns knappe zwei Kilometer am anderen Ufer gegenüber.

Budapest – serbische Grenze (Dávod) (21.04. – 23.04.)

Unterwegs mit Heimatgeschmack.

Der Schüleraustausch Ungarn – Hunsrück trifft sich in Budapest zum Rahmenprogramm, Ronja wartet mit ihrer Freundin außerhalb des Rahmenprogramms vor dem Parlament auf die Radreisenden, die verspäten sich, ist doch klar! Aber wir drücken uns ganz herzlich, tauschen Eindrücke und Pläne für die nächsten Tage aus, um dann „auf Wiedersehen“ zu sagen. Das eine Paar mit vier Füßen schnell Richtung Hintereingang ungarisches Parlament, das andere auf vier Rädern abwärts der Donau nach Bölcske. Der Weg ist eine einzige Rumpelpiste, selten können wir richtig Fahrt aufnehmen, am späten Nachmittag weichen wir auf eine Bundesstraße aus, die uns zu Leo, der am Ortseingang auf uns wartet, führt. Er fragt uns ob er uns helfen kann, ob wir jemanden suchen? – Wir suchen Milan antworten wir, nem Probléma! Milan ist sein Bruder, wir sollen ihm folgen. Nach 400m tauchen wir links in eine kleine Oase voller Ideen, Wissen, Liebe, Arbeit und gemütlichem Gemüse ein. Da sind Leo und Milan Brüder Anfang 30, seine Mama, Mizi & Pizi (Katze & Hund), Bijankor, ein in der Sonne chillendes Schwein, eine Hühnerfamilie mit Schwalbe und ganz viel Gemüseacker, Obstplantagen und Weingärten. Wir sind nur am Staunen, egal was wir gezeigt bekommen, alles hat System, ist hausgemacht und brutal lecker!!! Milan ist selbst leidenschaftlicher Radabenteurer, wenn ihn seine Arbeit reisen lässt. Wir erzählen, fragen, diskutieren, lachen, bleiben einen Tag länger um paar Stunden im Wingert zu helfen, um zumindest ein klein wenig zurückzugeben von der Energie die hier fließt. Abends wird gekocht und ins Kojakoma gefallen. Es fällt uns schwer die quirlige Familie zu verabschieden. Vielen Dank! Wir hoffen auf Regen! =) Wir kommen wieder!

Weiter nach Süden kommt der Wind zur Abwechslung von der Seite, in Baja kaufen wir unser Abendessen, es ist Nachmittag, Eis schlecken, Teilchen naschen und raus aus der Kleinstadt Richtung Süden. Der Radweg ein Traum, der Wind flautet, wir freuen uns auf einen Zeltplatz an der Donau und auf ein frühes Abendessen bei Sonnenlicht! Leider macht die Donau hier eine kleine Schleife Richtung Westen, bis wir das merken sind wir 15km entfernt vom Ufer. Blöd! Wir eiern über Feldwege zum bereits ausgeguckten Spot, am Ufer stehen kleine Wochenendhäuschen, über die Donau quert gerade ein kleines Böötchen, vorsichtig fragen wir auf Deutsch, ob wir hier unser Zelt für eine Nacht aufstellen können. Jaja, nom Problema! Wir bekommen zwei Karpfen in die Hand gedrückt und schönen Abend gewünscht. Der Fisch wird ausgenommen, von zu Hause gibt es Anweisungen über die Zubereitung, uns fehlt die Übung es dauert und wird spät. Nachts hören wir die Kojoten heulen. Am nächsten Morgen lassen wir in einem kleinen Laden in Ungarn unsere letzten Forint und verlassen Ungarn.

Slowakei – Budapest (17.04. – 20.04.)

Ein großes Stück Budapest!

Über die Brücke auf die ungarische Donauseite, die dritte links und nach 600m der erste Campingplatz der noch jungen Reise. Das Durchschnittsalter hinter der Rezeption liegt bei geschätzten 65. und aufwärts (inkl. Ausnahmen) aber sehr herzlich, führsorglich und interessiert. Mehrfach bekommen wir gesagt, dass es diese Nacht kalt werden soll, wir duschen heiß und merken nachts nichts vom vermeintlichen Temperatursturz. Erst am nächsten Morgen merken wir wo genau wir unser Zelt aufgestellt haben, es ist Samstag morgen und scheinbar sind zufällig gerade heute oder ist es der Dominoeffekt der hier wirkt, alle Chemieklobehälter der Camper randgefüllt, die nun im 10min Takt keine eineinhalb Meter von uns entfernt, hinter unserer Trennhecke in die Kloakegrube gekippt werden. Ja! Life long, shit well! Keine Ahnung, ob es diesen Ausdruck gibt, grinsend werden wir beim Frühstücken beäugt, einfach durch den Mund atmen fällt mir spontan ein, nicht so einfach wie es kling.t =) Packsack zurren, zahlen, radeln. Wir haben knapp 115km vor uns, das Donauknie markiert circa die Hälfte der Strecke, gut ausgeschlafen strampeln wir gen Budapest wo uns Zsofi und Cota eingeladen haben für eine Nacht zu bleiben, aus der später zwei Nächte werden. Zum Sonnenuntergang bei besten Lichtverhältnissen erreichen wir Buda und queren den Fluss nach Pest. Es ist 19:30 und damit 30min zu früh um bei Zsofi zu läuten, es ist kalt und windig, wir stehen zwischen parkenden Autos und unseren Rädern 20min hopsen ist eine gute Idee um etwas Wärme zu produzieren. Also Hände unter die Achseln und Knie wippen! Gegenüber wird eine Parklücke frei = mehr Platz zu wippen. Es dauert nicht lange und die Lücke wird gefüllt. Neugierde für wippende Radler entsteht und wir kommen mit Garbor ins Gespräch. Wir lachen zusammen, hören von vergangenen Zeiten und bekommen zur Begrüßung zwei Bier und Schocki gebracht. Es ist 20:20 wir klingeln und haben im 4. Stock zwei wunderschöne Tage mit Zsofi und ihrer Schwester Cota. Vielen Dank das wir bei Euch sein durften! Ihr seid wunderbar!

In der Stadt lebt und wächst eine junge Bike-Kultur-Scene, in ihr fühlen wir uns wohl, auf den Radwegen in Budapest allerdings nicht! Einen Überblick über die Radwege für die Stadt zu bekommen fällt uns nicht leicht, den Blick von oben gibt es vom Burgviertel oder dem etwas südlich gelegenen Gellert-Hügel am Freiheitsdenkmal. Die dritte Nacht schlafen wir etwas am Rande von Buda am Hang auf einem Campingplatz, hier sind interessante Menschen, viele Gespräche mit unterschiedlichsten Charakteren, ein Herd auf dem es Pfannenkuchen gibt und des Nachts viel zu lautes Gebelle von Hunden im Umkreis von 55m. Hätte ich als Rezeptionsdame auch nicht explizit und aus freien Stücken erwähnt. Zeit zu schlafen wir treffen uns um 10 Uhr unten in der Stadt am Heldenplatz mit Ronja, dann verlassen wir die 2 Milionenstadt mit gutem Gefühl.

Gute Nacht!

Wien – Slowakei (16.04. – 17.04.)

Stadt-Land-Fluss ein Stückchen Slowakei

Anders als gedacht, bleiben wir in Wien einen Tag länger, Essen am Abend zusammen mit Jana und Markus Chee Köfte, naschen Falafel mit Humus und persischem Brot im Prater bevor wir den grandiosen Einsatz bei Janas Homerun während eines Softballspiels bestaunen. „Nice Run Girl!“ rufen da die anderen Player =)

Am Donnerstagmorgen verlassen wir Wien bei hochsommerlichen Temperaturen, wieder Windstille bei 38km/h abwärts der Donau, die Sonne ohne Wolke am Himmel und immer von rechts auf den/die Radlerin gerichtet – klar wir fahren nach Osten und das wird sich erst am Knie der Donau ändern. Uns steckt die Stadt in den Beinen, wir sind ungewohnt viel gelaufen und unser selektiver Filter im Kopf hat leider nicht so gut funktioniert, soll heißen wir sind müde im Kopf vom konzentrierten schauen und staunen. Das ändert sich jedoch an der Landesgrenze Österreich – Slowakei, routiniert wird die Helmkamera ausgepackt mehrmals kontrolliert und dann auf REC. gedrückt! Bratislava kann kommen und kommt uns mit einer Menge Rennradler, Gurken-, Möhrenradler und Spaziergängern entgegen. Wir sind nicht allein auf zwei Rädern! In der sehr entspannten aber im Vergleich zum reichen Wien etwas bröckelnden Hauptstadt fällt die eingezäunte und streng bewachte US-Botschaft direkt ins Auge, etwas schmunzelnd schieben wir unser Gepäck daran vorbei und setzen uns für den Mittag in das gemütliche Stadtinnere bei melodischem Klavier und gedachtem Eis, wir haben keine Landeswährung, da unsere Vorräte noch für zwei Tage reichen und wir in der Slowakei nur eine Nacht bleiben. Wo bleiben? Wo schlafen? Ist dann auch am Abend unvermeidbares Thema: links der Donaukanal, unter uns der EuroVelo 6, gleich daneben die kontinuierlich befahrene Landstraße und wieder rechts die stark bewucherten Donau Auen. Spontane Abstecher ins Grüne, lassen unsere Vorstellung von einer ebenen Grasfläche mit freiem Blick auf das Donauufer, ohne Schneckeninvasion schnell mit der Sonne untergehen. Wir finden dann doch einen ganz passablen Platz leider bleibt die Schneckeninvasion am nächsten Morgen nicht aus. Radlerinnen können nicht alles haben. J Frühstücken, Zähne putzen, alles verpacken und den Packsack über den Gepäckträger quer verzurren, los geht’s bis wir wieder am gleichen Ort, an dem unser Zelt vor einer Stunde noch stand vorbei Richtung Ausgang der Aueninsel nüchtern über tiefe und weniger tiefe Bodenwellen schwanken. Einfach mal im Kreis fahren, das hätte ich mir nicht träumen lassen, dann auch noch in voller Montur an den selben slowakischen Waldarbeitern zweimal vorbei, die schon vorher in die andere Richtung gedeutet hatten. Ne einfach peinlich =) Tage später im Zelt erinnert sich auch Leonie nochmal herzlich lachend an diese Bananenaktion.

Zurück auf dem EuroVelo ist die Müdigkeit die gleiche wie am Tag zuvor, zudem reduziert sich die Beschilderung und der glatte Asphalt weicht, rundem, breiigem Schotter. Den Vormittag schottern wir dahin, an kleinen Dörfern mit teilweise interessanter Sammlerkultur vorbei, winken herzlich den Einheimischen die gerne zurückwinken und entschließen auf der Höhe Komárom an der Donau spontan zu bleiben und gleichzeitig nach Ungarn zu fahren, RadfahrerInnen haben wir heute keine gesehen. Die Slowakei bleibt uns trotz kurzer Reisezeit in Erinnerung.

Erlangen – Wien (05.04. – 12.04.)

Die kritische Masse bimmelt sich Ostersonntag durch Erlangen Richtung Fürth…zu zweit geht es von dort aus weiter Richtung Donau…

Von Insel zu Insel ! Regensburg – Wien

Die Räder summen weiter auf dem R1 Radweg entlang der Donau, es wird wärmer, heller, sonniger die erste Hummel brummt und kollidiert mit grüngelben Helmen… Nix passiert alles gut! Der Frühling sprießt, die Knospen platzen und unsere Sonnencreme bedeckt wie eine dicke Panade aus Acrylfarbe Gesicht und Arme, später auch vieles andere mit dem Philipp in Kontakt kommt… sonst gibt es kein Grund zum künstlichen Ärger 😉 wieso auch!

Regensburg ist zwei Tage unser zu Hause, wir essen Eis mit Elli, treffen spontan Usch, ihre Tante und Sandey der uns an der bunten Jacke erkennt, … liebe Grüße nach Saarbrücken! Später wird mit Pizza und WG Abschied gefeiert, denn auch Elli verlässt nach 5 Jahren ihre Heimat und wird uns später am Abend in Deggendorf bei ihrem Papa Jiri, in ihrer alten/neuen Heimat für eine weitere Nacht aufnehmen, mmmhh war die Quich lecker!

In Passau lernen wir Lucas und Stefanie im 5.Stock mit traumhaftem Blick in Richtung Inn kennen, sehr schön ist es bei euch! Die Stadt erkunden wir in ruhiger Nacht, das Semester steckt noch in der OW! Von dem verheerenden Hochwasser 2013 ist nur noch die Pegelstandmarkierung geblieben.

Ganz unscheinbar, vom sanften abschüssigen Hügeln beschleunigt, realisieren wir im letzten Moment die grüne Landesgrenze Deutschland – Österreich. Es wird verblüfft gebremst, der Hügel in umgekehrter Richtung (gegen das Gefälle) dann auf Grund der fehlerhaften Bedienung der Helmkamera, zweimal erklettert und unmittelbar 100m hinter der Landesmarke gerastet. In Linz umgehen wir den Wochenend-Tourismus in dem wir vom Ufer der Donau sitzend in Richtung Stadt schauen, bis wir dann zielstrebig das Leistungszentrum des österreichischen Regattavereins in Ottensheim ansteuern, dort sportlich duschen und danach mit Avocadobroten zu Bett gehen. Hätten wir eine Schraubkatusche dabei gehabt hätten Nudeln auf dem Plan gestanden! ( Naja in Austria eben nicht an jeder Ecke greifbar) uns geht’s GUT. Wir schlafen die erste Nacht im Zelt, dabei dachten wir, unser Zelt würde ab Beginn der Reise unser stetiges zu Hause.

Über die Donauinsel, mit unzähligen Rennradradlerinnen fahren wir in Wien ein, hinter uns liegen die wunderschönen Donauschleifen, die im Vergleich zu den Rheinschleifen im oberen Mittelrheintal zeitweise nur für Radwanderer zu bestaunen sind, Stockerlfisch und Marillenplantagen entlang des Weges. Über die Reichsbrücke verirren wir uns mehr schlecht als recht in den 10. Bezirk wo wir in mitten einer U-Bahn Baustelle zunächst einen Döner genießen und anschließend mit unseren Resten vespern und uns um 21:30 mit uns und den Rädern in den 5 Stock zu Jana wuchten =)

Die nächsten 2 Tage verbringen wir in Wien mit all den imposanten Gebäuden und bekommen von Markus und Jana professionelle Stadtführungen, bevor es weiter entlang der Donau geht…

Losfahren in die erste Woche (27.03. – 04.04.)

Die letzten Vorbereitungen, die letzten Stunden zu Hause bei unseren Familien, die letzten Handgriffe am Fahrrad, bevor das Rad Tasche um Tasche trägt und wir ins Rollen kommen. Dazu kurz vor Start emotionaler Stress, Regen der kam und blieb und Temperatur die fiel. Es wurde stürmig, doch das Radeln war kein Problem.

Mit Sturm gen Osten:

Wir treffen bekannte Gesichter in Mainz, brausen über Warmshower in Aschaffenburg bei Paul & Johanna, in Burgbernheim bei Jim & Samanta ein, und lassen uns mit Tobi & Simone mit windigen Glückstränen nach Erlangen auf die Jugendfarm pusten. Hagel, Schnee, Matsch & Brei werden für ein paar Tage lebendig und wir genießen die Tage in Trubel und Dreck, die dann im warmen Bauwagen nach leckerer Runde enden.

Am Sonntag früh geht es weiter Richtung Donau…

Morgen geht es los!

Morgen fahren wir nach Mainz, unsere Reise geht los!

Zurück liegt eine galaktische Abschiedsfeier mit tiefen und bewegenden Momenten, bei dem sich ein großer Freundeskreis begegnet ist!

Für uns war es ein wundervoller Abend, der nicht hätte schöner sein können. So viele liebe Menschen um uns, in Gedanken und Gesprächen alle die nicht an diesem Abend konnten, leckeres Essen, viel Gelächter, tolle Geschenke, ein 60-stimmiges Klangkarusell für alle, viele herzliche Umarmungen, unzählige Reisewünsche, akustische und stimmige Gänsehaut, Tanzen, leckeres Bier aus Münster und wieder Tanzen bis in den frühen Morgen.

Roll Roll Roll…Roll Roll Roll…
Wir freuen uns…Wir freuen uns…Wir freuen uns
Klinge lingelingelinge ling – Klinge lingelingelinge ling
Gu-te Reise – bleibt gesund! Gu-te Reise – bleibt gesund!
Auf- ein Wie der sehen!

VIELEN DANK FÜR DEN UNVERGESSLICHEN ABEND!

Das Bewusstsein wächst, dass der Abschied naht. Vielen vielen Dank an alle, die zu diesem tollen Abend beigetragen haben, wir werden uns auf unserer Reise immer oft und gerne daran erinnern.

Vorbereitung II

Knappe 2 Wochen trennen uns vom täglichen im-Sattel-sitzen. Die letzten Wochen waren turbulent, ein kurzer gedanklicher Blick Richtung Abreise – es wird nicht ruhiger.

Am 14.03.2015 haben wir der Eschholzstraße in Freiburg auf unbestimmte Zeit lebe wohl gesagt und alle Umzugshelfer feste und innig verabschiedet

In der Woche zuvor hatten wir eine wunderschöne Zeit bei bestem Wetter in unserer Wahlheimat, die sich nochmal von der aller besten Seite gezeigt hat. Dazu gehörten ein Abend mit großem Lagerfeuer und unseren lieben Freiburger Freunden, der Wohnungsflohmarkt, bei dem wir unser nicht benötigtes Hab und Gut feil boten und den Abend im vertrauten Kreise ausklingen ließen, ein türkischer Abend mit reichlich Pide und einer medizinischen Trockeneinführung in den Gebrauch von venösen Zugängen und Spritzen und zuletzt die spontane Runde in der Pizzeria Ochsenbrugg, bei der wir von Felix unsere Grandln bekommen, ein wunderbares Geschenk, welches den radelnden Reisenden Glück und Schutz bietet.

Das wir in jeder anderen freien Minute Kisten gepackt, organisiert und den Umzug bis ins letzte vorbereitet haben, dürfte jedem vertraut sein, der bereits umgezogen ist.

Am darauffolgenden Nachmittag startet, mit maximal beladenem Auto und Anhänger die Fahrt nach Hause. 3 ½ Jahre Freiburg liegen hinter uns, es war eine wunderbare Zeit in der wir viele tolle Menschen kennenlernen durften die wir fest in unsere Herzen geschlossen haben. In den knapp 2 Wochen bis zu unserer Abreise sind wir nun wieder Hunsrücker- fast!

Es steckt viel Freiburg in uns.

Was in den Nächten geschah:

Leonie nähte Schmutzüberzieher für unsere Taschen. Philipp bastelte weiter an unseren Rädern, um diese zu optimieren. Gemeinsam erstehen wir weitere Ausrüstungsgegenstände: eine letzte Lieferung der ADCO, eine neue Kamera, Ersatzteile,…

Bis zum Start in 10 Tagen gibt es noch einiges zu tun:

  • Auslandskrankenversicherung abschließen (dringen! :-/) fast erledigt
  • einige kleine Ausrüstungsgegenstände
  • Homebase einrichten
  • Papiere vorbereiten

Abschied feiern, Auf Wiedersehen sagen, alle Drücken =) Wir freuen uns auf einen schönen Abend mit vielen unserer Freunde.

Vorbereitung I

Mittlerweile ist es Ende Januar, in 2 Monaten soll unsere Radltour starten, langsam steigt die Vorfreude, aber auch die Nervosität. Große Teile der Ausrüstung haben wir beisammen, unsere Räder sind, bis auf ein paar kleine Details startklar. Jedoch ist organisatorisch noch einiges zu erledigen, wie die lange To-Do-Liste an der Tür uns zeigt. Was wir bisher aber schon alles abhacken… Read more →

Novembertour 2014

Rhein – Ruhr – Münsterland

Wieder geht es Richtung Norden, ohne Zelt, nur mit Schlafsack – Zuhause bei Freunden – war die Idee. Wieder gab es einen Plan: Gemeinsamer Start in Karlsruhe, über Heidelberg Richtung Mainz und von dort weiter nach Norden. Daraus wurde: Philipp startet nach einer Mitfahrgelegenheit an der Autobahnausfahrt Gundersheim und radelt von dort aus nach Mainz, Leonie stößt dort einen Tag später dazu.

Sommertour 2014

Unsere Sommertour – gut durchdacht, das Wesentliche geplant – und dann kam doch alles anders!

Bei unserer Sommertour und natürlich auch bei der Novembertour wollten wir unsere bis dahin erstandene Ausrüstung (in erster Linie die Räder sowie das Zelt und Schlafsäcke) testen. Zeitlich waren wir jedoch etwas knapp dran, sodass zwei Stunden vor Leonies Abreise das Zelt und die Schlafsäcke noch abgeholt werden mussten und das Rad auch noch im Radladen stand. Nach eiligem hin und her Düsen haben wir es aber doch geschafft und konnten starten.

Der eigentliche Plan sah so aus, dass wir von Freiburg oder vielleicht doch von Karlsruhe oder Heidelberg zu dritt starten und Richtung Berlin fahren wollten. Die Wirklichkeit: Leonie startet in Frankfurt, Philipp stößt in Würzburg dazu und Eckhard gabeln wir in Bamberg auf. Gemeinsam starten wir in Bayern, über den Thüringer Wald (Thüringen in der Zeit mitten im Wahlkampf, so viele NPD-Plakate haben wir noch nie gesehen), durchqueren das nördlichste Eck Sachsen-Anhalts mit einem Tag Pause in Leipzig (kulturelle Auszeit), weiter an die Landesgrenze von Brandenburg. Dort steigen wir in die Regionalbahn nach Werder ein und verirren uns im Dunkeln im Havelland bis wir schließlich über Potsdam nach Berlin einrollen. Unser Ziel: Kreuzberg, Mariannenplatz, Philipps Schwester Nina!